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Friday, 24 April 2026

Der letzte POPtalk & Music im Sindelfinger Stadtmuseum

Die Pop-Revolution der Siebziger

Zeitzeugen berichteten – Schretzmeier, Dannemann und Kümmel gaben Auskunft

Christoph Wagner im Gespräch mit Werner Schretzmeier (Foto: J. Schneider)


Gestern Abend fand der letzte POPtalk in unserer Veranstaltungsreihe zur Buchveröffentlichung 'Von Abba bis Zappa – als Sindelfingen und Böblingen den Südwesten rockten (1964-1984)' im Innenhof des Sindelfinger Stadtmuseums statt. Prominente 'Mover & Shaker' von damals gaben Auskunft. 

Zuerst sprach Werner Schretzmeier vom Club Manufaktur in Schorndorf (heute ist er Leiter des Theaterhaus' in Stuttgart) über die aufkommende Subkultur in den späten 1960er Jahren und welche identitätsstiftende Rolle die Rockmusik spielte. Dabei ging er auf die wichtige Rolle von Schorndorf ein, das mit dem Club Manufaktur und dem Jugendzentrum Hammerschlag über zwei Institutionen verfügten, die die Szene maßgeblich formten. Die Popinitiative Sindelfinger Jugendlicher, die 1971 die ersten Konzerte unter dem Namen 'Bird-Laden' organisierte (mit Gruppen wie Man, Audience, Nektar etc.) erhielt entscheidende Impulse aus Schorndorf.

Werner Dannemann (Gitarre, Gesang) und Harry von Schild (Flügelhorn) (Foto: C. Wagner)


Im zweiten Gesprächsteil berichtete Gitarrist Werner Dannemann, ein Urgestein der südwestdeutschen Rockszene, über Konzerterlebnisse in Böblingen und Sindelfingen, die seine musikalische Laufbahn prägten, wobei er vor allen anderen die Gruppen Genesis und Jethro Tull erwähnte. Dabei nannte er das Spiel auf der akustischen Gitarre von Tull-Bandleader Ian Anderson als nachhaltigen Einfluß. Das war recht überraschend, da Anderson ja sonst vor allem als Flötist (auf einem Bein) bekannt ist. 

Museumsleiterin Illja Widmann im Gespräch mit Fotograf und Zeitzeuge Harald Kümmel (Foto: J. Schneider)


Zwischen den einzelnen Programmpunkten spielte Dannemann (manchmal zusammen mit Harry von Schild auf dem Flügelhorn), Titel auf der akustischen Gitarre, etwa von JJ Cale oder der britischen Progrockband Warm Dust, die Anfang der 1970er Jahre viel im Südwesten unterwegs war und auch in Sindelfingen auftrat. Dabei bewies Dannemann mit exzellentem Gitarrenspiel und einfühlsamen Gesang welch außerordentliches Talent er doch ist. 

Als letzter Programmpunkt fragte Museumsleiterin Illja Widmann, die maßgeblich für das Zustandekommen des gesamten Projekts verantwortlich zeichnete, den Fotografen Harald Kümmel, unter welchen Bedingungen es ihm als Teenager gelang, sehr eindrückliche Fotos von den Rockkonzerte damals zu machen, von denen etliche in der Ausstellung 'Von Abba bis Zappa' im Sindelfinger Stadtmuseum zu sehen sind. Die Ausstellung läuft noch bis zum 10. Januar 2027. Der Eintritt ist frei.

Werner Dannemann singt JJ Cale  (Foto:C. Wagner)



Friday, 6 March 2026

Pawel Romańczuk und FREAK-SOUNDS

TOY PIANO MADNESS

Pawel Romańczuk ist ein experimenteller Musiker, Komponist und Sammler obskurer Musikinstrumente aus Polen. Er leitet ein Ensemble, das Male Instrumenty heisst (=kleine Instrumente). Die Gruppe hat vor einiger Zeit ein Album aufgenommen, dass ihrem Landsmann Frédéric Chopin gewidmet ist und seine Kompositionen auf drei Toypianos spielt – absolut fantastisch. Romańczuk ist mit Male Instrumenty natürlich im Kapitel meines Buchs "Freak-Sounds" vertreten, das sich der Geschichte des Toypianos widmet, das ja seine Urspünge in Göppingen hat, wo der Erfinder Albert Schoenhut herkommt, der das Kinderklavier nach seiner Auswanderung 1872 in Philadelphia erfand.

Jetzt hat ein Exemplar des "Freak Sounds"-Buchs Pawel Romańczuk in Polen erreicht. Am Sonntag, den 26. April 2026 (Beginn: 19:15 Uhr) gibt es eine Buchtaufe im Rahmen eines Konzerts mit dem Trautonium-Spieler Peter Pichler im Theaterhaus in Stuttgart.

Karten unter:

https://www.theaterhaus.com/de/programm-tickets/freak-sounds-musik-abseits-der-norm/1248

Hörprobe:
Male Instrumenty spielen Chopin auf drei Toypianos (Youtube)




Tuesday, 3 March 2026

1560: VOLKSFEST UM EINEN BAUM HERUM

Ich bin heute beim Besuch des Museums Carnavalet in Paris auf ein Wandgemälde gestoßen, das eine Festtagsszene in der französischen Hauptstadt um 1560 zeigt, späte Renaissance. Das Bild trägt den Titel: Fete populaire autour d'un arbre – Volksfest um einen Baum herum.


Es zeigt Volksbelustigungen und Spiele (kegeln und Kreisel schlagen). Sich an Tücher haltend und so miteiander verbunden, wird ein Rundtanz getanzt zur Musik einer vierköpfigen Kapelle, die sich in der Baumkrone befindet: ein Musikant spielt Einhandflöte und Trommel, zwei spielen Dulcian und einer Posaune. Die Musikanten tragen eine Art Uniform, was sie vielleicht als Stadtmusikanten ausweist, die in großen Städten in einer Innung (oder Zunft) organisiert waren, wie andere Handwerker auch. Sie bezogen ein festes Gehalt, hatten dafür aber für die Musik bei offiziellen Anlässen zu sorgen, was sie von fahrenden Musikanten unterschied. Im Hintergrund ist außerdem ein einsamer Geiger zu sehen, der einer Dame aufspielt. Möglicherweise handelt es sich bei ihm um einen fahrenden Musikanten. Zwei Beteiligte sind karnevalistisch als Harlekins gekleidet.


Tuesday, 12 November 2024

Zum Tod des Malers Frank Auerbach

Vor den Nazis nach England in Sicherheit gebracht

Frank Auerbach (1931 -2024)



Letztes Jahr hörte ich im Kulturkanal der BBC eine Sendung, in der der jüdisch-englische Künstler Frank Auerbach (Jahrgang 1931) über sein Leben befragt wurde. Auerbach gilt als einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart. 

Er war 1939 im Auftrag seiner Eltern, die in Berlin lebten, von einem Kindermädchen mit drei anderen Kindern nach England gebracht worden, um vor den Nazis in Sicherheit zu sein. Seine Eltern wurden später beide im Vernichtsungslager ermordet. 

Auerbach sprach sehr lobend über die Schule, in welcher er die ersten Jahre in der Fremde verbracht hatte. Ich wurde hellhörig, weil es sich um genau jene Schule in Herrlingen bei Ulm handelte, deren Schülerschaft – mehrheitlich aus jüdischen Kindern bestehend – nahezu geschlossen im Sommer 1933 nach der Machtergreifung der Nazis – mit Einverständnis der Eltern – unter Führung der Schulleiterin Anna Essinger nach England ins Exil gegangen war. In dieser New Herrlingen School in der Grafschaft Kent, später Bunce Court School genannt, wurde der achtjährige Frank Auerbach untergebracht, als er 1939 in England ankam.




Es gelang mir, Auerbach mein Buch "Lichtwärts! Lebensreform, Jugendbewegung und Wandervogel – die ersten Ökos im Südwesten (1880 – 1940)" zukommen zu lassen, in welchem ein ganzes Kapitel der Herrlinger Schule und ihrer so turbulenten wie bemerkenswerten Geschichte gewidmet ist. Wenig später erhielt ich eine Postkarte, mit der sich Auerbach herzlich für das Buch bedankte. Im Frühjahr habe ich noch eine Ausstellung seiner frühen Kohlezeichnungen in London besucht. Jetzt ist er im Alter von 93 Jahren in London verstorben.




Mehr Information:

https://www.theguardian.com/artanddesign/2024/nov/12/frank-auerbach-dies-aged-93-painter 

https://www.theguardian.com/culture/2024/dec/29/frank-auerbach-remembered-by-his-son-jake

Das BBC-Radio-Interview mit Frank Auerbach in der Sendung 'This Cultural Life':

https://www.bbc.co.uk/sounds/play/m001vsbv

Friday, 13 September 2024

Ausstellung "BEYOND THE BEAT": Merseybeat in Liverpool

DIE SZENE, AUS DER DIE BEATLES HERVORGINGEN

Im "Museum of Liverpool" habe ich gestern eine kleine Ausstellung über die Merseybeat-Szene der frühen 1960er Jahre gesehen. Sie weckte deshalb mein Interesse, weil ich vor Jahren einmal eine Radiosendung für den SWR zu genau diesem Thema gemacht hatte und aus diesem Umfeld einst die Beatles hervorgingen. Die Ausstellung "BEYOND THE BEAT" zeigt Fotographien von Bill Connoll und Les Chadwick, die diese für die Peter Kaye Fotoagentur machten. Die Fotodokumentation war vom Beatles-Manager Brian Epstein in Auftrag gegeben worden, um die Szene um den Cavern Club in der Matthew Street zu dokumentieren, vor allem auch die tourenden Bands aus London und Manchester, die hier auftraten, nebst amerikanischen Bluessängern wie John Lee Hooker und Sonny Boy Williamson. 

Menschenschlange vor dem Cavern Club in der Matthew Street wartet auf Einlaß zu einem Konzert.


Der Cavern Club war ein riesiger Gewölbekeller-Club in der Matthew Street, wo sich bei Auftritten das Publikum drängte. Hier die Gruppe THE REMO FOUR, die 1967 George Harrison auf seinem Album 'Wonderwall' begleiteten. Manche lokale Bands traten dutzende Male im Cavern auf. Selbst in der Mittagspause gab es 'Live'-Musik, dazu billiges Essen.



Die Gruppe THE CLAYTON SQUARES, die vom Cavern-Club-Betreiber Bob Wooler gemanagt wurde, bei einem Fotoshoot für eine Promo-Aufnahme irgendwo in einer Seitenstraße im Zentrum von Liverpool




Die Yardbirds mit einem jungen Eric Clapton (ganz links). Das Foto wurde im Januar 1964 gemacht beim ersten Auftritt der Band im Cavern Club, die insgesamt viermal hier auftraten.



Die Band von Alexis Korner namens 'Blues Incorporated' bei ihrem ersten Auftritt (von insgesamt zehn) im Cavern im November 1963. Damals begleiteten sie den amerikanischen Bluessänger Herbie Goins. Alexis Korner in der Mitte an der Gitarre – mit seiner karrierten Hose und dem Hütchen hat er sich  offentichtlich ganz besonders für den Auftritt zurecht gemacht.




John Mayall & The Bluesbreakers im Cavern Club: Mayall am E-Piano (links) und Hughie Flint am Schlagzeug. Später wurde Der Drummer mit der Gruppe McGuinness Flint durch ihren Hit "When I'm dead and gone" bekannt. An der Kellerwand hinter der Bühne haben sich die Musiker verewigt, die hier aufgetreten sind.




Amerikanische Bluessänger traten regelmäßig im Cavern Club auf, hier John Lee Hooker im Juni 1964. Sie übten eine massiven Einfluß auf die lokale Szene aus. Hooker war das erste Mal 1962 mit dem 'American Folk Blues Festival' nach Europa gekommen, wobei bei dieser ersten Tour das reisende Bluesfestival allerdings nicht in Großbritannien gastierte.


 

Monday, 23 July 2018

SCHLACHTHOF-FESTIVAL 2018

Schlachthof-Festival trotzt dem Regen

Experimentelle Klänge, Ausdruckstanz, Weltmusik und Jazz beim diesjährigen Event  

(Foto: Robert Krieg)
cw. Dieses Jahr meinte es der Wettergott nicht gut mit dem Sigmaringer Schlachthof-Festival. Es regnete über weite Strecken, sodaß die sonst so geschätzte gemütliche Stimmung im Innenhof des ehemaligen Schlachthofgeländes nicht richtig aufkommen wollte. Dennoch war es erstaunlich, wieviel Publikum trotzdem zu dem Event erschien, um sich musikalische Leckerbissen zu gönnen, die man in dieser Dichte sonst nur selten findet. Offenbar hat sich hier über die Jahre ein treues Stammpublikum gebildet, das sich auch von Petrus das „Schlachtfest“ nicht vermiesen lassen will. 

Frida Stroom alias Martina Berther (Foto: Robert Krieg)
Am Nachmittag war in den verschiedenen Atelierräumen Außergewöhnliches angesagt. Da war die junge Experimentalmusikerin Martina Berther aus Zürich, die ihr Soloprojekt Frida Stroom präsentierte und dabei ihre Baßgitarre in einen bizarren Klangerzeuger verwandelte. Mit Geigenbogen und einem Riesenarsenal an Soundgeräten holte sie Erstaunliches aus dem sonst eher als behäbigen Instrument heraus. In einem anderen Atelierraum wandt und schlängelte sich – in einen riesigen Sack gehüllt – die Ausdruckstänzerin Magdalena Dzeco aus München zu den elektronisch verdichteten Perkussionsklängen von Marja Burchard, während in einem dritten Altelier das Synthi-Duo Klaustrophonie von J.J. Whitefield und Maasl Maier manchmal blubbernde, gelegentlich piepsende, aber immer sanft dahinfließende Ambient-Sounds produzierte. 
                                                                                             Bluesman Jim Kahr (Foto: Robert Krieg)
Das Abendprogramm leitete dann das Duo von Karl Farrent (Trompete) und Manfred Kniel (Schlagzeug) ein. Die beiden Spitzenjazzer aus Stuttgart hatten sich alte Jazzstandards vorgenommen, die sie auf witzig-virtuose Weise in Szene setzen und so Nummern wie „Caravan“ oder „Moon River“ in ganz neuem Licht erscheinen ließen. Danach war Bluesmann Jim Kahr an der Reihe. Der ehemalige Gitarrist von John Lee Hooker ging es sanft an, um gegen Ende mit heißer Slide-Gitarre solche Blues-Klassiker wie „Little Red Rooster“ und „Hoochie Coochie Man“ vom Stapel zu lassen, die das Publikum in Begeisterung versetzten.                                
 Wolfi Schlick von Embryo (Foto: Robert Krieg) 

Den krönenden Abschluß eines rundum gelungenen Events bestritt dann die Gruppe Embryo aus München, die nächstes Jahr ihren 50. Geburtstag feiert. Doch was die Münchner Formation bot, war alles andere als antiquierter Krautrock. Mit Anleihen bei vielerlei Musikstilen aus dem Orients sowie geübt in modernen Jazzimprovisationen bot das Quintett eine wunderbar fließende Weltmusik, der sie mit brillanten Solos die Krone aufsetzten. Das Publikum konnte nicht genug bekommen von den süffigen Sounds, was die Band zu nur noch größeren Höchstleistungen anspornte, sodaß erst um Mitternacht der Vorhang fiel. 

Marja Burchard (Foto: Robert Krieg)

Saturday, 8 October 2016

Kreolische Musikkapelle aus Louisiana

Kreolische Musikkapelle von Buddy Petit, Louisiana, ca. 1920. Der Sänger ist mit einem Megaphon ausgestattet. Die Besetzung ist die einer Dixieland-Jazzband.