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Tuesday, 19 October 2021

Krautrock: 'Future Sounds'-Buchbesprechung

„If you remember the sixties, you were not there!“

 

Nach 1968 entwickelte sich in Deutschland eine wilde neue Musik  – die Buchneuerscheinung "Future Sounds" von Christoph Dallach zeichnet den Aufstieg des Krautrock nach




cw. Sie zogen raus aufs Land, quartierten sich in verlassenen Bauernhöfen oder leerstehenden Schulhäusern ein, wo man rund um die Uhr laut Musik machen konnte, ohne jemanden auf die Nerven zu gehen. Gelegentlich fuhren die jungen Bandmusiker am Wochenende im verbeulten VW-Bus in eine größere Stadt, um im Jugendzentrum oder einem alternativen Club ein Konzert zu geben, für Gagen, die kaum zum Leben reichten. Man lebte nach  urkommunistischen Vorgaben, versuchte jegliche Konvention abzustreifen und suchten Transzendenz in psychedelischen Substanzen.


So oder ähnlich klingen die Überlieferungen aus der Zeit nach 1968, als in Westdeutschland eine neue Popmusik entstand, die weltweit bald unter dem Namen „Krautrock“ für Furore sorgte. Stars wie David Bowie, Brian Eno, Iggy Pop oder die Red Hot Chili Peppers gaben sich als Bewunderer zuerkennen und ließen sich von den abenteuerlichen Sounds aus Germany inspirieren. Die innovativsten Klänge stammten von Gruppen, die sich Kraftwerk, Can, Faust, Tangerine Dream, Cluster, Neu! oder Amon Düül 2 nannten und international zu Bannenträgern des neuen Genres wurden, das bis heute weltweite Strahlkraft besitzt und immer neue Scharen junger Musiker beeinflußt.

 

Im Buch „Future Sounds“ beleuchtet der Musikjournalist Christoph Dallach diese bedeutende Weichenstellung der westdeutschen Popgeschichte. Dabei kommen vor allem solche Musiker zu Wort, die zum erste Mal nicht mehr englischen oder amerikanischen Vorbildern folgten, sondern sich um eigene Ausdrucksformen bemühten, bei denen Improvisation und Experiment im Zentrum standen. Diese Pfadfinder neuer Stilformen ließen mit Klängen aufhorchen, wie man sie bis dahin noch nie gehört hatte, ob wohligen Synthesizerelegien, motorischen Rockgrooves oder esoterischen Klangcollagen. 


Can mit Sängerin Christine Lingh 


 

Das Buch von Dallach besteht ausschließlich aus Interviews mit mehr als sechzig Zeitzeugen, die weder kommentiert noch erläutert werden. O-Ton-Schnipsel aus den Gesprächen bündelt Dallach geschickt zu thematischen Schwerpunkten. Es beginnt in den 1950er Jahren (Nachkriegsjugend, Jazz), dann wird die Jugendrevolte der 1960er Jahre (lange Haare, WGs, Drogen) umkreist, um schließlich in den 1970er Jahre zu landen, wo die Musik vollends in den Vordergrund rückt und die führenden Formationen sowie einflußreiche Persönlichkeiten wie Rolf Ulrich Kaiser und Conny Plank mit eigenen Kapiteln bedacht werden. Dem schließt sich ein Ausblick in die Zukunft an, bei dem die Bedeutung des „Krautrock“ für die Musikhistorie noch einmal unterstrichen wird. 

 

Für Eingeweihte, die mit der Thematik und den Akteuren vertraut sind, mag dieses Patchwork-Verfahren einen gewissen Reiz besitzen, für Neueinsteiger kann es dagegen zu  einem Wirrwarr aus Stimmen und Meinungen zerfransen. Zudem liegt bei dieser Art der mündlichen Geschichtsschreibung Dichtung und Wahrheit oft eng beieinander, weil nach so vielen Jahrzehnten die Erinnerungen mehr und mehr verschwimmen und verblassen. „If you remember the sixties, you were not there!“ warnt ein Spruch aus den Woodstock-Jahren. Die Tendenz zur Selbstbeweihräucherung und Eigenstilisierung einzelner Musiker ist dann auch unüberhörbar, gerät gelegentlich fast schon zur peinlichen Prahlerei. 


Tangerine Dream, 1970 (Foto: Hudalla)




 

Im Fall von Kraftwerk stößt die Interview-Methode vollends an ihre Grenzen, da die Hauptakteure Ralf Hütter und Florian Schneider (1947-2020) seit langem keine Interviews mehr gaben, ja sogar die Frühphase der Band (inklusive der Vorgängergruppe Organisation) am liebsten aus den Geschichtsbüchern getilgt hätten. Andere Protagonisten sind bereits verstorben, so dass Dallach sich in diesen Fällen aufs dünne Eis des Hörensagens begibt. 

 

Wenn sich der Leser dieser Schwächen bewußt ist und außerdem die Musiker-Statements mit einer Prise Salz goutiert, kann man die Veröffentlichung als materialreiche Quellensammlung mit Gewinn lesen, kommen darin doch noch einmal etliche Beteiligte ausführlich zu Wort, die – altersbedingt – bald nicht mehr ihre Sicht der Dinge darlegen können, wenn sie nicht – wie Dieter Moebius – zwischenzeitlich bereits verstorben sind. 

 

Christoph Dallach: Future Sounds – wie ein paar Krautrocker die Popwelt revolutionierten. Suhrkamp Taschenbuch; 511 Seiten mit einigen SW-Fotos; 18 Euro 

 

Thursday, 18 July 2013

Magier am Mischpult: CONNY PLANK


Magier am Mischpult

Eine 4er-CD-Box gedenkt dem Studiozauberer Conny Plank


 cw. Einmal brachte er von draußen eine Grille ins Studio. Er baute Mikrofone um das Insekt auf und forderte die Musiker auf, zu den Zirp-Tönen zu improvisieren. Conny Planks Fantasie und Experimentierfreude kannten keine Grenzen. Er war ein Alchemist der Töne. Als Magier am Mischpult verwandelte er das Studio zum Soundlabor mit ungeahnten Möglichkeiten.

Kein Wunder, dass experimentelle Rockgruppen, aber auch Popbands, Jazzmusiker und Schlagerleute, sich seiner Künste versicherten. Plank produzierte die ersten Alben von Kraftwerk, auch die Debut-LP der Scorpions, dazu Cluster und Neu!. Brian Eno kam nach Wolperath bei Bonn in “Conny’s Studio”. Das machte den deutschen Toningenieur auch in Großbritannien bekannt und zu einem gefragten Mann. Ob Ultravox, Devo, David Bowie, Killing Joke oder die Eurythmics – alle wollten  mit ihm arbeiten. In den siebziger und achtziger Jahren avancierte Plank zu einem der stilprägenden Produzenten, der “Pop made in Germany” als Markenzeichen auf der Weltkarte des internationalen Musikbusiness’ etablierte.

Den Startschuß hatten Jimi Hendrix, die Beatles und Pink Floyd gegeben. Ihre Alben in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre revolutionierten die Vorstellungen von den Möglichkeiten des Studios. Davon ließ sich Plank inspirieren. Er erkannte im Tonstudio nicht mehr nur einen Ort purer Musikdokumentation, sondern ein Instrument im kreativen Prozeß.

In die Lehre war Plank bei der Avantgarde gegangen. Im elektronischen Musikstudio von Karlheinz Stockhausen in Köln lernte er Anfang der sechziger Jahre mit Tonbändern und Reglern umzugehen. Als die Gruppe Kluster (später in Cluster umbenannt) 1970 ihr Debut-Album “Klopfzeichen” aufnahmen, begegneten sie im Rhenus-Studio in Köln einem jungen Toningenieur voller Lust auf Neues. “Conny Plank ließ uns jede Freiheit. Wir konnten machen, was wir wollten. Er hatte eine Riesengeduld und hat alles mit uns durchgezogen,” erinnert sich Dieter Möbius von Kluster.


                                                                                                                                      Fotos: Stephan Plank
Studiozeit war teuer, normalerweise wurde rund um die Uhr gearbeitet. Plank bevorzugte die Nachtschicht. Er nahm das Ensemble des Freejazzers Alexander von Schlippenbach auf, dann das Debutalbum der amerikanischen Gruppe Sweet Smoke, die damals in Deutschland lebte. Für die Aufnahmen der ersten LP von Kraftwerk setzte Plank kein normales Drumset ein, sondern schleppte ein Kinderschlagzeug an. “Es wurde viel ausprobiert,” erinnert sich Klaus Löhmer, damals sein Assistent. “Das ‘Phasing’ war seine Spezialität. Man ließ zwei Bandmaschinen parallel laufen und bremste dann die eine mit der Hand ein bißchen ab, wodurch feine Schwebungen entstanden.”

1974 hatte Plank genug Geld gespart, um auf eigenen Beinen zu stehen. Mit seiner Lebensgefährtin, der Schauspielerin Christa Fast, richtete er im Weiler Wolperath-Seelscheid bei Bonn sein eigenes Studio ein - im ehemaligen Schweinestall eines Bauernhofs. Fünfzehn Jahre lang wurden hier spannende Produktionen realisiert.

Herbert Grönemeyer pflegt seit längerem eine Vorliebe für die Eskapaden der frühen deutschen Rockmusik. Auf seinem Grönland-Label hat er Alben der Gruppe Neu wiederveröffentlicht und eine ‘Live’-Aufnahme von Harmonia herausgegeben. Jetzt setzt er mit einer Box von vier CDs Conny Plank ein Denkmal, der 1989 verstarb. Dabei sind viele, mit denen Plank gearbeitet hat: Neu, Cluster, Brian Eno, die Eurythmics, auch La Düsseldorf und D.A.F. Andere fehlen: Kraan, Exmagma, Ultravox, David Bowie sowieso. Eine CD mit Remixen holt frühe Tracks in die Gegenwart und auf der vierten Scheibe ist ein Konzertmitschnitt von Plank aus dem Jahr 1986 enthalten, der die Schnittstelle zwischen Pop und avantgardistischer Elektronik auslotet. Beim Hören wird klar: Immer wieder von Neuem riß Conny Plank den Horizont weit auf.

Who’s That Man – A Tribute To Conny Plank (Grönland)

Der Artikel erschien zuerst in der NZZ.