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Friday, 14 August 2026

Pete Townsend (The Who) über Sun Ra, den größten Esoteriker unter den Jazzmusikern

Pete Townsend (The Who) über den Bandleader und Tastenmusiker SUN RA, den größten Esoteriker unter den Jazzmusikern


 "Eines Tages war ich in einem Jazz-Plattenladen in Chicago – ich glaube, Sun Ra stammte von dort. Ich fragte: „Haben Sie etwas von Sun Ra?“ Der Verkäufer sagte: „Ja! All diese Sachen hier.“ Ich sagte: „Geben Sie mir alles.“ Er kam mit 250 Alben zurück; die meisten davon habe ich noch immer in dem Zimmer dort drüben – immer noch eingeschweißt." Pete Townsend (The Who) über Sun Ra.

Ich glaube, ich kenne den Plattenladen. Es war der Laden von Bob Koester, JAZZ RECORD MART, ein unglaubliches Plattengeschäft, das ich bei einem Aufenthalt in Chicago einst besuchte.


Mehr zu SUN RA:

Ein langes Interview mit dem Saxofonisten Marshall Allen, heutiger Leiter des Sun Ra Arkestras, über SUN RA, seine Philosophie und das ARKESTRA findet sich in meinem Buch: 
CHRISTOPH WAGNER:
GEISTERTÖNE – GESPRÄCHE ÜBER MUSIK JENSEITS DER GENREGRENZEN (Mainz 2020) E 29.95

Friday, 13 March 2026

Von Abba bis Zappa – Ausstellungseröffnung

Größte Popkonzertplakatausstellung weit und breit

Alles aufgebaut, alles fertig: Am Samstag, den 14. März 2026 (17:00 Uhr) öffnet das Sindenfinger Stadtmuseum (Altes Rathaus) seine Pforten für die Ausstellung "Von Abba bis Zappa – als Sindelfingen und Böblingen den Südwesten rockten". Eine Fülle von Originalplakaten und Tickets, auch Fotos und andere Memorabilien, sind dort zu sehen, von Popkonzerten, die zwischen 1972 und 1986 in den beiden Nachbarstädten stattfanden. 

Und hier trat buchstäblich jeder auf, der in der Popwelt Rang und Namen hatte: Queen, AC/DC, Motörhead, Kraftwerk, Genesis, The Who, Kool & The Gang, Rory Gallagher – you name it! 

Hier die Vitrine, die den Wandel im Equipment der populären Musik dokumentiert mit Instrumenten, die damals wirklich von Gruppen wie Kraan oder Message in der Böblinger Sporthalle oder der Sindelfinger Ausstellungshalle gespielt wurden. Das Saxofon z. B. ist von Simon Steiner, der 1982 im Vorprogramm von Fehlfarben mit der Stuttgarter Punkband FAK auftrat. Die Fußmaschine, auf dem Boden davor plaziert, hat Jan Fride zur Verfügung gestellt, der als Drummer von Kraan dort 10 Jahre zuvor aufgetreten war. Die Konzertplakate in dieser Virtine stammen von einheimischen Bands wie Quintet plus One, Baobab oder Rock 'n' Blues. Und der Kopfhörer wurde von Werner Schumacher verwendet, der als Soundmann mit Eberhard Schoener, Police, Eloy und Udo Lindeberg hier auftrat.


 

Tuesday, 18 July 2023

Buchbesprechung: Bob Dylan über den modernen Song

Alchemie des magischen Songs 

Bob Dylans musik-philosophische Spaziergänge

 



cw. Bob Dylan hat wieder ein Buch geschrieben, allerdings keine Fortsetzung seiner Autobiographie, sondern eine „Philosophie des modernen Songs“. Darin analysiert er 66 zeitgenössische Lieder, denen er ein paar grundlegende Erkenntnisse abgewinnt.

 

Dylan geht nach einem bestimmten Schema vor: Zuerst wird der Inhalt eines Songs erläutert. Er erklärt, um was es eigentlich geht. Dann stellt er das Lied in seinen Kontext, erläutert den Zusammenhang, in dem es historisch, sozial oder politisch steht, und liefert relevante Informationen zum Interpreten, Verfasser oder Produzenten, als Besteck zur Interpretation. 

 

Dylan vergleicht den einen Song mit anderen aus dem selben Themenkreis und stellt die eine Fassung ins Verhältnis zu einer anderen, um so die jeweiligen Besonderheiten herauszuarbeiten, wobei er nicht nur bei einer Theorie des guten Songs landet, sondern bei Erkenntnissen und Lehren über das Leben allgemein.   

 

Unter den 66 Songs sind Lieder aus allen möglichen Stilen. Sie stammen aus dem Tin Pan Alley-Repertoire, aus Blues, Folk, Hillbilly, Country, Rock und Pop. Etliche gehören nicht zum Allgemeingut der Hits, die jeder kennt. Vielmehr sind es Lieder aus Bob Dylans geheimen Song-Universum. Das ist heutzutage kein Manko mehr, weil ja auf Computer-Knopfdruck jeden Song sofort zu hören ist. So werden Dylans Liederkundungen zur spannenden Entdeckungsreise. 



Als Kontrastprogramm nimmt sich Dylan auch Gassenhauer wie „Black Magic Woman“ (Santana) oder „My Generation“ (The Who) vor, über die er ebenfalls Erhellendes mitzuteilen weiß und gleichzeitig mit ein paar Weisheiten aufwarten kann. Etwa: „Was zählt, sind die Gefühle, die ein Song bei seinen Hörern in Hinblick auf das eigene Leben hervorruft.“ 

 

Eine zweite Erkenntnis entwindet er dem Song „Blue Moon“ gesungen vom amerikanischen „Crooner“ Dean Martin, einem unverwüstlichen Evergreen. „Sein Reiz liegt in seiner Rätselhaftigkeit“, schreibt Dylan, um dann zu urteilen: „Die Einfachheit des Textes macht es universell, aber es enthält zugleich genügend Details, die es davor bewah­ren, gewöhnlich zu sein.“ 

Am Schluß bleibt die Erkenntnis: Ein guter Song ist komplex, was nicht schwierig bedeutet, sondern emotional vielschichtig. Hinter Freude kann sich Trauer verbergen, während Trauer zu einer Quelle der Freude werden kann. Bob Dylan, der Meister, weiß wovon er spricht.

Bob Dylan: Die Philosophie des modernen Song.
(C.H. Beck; 352 Seiten, reich bebildert; Euro 35.-)

Tuesday, 7 September 2021

Nachruf auf Peter Zinovieff – Synthi-Pionier

Zukunftsklänge

 
Der Synthesizer-Pionier Peter Zinovieff (1933-2021) brachte mit seiner Firma EMS die elektronische Musikrevolution in Europa in Gang 

Peter Zinovieff, in seinem Büro in Cambridge, 2011 (Foto: C. Wagner) 

 cw. Als ich ihn vor einigen Jahren in Cambridge wegen eines Interviews besuchte, hatte er alles fein säuberlich vorbereitet: Auf dem Tisch lag ein Aktenkoffer, den er vor meinen Augen öffnete: Zum Vorschein kam ein Gerät, das mit unzähligen Knöpfen und Schaltern versehen war. Was da so silbermetallisch schimmerte, erklärte mir Peter Zinovieff, sei ein „Synthi A” – ein früher Synthesizer seiner Firma EMS aus London. Der Synthi-Pionier legte ein paar Regler um, drehte an den Knöpfen, und schon begann die Maschine zu piepsen und zu rauschen. Jetzt ist der Synthesizer-Pionier im Alter von 88 Jahren verstorben. 

Als der „Synthi A“ 1971 auf den Markt kam, galt er als Sensation: ein kleiner kompakter Koffersynthesizer mit fast unbegrenzten Möglichkeiten, dazu noch zu einem erschwinglichen Preis. Kein Wunder, dass viele Popmusiker die Wunderkiste haben wollten. Ob Pink Floyd, King Crimson, Roxy Music oder Hawkwind, ob Jean-Michel Jarre, Tangerine Dream oder Kraftwerk - der „Synthi A” stand Anfang der 1970er Jahre bei Musikern, die neuen Klängen auf der Spur waren, hoch im Kurs. Was Robert Moog für die USA, war Peter Zinovieff für Europa: der Geburtshelfer der elektronischen Musikrevolution. 


EMS-Stand auf der Frankfurter Musikmesse, 1971


 
Die „EMS Synthesizer Company“ war Ende der sechziger Jahre in London entstanden, als kommerzieller Arm von Peter Zinovieffs  „Electronic Music Studio” (EMS). Das Soundlabor war in einem Haus an der Themse untergebracht, in dem der Komponist, Tüftler und Elektroniker an ausgefallenen Klängen und Tönen bastelte. 
 
Bei der Avantgarde war damals das Verfremden und Schneiden von Tonbändern en vogue, die dann zu Klangcollagen zusammengeklebt wurden. Diese Methode kam Zinovieff umständlich und veraltet vor. Ihm spukten kühnere Ideen im Kopf herum. Der Komponist und Studiobetreiber – Nachfahre russischer Aristokraten – war wohlhabend genug, um einen der ersten privaten Computer zu erwerben, ein Monster von einem Apparat. Mit der Datenmaschine versuchte Zinovieff elektrische Schwingungen und Schallwellen von Tongeneratoren, Oszillatoren, Transistoren und Ringmodulatoren zu steuern und zu formen. Avantgarde-Komponisten wie Hans Werner Henze und Harrison Birtwistle besuchten das „Electronic Music Studio“ in London, um ihre futuristischen Klangvisionen zu realisieren. Der Studiochef unterstützte sie dabei, entwarf aber auch eigenen Kompositionen, die schon in den 1960er Jahren weit in die Zukunft horchten. 
 
Der Unterhalt des Experimentalstudios verschlang Unsummen und zwang Zinovieff, über zusätzliche Verdienstmöglichkeiten nachzudenken. Mit dem Verkauf von Synthesizern sollte der Studiobetrieb finanziert werden. Der „Synthi VCS 3”, der 1969 als erstes auf den Markt kam, war ein kompaktes Modell. Keine andere Firma konnte mit etwas Ähnlichem aufwarten. Über Nacht stand das Londoner Unternehmen an der Spitze der elektronischen Musikentwicklung. Bald kam mit dem Koffersynthesizer „Synthi A” ein noch handlicheres Modell auf den Markt.

 
Die Ausstellungsräume von EMS im Londoner Stadtteil Putney wurden nun zur Pilgerstädte von Musikern auf der Suche nach neuen Klängen. Jeder Rock- und Popstar, der „up to date” sein wollte und über das nötige Kleingeld verfügte, schaffte sich einen an. Mit der englischen Prog-Rock-Gruppe Curved Air nahm Zinovieff hier ein halbes Album auf. Musiker scheuten auch weite Anfahrtswege nicht. Mitglieder von Kraftwerk und Tangerine Dream reisten eigens von Deutschland an, um direkt vom Hersteller ein Instrument zu erwerben, was wesentlich billiger kam. 
 
Der Jazzpianist Wolfgang Dauner kratzte seine ganzen Ersparnisse zusammen und kaufte sich ein Küchenbuffet von einem Synthesizer, den größten, den EMS im Angebot hatte: Der große „Synthi 100“ wog sechseinhalb Zentner und kostete fast soviel wie ein kleines Einfamilienhaus. Doch Dauner war derart fasziniert von seinen Möglichkeiten, dass er sich die Kosten aufbürdete. Mit Geräuschen zu arbeiten, wurde damals zu Dauners Leidenschaft.
 
Ob in Jazz, Pop, Rock, Funk oder Soul – überall erlebten die EMS-Synthesizer einen Boom. Doch immer mehr drängten auch andere Firmen wie Roland, Yamaha, Korg und Casio auf den Markt, die EMS bald den Rang abliefen. Nicht lange und sie dominierten das Geschäft. 1979 meldete EMS Konkurs an. Zinovieff verließ die Firma, die von ein paar Mitarbeitern auf kleiner Flamme weitergeführt wurde. Damit ging ein wichtiges Kapitel der elektronischen Musikgeschichte zu Ende – doch nicht ganz: denn heute stehen die klassischen EMS-Modelle wieder hoch im Kurs. Sie sind zu gesuchten Sammlerobjekten junger Elektroniker aus Techno und Ambient geworden, in deren Szene die analogen Sounds von EMS ein unverhofftes Comeback erlebten. Peter Zinovieff hat das alles mitangeschoben.
 
Peter Zinovieff: Electronic Calendar - The EMS Tapes (Space Age Recordings)

 

Wednesday, 9 April 2014

FRANZ FERDINAND auf Tour in Zürich

Knackige Popsongs

Franz Ferdinand bringen die Fans in Fahrt
                                                                                         Foto: Manuel Wagner

cw.Im letzten Jahr erschien ihr viertes Album. Jetzt ist die britische Rockband Franz Ferdinand unterwegs, um es “live” vorzustellen. Sechs Wochen geht es quer durch Europa, dann nach einer Pause drei Wochen in die USA. Die Band hat nichts von ihrer Zugkraft eingebüßt und füllt immer noch spielend Arenen mit einer Kapazität von bis zu 6000 Zuhörern.

Weil sie als superbe und mitreißende “Live”-Band gilt, ist Franz Ferdinand weltweit gefragt,  Nach München, wo sie im “Zenith”, dem größten Event-Areal der Bayern-Metropole auftraten, stellte die Band in Zürich vor 1500 begeisterter Fans ihre Klasse abermals unter Beweis, bei einem Konzert im Mega-Club “x-tra”, das seit Wochen ausverkauft war.

In den zwölf Jahren ihres Bestehens hat das Quartett aus Glasgow ein Erfolgrezept entwickelt, das die Fans auf die Beine bringt: Sein schnörkelloser Rock wird getragen von einem starken wummernden Baß, einem wuchtigen Disco-Beat vom Schlagzeug, dazu scharfen, abgehakten Gitarrenakkorden sowie Melodien, die unmittelbar ins Ohr gehen. Ein besonderes Talent besitzt die Band für unnachahmliche Gitarrenriffs, die sich messerscharf in die Gehörgänge bohren und einen unwiderstehlich Sog entfalten. Franz Ferdinand weiß, wie man knackige Popsong baut und sie auf der Bühne effektvoll in Szene setzt.
 Foto: Manuel Wagner                                                                                                    
Im Zentrum des Geschehens steht Sänger und Gitarrist Alex Kapranos. Sein einprägsames Stimmorgan gibt den Songs Charakter. Locker tänzelt er im einheitlichen Bühnenanzug ums Mikrofon und bringt mit Show-Einlagen Leben in die Bude. Die Luftsprung-Varianten dürfte er vom Gitarren-Veteranen Pete Townsend von The Who abgeschaut haben.

Zusammen mit Nick McCarthy schreibt Kapranos alle Songs der Band. McCarthy gehört die linke Bühnenseite, wo er mit Verve seine elektrische Gitarre traktiert, aber auch öfters den Synthesizer anwirft, um die Musik für kurze Sequenzen in ein elektronisches Klangbad zu tauchen. Todesmutig unternimmt er gegen Ende des Konzerts ein verwegenes “Stage-Diving”: Auf dem Rücken liegend wird er vom den Händen des Publikum weitergereicht, ohne dabei mit dem Gitarrenspiel aufzuhören. Dazu rockt eine Rhythmusgruppe, die sich nicht in Feinheiten verliert, sondern wie eine Dampfwalze zu Tal donnert.
                                                                                         
Über die zwölf Jahre ihres Bestehens hat die Band aus Glasgow einen Fundus von Hits angesammelt, der es leicht macht, einen Auftritt zu einem eindrücklichen Konzerterlebnis zu machen. Einige der besten Songs von Franz Ferdinand wie “Take me out”, “Do You Want To” und “Ulysses” sind inzwischen zu Hymnen geworden, die das Publikum begeistert mitsingt. Zur Musik kommt eine raffinierte Light-Show, die konstruktivistisch-futuristische Graphikelemente wie Kreise, Linien, Nummern und Quadrate mit Blitzgewittern kombiniert, manchmal die Bühne auch in ein intensives Blau oder tiefes Lila taucht.
                                                                                                      Foto: Manuel Wagner

Franz Ferdinand folgten in Zürich einer ausgeklügelten Dramaturgie, die gleich zu Beginn mit ein paar Krachern das Publikum in Hochstimmung versetzte. Danach wurden eine Reihe ruhigere Lieder wie “Walk away” angestimmt und leisere Töne angeschlagen, bevor die Band zum Ende wieder gezielt dem Höhepunkt zusteuerte. Zugaben blieben dabei nicht aus!

Der Artikel erschien zuerst im Schwarzwälder Bote, große Tageszeitung in Südwestdeutschland.

Sunday, 30 December 2012

FLASHBACKS: The Who + James Cotton

Werbekarte: The Who plus Bluesmusiker James Cotton mit Band 'in concert'  in Santa Monica an der amerikanischen Westküste im August 1968



Friday, 19 October 2012

Radio Radio Radio: THE WHO im Südwesten 1967


RADIO - RADIO - RADIO 
SWR2 / Sonntag, 28. Oktober 2012 (23:03-24:00)

Musikpassagen:

THE WHO in ULM und RAVENSBURG - DIE ERSTEN ROCKKONZERTE IM SÜDWESTEN
Eine Sendung von Christoph Wagner


Erbarmen - die Briten kommen!
 
Vor 45 Jahren fand das erste große Popkonzert in Südwestdeutschland statt. The Who ließen keinen Stein auf dem anderen
 

 CW. The Who gelten bis heute als die bösen Buben des Rock. Diesen Ruf haben sie sich in den sechziger Jahren erspielt, als sie bei jedem Auftritt ihr Instrumentarium zertrümmerten. Pete Townsend schlug seine Gitarre zu Bruch und Keith Moon zerlegte das Schlagzeug. Was bei der älteren Generation nur Kopfschütteln und Empörung auslöste, elektrisierte die jungen Popfans.
 
Nach einer kurzen Debuttournee im November 1966 kam die britische Rockgruppe, die mit Hits wie “My Generation” die Hymne für eine ganze Generation geschrieben hatte, im April 1967 zu einer längeren Gastspielreise wieder in die Bundesrepublik. Dieses Mal machte die Band auch in Südwestdeutschland Station. Ihre beiden Auftritte am Sonntag, den 16. April 1967 in Ravensburg (nachmittags) und in Ulm (abends) waren die ersten großen Popkonzerte einer bedeutenden englischen Rockgruppe im Südwesten und schlugen wie der Blitz ein.
 
So etwas hatte Ravensburg noch nicht erlebt. Bereits um die Mittagzeit bildeten sich “lange Autokolonnen junger Leute aus dem ganzen Oberland” (Lokalpresse). Um 15 Uhr, dem offiziellen Beginn, drängelten sich 3000 Zuschauer in der Oberschabenhalle. Nach einer 20-minütigen Verspätung, die von einem Pfeifkonzert begleitet wurde, brachten zu erst ein paar lokale Beatbands die Fans in Stimmung: Die “Scarecrows” aus Kempten boten weichen Beat, die “Earlybirds” aus Leutkirch schlugen danach einen härteren Beat ein. Genauso begeistert wurden anschließend die “Sidetracks” aus Ravensburg aufgenommen. Nachdem noch das Folklore-Paar Rondo & Chaine ein paar Lieder zum Besten gegeben hatten, machte sich langsam eine knisternde Spannung breit. Die Fans bezogen vor der Bühne Position, während die Verstärkeranlage der Who aufgebaut und das Schlagzeug festgenagelt wurde.
 
Um 17 Uhr war es dann so weit: Mit Furor eröffnete The Who die Show. “Substitute” machte den Auftakt. Noch ein paar Songs und der Auftritt steuerte dem Höhepunkt zu: “Die letzte Runde in dem verzweifelten Kampf mit Gitarre und Schlagzeug leitete die Explosion einer Rauchbombe auf der Bühne ein,” berichtete die Lokalzeitung. “Riesige Lautsprecher stürzten zu Boden und Mikrophone wirbelten herum. Wie ein Phönix aus der Asche tauchte plötzlich Pete Townsend aus den Rauchschwaden hervor und schwang die Gitarre. Wie in Trance schmetterte er das teure Instrument auf Trommeln, Mikrophone und die Verstärkeranlage. Er hatte alle Mühe, die Gitarre zu Bruch gehen zu lassen”.
 
Nach 25 Minuen war der Spuk vorbei, und einer der Fans, Harald Rapp, um ein Schlagzeugfußpedal reicher. Dem Teenager aus Mengen war im Tumult das Schlagzeugteil geradewegs “in den Schoß gefallen”. Seine Popband “Anythings” spielte noch Jahre später mit der Fußmaschine von Keith Moon.
 
Während die Fans in Ravensburg noch “sprachlos auf den Stühlen standen”, fieberten 1400 junge Leute in Ulm dem Abendkonzert entgegen. Doch auch in der Münsterstadt war zuerst einmal warten angesagt. Nicht nur waren die Who im Verkehr stecken geblieben, auch gab es Streit zwischen dem englischen Manager der Band und dem deutschen Tourveranstalter. Der Engländer verlangte plötzlich mehr Geld. Er drohte, dass die britische Gruppe nicht auftreten würde. “Das ist glatte Erpressung”, tobte Walter Puls von der Musikproduktion West aus Düsseldorf. Doch am Ende blieb ihm nichts anderes übrig als klein beizugeben, wollte er keinen Krawall riskieren. Von unten im Saal war bereits ein schrilles Pfeifkonzert zu hören.
 
Um 23 Uhr betraten dann endlich The Who die Bühne und zogen die bekannte Show ab. Die Phonzahlen kletterten in den Düsenjet-Bereich. Die Beatfans schien das nicht zu stören, im Gegenteil: “Das Publikum ging begeistert mit, geriet immer mehr in Ekstase,” hielt der Presseberichterstatter fest. Am Ende das übliche Inferno: Rauchbomben, Instrumentenmasaker, Tohuwabohu. “Auf der Bühne sah es wie nach einem Bombenangriff aus,” stand am nächsten Tag in der Zeitung. The Who hatten den deutschen Südwesten aus seinem popmusikalischen Dornrößchenschlaf erweckt.
 
Am nächsten Morgen fuhr die Band nach Bremen weiter. Auf der Autobahn bemerkte der Bandmanager plötzlich, dass er seine Aktentasche mit den Gagen von 20000 DM vermisste. Man raste nach Ulm zurück, wo der Koffer unbeschadet im Hotel angetroffen wurde. Ein Urlauber hatte ihn auf dem Gehsteig entdeckt und im Hotel abgegeben.