Showing posts with label Charles Mingus. Show all posts
Showing posts with label Charles Mingus. Show all posts

Thursday, 10 July 2025

SCHEIBENGERICHT Nr. 44: Antonio Borghini & Banquet of Consequences

Antonio Borghini & Banquet of Consequences

Resta Chi Va

We Insist! Records




Der Kontrabassist und Komponist Antonio Borghini, 1977 in Mailand geboren und heute in Berlin lebend, ist eine der originellsten Stimmen der zeitgenössischen italienischen Jazzszene. Banquet of Consequences heißt sein wahrhaft internationales Ensemble, das sich durchweg aus Berliner Jazzemigranten zusammensetzt. Mit von der Partie sind der französische Altsaxofonist Pierre Borel und der deutsch-britische Tenorsaxofonist Tobias Delius, der türkische Cellist Anil Eraslan und die japanische Pianistin Rieko Okuda sowie der Schlagzeuger Steve Heather aus Australien.


Anfang 2024 verbrachte Borghini längere Zeit in Marseille, wo die Kompositionen für dieses Albums entstanden sind, die dann im Herbst in einem Studiokonzert in Berlin “live” eingespielt wurden. Borghini lotet dabei das ganze Spektrum an Stilformen aus, die der Jazz seit seinen Anfängen zu bieten hat und die von einer Ragtime-Nummer bis zu avantgardistischen Geräuscherkundungen reichen, wobei auch argentinischer Tango, Klezmermusik und südafrikanischen Township-Jive anklingen. Überzeugend gelingt es Borghini und seinem Ensemble, all diese heterogenen Einflüsse organisch zu einem sinnvollen Ganzen zu verschmelzen, das vor Witz, Fantasie und musikalischer Virtuosität nur so strotzt und bei dem wohl Charles Mingus als Inspirationquelle Pate stand. 


Hörprobe:

Antonio Borghini & Banquet of Consequences – ... the dropper




Thursday, 30 November 2023

Buchbesprechung: Peter Kemper – Sound of Rebellion

Widerstand

Die politische Geschichte des afroamerikanischen Jazz

 Jazz Composers' Guild, New York City 1964



 

cw. Wenn ein Buch „The Sound of Rebellion“ heißt, an wen denkt man da? Joan Baez, Gil Scott-Heron, vielleicht Ton Steine Scherben? Peter Kemper schlägt eine andere Richtung ein, die der Untertitel „Zur politischen Ästhetik des Jazz“ andeutet: Auf 750 Seiten geht es (fast) ausschließlich um die Widerstandsgeschichte des schwarzen Jazz in den USA.

 

Achtzehn Kapitel umfaßt das Buch, die chronologisch jeweils eine andere Musikerpersönlichkeit ins Zentrum rücken. Duke Ellington, Billie Holiday, Max Roach und Abbey Lincoln werden behandelt, auch Charles Mingus, Sun Ra, Albert Ayler und John Coltrane portraitiert, um mit Kamasi Washington, Matama Roberts und Moor Mother in der Gegenwart zu landen. Kempers Fragestellung ist immer dieselbe: Wie setzten bzw. setzen sich afroamerikanische Jazzmusiker und -musikerinnen mit der rassistischen Diskriminierung auseinander? 

 

Das Buch beginnt mit Louis Armstrong, der durch seine Erfolge zuerst zum Stolz der afroamerikanischen Community wurde, dann aber durch Anbiederungen an die weiße Mehrheitsgesellschaft bei Rassismus-Kritikern in Ungnade fiel, die er allerdings durch ein einziges Interview eines Besseren belehrte. Darin klagte der schwarze Jazztrompeter aus New Orleans den amerikanischen Präsidenten der Untätigkeit im Streit um den Schulzugang schwarzer Kinder an, sprich: der Komplizenschaft mit weißen Rassisten, wobei er auch im weiteren Verlauf der Auseinandersetzung nicht bereit war, die Anschuldigungen zurückzunehmen.  

 

Andere Kapitel erweitern den Blickwinkel und beschreiben Organisationsversuche schwarzer Gegenmacht. Im Kapitel über das Art Ensemble of Chicago wird die Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM) erwähnt, eine Musikerselbsthilfeorganisation, die 1965 in Chicago gegründet wurde. Ähnliche Ziele verfolgte die Jazz Composers‘ Guild, die ein Jahr zuvor in New York die „October Revolution in Jazz“ ausgerufen hatte. Kemper widmet ihr ein ganzes Kapitel und zeichnet die unterschiedlichen Interessen der Beteiligten nach, benennt Widersprüche und gegenseitige Animositäten, die letztlich zum raschen Verfall der Guild führten, während die AACM bis heute besteht. 


 

Das Buch ist eine Riesenleistung, auch wenn man nicht jede Einschätzung teilt und auf so manche Abschweifung zugunsten einer detaillierteren Betrachtung etwa von Rahsaan Roland Kirk gerne verzichtet hätte, der sich als blinder Schwarzer nicht auf „Planet Earth“ sondern auf „Plantation Earth“ wähnte. Faktensicher entfaltet Kemper das Thema in äußerst profunder und detaillierter Form, ohne den kritischen Blick auf die Protagonisten zu verlieren, wobei am meisten verblüfft, in welch souveräner Manier er als „alter weißer Mann“ (Kemper) durch dieses identitätspolitsch stark verminte Gelände pirscht – Chapeau! 

 

Peter Kemper: The Sound of Rebellion – Zur politischen Ästhetik des Jazz. 752 Seiten, 81 Abbildungen; Reclam Verlag; 38.- Euro


Marion Brown im französischen Fernsehen, 1967 (Youtube)



Cecil Taylor Unit 1969 'live' in Kopenhagen mit Andrew Cyrille (dr), Sam Rivers (tenor-sax) und Jimmy Lyons (alt-sax) (Youtube)



Tuesday, 11 September 2012

CECIL TAYLOR - Das Tastentier


Das Tastentier

Cecil Taylors eruptiver Jazz



Im Herbst hätte der 83jährige Freejazzpianist zu Konzerten nach Deutschland kommen sollen. Er war auch für die Manufaktur in Schorndorf gebucht. Jetzt hat er alle Auftritte abgesagt.




von Christoph Wagner

Ich glaube, im März bin ich ihm zufällig in New York begegnet. Auf dem Broadway in Downtown Manhattan ging ein älterer schwarzer Herr mit Rastazöpfen, Sonnenbrille und nobler Kleidung an uns vorbei, der seltsame Worte vor sich hinraunte - Zauberformeln gleich. Erst als wir schon weiter gegangen waren, fiel mir plötzlich ein: Das könnte Cecil Taylor gewesen sein.

Gewissenhaft bereitet sich Taylor auf jedes Konzert vor. Schon Tage zuvor absolviert er ein rigoroses Übungsprogramm. Was dann folgt, ist die Attacke eines Karatekämpfers. Mit Intensität sausen die Hände auf die Tasten nieder und schleudern dissonante Akkorde, wuchtige Cluster und wilde Tonkaskaden hervor. Mit Fäusten, Ellbogen und Unterarmen bearbeitet er das Klavier. Cecil Taylors hebt den Jazz aus den Angeln. Das macht ihn zur umstrittensten Figur des Genres.

“Meine Mitmusiker packten schnell ihre Instrumente ein, als er eines Nachts nach einem Gig auftauchte,“ erinnert sich Schlagzeuger Sunny Murray an seine erste Begegnung mit dem Pianisten im Jahr 1959. “Sie sagten: ‘Das ist ein Verrückter - völlig durchgedreht!‘” Murray ließ sich nicht beirren und musizierte spontan mit dem Fremden, der ihn ziemlich aus dem Konzept brachte. “Ich hörte mittendrin einfach auf, so irritiert war ich.”

Die Begegnung mit Cecil Taylor markierte einen Wendepunkt in Murrays Karriere, stellte der Pianist doch alle Konventionen des Jazz in Frage. Bei ihm gab es weder einen swingenden Ryhthmus noch fortschreitende Akkordwechsel, keine Themen, keine Soli - nichts! Nur das wilde Durcheinander freier Improvisation. Doch je tiefer Murray in Taylors Klangwelt eintauchte, desto logischer kam sie ihm vor. “Seine Musik ist nicht chaotisch, sondern entlang eigener Parameter sorgfältig konstruiert und voller Rhythmus,” erläutert der Schlagwerker. Konzertbesucher sahen das anders. Manche warfen auf der Flucht nach draußen Tische und Gläser um, während Kritiker erklärten, “daß jeder mit einem Vorschlaghammer zu ähnlichen Ergebissen kommen könne.”

Hätten es nicht auch Zuspruch gegeben, wäre Taylor vielleicht ausgestiegen. “Zum erstes Clubgastspiel im New Yorker Five Spot kamen zur Eröffnungsnacht alle: John Coltrane, Eric Dolphy und Charles Mingus”, erzählt er. “Das gab uns Auftrieb, weil wir spürten, daß wir uns in die richtige Richtung bewegten.”

Solche Ermutigungen war hoch willkommen im zermürbenden Kampf um Akzeptanz und Auftritte. Kein Jazzclub wollte den Publikumsschreck engagieren. Kleine Cafes im East Village waren die einzigen Orte, wo sein Ensemble gelegentlich auftreten konnte. Auch Künstler und Fotografen stellten ihre Studios zur Verfügung. Aber mehr als ein paar Dollar warf das nicht ab. Um seine Musik in die Öffentlichkeit zu bringen, veranstaltete Taylor Privatkonzerte spätnachts in seiner Dachwohnung in Lower Manhattan. Als Drinks bot er den Besuchern Wasser an. Manchmal spielte er vor einer Handvoll Zuhörer, manchmal nur für sich alleine. 

Mit fortschreitendem Alter hat seine Musik an Variationsbreite gewonnen. Ob solo oder im Quartett  klingt nun zwischen dem eruptiven Powerplay auch lyrisches Spiel an, kurze Blues- und Bebop-Phrasen, ein nachhallender Akkord, eine kleine Melodie. Damit gewinnt sein Stil  wieder etwas von der luftige Qualität  zurück, die sie Mitte der  50er Jahre besaß, als sich Taylor aus Bebop und Hardbop in freies Terrain vortastete. Damals war er ein 25-jähriger Niemand und Außenseiter. Heute gilt er als eine der bedeutensten Musikerpersönlichkeiten der Gegenwart. Dazwischen liegen mehr als ein halbes Jahrhundert gegen den Strom schwimmen. 


Veröffentlichungen:
Cecil Taylor Quartet: Incarnation. FMP CD 123  ( http://www.fmp-label.de)
Cecil Taylor - The Willisau Concert. Intakt CD 072 (www.intaktrec.ch)