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Monday, 29 December 2025

SCHEIBENGERICHT Nr. 51: Jonah Parzen-Johnson & Lau Nau

Jonah Parzen-Johnson & Lau Nau

A Few We Remember

We Jazz Records



Der Amerikaner Jonah Parzen-Johnson hat sich ganz aufs Baritonsaxofon spezialisiert und mit etlichen Soloalben die Möglichkeiten von Multiphonics, Spalt- und Materialklängen sowie Obertonphänomen erkundet und Erstaunliches zu Tage gefördert. 


Lau Nau nennt sich die finnischen Elektronikerin Laura Naukkarinen, die in den letzten Jahren gleichfalls durch verschiedene Einspielungen aufhorchen ließ, ob als Solistin oder mit Partnern. Im Duo mit Parzen-Johnson legt sie jetzt ein Album vor, das durch Feinfühligkeit, Farbenreichtum und Originalität besticht.



Der Kontrast zwischen elektronischen Sounds und dem natürlichen Bläserklang bildet den Kern dieser Improvisationen, die durch ihr Formbewußtsein wie ausgefeilte Kompositionen wirken. Lau Nau grundiert die ruhigen, singbaren Saxofonmelodien mit Ostinati aus dem Fundus der Minimal Music. Durch spezielle Blastechniken, die die Materialität des Instruments hervortreten lassen, schafft es Parzen-Johnson, sein Baritonsaxofon – besonders in den tiefen Lagen – manchmal fast elektronisch tönen zu lassen, was spannungsreiche Reibungen mit den Loops und Drones vom Laptop ergibt. Parzen-Johnson ist kein Vielspieler, ebensowenig kleistert Lau Nau jede Leerstelle zu. Die beiden pflegen vielmehr einen sparsamen Umgang mit Tönen, halten Noten so lange aus, bis feinste Schwebungen hörbar werden.

Hörprobe:


PS: Die Kritik erschien rsprünglich im hochwertgeschätzten Musikmagazin JAZZTHETIK (jazzthetik.de)

Monday, 3 October 2022

'In C' von Terry Riley elektronisch interpretiert von The Young Gods

Elektronische Abenteurer

 

The Young Gods spielen die Ursonate der Minimalmusik

 

The Young Gods (Promo / Charlotte Walker)

 

cw. Als Popband sind sie eine Institution: The Young Gods aus Fribourg sind vielleicht die international einflussreichste Schweizer Rockgruppe. Pop-Größen wie David Bowie, Mike Patton (Faith No More) oder The Edge von U2 haben sich von ihrer Musik inspirieren lassen. Seit 37 Jahren befindet sich die Band auf einer musikalischen Odyssee, die sie von Post-Punk und Industrial Rock über akustische Klänge und Ambient-Sounds zu den Songs von Kurt Weill und des Woodstock-Festivals führte. Solche Abstecher wurden meistens durch Impulse von außen angestoßen, von Personen, denen die Musiker begegneten, oder durch Musik, die ihnen gefiel. „Dadurch hat sich unsere Fahrtrichtung immer wieder geändert,“ stellt Bandleader Franz Treichler fest.

 

The Young Gods wurden seit Ende der 1980er Jahre vor allem durch ihre Arbeit mit Samplern berühmt. Die Instrumente, die auf ihren Platten zu hören sind, wurden nicht wirklich gespielt, sondern aufgenommen, um sie mittels Keyboard abzurufen. Auch wenn die Band zu Beginn noch nicht durch und durch elektronisch klang, kamen doch alle Sounds vom Sampler, egal ob Natur- oder Umweltgeräusche, Gitarre, Geige oder Baß. „The Young Gods entstanden wegen der Technologie, davor habe ich in einer anderen Band Gitarre gespielt,“ erklärt Treichler. „Als der erste erschwinglicher Sampler auf den Markt kam, veränderte das vollkommen meine musikalische Praxis. Mit den Young Gods begann mein elektronisches Abenteuer.“  

 

Die kreative Arbeit mit dem Sampler, der inzwischen vom Laptop abgelöst wurde, ist ein sehr persönlicher Prozeß: Ideen werden gesammelt, Klänge und Geräusche aufgenommen und bearbeitet. Dann treffen sich die drei Bandmitglieder im Proberaum zu Jam-Sessions, bei denen improvisiert und mit dem Klangmaterial gespielt wird, bis sich Strukturen, Melodien oder Riffs herausschälen. „Jeder bringt Ideen ein,“ beschreibt Schlagzeuger Bernard Trontin die Arbeitsweise. „Ich steuere nicht nur Drum-Beats bei, sondern komme auch mit Sounds daher, die ich gesampelt habe, oder elektronischen Loops, die mir interessant erscheinen.“ Während der Jam-Sessions entwickeln sich die Arrangements, wobei Trontin versucht, jeder Nummer einen speziellen Rhythmus maßgerecht auf den Leib zu schneidern.




Gerade haben The Young Gods ein Album eingespielt, das von dieser bewährten Praxis abweicht. Sie haben die Komposition „In C“ von Terry Riley aufgenommen, das Stück, das als Initialzündung der amerikanischen Minimalmusik gilt. Die Ursonate des Minimalismus erlebte im November 1964 in San Francisco ihre Uraufführung, bei der viele, der später tonangebenden Minimalisten und Elektroniker als Musiker mitwirkten, von Steve Reich über Pauline Oliveros bis zu Morton Subotnick. Phil Lesh, der Bassist der psychedelischen Rockband The Grateful Dead, schaute öfters bei den Proben vorbei. 


„In C“ wurde als Sensation gefeiert und machte Terry Riley über Nacht zu einem Star der Subkultur. The Who widmete ihm das Stück „Baba O’Riley“ und die progressive Rockgruppe Curved Air benannte sich nach seiner Komposition „A Rainbow in Curved Air“. Bis heute erfreut sich „In C“ anhaltender Beliebtheit in der Popszene. In London waren Musiker von Stereolab vor ein paar Jahren an einer Aufführung beteiligt, wofür sie eigens das Notenlesen lernten. Der Gitarrist von Portishead Adrian Utley präsentierte das Stück 2013 mit einen „Guitar Orchestra“, während Blur-Sänger Damon Albarn ein Jahr später nach Mali reiste, um mit der Gruppe Africa Express eine Version mit Balafonen, Kalimbas, Koras und Djembe-Trommeln einzustudieren.

 

Und jetzt The Young Gods. Gekonnt verwandeln sie „In C” in ein elektronisches Wunderwerk, bei dem Beats und Loops in aufregender Manier ineinandergreifen. Wieder kam der Anstoß von außen und von ungewöhnlicher Seite. Benedikt Hayoz, der junge Dirigent des hochkarätigen Fribourger Blasorchesters Landwehr, dessen Geschichte mehr als 200 Jahren zurückreicht, brachte die Young Gods auf die Idee. Treichler kannte das Stück, hatte aber nie in Betracht gezogen, es selber einmal zu spielen. „Als uns Benedikt Hayoz eine Kooperation vorschlug, stellte ich mir das Stück gespielt von hundert Bläsern und den Young Gods vor,“ so Treichler. „Eine reizvolle Vision.“ 

 

Proben wurden anberaumt, die Spielregeln der Partitur erläutert und einstudiert. Langsam nahm das Projekt Gestalt an. Dann präsentierten die Young Gods mit dem Landwehr-Blasorchester das Stück etliche Male „live“. „Es gefiel uns so gut, dass wir Lust bekamen, die Komposition als elektronisches Powertrio aufzunehmen,“ erinnert sich Treichler. Nach etlichen weiteren Aufführungen mit einem Tanzensemble, ging es ins Studio, wo ein halbes Dutzend Versionen aufgezeichnet wurden und dann die beste ausgewählt. „Nie ist es das gleiche Stück, obwohl es Vorgaben gibt, die aber so flexibel sind, dass es jedesmal anders klingt,“ erklärt Drummer Bernard Trontin.


The Young Gods play Terry Riley 'In C' / part 1 (youtube) 


 

Für ihn stellte die Komposition eine besondere Herausforderung dar. Weil in der Partitur kein Schlagzeug vermerkt ist, musste Trontin seinen eigenen Part erfinden. Aus den 53 vorgegebenen musikalischen Modulen, von denen manche nur aus drei Noten bestehen, entwickelte er individuelle Trommelrhythmen. „Ich übersetzte jede Sektion in ein spezielles Schlagmuster,“ erzählt der Drummer. „Dann musste ich äußerst genau hören, was zwischen den beiden elektronischen Instrumenten passierte, um schnell darauf reagieren zu können.“ 

 

Das Ergebnis ist eine knapp 60minütige, vor Spannung und Elektrizität knisternde Version des Ursprungswerk der Minimalmusik, knapp 60 Jahre nach seiner Geburt. Jetzt sind die Young Gods gespannt, was Komponist Terry Riley dazu sagen wird.

 

The Young God play Terry Riley In C (Two Gentlemen Records)


Dazu meine Radio-Sendung auf SWR Kultur:

https://www.swr.de/swrkultur/musik-jazz-und-pop/die-ursonate-der-minimal-music-in-c-von-terry-riley-100.html

Friday, 5 January 2018

Die minimalistischen Anfänge des Krautrock: A. R. & MACHINES

In der Echoschleife

Ex-Rattle Achim Reichel kehrt mit seinem Krautrock-Projekt A.R. & Machines ins Scheinwerferlicht zurück


cw. In den sechziger Jahren wurde er mit den Rattles zum Popstar. Dann hob Achim Reichel 1970 mit A.R. & Machines ein psychedelisches Krautrock-Projekt aus der Taufe, das mit Loops und Echo-Gitarre arbeitete und revolutionär für die damalige Zeit war. Eine 10er-CD-Box unter dem Titel „The Art of German Psychedelic“ (BMG / Warner) dokumentiert jetzt diese abenteuerliche Phase in Reichels über 50jähriger Karriere. Für einen ausverkauften Auftritt in der Hamburger Elbphilharmonie hat er das Bandprojekt im September zu neuem Leben erweckt.

”Ich war ja noch ein ganz junger Kerl, als das mit den Rattles anfing,“ erinnert sich der Hamburger. ”Wir gewannen den Star-Club-Bandwettstreit, wurden zu einer Art Hausband dort, waren mit den Beatles auf Deutschland-Tour und sind mit den Stones in England aufgetreten. Für uns war das alles zu schön, um wahr zu sein.“ Der Einberufungsbefehl riß Reichel 1966 aus seinem Popstar-Dasein. Auch sein Manager konnte ihm den Wehrdienst nicht ersparen. Nach der Entlassung war seine Stelle bei den Rattles besetzt: Reichel gründete daraufhin 1968 die Gruppe Wonderland, die unter der Ägide von James Last, der als Produzent fungierte, mit „Moscow“ einen Hit landete. 

Doch Reichel hatte kühnere Pläne: 1970 gründete er A.R. & Machines, ein Bandprojekt, das sich der Underground-Rockmusik widmete und in dessen Zentrum Reichels Echo-Gitarre stand. Das waren ziemlich verwegene Klänge für einen ehemaligen Beatmusiker. Alben wie „Sgt. Pepper“ von den Beatles hatten die Tür aufgestoßen und Reichel animiert, sich als Schallplattenproduzent zu betätigen, wobei er deutsche Rockgruppen wie Ougenweide und Novalis im Studio betreute. Das Interesse an den Möglichkeiten des Studios wuchs, sein musikalischer Horizont weitete sich.
Ein Knopfdruck brachte dann die Erleuchtung. Als er eines Tages mit seinem neuen Akai-Tonbandgerät herumspielte, drückte er die Aufnahmetaste: „Das Gerät spielte alle Gitarrenläufe zurück, wodurch ein Gitarrenwald von musikalischen Linien entstand, die sich überlagerten und eine Polyphonie ergaben,“ erinnert sich Reichel an das Schlüsselerlebnis. „Ich dachte: ‘Das ist ja Wahnsinn!’ und überlegte, was ich damit machen konnte.“

Reichel rief die Band A.R. & Machines ins Leben, nahm das Debut-Album „Die grüne Reise“ auf und trat bald bei Underground-Festival auf, wie den Deutschrock-Meetings der Petards in Bad Hersfeld. 1972 eröffnete er mit seinem Loop-Rock vor 70 000 Popjüngern das 2. British Rock Meeting in Germersheim. „Wir haben das als eine Art Sessionmusik verstanden,“ erklärt er. „Es wurde viel improvisiert. Das war eine Musik, die ein gewisses Risiko beinhaltete und manchmal bewegten wir uns auf verdammt dünnem Eis.“

Bei den Krautrock-Festivals wurde der „Rock ‘n’ Roll-Fuzzi“ mißträuisch beäugt. „Was will den der hier?“ schienen sich einige zu fragen. Doch Reichel ließ sich nicht beirren. Vier Jahre lang war er mit den Machines aktiv, dann war das kreative Potential ausgereizt und er wandte sich anderen Projekten zu.
 

Als er letztes Jahr an der Wiederveröffentlichung des Gesamtwerks arbeitete, traf er zufällig seinen ehemaligen Konzertagenten Carsten Jahnke, der ihn drängte, das Projekt doch in der neueröffneten Hamburger Elbphilharmonie vorzustellen. Obwohl Reichel anfangs skeptisch war, wurde das Konzert ein phänomenaler Erfolg. Der ausverkaufte Saal jubelte dem Altrocker zu. Das Konzert in der Elbphilharmonie hat es leider nicht mehr in die CD-Box geschafft. Doch vielleicht wird es ja zu einem späteren Zeitpunkt noch veröffentlicht.

In der aktuellen Nummer der Musikzeitschrift JAZZTHETIK (Nr. 1/2, 2018) befindet sich ein Interview, das ich mich Achim Reichel über diese Phase seiner Karriere geführt habe.

A.R. & Machines: The Art of German Psychedelic 1970-1974 (10er CD-Box, BMG / Warner)

Saturday, 5 September 2015

JAZZTRENDS: Anna Webber goes Minimal

Klangfarbenkünstlerin

Die New Yorker Saxofonistin Anna Webber mit ihrer Gruppe Percussive Mechanics in Stuttgart und Singen

cw. Dass den Frauen im Jazz die Zukunft gehört, prophezeite schon in den fünfziger Jahren der Jazzerneuerer Lennie Tristano: Ihre größere Empathie und intuitiven Fähigkeiten prädestiniere sie für die improvisierte Musik! Bis heute hat sich Tristanos Vorhersage nur zum Teil bewahrheitet. Obwohl es inzwischen mehr Jazzpianistinnen, Saxofonistinnen und Schlagzeugerinnen gibt als je zuvor, sind die Männer weiterhin in der Überzahl. Doch treten in jüngster Zeit vermehrt junge Bandleaderinnen in den Vordergrund, die sich über die alten Rollenverteilung hinwegsetzen. Die Männerdomäne Jazz wird – wenn auch nur langsam - feminisiert.

Vor allem auf der New York Jazzszene haben sich in den letzten Jahren eine Handvoll starken Frauen hervorgetan: Die deutsch-amerikanische Saxofonistin Ingrid Laubrock gehört dazu, die Gitarristin Mary Halvorson und die Pianistin Kris Davis sowie Anna Webber, Saxofonistin und Flötistin, Komponistin und Bandleaderin, die aus Kanada in den “Big Apple” zog.

Eine Filiale ihrer Aktivitäten hat Webber nun in Berlin eröffnet, wo sie eine Gruppe namens Percussive Mechanics gegründet hat, die jetzt zu Gastspielen nach Stuttgart in die “Kiste” (10. September) und in die “Gems” zum Jazzclub Singen  (11. September) kommt.

Das Repertoire des Ensembles besteht aus Webbers eigenen Kompositionen, die sie den Musikern genau auf den Leib geschrieben hat. Dabei macht die Bandleaderin Anleihen bei der Minimal Music, indem sie Konstruktionsprinzipien wie Repetition und Schichtung in ihren modernen Jazz einbezieht. Oft wird eine kurze Melodie von einem Instrument angespielt und wiederholt, dann von einem anderen aufgegriffen und variiert. Ein Muster entsteht, das Webber weiter ausbaut, indem mehr und mehr Ebenen übereinander geschichtet werden. Die Melodieschlaufen verflechten sich und setzen ein Räderwerk in Gang, bei dem wie bei einem mechanischen Uhrwerk ein Zahnrad ins andere greift. Aus diesen Kompositionssequenzen schälen sich Improvisationen heraus, die langsam die musikalische Architektur auflösen, um sie danach in ein anderes Muster zu überführen.

Um ihre komplexen Kompositionen mit der nötigen Kompetenz in Szene zu setzen, hat Anna Webber eine Band aus Spitzenkönnern der Berliner Jazzszene zusammengestellt. Dazu gehört der junge Pianist Elias Stemeseder, der bereits im Trio des New Yorker Drummers Jim Black für Aufsehen sorgte. Zwei Schlagzeuger und ein Vibrafonist, der auch Marimba spielt, sorgen für eine starke rhythmische Grundierung, dazu bringen Saxofon, Klarinette, Querflöte und Kontrabaß eine bunte Klangfarbenmischung ein. Dass die Frauen in Zukunft im Jazz ein gewichtigeres Wort mitreden werden, daran dürfte kein Zweifel bestehen, wenn man Anna Webbers originelle Musik hört.


Wednesday, 22 January 2014

FLASHBACKS - Konzertplakat TERRY RILEY

TERRY RILEY gilt neben LaMonte Young als einer der Erfinder der 'Minimal Music'. In seiner Anfangszeit als 'performing artist' trat Riley in Konzerten mit einer elektrischen Orgel auf, auf der er mittels Loops, sich wiederholender Melodiepartikel und einem Echogerät seinen kleinteiligen Minimalismus entwickelte, zu hören auf dem Album "A Rainbow in Curved Air', dem die britische Rockband Curved Air ihren Namen verdankte. Das Konzertplakat stammt vom März 1969.



Dazu meine Radio-Sendung über Terry Rileys Komposition 'In C' für SWR Kultur: