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Monday, 1 January 2024

Best of 2023: Persönliche Favoriten

Best of 2023

Jedes Jahr sendet die Zeitschrift Jazzthetik einen Fragebogen an ihre Mitarbeiter mit der Bitte, ihre persönlichen Favoriten des Jahres aufzulisten – hier sind meine:

 

Bestes Konzert: 

Courtney Marie Andrews (Club Manufaktur, Schorndorf)

The Comet is Coming (Manchester, Aviva Studios)

 

Lieblingsmusik: 

Courtney Marie Andrews: Loose Future (Fat Possum)

Dell-Lillinger-Westergaard: Beats II (Plaist)




Spätnachts:

Agnese Toniutti; John Cage – Sonatas & Interludes for Prepared Piano (Neuma Records)

PJ Harvey: I Inside The Old Year Dying (Partisan Records)

 

Aus aller Welt:

Rose City Band: Garden Party (Thrill Jockey)

Erik Griswold: Sunshowers (Room40)

 

Entdeckung:

Anna Webber ­– Shimmer Wince (Intakt)

Kathleen Supové  – The Debussy Effect (New Focus Recordings)




 

Wild Thing: 

Sophia Jani: Music as a mirror (Neue Meister/Edel Kultur)

Christopher Dell: Monodosis III (edition nieler werft)

 

Geschenktipp:

András Schiff: Clavichord (ECM)

Alexander Hawkins Trio: Carnival Celestial (Intakt)


Veröffentlicht in der Zeitschrift JAZZTHETIK 1/2-2024

 

Sunday, 10 December 2023

Jazz-Futurismus: Das DLW-Trio

The Music formerly known as Jazz

Das Trio Dell-Lillinger-Westergaard (DLW) greift weit über den Jazz hinaus

 

Dell-Lillinger-Westergaard (Foto: Nino Halm)


cw. Kann Musik ihrer Zeit voraus sein? Wenn das möglich ist, dann trifft es gerade auf das Trio Dell-Lillinger-Westergaard zu. 2021 hat die Berliner Gruppe mit dem Album „Beats“ einen Pflog eingeschlagen. Auf innovative Weise schafften es die drei Musiker, Techniken der DJ-Culture, mit vertrakten Grooves sowie Fragmenten aus Jazz und der avantgardistischen E-Musik zu verschalten, was einen Sound aufleuchten ließ, der momentan als einer der aufregendsten Entwürfe der „Music formerly known as Jazz“ gelten kann. 

In den zwölf Jahren ihres Bestehens haben Dell-Lillinger-Westergaard, die auch unter dem Kürzel DLW firmieren, ein einzigartiges Konzept entwickelt, das auf Repetition und Differenz basiert. Der Ausgangspunkt für ein Stück bildet stets ein einzelner Takt, der rhythmisch verschachtelt und trancehaft wiederholt wird, bis kleinste Unregelmäßigkeiten auftreten, die festgeschrieben und kreativ weiterverarbeitet werden. Aus dieser „Überlagerungskombinatorik“ (Christopher Dell) entspinnt sich ein Perpetuum-Mobile-artiger Flow, der auf Schallplatte durch Klangverfremdungen und Cut-Up-Techniken noch radikalisiert wird. 

Christopher Dell (Jahrgang 1965), mit einem Background in Philosophie, der im Zweitberuf Architekturtheorie lehrt, ist der intellektuelle Kopf der Gruppe. Zwischen seinem ersten Album 1988 mit dem Bujazzo, dem deutschen Bundesjazzorchester, und der aktuellen Einspielung des DLW-Trios liegen nicht nur 35 Jahren, sondern Welten – Klangwelten! 


Christopher Dell (Foto: Astrid Ackermann)




 

Nach einem Studium beim Vibrafonisten Gary Burton am renommierten Berklee College of Music in Boston, kehrte Dell nach Deutschland zurück, um mit Saxofonaltmeister Heinz Sauer und Schlagzeug-Größe Wolfgang Haffner zu musizieren. Danach begann für den Vibrafonisten die langwierige Erkundung einer Idee, die ihn immer weiter weg vom amerikanischen Jazz und tiefer hinein in die Gefilde der europäischen E-Musik-Avantgarde führten, ein Paradigmenwechsel, den er mit Christian Lillinger (Drums) und Jonas Westergaard (Bass) noch entschiedener vollzog. „Als Europäer schwebte mir eine andere Form von Jazz vor als die amerikanische,“ beschreibt Dell seinen Standpunkt.

Die Abkehr vom amerikanischen Modell fand allerdings nicht im Zeitraffer statt, sondern war eine kollektive, langwierige, intellektuelle und praktische Anstrengung. „Unser Konzept ist nur durch unablässiges Proben als Gruppe zu erreichen,“ erklärt Dell. „Die Musik muß ins Unterbewußtsein eingehen, in den Körper und die Motorik übergehen, sonst funktioniert es nicht.“ Die drei nutzten die Zwangspause der Pandemie, um sich in intensivste Probearbeit zu stürzen, war doch plötzlich ein Übermaß an Zeit vorhanden. Dell ist sich sicher: „Unter normalen Bedingungen hätten wir das nie geschafft!“ 

Die unermüdliche Übungspraxis setzt einen starken Glauben an die gemeinsame Kunstmission und ein hohes Maß an Pflichtbewußtsein voraus, was in der Jazzszene heute alles andere als üblich ist, kommen Musiker doch meistens nur recht flüchtig für eine paar Auftritte zusammen. Anders Dell-Lillinger-Westergaard: Seit zwölf Jahren besteht die Formation in derselben Besetzung, wobei nur für spezielle Projekte Gastmusiker herangezogen werden, ob der Violinist Mat Maneri, die Pianistin Tamara Stefanovich oder die E-Musik-Avantgardisten vom Klangforum Wien. 


Dell-Lillinger-Westergaard & Brecht – live / Evangelische Stueler Kirche, Peitz (Youtube)




 

Solche langjährige Hingabe an ein einziges Bandprojekt ist selten, weil nicht leicht mit dem Leben als Jazzmusiker zu vereinbaren, da man – gerade in Berlin – in vielen Gruppen aktiv sein muß, um finanziell über die Runden zu kommen. Als hochgefragte Musiker der dortigen Szene sind Dell, Lillinger und Westergaard in etliche Seitenprojekte involviert. Vor allem der junge Schlagzeug-Star Christian Lillinger brennt vor Energie und hält gleich mehrere Bandprojekte am Laufen, ob das Trio Punkt.Vrt.Plastik, das Quartett Amok Amor oder das Duo mit dem Tastenmusiker Elias Stemeseder. Daneben spielt er außerdem in einer Supergruppe mit dem Keyboard-Meister Michael Wollny und dem französischen Saxofonstar Émile Parisien zusammen. Trotz all der Aktivitäten gelingt es Dell-Lillinger-Westergaard immer wieder, Auszeiten fürs Proben zu finden.

 

Zur Ensemblearbeit kommt das Solospiel. Da die Arbeit in der Gruppe für Christopher Dell immer Vorrang hatte, haben erst Konzertanfragen ihn zu einem Soloprogramm inspiriert. Ganz Methodiker, schuf der Vibrafonist zuerst unter der Überschrift „Monodosis“ einen Rahmen, um die Sache nicht zerflettern zu lassen. Mit dem Terminus „Fond“ werden die einzelnen Stücke bezeichnet, die durch das Entstehungsdatum oder die Nummer der Schallplatte, auf der sie erschienen sind, einen formelhaften Titel erhalten. 

 

Wie andere Leute Frühgymnastik machen, tritt Dell jeden Morgen an sein Instrument, um den Tag mit einer ersten Übungssession zu beginnen. „Es werden Spieltechniken ausgelotet, sowie die Klangmöglichkeiten des Vibrafons erforscht,“ erklärt er. Sein oszillierend-flirrender Sound, dem das Psychedelische von Natur aus eingeschrieben zu sein scheint, macht das Vibrafon als Schlaginstrument einerseits extrem konkret und körperlich, gleichzeitig hochgradig abstrakt, kurzum: zum idealen Klangerzeuger eines Stroms schwebender Töne, die feinnervig wuchern, sich verästeln und verzweigen und so die ganze Klanglichkeit des Vibrafons zum Vorschein bringt. Für den Berliner Musiker hat die jahrelange „musikalische Recherchearbeit“ Früchte getragen. Seine „neue Neue Musik“ (Dell) ist, ob im Solospiel oder bei DLW, wenn nicht ihrer Zeit voraus, so doch vollkommen einzigartig.  

 

Dell-Lillinger-Westergaard: Beats 2 (Plaist)

Dell-Lillinger-Westergaard: Extended Beats (bastille musique; erscheint im Herbst 2023)

Christopher Dell: Monodosis III (Edition Niehler Werft)


Der Text erschien zuerst in der Neue Zürcher Zeitung (NZZ)

 

 

Tuesday, 25 May 2021

Post-Jazz aus Germany

Der Intensitätskern der 'super structure'

Zwei Trios mit Drummer Christian Lillinger


cw. ist der Name eines Trios, das aus der slowenischen Pianistin Kaja Draksler, dem schwedischen Bassisten Petter Eldh und dem deutschen Schlagzeuger Christian Lillinger besteht. Die Gruppe hebt sich von der Vielzahl konventioneller Jazzpianotrios ab, die in den letzten zwei Jahrzehnten versucht haben, aus diesem Format neue kreative Funken zu schlagen, indem sich Punkt. Vrt. Plastik quer zur Tradition stellt. Die Formation knüpft weder an Bill Evans noch an Keith Jarrett an, sondern verortet sich zwischen Turntablism, Drum ‘n’ Bass, Hiphop, dem Klavierwerk von Ligeti und Nancarrow sowie den Verdrehtheiten eines Thelonious Monk und den manischen Freejazz-Verausgabungen eines Cecil Taylors, obwohl die Musik des Ensembles alles andere als “free” ist. 

 

Verschiedene Elemente treten in den einzelnen Stücken mehr oder weniger stark hervor und werden in unterschiedlicher Weise akustisch verarbeitet. Jedes Stück besitzt einen Intensitätskern, der weniger entfaltet als manifestiert wird, wobei repetitive Steigerungen und Verdichtungen eine wesentliche Rolle in der Dramaturgie spielen. Die Spannung entspringt einer untergründig nervösen Energie, die aus der Gleichzeitigkeit von Hyperaktivität und Zähflüssigkeit, Bewegung und Beharrung, Verdichtung und Ausdünnung erwächst. Zumeist sind es winzige Verfremdungen, ob rhythmischer oder klanglicher Natur, die aufhorchen lassen, sei es, dass durch die Dopplung mit einem zweiten, minimal anders gestimmtem Klavier sonderbare Schwebetöne entstehen oder die Schlagzeug-Grooves sich regelmäßig unregelmäßig verhaken, wie wenn eine Vinylplatte fortwährend am gleichen Kratzer hängen bleibt. Die Kompositionen kennen keine stringente Entwicklungslinien, sondern kreisen um ein gesetztes Motiv, das wiederholt und dabei stetig leicht verschoben wird, bis es am Ende einfach unversehens abreißt.




 

Ganz anders funktioniert das Trio von von Christopher Dell (Vibrafon) und Jonas Westergaard (Baß), bei dem wiederum Christian Lillinger am Schlagzeug sitzt. Vom Eröffnungstrack einmal abgesehen, der als eine Art Einstimmung dient, stehen “Beats” – so der Titel des Albums – im Mittelpunkt, getragen vom Sound einer harten Snaredrum und einer lange nachhallenden Bassdrum, die vom Kontrabaß geerdet und von den kreisenden Motiven des Vibrafons umspielt werden, während Sound-Einblendungen, Verfremdungen und Verfärbungen gelegentlich für beinahe psychedelische Momente sorgen. Das Album besteht aus einer übergreifenden “super structure”, die im Studio in dreizehn “Configurations” zerlegt wurde. Manchmal hebt die Musik in kosmische Sphären ab, während darunter das Schlagzeug unermüdlich pumpt und pulsiert, und Christopher Dell mit akkordischem Spiel, Schwebetönen oder vertrakten Ostinatofiguren Akzente setzt. Summa summarum geben die beiden Alben eine Ahnung vom Jazz der Zukunft, die hoffnungsfroh stimmt. Off-Jazz oder Post-Jazz könnte man die Stilrichtung nennen. 


Punkt. Vrt. Plastik – Kaja Draksler, Petter Eldh, Christian Lillinger: Somit (Intakt Records)

Dell Lillinger Westergaard: Beats (Plaist)