Showing posts with label Billie Holiday. Show all posts
Showing posts with label Billie Holiday. Show all posts

Friday, 31 October 2025

SCHEIBENGERICHT Nr. 47: Keiji Haino & Reinhold Friedl

SCHEIBENGERICHT Nr. 47

Keiji Haino & Reinhold Friedl

truly, slightly, overflowing, whereabout of good will

zeitkratzer productions



Reinhold Friedl ist Leiter und Pianist des Ensembles Zeitkratzer, eine der führenden Gruppen zeitgenössischer Musik, auch in der Improvisation geübt. 2014 hat Zeitkratzer mit dem japanischen Vokalisten Keiji Haino ein Album veröffentlicht, und seither haben Friedl und Haino immer wieder zusammengearbeitet. 


Jetzt haben die beiden eine Platte vorgelegt, die in die Tiefenschichten der menschlichen Psyche führt oder auch in Urzeiten, bevor es überhaupt Sprache gab, wobei Phil Minton und Diamanda Galás grüßen lassen. Bei diesen vokalen Teufelsaustreibungen verwandelt sich Hainos Rachenraum in ein finstere Höhle, wo alle möglichen Geister und Dämonen hausen und einen schauerlichen Singsang anstimmen. Friedl hüllt die infernalischen Gesänge in dezente Klangnebel, die sich manchmal zu Texturen aus Schnarr- und Quitschgeräuschen aus dem Inneren des Flügels verdichten. 



Die erste der drei langen Improvisationen fängt mit Wimmern, Schluchzen, Krächzen und Jaulen an, bevor sich in Andeutungen der Protestsong “Strange Fruit” von Billie Holiday herauszuschälen beginnt. Das ist keine Musik, die den Fuß wippen läßt, aber trotzdem durch ihre kompromißlose Unbedingtheit den Zuhörer in den Bann zu ziehen vermag, vorausgesetzt man ist bereit, sich auf solch anschwellende Bocksgesänge einzulassen. 


Taster:

https://reinholdfriedl.bandcamp.com/album/truly-slightly-overflowing-whereabout-of-good-will


Thursday, 30 November 2023

Buchbesprechung: Peter Kemper – Sound of Rebellion

Widerstand

Die politische Geschichte des afroamerikanischen Jazz

 Jazz Composers' Guild, New York City 1964



 

cw. Wenn ein Buch „The Sound of Rebellion“ heißt, an wen denkt man da? Joan Baez, Gil Scott-Heron, vielleicht Ton Steine Scherben? Peter Kemper schlägt eine andere Richtung ein, die der Untertitel „Zur politischen Ästhetik des Jazz“ andeutet: Auf 750 Seiten geht es (fast) ausschließlich um die Widerstandsgeschichte des schwarzen Jazz in den USA.

 

Achtzehn Kapitel umfaßt das Buch, die chronologisch jeweils eine andere Musikerpersönlichkeit ins Zentrum rücken. Duke Ellington, Billie Holiday, Max Roach und Abbey Lincoln werden behandelt, auch Charles Mingus, Sun Ra, Albert Ayler und John Coltrane portraitiert, um mit Kamasi Washington, Matama Roberts und Moor Mother in der Gegenwart zu landen. Kempers Fragestellung ist immer dieselbe: Wie setzten bzw. setzen sich afroamerikanische Jazzmusiker und -musikerinnen mit der rassistischen Diskriminierung auseinander? 

 

Das Buch beginnt mit Louis Armstrong, der durch seine Erfolge zuerst zum Stolz der afroamerikanischen Community wurde, dann aber durch Anbiederungen an die weiße Mehrheitsgesellschaft bei Rassismus-Kritikern in Ungnade fiel, die er allerdings durch ein einziges Interview eines Besseren belehrte. Darin klagte der schwarze Jazztrompeter aus New Orleans den amerikanischen Präsidenten der Untätigkeit im Streit um den Schulzugang schwarzer Kinder an, sprich: der Komplizenschaft mit weißen Rassisten, wobei er auch im weiteren Verlauf der Auseinandersetzung nicht bereit war, die Anschuldigungen zurückzunehmen.  

 

Andere Kapitel erweitern den Blickwinkel und beschreiben Organisationsversuche schwarzer Gegenmacht. Im Kapitel über das Art Ensemble of Chicago wird die Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM) erwähnt, eine Musikerselbsthilfeorganisation, die 1965 in Chicago gegründet wurde. Ähnliche Ziele verfolgte die Jazz Composers‘ Guild, die ein Jahr zuvor in New York die „October Revolution in Jazz“ ausgerufen hatte. Kemper widmet ihr ein ganzes Kapitel und zeichnet die unterschiedlichen Interessen der Beteiligten nach, benennt Widersprüche und gegenseitige Animositäten, die letztlich zum raschen Verfall der Guild führten, während die AACM bis heute besteht. 


 

Das Buch ist eine Riesenleistung, auch wenn man nicht jede Einschätzung teilt und auf so manche Abschweifung zugunsten einer detaillierteren Betrachtung etwa von Rahsaan Roland Kirk gerne verzichtet hätte, der sich als blinder Schwarzer nicht auf „Planet Earth“ sondern auf „Plantation Earth“ wähnte. Faktensicher entfaltet Kemper das Thema in äußerst profunder und detaillierter Form, ohne den kritischen Blick auf die Protagonisten zu verlieren, wobei am meisten verblüfft, in welch souveräner Manier er als „alter weißer Mann“ (Kemper) durch dieses identitätspolitsch stark verminte Gelände pirscht – Chapeau! 

 

Peter Kemper: The Sound of Rebellion – Zur politischen Ästhetik des Jazz. 752 Seiten, 81 Abbildungen; Reclam Verlag; 38.- Euro


Marion Brown im französischen Fernsehen, 1967 (Youtube)



Cecil Taylor Unit 1969 'live' in Kopenhagen mit Andrew Cyrille (dr), Sam Rivers (tenor-sax) und Jimmy Lyons (alt-sax) (Youtube)