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Thursday, 16 April 2026

Ralph Alessi beim Jazzclub Singen

Konzentrierte Andacht

Der amerikanische Trompeter Ralph Alessi und sein Escalation Quartet in Singen


Fotos: C. Wagner


Neben Dave Douglas, Kirk Knuffke und Taylor Ho-Bynum, die alle schon beim Jazzclub Singen zu Gast waren, gilt Ralph Alessi als einer der besten Blechbläser der aktuellen amerikanischen Jazzszene: Jetzt machte der Trompeter mit seinem Escalation Quartet auf seiner Europatournee einen Abstecher aus Italien nach Singen in die Gems, um zu demonstrieren, was es heisst, modernen Jazz auf höchstem Niveau zu spielen. 

Der Pianist Matt Mitchell, Ches Smith am Schlagzeug und der Bassist John Hébert bilden seine Band, die allesamt zum Spitzenpersonal der New Yorker Jazzszene gehören, das immer noch führend auf der Welt ist, wenn ihm auch Berlin allmählich den Rang abläuft.


Makellose Spieltechnik und große Virtuosität, dazu viel Fantasie und Originalität sind die Qualitäten, die heute einen hervorragenden Jazzmusiker ausmachen, und Alessi und seine drei Mitstreiter verfügen über jede dieser Tugenden.



Impulsiv geht Schlagzeuger Ches Smith zur Sache, der seine Lehrjahre in konventionellen Jazzbands sowie beinharten Rockgruppen verbrachte, was man seinem dynamischen Spiel anmerkt. Pianist Matt Mitchell läßt die Töne nur so aus der Tasten perlen, während John Héberts zupackende Basslinien für klare Konturen und feste Erdung sorgen. Mit einer Reihe von Dämpfern variiert der Bandleader den Klang seiner Trompete und sorgt so für klangliche Vielfalt.


Alessi bringt diese Fähigkeiten von sich und seinen Mitstreitern in Kompositionen zur Entfaltung, die oft vertrakt wirken, kontrapunktisch verschachtelt sind und mit überraschenden Stopps und Akzenten arbeiten, obwohl er auch lyrische Balladen im Repertoire hat, die das Quartett zart und träumerisch in Szene setzen. Die Stücke bieten jedem der Musiker die Möglichkeit, in langen Improvisationen ihr ganzes Können und ihre Kreativität unter Beweis zu stellen. Im Laufe des Konzerts gelang es dem Ensemble, die Zuhörer mehr und mehr in den Bann zu ziehen und eine Stimmung zu erzeugen, die hoch konzentriert und ergriffen eher einer Andacht glich.




Tuesday, 5 November 2024

Émile Parisien zum sechsten Mal in Singen

Im Gegensatz vereint

 

Das Émile Parisien Quartet begeistert vor vollem Haus beim Jazzclub Singen

 

Fotos: C. Wagner



 

Der Sopransaxofonist Émile Parisien ist einer der nicht gerade zahlreichen französischen Jazzmusiker, die auch in Deutschland über ein beachtliches Renommee verfügen. Nach ein paar Veröffentlichungen bei kleineren französischen Plattenfirmen, erschien 2014 sein Debutalbum auf dem renommierten deutschen Jazzlabel Act, das er mit dem Akkordeonisten Vincent Peirani eingespielt hatte und ihn schlagartig zu einem Star auf der deutschen Jazzszene machte. Seitdem hat er durch die Zusammenarbeit mit bekannten Namen wie Joachim Kühn und Michael Wollny seinen Ruf noch steigern können, gekrönt durch den ECHO-Jazzpreis und den Preis der deutschen Schallplattenkritik, den er 2019 erhielt.

 

Nach fünf Auftritten in den letzten Jahren, das letzte fand vor genau zwei Jahren mit einer All-Star-Besetzung statt, war jetzt Parisien erneut beim Jazzclub Singen im Kulturzentrum Gems zu Gast. Dieses Mal kam er mit seinem französischen Quartett, das in den letzten zwei Jahrzehnten maßgeblich zu seinem kometenhaften Aufstieg beigetragen hat. Das Ensemble steht für einen modernen Jazz, der mitreißt und auf überzeugende Weise Elemente aus verschiedenen musikalischen Gattungen, ob Rock, Latin oder avantgardistische E-Musik, zu einem ausdrucksstarken Stil verbindet. Ob Groove oder Swing, ob freies Spiel oder ausgetüftelte Kompositionen, ob impressionistische Träumereien oder aufbrausendes Power-Play – alles sieht sich in Parisiens Musik vereint.




 

Sehr dezent und auf leisen Sohlen hat mittlerweile die Elektronik Einzug gehalten. War Parisiens Jazzmusik zu Beginn seiner Karriere noch rein akustisch gehalten, kommen jetzt gelegentlich synthetische Klangfarben ins Spiel. Der Bandleader hat neben sich auf der Bühne ein kleines Tischchen aufgebaut, übersät mit Knöpfen und Reglern, mit denen er sein Sopransaxofon zu einem riesigen Saxofonchor aufblasen oder einen enormen Nachhall erzeugen kann. 

 

Der zweite Elektroniker in der Band ist Schlagzeuger Julien Loutelier, der gleichfalls neben seinem exzellenten Trommelspiel ein kleines Mischpult bedient, auf dem er vorgefertigte elektronische Rhythmen abrufen kann. „Tiktik“ hieß eine der originellsten Kompositionen des Abends, deren Rückgrat ein konstantes Klickgeräusch bildete, um das die Musiker ein hochkomplexes Arrangement flochten mit überraschenden Wendungen und Pausen, die nicht ohne Witz und Humor waren. Das Publikum geriet angesichts einer solch exzellenten Jazzmusik richtiggehend aus dem Häuschen, so daß Parisien und seine Mannen erst nach einer längeren Zugabe von der Bühne gelassen wurden. 

Friday, 20 September 2024

Fabian Dudek in Singen

Jazzmusiker als Slalomläufer

Das Fabian Dudek Sextett beim Jazzclub Singen in der Gems


                                            Foto: Christoph Wagner

  

Neben Berlin gilt die Kölner Jazzszene zur Zeit als die interessanteste in Deutschland. In der Domstadt tummeln sich etliche hochkarätige Jazzmusiker, die mehr und mehr ins Rampenlicht drängen. Da schießt gerade eine junge Generation aus den Startlöchern, von denen Fabian Dudek einer der Talentiertesten ist. 

 

Der Altsaxofonist, Jahrgang 1995, begreift sich nicht ausschließlich als Instrumentalist und Bandleader, sondern vor allem als Komponist, der ambitioniert neue Wege geht. Mit seinem Sextett stellte er in der Besetzung mit Flöte, Altsaxofon, Trompete, Piano, Baß und Schlagzeug in Singen sein aktuelles Doppelalbum vor (Titel: Protecting A Picture, That’s Fading), das sich wie das Konzert in zwei Hälften teilt, mit einer kurzen Unterbrechung (zum Wechseln der beiden CDs) in der Mitte.  

 

Dudek entwirft Kompositionen im Großformat, die einem vertrakten Slalomlauf gleichen, unerwartete Haken schlagen, manchmal mächtig beschleunigen, um dann abrupt abzubremsen. Was die Klanglichkeit betrifft, bevorzugt der Kölner rauhe und schroffe Sounds genauso wie schrille Töne. Wenn er gelegentlich die Piccolo-Flöte von Pauline Turrillo und die hohen Tastenanschläge des Pianos von Felix Hauptmann in kurzen Staccati vereint, wirken solche Töne wie Nadelstiche, die durch Mark und Bein gehen.

 

Dudek baut Fallgruben, Geheimtüren und doppelte Böden in seine Stücke ein, deren Arrangements oft ganz andere Wege gehen, als erwartet. Die Melodien, unterlegt von diffizilen Rhythmen, sind voller Widerhaken, wobei manchmal neben dem Schlagzeug auch Klangstäbe und Metallperkussion Akzente setzen. 

 

Alle sechs Musiker sind versierte Könner auf ihren Instrumenten, die sie mit einer Virtuosität beherrschen, die einen bei solch jungen Musikern doch Staunen läßt. Darüberhinaus kennen sie die Jazzgeschichte in- und auswendig, sind mit den Konzepten der Jazz-Moderne ebenso vertraut wie mit den Techniken der E-Musik-Avantgarde. In seinem Saxofonspiel zieht Dudek immer wieder vor seinen Heroen den Hut, den Jazzgiganten Ornette Coleman, Albert Ayler und Anthony Braxton. 

 

Möglicherweise zielt der Komponist mit seinen Mega-Kompositionen zu hoch. Motive, Atmosphären und Stimmungen sehen sich selten zur Genüge erkundet, vielmehr springt die Musik wie bei einem Slalomlauf in atemloser Manier von einer Idee zur nächsten. Mehr Ruhe hätte ihr gut getan.

Thursday, 8 June 2023

Moderner Jazz mit dem Bill Stewart Trio in Singen

Aus der Ruhe kommt die Kraft

Das Bill Stewart Trio beim Jazzclub Singen zu Gast


Fotos: Christoph Wagner

 

 

cw. Im Jazz sind Schlagzeuger als Bandleader eher die Ausnahme. In den ersten Jahrzehnten der Jazzgeschichte waren Drummer einfach nur Rhythmusknechte, die für einen steten Swing zu sorgen hatten, bis dann in der Bigband-Ära Gene Krupa und Buddy Rich diese Konvention durchbrachen und eigene Orchester gründeten. Max Roach und Art Blakey machten sich danach in der Zeit des Bebop und Hardbop als Bandleader einen Namen. An diese Ahnereihe knüpft heute Bill Stewart an, der jetzt mit seinem Trio beim Jazzclub Singen im Kulturzentrum Gems zu Gast war.

 

Stewart hat sich über Jahre als kompeteter Sideman einen Namen gemacht, dabei solche Größen wie John Scofield und Pat Metheny begleitet. Aus dem selben Stall kommt auch Kontrabassist Larry Grenadier, der ebenfalls unter den Bandleadern Scofield und Metheny gedient hat, sich aber auch durch sein Spiel mit Joe Henderson und Brad Mehldau in die Annalen des Jazz einschrieb. Dagegen ist der Tenorsaxofonist des Stewart Trios, Walter Smith III, in Europa ein noch ein recht unbeschriebenes Blatt.

 

In einem Jazztrio, das über kein Akkordinstrument (Gitarre, Orgel oder Piano) verfügt, wie es das Ensemble von Bill Stewart darstellt, ist für den einzelnen Musiker Schwerstarbeit angesagt. Er muß in jeder Sekunde voll bei der Sache sein, sowohl als aufmerksamer, hellwacher Begleiter als auch als unbegleiteter Solist. Durchhänger kann man sich in dieser Konstellation nicht leisten, da die Musik äußerst transparent ist.




Die drei Musiker wurden dieser Aufgabe mit Bravour gerecht, ob in dichten, schnellen Kompositionen oder eher lyrischen leisen, immer trafen sie den richtigen Ton. Dabei entpuppte sich Saxofonist Smith als die wahre Entdeckung des Abends, der mit seinem weichen geschmeidigen Spiel die Töne nur so sprudeln ließ, aber auch energisch-zupackend in sein Horn blasen konnte. 

 

Musiker solchen Kalibers sind Spitzenkönner, dass bräuchten sie eigentlich nicht mehr unter Beweis zu stellen, was heißen soll: Ich hätte gerne auf ein paar unbegleitete Solos von Baß und Schlagzeug verzichtet und lieber noch ein paar weitere langsame, verhaltene Nummern gehört, in denen die Band als Einheit ihre größte Stärke entfaltete. In diesen Kompositionen, die nicht immer die Balladenform annahmen, gelang es den Musikern ein klangliches Gewebe zu entwickeln, das in der Zurückgenommenheit die größte Kraft entfaltete und das zahlreiche Publikum – der große Gems-Saal war voll besetzt – andächtig zurückließ, bevor es dann – nach ein paar Augenblicken der Stille – in Begeisterung ausbrach. 


Die nächsten Konzerte des Jazzclubs Singen:

https://jazzclub-singen.de/programm.html




Saturday, 27 May 2023

Spitzenjazz in Singen - Bill Stewart Trio

Musikalisches Höhenerlebnis

 

Mit Schlagzeuger Bill Stewart und seinem Trio kommt ein Jazzensemble der Spitzenklasse aus New York nach Singen


Bill Stewart (Promophoto: John Rogers)

 



 cw. Manchmal kommt einem Musik wie ein Wunder vor. Dann erstarrt man vor der schieren Kraft und Exzellenz des Gehörten. Rudolf Kolmstetter, Vorsitzender des Jazzclubs Singen, hatte so ein euphorisches Erlebnis, als er 2018 auf Jazzreise in New York war. Im berühmten Jazzclub Village Vanguard hörte er das Trio des Schlagzeugers Bill Stewart und war wie elektrisiert: So eine fantastische Band hatte er lange nicht erlebt, obwohl er jedes Jahr Dutzende Konzerte besucht. In Kolmstetter erwachte augenblicklich das Bedürfnis, das Trio nach Singen zu holen, um den Jazzfans im Hegau nicht ein solches musikalisches Höhenerlebnis vorzuenthalten. 

 

Die Pandemie machte alle Pläne zunichte. Doch Kolmstetter blieb am Ball, und jetzt hat er es geschafft: Am Donnerstag, den 8. Juni (20:30) tritt das Bill Stewart Trio im Kulturzentrum Gems beim Jazzclub Singen auf. 

 

Stewart (Jahrgang 1966) ist einer jener Musiker, dem es nie richtig gelungen ist, aus dem Schatten von Jazzgrößen wie Pat Metheny oder John Scofield herauszutreten. Die Liste der Plattenaufnahmen, bei denen er in den letzten drei Jahrzehnten mitwirkte, hat die Zahl von 100 längst überschritten. Jazzmusiker schätzen sein melodisches Trommelspiel, das nie aufdringlich wirkt, dazu elastisch und voller Swing ist, aber auch enormen Druck entfalten kann, was den modernen Jazz seines Trio zu einer ebenso aufregenden wie vielfältigen Angelegenheit macht.

 

Durch Vermittlung des Saxofonisten Maceo Parker kam Stewart an seinen bisher spektakulärsten Job, als er von James Brown angeheuert wurde. Der „Godfather of Funk“ weihte ihn umgehend in die Geheimnisse der schwarzen Groove-Rhythmen ein. 

 

Zwei Spitzenkönner komplettieren Stewarts Trio. Sie können beide ebenfalls auf eine lange Referenzliste mit großen Namen verweisen. Kontrabassist Larry Genadier hat sich international vor allem als Mitglied im Trio des Pianisten Brad Mehldau einen Namen gemacht, während Saxofonist Walter Smith III. immer noch als Geheimtipp gilt, obwohl er beim renommierten Blue Note-Label unter Vertrag ist und in der Kaderschmiede des Jazz, am berühmten Berklee College of Music in Boston, die Saxofon-Abteilung leitet. Wenn das keine Empfehlungen sind!

 

Und jetzt wird Jazzclub-Chef Rudolf Kolmstetter nur noch darauf hoffen, dass beim Auftritt des Bill Stewart Trios der heiligen Geist des Jazz abermals überspringt.

 

 

Tuesday, 18 August 2020

Jazztrends: Jazz mit DJ-Sounds

Neustart im Jazz

Die japanische Pianistin Aki Takase und ihr „Japanic“-Quintett in Singen


Langsam erwacht die Jazzszene wieder. Nach Corona-bedingter Abstinenz unternehmen Clubs und Veranstalter zum ersten Mal wieder tastende Versuche, Konzerte durchzuführen, wobei offen bleibt, wann die Pandemie so weit abgeklungen ist, dass auch amerikanischen Jazzer wieder für Auftritte über den Atlantik kommen können. Bis auf weiteres sind alle Tourneepläne von Musikern aus dem Mutterland des Jazz auf Eis gelegt oder mit einem großen Fragezeichen versehen. Beruhigend, dass es seit längerem auch in Europa hochkarätige Ensembles gibt, die den Amerikanern problemlos das Wasser reichen können.

Der Jazzclub Singen, einer der profiliersten Konzertveranstalter im Südwesten, der schon mehrmals mit dem Applaus-Preis der Bundeskulturministerin ausgezeichnet wurde, wird deshalb in der nahen Zukunft vor allem europäische Jazzgrößen und Talente präsentieren, wobei ein besonderes Augenmerk auf der bundesdeutschen Szene liegt. Zum Neustart der Konzertreihe, die traditionsgemäß im Singener Kulturzentrum Gems über die Bühne geht, wird am Donnerstag, den 27. August (Beginn: 20:30), das „Japanic“-Quintett der japanischen Pianistin Aki Takase zu hören sein. 

Takase lebt seit vielen Jahren in Berlin, wo sie mit dem Jazzpianisten Alexander von Schlippenbach verheiratet ist. Schlippenbachs Sohn Vincent, der unter dem Künstlername DJ Illvibe auftritt, ist Teil des „Japanic“-Quintetts und webt mit zwei Turntables (=Schallplattenspielern) und anderen Effektgeräten elektronische Clubsounds, verfremdete Sprachfetzen und Geräusche in den moderne Jazz der Gruppe ein, wobei er Vinylschallplatten als Klangmaterial benutzt, denen er mit virtuoser „scratching“-Technik die wildesten Klänge entlockt. DJ Illvibe läßt es blubbern, knistern, fetzen und krachen.

 
Da das Ensemble ansonsten mit Klavier, Saxofon, Baß und Schlagzeug im Stile einer klassischen Jazzcombo recht konventionell besetzt ist, sind es diese elektronischen Zwischentöne und Klangballungen, die aufhorchen lassen und Takases Gruppe vom Gros moderner Jazzensembles unterscheidet.

Zudem verfügt die Formation über Instrumentalisten, die alles andere als Durchschnittsbegabungen sind. Neben der Bandleaderin, die ein eruptives, manchmal fast ruppiges Pianospiel pflegt, in dem die ganze Jazztradition von Fats Waller über Thelonious Monk bis zu Cecil Taylor aufleuchtet, ragt vor allem Saxofonist Daniel Erdmann hervor, der sich mit einem individuellen Ton und fantasiereichen Improvisationen in den letzten Jahren einen ausgezeichneten Ruf erspielt hat. Für seine eigenen Produktionen wurde der Saxofonist, der im französischen Reims lebt, mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Die Berliner Rhythmusgruppe mit Johannes Fink am Baß und dem norwegischen Schlagzeuger Dag Magnus Narvesen sorgt für Dynamik, federnden Swing und vorwärtsstürmenden Drive.

Die Musik von Japanic schlägt einen weiten Bogen. Die Kompositionen, die hauptsächlich von der Bandleaderin stammen, reichen von melancholisch bis avantgardistisch und von zart-romantisch bis wuchtig-brachial, wobei Eindringlichkeit und Vehemenz die vorherrschenden Merkmale sind. Lauheit und Unbestimmtheit waren Aki Takase schon immer fremd. 

Tuesday, 2 July 2019

REBECCA TRESCHER ENSEMBLE 11 in Singen

Neuer Jazz kommt an

Voller Saal trotz hochsommerlicher Temperaturen – Rebecca Trescher überzeugt mit dem Ensemble 11 beim Jazzclub Singen in der „Gems“

Fotos: C. Wagner

cw. Dem Jazzclub Singen ist abermals ein Wunder gelungen: Trotz Hitzewelle und unbekannter Nachwuchsband strömte das Publikum in Scharen zum Konzert am Freitagabend in die „Gems“. Angekündigt war Rebecca Trescher mit ihrem Ensemble 11, einer jungen Gruppe aus Nürnberg, die sich bereits ein paar Meriten verdient hat, den großen Durchbruch aber erst noch schaffen muß. Der Auftritt in Singen kann als weiterer Sprosse auf der Erfolgsleiter verbucht werden.

Die exzellente Besucherresonanz ist wohl der jahrelangen, zähen Aufbauarbeit des Jazzclub-Vorsitzenden Rudolf Kolmstetter und seinem Team zu verdanken, die Singen zur ersten Adresse für Jazz in der südwestlichen Ecke von Baden-Württemberg gemacht haben. Seit 30 Jahren hat sich der Club mit einem exzellenten Programm ein Stammpublikum geschaffen, das sich kein Konzert entgehen läßt und auch lange Anfahrtswege bei hochsommerlichen Temperaturen nicht scheut, um Gruppen zu hören, die man sonst selten präsentiert bekommt.

Dennoch forderte die Hitze ihr Tribut: Eine Viertelstunde vor Konzertbeginn musste der Harfinist sein Instrument nachstimmen, so sehr zerrte die Hitze an den Saiten des klassischen Klangerzeugers, dem man ja im Jazz nicht allzu oft begegnet. 

Allerdings ist das Ensemble 11 von Rebecca Trescher auch keine konventionelle Jazzformation, was allein schon die Größe andeutet. Wo sonst Trios und Quartette die Szenerie bestimmen, hat  Trescher ihr Ensemble opulent mit elf Musikern besetzt. Sie bringen ein überaus reichhaltiges Instrumentarium ein, bei dem neben Harfe und diverse Querflöten, auch Cello, Vibrafon und etliche Klarinetten zum Einsatz kommen. Angetrieben von einer Rhythmusgruppe aus Schlagzeug, Kontrabaß und Klavier, kreiert die junge Komponistin, Arrangeurin und Klarinettistin einen höchst individuellen, warmen Ensembleklang, den sie auf fantasievolle und oft überraschende Weise zu nutzen weiß.

Alle Stücke hat die 33jährige Musikerin aus Nürnberg, die in Tübingen aufgewachsen ist, selbst komponiert, wobei keiner der Titel dem üblichen Schema folgen. Klischees versucht Trescher zu umgehen, ausgereizte Formeln zu vermeiden. Im gesamten ersten Teil des Konzerts wurde ein einziges Werk aufgeführt, das als fünfteilige Suite konzipiert war und das Publikum durch abenteuerliche Klanglandschaften führte. Zwischen die manchmal hochkomplexen Tonkonstellationen, die durch den textlosen Scat-Gesang der Vokalistin Agnes Lepp eine schwebend-ätherische Qualität erhielten, wurde Soli eingestreut, bei denen die Mitglieder des Ensembles ihre Meisterschaft unter Beweis stellten. Neben der Bandleaderin an der Klarinette stachen dabei vor allem Altsaxofonist Markus Harm und Pianist Andreas Feith durch große Originalität heraus.

Wenn von den Brennpunkten des deutschen Jazz die Rede ist, wird normalerweise auf Berlin und Köln verwiesen. Vielleicht sollte man sich einmal in Nürnberg genauer umhören.

Sunday, 11 November 2018

JAZZTRENDS: Stephan Crump Rhombal Quartet

Auf der Höhe der Zeit 

Der amerikanische Kontrabassist Stephan Crump und sein Rhombal Quartet vor begeistertem Publikum

cw. Stephan Crump ist ein Jazzmusiker, der sich nicht ins Rampenlicht drängt – im Gegenteil: Der New Yorker ist einer der Stillen und Bescheidenen der internationalen Jazzszene, obwohl er seit Jahren in der ersten Liga spielt. Als Bassist im Ensemble des Pianisten Vijay Iyer, der momentan vielleicht „besten Jazzcombo der Welt“ (so das renommierte Musikmagazin Downbeat), belegt Crump seit Jahren vorderste Plätze in den Kritikerpolls. Wenn es sein voller Terminkalender erlaubt, widmet er sich eigenen Bandprojekten, von denen das Rhombal Quartet vielleicht das bedeutenste ist. Beim Jazzclub Singen stellte sich die Gruppe im Kulturzentrum Gems erstmals im deutschen Südwesten einem begeisterten Publikum.

Drei Musiker hat Crump um sich geschart, die alle durch eine sehr individuelle Spielweise aufhorchen lassen. Da ist zum einen Tenorsaxofonist Ellery Eskelin, der einen lyrischen, abgeklärten Stil pflegt und dem es gelingt, seine singbaren Improvisationen mit wenigen Noten zu gestalten. Dagegen ist der junge Trompeter Adam O'Farrill eher ein Heißsporn, der mit starkem Atem und großer Virtuosität Feuer in die Musik bläst. Kassa Overall am Schlagzeug spielt pfiffig und einfallsreich und sorgt mit großem Gespür im Gespann mit dem geschmeidigen Bassspiel von Crump für punktgenaue Akzente und einen federnden Beat, über dem sich die Solisten optimal entfalten können.

 
Das erste Album der Gruppe, das vor zwei Jahren erschien, war Crumps verstorbenem Bruder gewidmet und deswegen von einer melancholischen Stimmung getragen. Die Kompositionen, die von dieser Einspielung stammten, zeichnen sich durch ein gemächliches Tempo und weite Melodiebögen aus. Sie sind transparent konstruiert, weil kein Akkordinstrument wie Klavier oder Gitarre die Musik zu sehr verdichtet. Dazwischen plazierte die Gruppe neuere Stücke, die Crump als „Songs“ bezeichnet. Sie sind in einem zügigeren Zeitmaß gehalten und folgen durchweg einem strengen Aufbau. Bei Stephan Crump’s Rhombal Quartet steht unverkennbar die kompositorische Form im Vordergrund. 

Oft tasten sich die beiden Bläser sehr zaghaft in eine Melodie hinein, deuten sie zuerst nur an, werfen Klangfetzen ein und spielen sich gegenseitig kurze Fragmente zu, bevor das Thema erst nach einiger Zeit komplett erscheint, um abermals weiterentwickelt und improvisatorisch variiert zu werden. Dabei besticht die ungeheure Musikalität, mit der die vier den Kompositionen Leben einhauchen. Die Gruppe offeriert einen modernen Jazz auf höchstem Niveau, der die besten Elemente aus der Historie originell zusammenführt und sie zu einem überzeugenden Ansatz vereint. 

Saturday, 21 March 2015

Drummer Jochen Rückert: Ein Kölner in New York

Lockerer Swing

Der Kölner Schlagzeuger Jochen Rückert hat es auf der New Yorker Jazzszene geschafft 




Konzert: 26. März, Jazzclub Singen / Gems

cw. 1998 wollte es der Kölner Jazzschlagzeuger Jochen Rückert wissen: Er zog nach New York! Etwas mulmig mag es ihm dabei schon zumute gewesen sein, gilt die New Yorker Jazzszene doch als die härteste der Welt. In keiner anderen Stadt gibt es so viele erstklassige Musiker – die besten auf dem Globus. Und gegen diese aberwitzige Konkurrenz wollte sich der Deutsche durchsetzen? Doch Rückert schaffte das Wunder! Er bestand den Test und wird heute selbst von Jazzstars wie John Abercrombie oder Pat Metheny als Drummer gebucht. Am Donnerstag, 26. März, kommt der Schlagzeuger nun mit seinem hochkarätigen Quartett auf Einladung des Jazzclubs Singen ins Kulturzentrum Gems.

Einst waren deutsche Jazzmusiker in den USA eine Seltenheit. Außer der Sängerin und Pianistin Jutta Hipp, dem Vibrafonisten Karl Berger aus Heidelberg und dem Multiinstrumentalisten Gunter Hampel aus Göttingen hat sich früher niemand in die Höhle des Löwen gewagt. Selbst Posaunenweltmeister Albert Mangelsdorff schreckte vor dem Sprung über den großen Teich zurück. Zu ungewiß und risikoreich erschien das Wagnis, wobei Jutta Hipp als warnendes Beispiel diente. Die Jazzvokalistin scheiterte in Amerika kläglich, hängte ihre musikalische Karriere an den Nagel, um fortan als Näherin ein dürftiges Auskommen zu verdienen.

Inzwischen sind die beiden Kontinente enger zusammengerückt und der Musikeraustausch hat sich vertieft. Amerikanische und europäische Jazzer spielen mittlerweile häufig sogar in gemeinsamen Gruppen zusammen. Überdies ist die Zahl der deutschen Jazzmusiker in New York beträchtlich gestiegen, wobei Rückert als einer der Angesehensten der Jazz-Emigranten aus “Germany” gilt.
 
Rückert, der im Mai seinen 40. Geburtstag feiert, machte sich zuerst auf der Kölner Jazzszene einen Namen, wo er an der Musikhochschule Schlagzeug studierte, um anschließend nach Amerika aufzubrechen. Nach einer schwierigen Anfangszeit, bei der es so manche Durststrecke zu überbrücken galt, hat er sich inzwischen nicht nur als Drummer und Begleitmusiker, sondern auch als Bandleader, etabliert. Was für einen exzellenten Ruf der Kölner mittlerweile in New York genießt, ist daran ablesen, dass in seinem Quartett Mark Turner spielt - einer der besten Jazzsaxofonisten der Gegenwart.

Rückert steht für einen flüssigen Stil, der locker swingt und in intensiven Improvisationen die subtilen Feinheiten der Jazzmoderne erkundet. Vom Schlagzeugschemel aus gibt er die Richtung vor und treibt mit federndem Trommelspiel seine Mitmusiker zu Höhenflügen an, um sie sicher durch die kniffligen Harmoniefolgen zu leiten. Im obligatorischen Drumsolo werden dann alle Register gezogen.  

Doch Rückert hat noch ein zweites musikalisches Standbein. Unter dem Namen Wolff Parkinson White tummelt er sich auf der Electronic-Szene. Dabei nutzt er die unfreiwilligen Wartezeiten auf Tourneen in Hotels und Flughäfen, um auf seinem Laptop neue Stücke zu entwerfen. Manchmal klingt es nach rasantem Drum ‘n’ Bass, dann wieder nach bedächtigem Dub. Seine umfassenden Rhythmuskenntnisse kommen ihm beim digitalen Komponieren zu gute. Auch auf dem Laptop spielt Rückert Schlagzeug - nur in elektronischer Manier.

Jochen Rueckert: We make the rules (Whirlwind)

Der Artikel erschien zuerst im Schwarwälder Bote.

Tuesday, 20 May 2014

25 Jahre Jazzclub Singen - 500 Mal hochkarätiger Jazz


Publikumsmagnet

Mit seinem 500. Konzert feiert der Jazzclub Singen 25jähriges Jubiläum


cw. Nicht nur in den Großstädten findet Kultur statt, auch die Provinz hat einiges zu bieten. Auf einer Landkarte der Jazzzentren in Deutschland würde nicht nur Berlin, München oder Köln auftauchen, sondern auch Moers, Neuburg/Donau sowie Singen am Hohentwiel, wo eine der rühigsten Jazzvereinigungen der Bundesrepublik aktiv ist. Dieses Jahr feiert der Jazzclub Singen seinen 25. Geburtstag mit seinem 500. Konzert. Am Freitag, den 23. Mai tritt in der Singener Stadthalle die südkoreanische Ausnahme-Sängerin Youn Sun Nah mit dem schwedischen Gitarristen Ulf Wakenius auf, der einst mit Oscar Peterson spielte. Karten für dieses exquisite Konzert sind noch im Vorverkauf erhältlich.


500 Konzerte in 25 Jahren - das bedeutet ganz konkret: 500 Mal Plakate kleben, Vorverkauf organisieren, Presseartikel schreiben, Rundmail verschicken, Musiker vom Bahnhof abholen, Verstärkeranlage beschaffen, den Konzertsaal bestuhlen und dann dafür sorgen, dass das Konzert reibungslos und zur Zufriedenheit der Künstler und des Publikum über die Bühne geht. Dazu kommt noch einiges mehr: Gagen aushandeln, Verträge aufsetzen, Anfragen von Musikern und Agenturen beantworten, jede Woche einen kleinen Stapel von CDs durchhören, bei Konzerten und Festivals neue Gruppe kennenlernen und sich nicht zuletzt mit Behörden wegen der Ausländersteuer herumärgern. Eine kolossale Arbeit und das alles ehrenamtlich! Der Mann, der dieses enorme Pensum in seiner Freizeit absolviert, heisst Rudolf Kolmstetter. Mit seinem Kompagnon Klaus Mühlherr ist er die treibende Kraft hinter dem Singener Jazzwunder. Mit einem kleinen Team von freiwilligen Helfern haben es die beiden geschafft, dass Singen unter Jazzfans in ganz Südwestdeutschland und dem schweizer Grenzgebiet mittlerweile als Magnet gilt. Der unermüdliche Einsatz wurde letztes Jahr vom Kulturstaatsministerium in Berlin mit dem mit 5000 Euro dotierten Spielstättenprogrammpreis ausgezeichnet.

Die Liste der Stars und Koryphäen, die in den letzten Vierteljahrhundert in Singen aufgetreten sind, ist beeindruckend und enthält zahlreiche Namen, die jeden Jazzfan mit Ehrfurcht erfüllen. Vom legendären Bassisten Ray Brown über den Bigband-Leiter Maynard Ferguson bis zum Schlagzeuger Paul Motian und dem Pianisten Don Pullen ist die Crème de la Crème des Jazz schon am Hohentwiel aufgetreten. Jedoch nicht nur die amerikanische Jazzelite setzte Glanzpunkte, mehr und mehr kamen auch europäische und deutsche Jazzmusiker zum Zuge. Außerdem verstand sich der Jazzclub Singen immer auch als ein Forum für junge Talente - als Starthilfe auf dem Weg nach oben. “Wir laden nur Künstler ein, die wir gut finden”, versichert Kolmstetter. “Zugeständnisse an den Massengeschmack machen wir nicht.” 
 
Ein solches Talent wuchs sogar in Singen auf und lebt heute als gefragter Jazzmusiker in New York: der Kontrabassist Pascal Niggenkemper. Als Teenager half der Musikenthusiast oft bei der Durchführung von Veranstaltungen in Singen mit. Die Konzerte regten Niggenkemper an, eine Karriere als professioneller Jazzmusiker ins Auge zu fassen.


 
Auf die Dauer zahlt sich zähe Kulturarbeit aus, wenn sie auf Qualität setzt und von Musikbegeisterten betrieben wird. Während Jazzmusiker in Großstädten oft vor leeren Reihen spielen, schafft es Kolmstetter und sein Team selbst bei unbekannten Gruppen den Saal im Kulturzentrum Gems zu füllen, wobei das jährliche Hauptkonzert in der Stadthalle auch schon mal 700 Zuhörer anziehen kann, wenn Schwergewichte wie Branford Marsalis oder Jan Garbarek auf dem Programm stehen.
 
Eine intensive Basisarbeit legt den Grundstein zum Erfolg: Mit über 400 Mitgliedern ist der Singener Jazzclub einer der größten in der Bundesrepublik. Darüber hinaus stimmt die Atmosphäre und das Ambiente bei den Konzerten. Entspannt und doch voller Aufmerksamkeit lauschen die Zuhörer der Musik, was jedes Konzert zu einem “very special event” macht, wie neulich ein Musiker aus den USA begeistert bemerkte, wo man in der Jazzszene längst die Stadt am Hohentwiel kennt.  

Der Artikel erschien zuerst im SCHWARZWÄLDER BOTE, große Tageszeitung in Südwestdeutschland