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Tuesday, 14 January 2025

SCHEIBENGERICHT Nr. 34: Anna Webber Trio

Math-Rock als Modern-Jazz gespielt 

Anna Webber im Simple Trio

 

Stillstand kennt Anna Webber nicht. Die New Yorker Jazzmusikerin steuert mit jedem neuen Album neue Ziele an. Sie mag Herausforderungen, stellt sich knifflige Aufgaben, die sie dann kompositorisch löst. Ihr Metier sind hochkomplexe Tonkonstrukte, die aber paradoxerweise gar nicht diffizil wirken. Kopfmusik, die nicht verkopft klingt – ein Kunststück sondersgleichen. 

 

Der Name des simpletrio2000 mit Matt Mitchell (Piano) und John Hollenbeck (Schlagzeug) kann nur als Witz verstanden werden: Denn die Musik ist alles andere als simpel. Webbers Musik klingt wie Math-Rock als Jazz gespielt, wobei die Strenge und Disziplin der Durchführung beeindruckt. 




 

Auf diesem zweiten Album widmet sich Webber der Erkundung ungerade Metren, die sie in jedem Stück mit einem anderen Klangphänomen koppelt. Tenorsaxofon sowie Querflöte wechseln sich mit dem Piano in der Führungsstimme ab, während das Schlagzeug für ein solides rhythmisches Fundament sorgt, das den jeweiligen Stücken eine Basis gibt und sie zusammenhält.


Nichts bleibt dem Zufall überlassen. Jedes Stück ist bis ins kleinste Detail durchkomponiert. Nur an vereinzelten Stellen ergeben sich improvisatorische Freiräume. In einem Stück hat das Schlagzeug einen Soloauftritt, ein anderes ist als Saxofonsolo konzipiert. Wer meint, im Jazz passiere nichts Neues, hat offensichtlich Anna Webber noch nicht gehört. 


Anna Webber: simpletrio2000 (Intakt Records)



Zum Reinhören auf bandcamp:


https://annawebber.bandcamp.com/album/simpletrio2000

Monday, 1 January 2024

Best of 2023: Persönliche Favoriten

Best of 2023

Jedes Jahr sendet die Zeitschrift Jazzthetik einen Fragebogen an ihre Mitarbeiter mit der Bitte, ihre persönlichen Favoriten des Jahres aufzulisten – hier sind meine:

 

Bestes Konzert: 

Courtney Marie Andrews (Club Manufaktur, Schorndorf)

The Comet is Coming (Manchester, Aviva Studios)

 

Lieblingsmusik: 

Courtney Marie Andrews: Loose Future (Fat Possum)

Dell-Lillinger-Westergaard: Beats II (Plaist)




Spätnachts:

Agnese Toniutti; John Cage – Sonatas & Interludes for Prepared Piano (Neuma Records)

PJ Harvey: I Inside The Old Year Dying (Partisan Records)

 

Aus aller Welt:

Rose City Band: Garden Party (Thrill Jockey)

Erik Griswold: Sunshowers (Room40)

 

Entdeckung:

Anna Webber ­– Shimmer Wince (Intakt)

Kathleen Supové  – The Debussy Effect (New Focus Recordings)




 

Wild Thing: 

Sophia Jani: Music as a mirror (Neue Meister/Edel Kultur)

Christopher Dell: Monodosis III (edition nieler werft)

 

Geschenktipp:

András Schiff: Clavichord (ECM)

Alexander Hawkins Trio: Carnival Celestial (Intakt)


Veröffentlicht in der Zeitschrift JAZZTHETIK 1/2-2024

 

Monday, 6 November 2023

SCHEIBENGERICHT 24: Anna Webber – Shimmer Wince

Abseits ausgetretener Pfade

Das bemerkenswerte neue Album der kanadischen Saxofonistin und Komponistin Anna Webber ­

(Intakt Records)

 

5 von 5


 

cw. Anna Webbers neues Album klingt anders – Klänge, wie von einem anderen Planeten. Die kanadische Komponistin und Saxofonistin, die seit längerem in Brooklyn lebt, hat sich in der Lockdown-Zeit intensiv mit dem Tonsystem der „reinen Stimmung“ (=just intonation) befaßt und daraus nebenbei eine Serie ungerader Rhythmen abgeleitet. Entlang diesen Vorgaben hat sie Stücke entworfen, die auf faszinierende Weise einen anderen Ton anschlagen. Mittels Klangschichtungen und Repetition entsteht über einem scharfkantigen Groove (am Schlagzeug: Lesley Mok) eine ausgeklügelte Architektur, deren Bauelemente sich in der Manier der Minimal Music loop-artig ineinanderschieben. Abseits aller Klischees klingen diese komplexen Kompositionen trotzdem so selbstverständlich, als wären sie die normalste Sache der Welt. 



 

Die außergewöhnliche Besetzung trägt ihren Teil zum ausgefallenen Klangbild bei. Am weitesten aus der vorgefassten Rolle seines Instruments fällt Elias Stemeseder, der mit dem Synthesizer meistens den Baßpart übernimmt, zusätzlich aber auch immer wieder schillernde Klangeinwürfe macht. In der Mittellage brilliert Mariel Roberts auf dem Cello mit eindringlich-vibratoreichem Spiel, während Saxofon und Trompete sich im Diskant filigran ineinander verschlingen. Manchmal bricht Adam O’Farrill mit eruptiven Trompeteneskapaden (auch mit Dämpfer) aus dem Gruppenklang aus, die von der Bandleaderin auf Tenorsaxofon oder Querflöte fantasievoll weitergesponnen werden. Eindrückliche und aufregende Musik, abseits der ausgetretenen Pfade!


Anna Webber: Shimmer Wince (Intakt)



Saturday, 5 September 2015

JAZZTRENDS: Anna Webber goes Minimal

Klangfarbenkünstlerin

Die New Yorker Saxofonistin Anna Webber mit ihrer Gruppe Percussive Mechanics in Stuttgart und Singen

cw. Dass den Frauen im Jazz die Zukunft gehört, prophezeite schon in den fünfziger Jahren der Jazzerneuerer Lennie Tristano: Ihre größere Empathie und intuitiven Fähigkeiten prädestiniere sie für die improvisierte Musik! Bis heute hat sich Tristanos Vorhersage nur zum Teil bewahrheitet. Obwohl es inzwischen mehr Jazzpianistinnen, Saxofonistinnen und Schlagzeugerinnen gibt als je zuvor, sind die Männer weiterhin in der Überzahl. Doch treten in jüngster Zeit vermehrt junge Bandleaderinnen in den Vordergrund, die sich über die alten Rollenverteilung hinwegsetzen. Die Männerdomäne Jazz wird – wenn auch nur langsam - feminisiert.

Vor allem auf der New York Jazzszene haben sich in den letzten Jahren eine Handvoll starken Frauen hervorgetan: Die deutsch-amerikanische Saxofonistin Ingrid Laubrock gehört dazu, die Gitarristin Mary Halvorson und die Pianistin Kris Davis sowie Anna Webber, Saxofonistin und Flötistin, Komponistin und Bandleaderin, die aus Kanada in den “Big Apple” zog.

Eine Filiale ihrer Aktivitäten hat Webber nun in Berlin eröffnet, wo sie eine Gruppe namens Percussive Mechanics gegründet hat, die jetzt zu Gastspielen nach Stuttgart in die “Kiste” (10. September) und in die “Gems” zum Jazzclub Singen  (11. September) kommt.

Das Repertoire des Ensembles besteht aus Webbers eigenen Kompositionen, die sie den Musikern genau auf den Leib geschrieben hat. Dabei macht die Bandleaderin Anleihen bei der Minimal Music, indem sie Konstruktionsprinzipien wie Repetition und Schichtung in ihren modernen Jazz einbezieht. Oft wird eine kurze Melodie von einem Instrument angespielt und wiederholt, dann von einem anderen aufgegriffen und variiert. Ein Muster entsteht, das Webber weiter ausbaut, indem mehr und mehr Ebenen übereinander geschichtet werden. Die Melodieschlaufen verflechten sich und setzen ein Räderwerk in Gang, bei dem wie bei einem mechanischen Uhrwerk ein Zahnrad ins andere greift. Aus diesen Kompositionssequenzen schälen sich Improvisationen heraus, die langsam die musikalische Architektur auflösen, um sie danach in ein anderes Muster zu überführen.

Um ihre komplexen Kompositionen mit der nötigen Kompetenz in Szene zu setzen, hat Anna Webber eine Band aus Spitzenkönnern der Berliner Jazzszene zusammengestellt. Dazu gehört der junge Pianist Elias Stemeseder, der bereits im Trio des New Yorker Drummers Jim Black für Aufsehen sorgte. Zwei Schlagzeuger und ein Vibrafonist, der auch Marimba spielt, sorgen für eine starke rhythmische Grundierung, dazu bringen Saxofon, Klarinette, Querflöte und Kontrabaß eine bunte Klangfarbenmischung ein. Dass die Frauen in Zukunft im Jazz ein gewichtigeres Wort mitreden werden, daran dürfte kein Zweifel bestehen, wenn man Anna Webbers originelle Musik hört.