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Sunday, 26 April 2026

Aus den Anfängen der elektronischen Musik

Wegen des großen Interesses sind wir noch einmal im

Theaterhaus, Stuttgart, Halle T3

FREAK-SOUNDS – MUSIK ABSEITS DER NORM

Konzert, Samstag 7. November 2026 (20:00Uhr)

Peter Pichler (Trautonium) & Christoph Wagner (Einführung) 

Karten:

https://www.theaterhaus.com/en/program-tickets/freak-sounds-musik-abseits-der-norm/1248


Töne aus Strom

Peter Pichler und das Trautonium im Stuttgarter Theaterhaus

Foto: Michael Maschke

Unter dem Motto "Freak-Sounds – Musik abseits der Norm", dem Titel meiner aktuellen Buchpublikation, stand am Sonntagabend, den 26. April 2026, das Konzert von Peter Pichler im Stuttgarter Theaterhaus. Der Münchner Experte für elektronische Musik stellte dabei das TRAUTONIUM vor, eines der ersten elektronischen Musikinstrumente überhaupt, erfunden in Berlin vor knapp hundert Jahren. 

Foto: Michael Maschke


Nach meiner knappen Einführung in die Materie demonstrierte Pichler, wie das Trautonium 1930 von Paul Hindemith die ersten Kompositionen erhielt, die sich noch sehr stark an Formen klassischer Musik orientierten. Mehr und mehr emanzipierte sich der damalige Hauptprotagonist des Instruments, Oskar Sala, von der klassischen Form, um die Möglichkeiten des Instruments als Klangerzeuger ausgiebiger zu nutzen und auszureizen. Pichler streute in sein Konzert zahlreiche Anekdoten und Stories ein: So berichtete er von der Bewunderung der Gruppe Kraftwerk für den Urvater der elektronischen Musik, die dieser  in keine Weise teilte noch erwiderte. Für Sala war Kraftwerk schlicht "Unterhaltungsmusik" und deshalb nicht ernstzunehmen, eine Engstirnigkeit, die Pichler als äußerst peinlich empfand.

Foto: J. Revitt

Pichler sah sich in der Konzertpause von zahlreichen Wißbegierdigen umringt, die noch mehr über das Innenleben und die Wirkweisen des Trautoniums erfahren wollten, wobei er tapfer Rede und Antwort stand. 

Der Elektroniker demonstrierte dann im 2. Konzertteil die ungeheuren Klangmöglichkeiten, die in der "Wundermaschine" stecken, die von einer sehr einfachen, ja fast primitiven Version immer mehr zu einem komplexen Mixtur-Trautonium ausgebaut wurde, das nun polyphon gespielt werden konnte und auch Akkorde ermöglichte.  

Foto: J. Revitt


Den Höhepunkt von Pichlers Auftritts bildete ein Medley aus Filmen, für die das Trautonium ursprünglich die Filmmusik geliefert hatte und die Pichler jetzt erneut mit dem "live"-gespielten Soundtrack präsentierte. Neben dem Dokumentarfilm "Reise zum Mond", dessen Vertonung einst die NASA in Auftrag gegeben hatte, kamen zum Finale Sequenzen des berühmtesten Films zur Aufführung: Hitchcocks "Vögel", für den Sala einst den kompletten Soundtrack entworfen hatte. Pichler erzeugte dazu die grauenerregenden Klanggeräusche wie Flügenschlagen und Vogelschreie. 


Wegen des großen Interesses sind wir noch einmal im

Theaterhaus, Stuttgart, Halle T3

FREAK-SOUNDS – MUSIK ABSEITS DER NORM

Konzert, Samstag 7. November 2026 (20:00Uhr)

Peter Pichler (Trautonium) & Christoph Wagner (Einführung) 

Karten:

https://www.theaterhaus.com/en/program-tickets/freak-sounds-musik-abseits-der-norm/1248

Wednesday, 25 March 2026

Pop-Archäologie Südwest

„Von Abba bis Zappa" in Stuttgart, Fasanenhof

Von den Jugendclubs auf dem Fasanenhof zu den Stars auf den Bühnen von Sindelfingen und Böblingen

„Der Fasanenhof – Hier leben wir e.V." und das Kinder- und Jugendhaus Fasanenhof laden zu einem Abend ein, an dem die Verstärker der Erinnerung noch einmal aufgedreht werden: Im Fokus steht die Pop- und Rockkultur von Mitte der 1960er bis Mitte der 1980er Jahre, als neue Klänge, laute Gitarren und gesellschaftlicher Aufbruch die Region Stuttgart gehörig in Bewegung brachten. Los geht's mit Christoph Wagner, der anhand seines Buches „Von Abba bis Zappa“ durch die musikalischen und gesellschaftlichen Strömungen jener Zeit führt und zeigt, wie im Südwesten aus ersten Initiativen ein echter Popkonzert-Betrieb entstand.

Birth Control war eine der Rockbands, die Anfang der 70er in der Versammlungshalle in Stuttgart-Fasanenhof auftrat (Sammlung C. Wagner)


Daraus gingen auf dem Fasanenhof ab 1971 Clubs wie die IG Freizeit und bald darauf der „Club Orion" und „Con Spezial" hervor: Treffpunkte für alle, die für Rock, Pop und die neuen Sounds brannten. Zeitzeugen berichten, wie heiß die Clubabende waren, welche Konzerte niemand vergessen hat und wie sehr die Popkultur ihr Denken, Fühlen und Handeln geprägt hat. Vertreter der IG Freizeit und weiterer Clubs holen mit persönlichen Stories und Anekdoten das Lebensgefühl dieser Jahre zurück auf die Bühne und lassen nachspüren, wo das Lebensgefühl von damals heute noch auf dem Fasanenhof drinsteckt.

Hans-Peter Haag zeigt dabei, wie aus der engagierten IG Freizeit das Music Circus Concertbüro wurde – ein Veranstalter, der die Region Stuttgart mit regelmäßigen Pop- und Rock-Konzerten bespielte und Böblingen wie Sindelfingen fest auf die Live-Karten der Republik setzte. Persönliche Erlebnisse, Konzertgeschichten und der Blick auf die wachsende professionelle Szene machen deutlich: Diese Zeit hat die regionale Musikkultur nicht nur begleitet, sondern geprägt – laut, bunt und kompromisslos.


     

Die Rockkonzerte in Stuttgart-Feuerbach, veranstaltet von der SMV, dienten der Rockinitiative im Jugendhaus Fasanenhof als Vorbild (Sammlung C. Wagner)



Eingeladen sind alle, die damals dabei waren, alle, die es gerne gewesen wären, und alle, die wissen wollen, wie es klang, als Clubs, Hallen und Köpfe in der Region Stuttgart zum ersten Mal so richtig auf „laut“ stellten.

Samstag, den 18. April, Kinder- und Jugendhaus Fasanenhof

Beginn: 19:30 Uhr (Einlass: 19:00 Uhr)

Eintritt frei



Friday, 13 March 2026

Von Abba bis Zappa – Ausstellungseröffnung

Größte Popkonzertplakatausstellung weit und breit

Alles aufgebaut, alles fertig: Am Samstag, den 14. März 2026 (17:00 Uhr) öffnet das Sindenfinger Stadtmuseum (Altes Rathaus) seine Pforten für die Ausstellung "Von Abba bis Zappa – als Sindelfingen und Böblingen den Südwesten rockten". Eine Fülle von Originalplakaten und Tickets, auch Fotos und andere Memorabilien, sind dort zu sehen, von Popkonzerten, die zwischen 1972 und 1986 in den beiden Nachbarstädten stattfanden. 

Und hier trat buchstäblich jeder auf, der in der Popwelt Rang und Namen hatte: Queen, AC/DC, Motörhead, Kraftwerk, Genesis, The Who, Kool & The Gang, Rory Gallagher – you name it! 

Hier die Vitrine, die den Wandel im Equipment der populären Musik dokumentiert mit Instrumenten, die damals wirklich von Gruppen wie Kraan oder Message in der Böblinger Sporthalle oder der Sindelfinger Ausstellungshalle gespielt wurden. Das Saxofon z. B. ist von Simon Steiner, der 1982 im Vorprogramm von Fehlfarben mit der Stuttgarter Punkband FAK auftrat. Die Fußmaschine, auf dem Boden davor plaziert, hat Jan Fride zur Verfügung gestellt, der als Drummer von Kraan dort 10 Jahre zuvor aufgetreten war. Die Konzertplakate in dieser Virtine stammen von einheimischen Bands wie Quintet plus One, Baobab oder Rock 'n' Blues. Und der Kopfhörer wurde von Werner Schumacher verwendet, der als Soundmann mit Eberhard Schoener, Police, Eloy und Udo Lindeberg hier auftrat.


 

Tuesday, 19 October 2021

Krautrock: 'Future Sounds'-Buchbesprechung

„If you remember the sixties, you were not there!“

 

Nach 1968 entwickelte sich in Deutschland eine wilde neue Musik  – die Buchneuerscheinung "Future Sounds" von Christoph Dallach zeichnet den Aufstieg des Krautrock nach




cw. Sie zogen raus aufs Land, quartierten sich in verlassenen Bauernhöfen oder leerstehenden Schulhäusern ein, wo man rund um die Uhr laut Musik machen konnte, ohne jemanden auf die Nerven zu gehen. Gelegentlich fuhren die jungen Bandmusiker am Wochenende im verbeulten VW-Bus in eine größere Stadt, um im Jugendzentrum oder einem alternativen Club ein Konzert zu geben, für Gagen, die kaum zum Leben reichten. Man lebte nach  urkommunistischen Vorgaben, versuchte jegliche Konvention abzustreifen und suchten Transzendenz in psychedelischen Substanzen.


So oder ähnlich klingen die Überlieferungen aus der Zeit nach 1968, als in Westdeutschland eine neue Popmusik entstand, die weltweit bald unter dem Namen „Krautrock“ für Furore sorgte. Stars wie David Bowie, Brian Eno, Iggy Pop oder die Red Hot Chili Peppers gaben sich als Bewunderer zuerkennen und ließen sich von den abenteuerlichen Sounds aus Germany inspirieren. Die innovativsten Klänge stammten von Gruppen, die sich Kraftwerk, Can, Faust, Tangerine Dream, Cluster, Neu! oder Amon Düül 2 nannten und international zu Bannenträgern des neuen Genres wurden, das bis heute weltweite Strahlkraft besitzt und immer neue Scharen junger Musiker beeinflußt.

 

Im Buch „Future Sounds“ beleuchtet der Musikjournalist Christoph Dallach diese bedeutende Weichenstellung der westdeutschen Popgeschichte. Dabei kommen vor allem solche Musiker zu Wort, die zum erste Mal nicht mehr englischen oder amerikanischen Vorbildern folgten, sondern sich um eigene Ausdrucksformen bemühten, bei denen Improvisation und Experiment im Zentrum standen. Diese Pfadfinder neuer Stilformen ließen mit Klängen aufhorchen, wie man sie bis dahin noch nie gehört hatte, ob wohligen Synthesizerelegien, motorischen Rockgrooves oder esoterischen Klangcollagen. 


Can mit Sängerin Christine Lingh 


 

Das Buch von Dallach besteht ausschließlich aus Interviews mit mehr als sechzig Zeitzeugen, die weder kommentiert noch erläutert werden. O-Ton-Schnipsel aus den Gesprächen bündelt Dallach geschickt zu thematischen Schwerpunkten. Es beginnt in den 1950er Jahren (Nachkriegsjugend, Jazz), dann wird die Jugendrevolte der 1960er Jahre (lange Haare, WGs, Drogen) umkreist, um schließlich in den 1970er Jahre zu landen, wo die Musik vollends in den Vordergrund rückt und die führenden Formationen sowie einflußreiche Persönlichkeiten wie Rolf Ulrich Kaiser und Conny Plank mit eigenen Kapiteln bedacht werden. Dem schließt sich ein Ausblick in die Zukunft an, bei dem die Bedeutung des „Krautrock“ für die Musikhistorie noch einmal unterstrichen wird. 

 

Für Eingeweihte, die mit der Thematik und den Akteuren vertraut sind, mag dieses Patchwork-Verfahren einen gewissen Reiz besitzen, für Neueinsteiger kann es dagegen zu  einem Wirrwarr aus Stimmen und Meinungen zerfransen. Zudem liegt bei dieser Art der mündlichen Geschichtsschreibung Dichtung und Wahrheit oft eng beieinander, weil nach so vielen Jahrzehnten die Erinnerungen mehr und mehr verschwimmen und verblassen. „If you remember the sixties, you were not there!“ warnt ein Spruch aus den Woodstock-Jahren. Die Tendenz zur Selbstbeweihräucherung und Eigenstilisierung einzelner Musiker ist dann auch unüberhörbar, gerät gelegentlich fast schon zur peinlichen Prahlerei. 


Tangerine Dream, 1970 (Foto: Hudalla)




 

Im Fall von Kraftwerk stößt die Interview-Methode vollends an ihre Grenzen, da die Hauptakteure Ralf Hütter und Florian Schneider (1947-2020) seit langem keine Interviews mehr gaben, ja sogar die Frühphase der Band (inklusive der Vorgängergruppe Organisation) am liebsten aus den Geschichtsbüchern getilgt hätten. Andere Protagonisten sind bereits verstorben, so dass Dallach sich in diesen Fällen aufs dünne Eis des Hörensagens begibt. 

 

Wenn sich der Leser dieser Schwächen bewußt ist und außerdem die Musiker-Statements mit einer Prise Salz goutiert, kann man die Veröffentlichung als materialreiche Quellensammlung mit Gewinn lesen, kommen darin doch noch einmal etliche Beteiligte ausführlich zu Wort, die – altersbedingt – bald nicht mehr ihre Sicht der Dinge darlegen können, wenn sie nicht – wie Dieter Moebius – zwischenzeitlich bereits verstorben sind. 

 

Christoph Dallach: Future Sounds – wie ein paar Krautrocker die Popwelt revolutionierten. Suhrkamp Taschenbuch; 511 Seiten mit einigen SW-Fotos; 18 Euro 

 

Wednesday, 28 October 2020

RADIO RADIO RADIO: Pioniere elektronischer Musik – die Londoner Firma EMS

SWR2 Musik-Passagen

Sonntag, 13. Dezember 2020; 23:03 – 24:00

 

Pioniere elektronischer Musik

 

Die Londoner Firma EMS

 

von Christoph Wagner


 
1971 brachte die Londoner Firma EMS ein Musikinstrument auf den Markt, das wie eine Bombe einschlug: der kleine Koffersynthesizer Synthi A besaß nahezu unbegrenzte Möglichkeiten und war nicht einmal übermäßig teuer. Viele Popmusiker – immer auf der Suche nach neuen Sounds – schafften sich die Wundermaschine an. Von Pink Floyd und King Crimson über Roxy Music und Hawkwind bis zu Kraftwerk und Tangerine Dream – alle setzten nun den Synthi A ein, oder das etwas größere Modell VCS 3 bzw. den riesigen Synthi 100. Was die Firma Moog für die USA, war EMS für Europa: das Unternehmen, das die elektronische Musikrevolution in Gang brachte.

EMS-Gründer Peter Zinovieff bei der Arbeit.
Es kommen zu Wort: Peter Zinovieff (EMS-Gründer), Peter Cockerell (das technische Gehirn von EMS), Robin Wood (Verkaufsmanager), Ludwig Rehberg (deutscher Vertreter von EMS), Thomas Kessler, Wolfgang Dauner, Edgar Froese (Tangerine Dream).
 

SWR2 Musik-Passagen

Sonntag, 13. Dezember 2020; 23:03 – 24:00

Danach 7 Tage im Internet: www.swr.de/swr2




Saturday, 2 February 2019

TRÄUME AUS DEM UNTERGRUND in Metzingen

Reutlinger GENERALANZEIGER, 2.2.2019

Als Rockmusik die schwäbische Provinz eroberte

Konzertlesung – Christoph Wagner stellt in der Metzinger Festkelter begleitet von Livemusik sein neues Buch vor


VON JÜRGEN SPIESS


METZINGEN. Eine Reise in die 60er- und 70er-Jahre der südwestdeutschen Konzertszene: Das ist Thema des Buches »Träume aus dem Untergrund«, das der Balinger Autor Christoph Wagner am Donnerstag in einem Multimedia-Vortrag in der voll besetzten Metzinger Festkelter vorstellte. Die zum Teil kuriosen Geschichten und Begegnungen wurden zwischen den Lesepassagen mit psychedelischer Livemusik von Fritz Heieck (Keyboards) und Manfred Kniel (Schlagzeug) untermalt, die damals auch schon musikalisch aktiv waren.
Alles begann mit dem Jahr 1968: Eine Zäsur, ein Auf- und Umbruchjahr, das einer ganzen Generation den Namen gab und zum Signet für Aufruhr und Rebellion wurde. Die Schlagworte dieser Zeit lauteten: Nonkonformismus, Selbstbestimmung, Konsumverweigerung und sexuelle Revolution. Junge Leute gingen auf die Barrikaden, suchten nach neuen Lebensmodellen und wehrten sich gegen den Lebensplan, den die Gesellschaft für sie vorgesehen hatte. Ein neues Lebensgefühl verschaffte sich Ausdruck. Sein wichtigstes Verbreitungsmittel war die Rockmusik: »Das Rockkonzert war ein utopischer Ort«, erinnert sich Christoph Wagner, »an dem sich das Anderssein der Subkultur manifestierte.«

In Kellern und alten Fabriken
Die Szene im Ländle traf sich in Jugendzentren, Kellern, alten Fabrikanlagen und Jugendinitiativen der Region. Schließlich entstanden subkulturelle Clubs, allen voran der Club Voltaire in Stuttgart, der Club Bastion in Kirchheim und die Manufaktur in Schorndorf, die auf den Konzert-Zug aufsprangen und die heimische Subkultur förderten.
Der gebürtige Balinger, der seit Jahren in England lebt, berichtet von einer lebendigen Musikszene im Südwesten, die neue Trends begierig aufnahm und das erstarrt-autoritäre System kräftig aufmischte. Beat-, Rock-, Jazz- und Folkmusik kamen nicht nur in Gestalt bekannter Stars wie Pink Floyd, Jimi Hendrix, The Doors oder The Who auf heimische Bühnen, sondern auch mit hiesigen Bands. Wolfgang Dauners Et Cetera, Guru Guru, Nine Days’ Wonder, Gila, Kraan, Exmagma, Eulenspygel oder Schwoißfuaß waren zu der Zeit überaus präsent.
Wagner berichtet etwa von der »Nackt-Performance« des Aktionskünstlers Otto Mühl in der Bastion Kirchheim oder von der allerersten Deutschlandtournee der damals noch unbekannten Hardrockband Black Sabbath, die Ozzy Osbourne und seine Mannen im Dezember 1969 nach Schwäbisch Hall, in die kaufmännische Berufsschule in Göppingen und in die Manufaktur Schorndorf führte. Auch in Reutlingen schloss sich Ende der 60er-Jahre eine Non-Profit-Initiative aus Studenten zusammen, die die Rockmusik als Vehikel zur Veränderung der Gesellschaft begriff. GIG, so der Name des Vereins, verstand sich als Alternative zum kommerziellen Popbetrieb und fungierte als nicht-kommerzielle Tourneeagentur für englische und deutsche Rockbands.
So holten GIG etwa Kraftwerk in die Neue Mensa Tübingen. Bei einem Konzert von U.F.O. ebendort kam es im Mai 1972 zum Eklat, weil die britische Band zu spät kam und dann auch noch die Fans körperlich attackierte.
Christoph Wagner hat mit vielen solchen Anekdoten eine 180-seitige Bibel der heimischen Konzertszene der 60er- und 70er-Jahre geschaffen, die zeigt, dass der Südwesten seinerzeit rockte. (GEA)

Christoph Wagner: Träume aus dem Untergrund, 180 Seiten, 24,90 Euro, Silberburg Verlag, Tübingen.

Saturday, 10 September 2016

Nachruf: Claus Böhm (1953-2016)

ZUM TOD VON CLAUS BÖHM
Foto: Manuel Wagner
Ich habe Claus Böhm kennengelernt, als ich in Sachen Recherche für mein Buch 'Klang der Revolte' 2010 unterwegs war. Irgendjemand muss mich auf ihn aufmerksam gemacht haben. Ich habe Claus dann zuerst an seinem Arbeitsplatz bei der MOTOR PRESSE in Stuttgart interviewt, wo er als Redakteur (er schrieb u.a. auch Plattenbesprechungen) arbeitete. Damals war er vor allem in der Ausbildung von Nachwuchskräften tätig.

Etwas später habe ich ihn dann noch einmal besucht - diesmal bei ihm daheim. Er war ein Springbrunnen an Erinnerungen, die alle mit seiner Vergangenheit zu tun hatten, als er ein paar Jahre lang als Schülersprecher des Gymnasiums in Stuttgart-Feuerbach Rockkonzerte veranstaltete: Kraftwerk, Atomic Rooster, MC5, Quintessence, Can, Out of Focus - you name it! Ich habe eine genaue Liste der Konzerte, die er mir damals gab.

Claus, dessen Eltern in seiner Jugend ein Elektrogeschäft mit Plattenabteilung betrieben, war ein echter 68er, für den Musik fast eine existenzielle Bedeutung hatte. Ich habe sein Erlebnis beim Jimi Hendrix-Konzert im Januar 1969 in der Stuttgarter Liederhalle für meine Radiodokumentation darüber im SWR2 verwendet. Er zeigte uns (mein Neffe, der Fotograf Manuel Wagner, war mit dabei) das Hendrix-Poster mit den Autogrammen, auf das er sehr stolz war. Außerdem erzählte er Interessantes von Marsha Hunt (der Soul-Pop-Sängerin mit dem Afro / Hit: 'Keep the customers satisfied' von 1970), die er offenbar etwas näher kennengelernt hatte, als sie ebenfalls in Feuerbach auftrat. Er hat sie später noch einmal in London besucht. Dagegen hatte Claus über MC5 nicht viel Gutes zu berichten: Sie hätten sich damals "wie Schweine" aufgeführt.

Es hat mich schwer betroffen, als ich jetzt von seinem Ableben erfuhr. Ich hatte in letzter Zeit ein paar Mal versucht, ihn angerufen. Seine Handynummer funktionierte nicht mehr, daheim nahm niemand ab.

Monday, 31 March 2014

Vortrag mit Visuals & Musik: die Anfänge der Tübinger Rockszene

CHRISTOPH WAGNER im Club Voltaire / Tübingen / 11. Juni 2014

Popgeschichte vor Ort:  

KRAFTWERK für 3 Mark

Tübingen in der Woodstock-Ära – als Rock und Protest Hand in Hand gingen


 Vergilbte Konzertplakate und Flugblätter, alte Fotos und Zeitungsberichte sowie jede Menge Musik bilden das Material, mit dem der Musikhistoriker Christoph Wagner (Autor von ‘Der Klang der Revolte’) die Anfänge der Popgeschichte in Tübingen nachzeichnet, als Ende der sechziger Jahre im Zimmertheater avantgardistische Happenings stattfanden, Politbands bei Demos rockten, Protestsänger zum “Klassenkampf” aufriefen, Underground-Konzerte von Protest begleitet wurden und Kraftwerk für 3 Mark in der Mensa spielte. Im Sommer 1971 ging dann das erste Rock-Festival unter chaotischen Verhältnissen auf einer Wiese außerhalb Tübingens über die Bühne. 

Mittwoch, 11. Juni 2014 / 20 Uhr 
Club Voltaire, Tübingen, Haaggasse 26b

Monday, 17 March 2014

POP-RECYCLING: 'Live'-Aufnahmen von Popfestivals in den 70ern


Fundgrube musikalischer Schätze
                                               
Immer mehr Auftrittsmitschnitte von Popfestivals der siebziger Jahre finden ihren Weg in die Öffentlichkeit


cw. Die Ruhrpottstadt Essen machte den Vorreiter. Nach den “Internationalen Essener Songtagen 1968” und dem “Internationalen Essener Pop- und Bluesfestival 1969” brach 1970 der Damm: eine wahre Popfestivalwelle überflutete die Bundesrepublik und zog in der ersten Saison eine halbe Million Besucher an. Rockfestivals wirkten damals wie Magnete auf alle Jugendlichen, die sich als Teil der “Woodstock Generation” fühlten. Oft hatte der eine oder andere Fan ein tragbares Tonbandgerät dabei, um die Auftritte der Stars mitzuschneiden, was damals problemlos durchging und keine aggressiven Ordner auf den Plan rief.

In den letzten Jahren haben sich verstärkt kleine Plattenfirmen daran gemacht, solche Festival-Mitschnitte von Privatpersonen ausfindig zu machen, zu sichten und - falls die Tonqualität es erlaubt - auf CD zu veröffentlichen. Seit Jahren gibt es eine “Taper”-Szene, in der Mitschnitte von Konzert- und Festivalauftritte der Hippie-Ära zirkulieren, oft von bekannten Bands wie Pink Floyd oder Deep Purple. Nicht selten finden solche Aufnahmen den Weg ins Internet, wo sie dann auf der Plattform “youtube” landen, wie der Mitschnitt des Auftritts von Jimi Hendrix in der Stuttgarter Liederhalle im Januar 1969.

                                                                                              EuroPop-Festival, Aachen 1970
Eines der herausragenden Popereignisse des Jahres 1970 war das Euro-Pop-Festival in Aachen, das über Pfingsten stattfand und mit großen Namen wie Deep Purple, Taste und Pink Floyd 40000 Fans anlockte. “Angenehmes Wetter, fantastische Bands – tolles Festival!” erinnert sich Herbert Grab, Drummer der Rockband Steinefresser, der von Reutlingen nach Aachen pilgerte.

Die große Frage eines jeden Festivals damals war: Welche Bands werden überhaupt kommen? Wer fällt aus? In Aachen wartete man vergeblich auf Traffic und Fairport Convention. Alle anderen angekündigten Gruppen traten auf – insgesamt 23 an der Zahl, darunter mit Kraftwerk, Amon Düül und Can auch ein paar deutsche Formationen und mit Krokodil eine Band aus Zürich.

In der riesigen Publikumsmenge im Aachener Reiterstadion saß auch der Teenager Dirk Krause, der sein Tonband mitgenommen hatte, ein paar Mikrofone an die Balustrade hängte und kräftig mitschnitt. Den Auftritt der Keef Hartley Band aus England - die Band war auch beim berühmten Woodstock-Festival ein Jahr zuvor mit von der Partie gewesen - fing Krause ohne Störungen komplett ein. Die Formation präsentierte sich dabei in Hochform. Schlagzeuger Keef Hartley, der sich seine Meriten beim Bluesguru John Mayall verdient hatte, spielte mit seine, Quintett eine brodelnde Mischung aus Jazz, Rock und Blues. Vor allem der Gitarrist verstand mit virtuosen Solos und einer meisterhaften Beherrschung des Wah-Wh-Pedals das Publikum auf die Beine zu bringen. Offenbar war die Verstärkeranlage einigermaßen ordentlich ausgepegelt, denn der Sound der Aufnahme ist von passabler Qualität, wenn man einmal von leichten Verzerrungen des Gesangs und der Bläser sowie einer zu lauten Gitarre im Mix absieht.

Sireena Records, wo die CD erschienen ist, haben sich auf die Veröffentlichung solcher verschollener Aufnahmen spezialisiert. Im Katalog des Labels aus Lübeck finden sich neben dem Mitschnitt eines Konzerts der Edgar Broughton Band aus der Hamburger “Fabrik” von 1973, auch “Live”-Aufnahmen von Mott The Hoople (Schweden 1971) und Stone The Crows (Montreux 1972). Für den nostalgischen Rockfan verwandelt sich die Vergangenheit in eine Fundgrube musikalischer Schätze, aus der sicher noch einige Kostbarkeiten ans Tageslicht gefördert werden.

Der Artikel erschien zuerst im SCHWARZWÄLDER BOTE, große Tageszeitung in Südwestdeutschland

Friday, 16 August 2013

KLANG DER REVOLTE: Besprechung im SÜDKURIER


Kultur 

Krautrock in Deutschland: Rückblick auf fünf aufregende Jahre

13.08.2013


In seinem Buch „Der Klang der Revolte“ zeichnet Christoph Wagner die Geschichte der westdeutschen Musik-Underground-Szene nach.

Kaum zu glauben, aber es ist so: In einer extrem kurzen Zeitspanne – präziser: in den Jahren 1970 bis 1973 – wurde die innovativste und aufregendste Rockmusik in Deutschland produziert. Bands wie Amon Düül 2, Tangerine Dream, Kraftwerk, Can und viele andere mehr erweiterten das traditionelle Rock-Schema durch Elemente der Klassik, der elektronischen und der Weltmusik und schufen einen neuen, bizarren Klangkosmos, der schnell die Bewunderung britischer und französischer Musikjournalisten und Fans errang – in (West-)Deutschland selbst allerdings deutlich hinter der Popularität arrivierter britischer und amerikanischer Rock-Combos zurückblieb.

In seinem Buch „Der Klang der Revolte – Die magischen Jahre des westdeutschen Musik-Underground“ rekonstruiert der Journalist Christoph Wagner diese „goldene“ Ära, analysiert aber auch, wie sehr Rockmusik allgemein die verknöcherte bundesdeutsche Gesellschaft der 1960er-Jahre aufmischte – mit den ersten Festivals, den ersten großen Tourneen, den ersten Schallplattenlabels, die sich auf derartige Musik konzentrierten.

Es begann alles mit den „Essener Songtagen“ im September 1968. „Wie eine Atombombe“, schreibt Wagner, traf die Invasion von 40 000 jungen Leuten, die gekommen waren, um internationale Rock-Stars wie Frank Zappa, Julie Driscoll und Alexis Korner, aber eben auch nationale Bands wie Amon Düül, Tangerine Dream und Guru Guru zu sehen und zu hören, die spießige Ruhrgebietsstadt.

Ein Jahr später veröffentlichten – die in zwei Fraktionen gespaltenen – Amon Düül, Birth Control und Can ihre ersten Alben, 1970 dann Guru Guru, Kraftwerk, Popol Vuh und Tangerine Dream. Welchen Einfluss diese Musik und der Lebensstil der Musiker, die sie machten, auf die breite Masse der erlebnishungrigen bundesdeutschen Jugendlichen hatten, beschreibt Wagner sehr anschaulich – und auch, dass damals praktisch alles miteinander zusammenhing: die Rezeption dieser rebellischen Musik mit einem freieren Lebensstil, der lange Haare, den Genuss von Alkohol (oft auch von Drogen) und ein relaxteres Sexualverhalten einschloss, und die Infragestellung von überkommmen Autoritäten mit einer allgemeinen Kritik an den gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen in Richtung Total-Konsumismus. Als ab 1974 Tangerine Dream, Faust und Kraftwerk die britischen und amerikanischen Charts stürmten, zerfaserte die Bewegung auch schon wieder – kommerzieller Mega-Erfolg und utopische Hippie-Mentalität fanden einfach nicht zusammen.

Ein ganzes Buchkapitel widmet Christoph Wagner einem wahren „Clash of the Civilisations“: dem ungemein chaotisch verlaufenden Rockfestival in Konstanz im Sommer 1970. Schmuddelwetter, ein völlig überforderter Veranstalter und eine extrem feindselige Öffentlichkeit in der Konzilstadt sorgten dafür, dass die „Greatest Show at Bodensee“ ein gigantischer Flop wurde – lediglich 7000 Fans kamen. Ein Großteil der angekündigten Bands trat überhaupt nicht auf, und das Areal Klein-Venedig, auf dem das Spektakel stattfand, versank im Schlamm. Und drei Wochen nach dem Festival erschoss ein angetrunkener Hilfsarbeiter einen 17-jährigen „Gammler“ am Blätzle-Platz in der Konstanzer Innenstadt . . . 15 Jahre sollte es dauern, bis es wieder jemand wagte, ein Rockmusik-Festival in dieser Stadt zu organisieren.

In weiten Teilen ist „Der Klang der Revolte“ wohl auch eine Aufarbeitung des Kontextes von Christoph Wagners eigener Biografie: 1956 (in Balingen) geboren, ist er ja nicht nur Chronist, sondern für vieles, über das er berichtet, auch eine Art Zeitzeuge. Und gerade das macht sein Buch so interessant und so spannend für all diejenigen, die diese aufregenden Jahre nurmehr vom Hörensagen kennen.

Wednesday, 22 May 2013

Rezension: Harry Lachner im SWR über KLANG der REVOLTE



Buchbesprechung / SWR2, Musikmarkt, 16.5.2013

von Harry Lachner


Magische Revolte


"Die magischen Jahre des westdeutschen Musik-Underground" lautet der Untertitel zu Chrisoph Wagners Untersuchung "Der Klang der Revolte". Gemeint ist jene Zeit zwischen Mitte der sechziger und Anfang der siebziger Jahre; jene Zeit also, als die deutsche Rockmusik begann, sich eigenständig zu entwickeln. Wege zu suchen, die jenseits der klassischen Rock-Schablonen lagen. Wagner, der auf zahlreiche Interviews zurückgreifen kann, die er über die Jahre mit Musikern und Veranstaltern geführt hat, zeichnet ein Porträt einer Zeit des Aufbruchs, des Umbruchs. Dabei richtet er seinen Blick nicht allein auf  die Rockmusik, den jazz und die Liedermacherszene - er stellt auch die engen Bezüge zur politischen und gesellschaftlichen zur bundesrepublikanischen Wirklichkeit her. Undidaktisch, aber präzise, faktenreich und nie beliebig.

West-Deutschland Ende der sechziger Jahre. Die libertären Impulse aus England den USA bahnten sich den Weg zu einer Jugend, die sich gegen die Enge und Tristesse der frühen Jahre aufzulehnen begann. Eine Generation, die sich eingeengt fand von Restriktionen und von Repressalien, die sich an bloßen Winzigkeiten entzünden konnten: sei es die Länge der Haare, oder das tragen von damals nur schwer erhältlichen Jeans und Parkas. Ein offenbar bedrohliches Erscheinungsbild - symbolisierte es doch eine Abweichung von der Norm, die von Alt-Nazis nach Kräften weiter am Leben erhalten wurde, die unbelangt in allen gesellschaftlichen Bereichen überlebten: in Verwaltung, Justiz, Polizei, Politik. Ein Freiheitsgedanke war ein gefährlicher Gedanke, der das Prinzip Zucht und Ordnung in Frage zu stellen wagte. Kritische Äußerung, eine nicht-konformen Meinung galten als "Nestbeschmutzung", demonstrierende Studenten als "arbeitsscheues Gesindel". Solcherart war die Sprache, war das Klima in diesem Land, das jeder Form von Intelligenz nur mit Diffamierung und Drohgebärden begegnen konnte; ein Land, in dem die willfährigen Handlanger einer vergangenen Macht immer noch die Meinungshoheit besaßen. Was wäre da naheliegender als ein Fluchtgedanke?


Man kann die Musik jener Zeit nicht ganz verstehen, wenn man sich nicht der besonderen Umstände bewußt ist, aus denen heraus sie entstanden ist. Und gegen die sie sich letztlich auflehnte: Als utopischer Gegenentwurf zu einer kleinbürgerlich miefigen Gesellschaft, die ihre überkommenen Prinzipien in frisch-grauen Nachrkriegsbeton gießen wollte. Welche soziale Sprengkraft eine Musik haben kann, die selbst nicht vordergründig politisch sein muß, zeigt Chrisoph Wagner in seinem Buch "Der Klang der Revolte". Tasächlich waren es neue Klänge. Klänge, die ihren Weg aus der englischen und amerikanischen Rockmusik rasch auch in die deutsche gefunden hatten. Verzerrte Gitarrentöne, Rückkoppelungen, Kaskaden ineinanderfließender Klänge, die einen Gefühls- und Ideenraum öffnen konnten. Die jungen, experimentierfreudigen Musiker aber begnügten sich nicht mit der reinen Anverwandlung einer von außen hereingetragenen Haltung. Ob Rock oder Jazz: die neuen ästhetischen Impulse werden aufgegriffen, zunächst imitiert - doch danach im eigenen Sinne weiterentwickelt. Man erkennt in vielen Musikeraussagen, die Christoph Wagner in seinem liebevoll fundierten Buch zusammengetragen und ausgewertet hat, mit welchem Elan die west-deutschen Musiker sich eine eigene Ästhetik erarbeiteten. Und welchen internationalen Erfolg sie schließlich damit hatten. Etwas hilflos nannte man es in Großbritannien "Krautrock": Denn die Musik von Bands wie Can, Kraftwerk oder Amon Düül verließ gezielt jenes Terrain der Rockmusik, das von formalen anglo-amerikanischen Stereotypen geprägt war: Anlehung an das harmonische Schema des Blues, das Beharren auf der einfachen Songform. Stattdessen schienen andere Bezugspunkte am Horizont der Musiker auf: etwa die Elektronische Musik oder die freie Improvisation. Die Grenzen der einzelnen Sphären wurden durchlässig. So war etwa Mani Neumeier, Gründer der Rock-Band Guru Guru, davor Jazzschlagzeuger, etwa im Globe Unity Orchestra. Holger Czukay, Mitglied von Can, war Schüler des Komponisten Karlheinz Stockhausen. Alles schien damals in Bewegung; nichts lag ferner als ein Ordnungssystem, als Berührungsängste.



                                                                              Can im Schloß Nörvenich

Christoph Wagners Ansatz verdeutlicht noch einmal, daß man dieser so überaus lebendige und experimentierfreudige Szene nicht mit pauschalen Begriffen, nicht mit vorgefertigten Stilschubladen gerecht werden kann. Das umfangreiche Material - die Interviews, die Anekdoten, die klugen Analysen - all das ist nicht in ein schablonisiertes, unterkühlt akademisches Theoriegebilde eingepaßt; Wagner sucht stattdessen die Erkenntnisse aus dem Zusammenspiel der Details zu entwickeln. Der Autor, Jahrgang 1956, schreibt aus eigener Erfahrung heraus. Und gerade in jenen Momenten subjektiven Erzählens und Erinnerns, stellen sich diese Jahre als ein facettenreiches, auch in sich widersprüchliches Panorama der Möglichkeiten dar - als eine Verheißung individueller Freiheit, künstlerischer Originalität und Eigenständigkeit. "Der Klang der Revolte" ist mehr als eine Sammlung von Betrachtungen zur Musik einer Zeit als der bundesrepublikanische Beton anfing brüchig zu werden. Das Buch unterstreicht vielmehr die wechselvolle Beziehung zwischen einer gesellschaftlichen Realität und einer Musik, die aus ihr heraus und vor allem gegen sie arbeitet. Denn es gibt schließlich keine reinen, unschuldigen Töne außerhalb eines sozialen Kontextes.

Christoph Wagner: "Der Klang der Revolte. Die magischen Jahre des westdeutschen Musik-Underground"
Schott Verlag, Mainz, 388 Seiten, € 24,95