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Tuesday, 29 December 2020

Mani Neumeier: Krautrock-Urgestein wird 80

 „Gestatten – ich bin der Elektrolurch!”

 

Guru Guru-Bandleader Mani Neumeier wird achtzig – der Drummer gilt als Urvater des Krautrock

 


 


cw. In den 60er und 70er Jahren spielte er ganz vorne mit. Mani Neumeier galt neben den Monsterdrummern Ginger Baker (Cream) und Jon Hiseman (Colosseum) als einer der besten Schlagzeuger zwischen Jazz und Rock. Mit seinem originellen und kraftvollen Trommelspiel prägte er den Sound der Rockgruppe Guru Guru. Die Band war eine der profiliertesten Formationen des deutschen Underground und erregte selbst in Großbritannien und Frankreich Aufsehen. Am 31. Dezember wird der Schlagzeuger aus dem Odenwald 80 Jahre alt.

 

Neben seinen Trommelkünsten profilierte sich Mani Neumeier als versierter Entertainer. Er war einer der wenigen, der es verstand, psychedelische Sounds mit Schabernack und fröhlicher Ausgelassenheit zu verbinden. Mit dem „Elektrolurch” schuf er eine Bühnenfigur, die lange bei Auftritten für Spaß und gute Laune sorgte. Wenn sich Neumeier die bunte Maske mit üppigen Kopfschmuck überstülpte und auf der Bühne herumtollte, geriet das Publikum regelmäßig aus dem Häuschen.

 

Jazz war Neumeiers erste Leidenschaft. 1940 in München geboren, kehrte er 1953 nach der Scheidung der Eltern mit seiner Schweizer Mutter nach Zürich zurück. Hier absolvierte er eine Klempner-Lehre und fing mit 17 mit dem Schlagzeugspiel an. Ein Auftritt von Louis Armstrong brachte ihn zum Jazz. 1963 traf der junge Drummer die Pianistin Irène Schweizer und absolvierte erste Auftritte mit deren Trio. Tagsüber schuftete Neumeier auf dem Bau, nachts trat er in Jazzkellern auf. Immer tiefer tauchte er in die aufkeimende Freejazz-Szene ein. Er spielt mit dem Manfred Schoof Quintett, mit Alexander von Schlippenbachs Globe Unity Orchestra und Wolfgang Dauner. 

 

„Ich war der erste Drummer in Europa, der frei spielte,“ meint er heute selbstbewußt. Allerdings war das Jazzpublikum überschaubar, und Neumeier wollte höher hinaus. 1968 sagte er dem Jazz ade und gründete die Rockgruppe Guru Guru. “Wir waren wegen Jimi Hendrix von den Klänge fasziniert, die man mit elektrischen Instrumenten und Verstärkern machen konnte,“ erinnert er sich. Die Band hatte mit ihren wilden Sounds Erfolg, die oft unter Drogeneinfluß produziert wurden. Das kam an. Über Jahre füllte Guru Guru die mittelgroßen Hallen in der Bundesrepublik, obwohl der große Durchbruch aufs internationale Parkett nie gelang.  

                     Mani Neumeier bei einer Straßenaktion anläßlich der Internationalen Essener Songtage 1968



 

Guru Guru stand über Jahrzehnte im Zentrum von Neumeiers Aktivitäten. Dazu kamen Seitenprojekte, ob mit Conny Plank, Dieter Möbius oder Musikern der Gruppe Kraan. Vor allem die ethnischen Klänge Asiens zogen ihn mehr und mehr in den Bann. Indische Trommeln, balinesische Gamelan-Musik, japanisches Gagaku. Der Tavil-Trommler Paramashivan Pillai wohnte zeitweise in der Guru Guru-Kommune im Odenwald und weihte Neumeier in die Geheimnisse der indischen Trommelkunst ein. Lange Jahre verbrachte Neumeier den Winter in Indien. 

 

Obwohl die Blütezeit längst vorbei ist, hält Neumeier das Banner des „Krautrock” weiterhin hoch. Vor allem in Japan steht er noch immer hoch im Kurs. Junge Musiker dort vergöttern ihn als einer der Urväter des Underground. Mit Mitgliedern der japanischen Rockgruppe Acid Mother Tempel hat er das Powertrio Acidmotherguruguru gegründet. Auch mit 80 Jahren und 60 Jahren auf der Bühne denkt Mani Neumeier noch lange nicht ans Aufhören.

Thursday, 18 July 2013

Magier am Mischpult: CONNY PLANK


Magier am Mischpult

Eine 4er-CD-Box gedenkt dem Studiozauberer Conny Plank


 cw. Einmal brachte er von draußen eine Grille ins Studio. Er baute Mikrofone um das Insekt auf und forderte die Musiker auf, zu den Zirp-Tönen zu improvisieren. Conny Planks Fantasie und Experimentierfreude kannten keine Grenzen. Er war ein Alchemist der Töne. Als Magier am Mischpult verwandelte er das Studio zum Soundlabor mit ungeahnten Möglichkeiten.

Kein Wunder, dass experimentelle Rockgruppen, aber auch Popbands, Jazzmusiker und Schlagerleute, sich seiner Künste versicherten. Plank produzierte die ersten Alben von Kraftwerk, auch die Debut-LP der Scorpions, dazu Cluster und Neu!. Brian Eno kam nach Wolperath bei Bonn in “Conny’s Studio”. Das machte den deutschen Toningenieur auch in Großbritannien bekannt und zu einem gefragten Mann. Ob Ultravox, Devo, David Bowie, Killing Joke oder die Eurythmics – alle wollten  mit ihm arbeiten. In den siebziger und achtziger Jahren avancierte Plank zu einem der stilprägenden Produzenten, der “Pop made in Germany” als Markenzeichen auf der Weltkarte des internationalen Musikbusiness’ etablierte.

Den Startschuß hatten Jimi Hendrix, die Beatles und Pink Floyd gegeben. Ihre Alben in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre revolutionierten die Vorstellungen von den Möglichkeiten des Studios. Davon ließ sich Plank inspirieren. Er erkannte im Tonstudio nicht mehr nur einen Ort purer Musikdokumentation, sondern ein Instrument im kreativen Prozeß.

In die Lehre war Plank bei der Avantgarde gegangen. Im elektronischen Musikstudio von Karlheinz Stockhausen in Köln lernte er Anfang der sechziger Jahre mit Tonbändern und Reglern umzugehen. Als die Gruppe Kluster (später in Cluster umbenannt) 1970 ihr Debut-Album “Klopfzeichen” aufnahmen, begegneten sie im Rhenus-Studio in Köln einem jungen Toningenieur voller Lust auf Neues. “Conny Plank ließ uns jede Freiheit. Wir konnten machen, was wir wollten. Er hatte eine Riesengeduld und hat alles mit uns durchgezogen,” erinnert sich Dieter Möbius von Kluster.


                                                                                                                                      Fotos: Stephan Plank
Studiozeit war teuer, normalerweise wurde rund um die Uhr gearbeitet. Plank bevorzugte die Nachtschicht. Er nahm das Ensemble des Freejazzers Alexander von Schlippenbach auf, dann das Debutalbum der amerikanischen Gruppe Sweet Smoke, die damals in Deutschland lebte. Für die Aufnahmen der ersten LP von Kraftwerk setzte Plank kein normales Drumset ein, sondern schleppte ein Kinderschlagzeug an. “Es wurde viel ausprobiert,” erinnert sich Klaus Löhmer, damals sein Assistent. “Das ‘Phasing’ war seine Spezialität. Man ließ zwei Bandmaschinen parallel laufen und bremste dann die eine mit der Hand ein bißchen ab, wodurch feine Schwebungen entstanden.”

1974 hatte Plank genug Geld gespart, um auf eigenen Beinen zu stehen. Mit seiner Lebensgefährtin, der Schauspielerin Christa Fast, richtete er im Weiler Wolperath-Seelscheid bei Bonn sein eigenes Studio ein - im ehemaligen Schweinestall eines Bauernhofs. Fünfzehn Jahre lang wurden hier spannende Produktionen realisiert.

Herbert Grönemeyer pflegt seit längerem eine Vorliebe für die Eskapaden der frühen deutschen Rockmusik. Auf seinem Grönland-Label hat er Alben der Gruppe Neu wiederveröffentlicht und eine ‘Live’-Aufnahme von Harmonia herausgegeben. Jetzt setzt er mit einer Box von vier CDs Conny Plank ein Denkmal, der 1989 verstarb. Dabei sind viele, mit denen Plank gearbeitet hat: Neu, Cluster, Brian Eno, die Eurythmics, auch La Düsseldorf und D.A.F. Andere fehlen: Kraan, Exmagma, Ultravox, David Bowie sowieso. Eine CD mit Remixen holt frühe Tracks in die Gegenwart und auf der vierten Scheibe ist ein Konzertmitschnitt von Plank aus dem Jahr 1986 enthalten, der die Schnittstelle zwischen Pop und avantgardistischer Elektronik auslotet. Beim Hören wird klar: Immer wieder von Neuem riß Conny Plank den Horizont weit auf.

Who’s That Man – A Tribute To Conny Plank (Grönland)

Der Artikel erschien zuerst in der NZZ.