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Saturday, 9 August 2025

Die Anfänge der Rockmusik im schwäbischen Hinterland

"Aus England!" – und der Saal war voll

Als erste Rockbands in die schwäbische Provinz kamen

Als Anfand der 1970er Jahre die ersten Rockgruppen zu Konzerten nach Südwestdeutschland kamen, war "England" das Zauberwort. Kam eine Band von der Insel, war der Saal garantiert voll. Die anti-kommerzielle Konzertinitiative GIG aus Reutlingen machte sich das zunutze, buchte englische Bands für ein oder zwei Wochen für eine Festgage und bot dann die Band Jugendinitiativen auf dem Land für Auftritte an. Risiko für die lokale Konzertinitiative: null! Nachdem die Unkosten beglichen waren, ging das Restgeld an GIG, die damit die englische Band bezahlte. Da die Eintrittspreise damals extrem niedrig gehalten wurden, waren immer 500 bis 1.000 Besucher in der Halle, und die Rechnung ging auf, solange bis sich das Prädikat "aus England" abgenutzt hatte, was ein paar Jahre dauerte.

Die englische Band Warm Dust war eine sechsköpfige Gruppe mit Bläsersatz, die mit GIG zusammenarbeitete und darum häufig in Südwestdeutschland auftrat. Im Melody Maker, der führenden Musikzeitung für Rock, Pop, Jazz und Folk damals in Großbritannien, erschien in der Ausgabe vom 17. April 1971 ein Werbeanzeige, die stolz eine lange Tournee durch Westdeutschland annoncierte, wobei die Band offenbar sagen wollte, auch wenn wir in England noch in der dritten Liga spielen, so haben wir doch Erfolg in "Germany", wobei der Südwesten besonders stark vertreten ist: Heidelberg, Karlsruhe, Rottweil (25. April 1971), Stuttgart (3. Mai), Nürtingen (4. Mai), Esslingen (5. Mai), Mengen (6. Mai) und Hechingen (8. Mai). Dort, im Museumssaal der Gastwirtschaft Museum in Hechingen, habe ich damals als 14jähriger Warm Dust erlebt und war schwer beeindruckt. Die Gruppe war live eine echte Wucht. Im Herbst des selben Jahres war Warm Dust schon wieder im Südwesten unterwegs und trat u.a. am 3. Oktober 1971 in Sindelfingen in der Ausstellungshalle auf, im Vorprogramm die Stuttgarter Gruppe Gila mit ihrem Gitarristen Conny Veit, der später bei Guru Guru und Popol Vuh spielte. Im Juni 1972 war Warm Dust schon wieder im Südwesten unterwegs und trat dabei wiederum in Sindelfingen auf.



Dieser progressive Rock von Warm Dust mit Jazz- und Soul-Einschlag ist auch heute noch hörenswert – recht ordentlich gealtert. Ein Titel aus dem Beat-Club von Radio Bremen: ein Cover von "Indian Rope Man", das ursprünglich von Richie Havens stammt.



Sunday, 13 July 2025

Pop-Utopien der Woodstock-Zeit

GIG – frühe Versuche mit anti-kommerziellen Popkonzerten

Zwischen 1970 und 1971 gründete sich in Reutlingen / Tübingen ein gemeinnütziger Verein namens  'Gig', der versuchte, das Popgeschäft alternativ aufzumischen. Die Initiative buchte eine Rockband direkt in England für eine oder zwei Wochen und bot sie dann Konzertinitiativen, ASTAs oder Jugendgruppen für ein Konzert an, wobei die Einkünfte vom Eintrittsgeld nach Abzug der Unkosten an 'Gig' gingen. Der Vorteil für den lokalen Veranstalter war, dass er kein Risiko eingehen musste. Das lag komplett beim alternativen Tourveranstalter 'Gig'. Das Konzept funktionierte eine Weile, weil bei extrem niedrigen Eintrittspreisen und einer englischen Band, ob Warm Dust, Swegas oder Freedom, die Säle und Turnhallen selbst in der Provinz mit 500 bis 1.000 Besuchern immer voll waren. 

Bevor GIG zusammenfand und sich als gemeinnütziger Verein konstituierte, hatte die Popinitiative in Reutlingen schon Rockkonzerte veranstaltet, wie das Plakat zeigt. Guru Guru Groove war die Band um Mani Neumeier und Uli Trepte, die sich bald nur noch Guru Guru nannte. Die beiden waren wegen Jimi Hendrix vom Freejazz, wo sie in Zürich im Irène Schweizer Trio spielten, zur elektrischen Rockmusik übergelaufen.  





 

Saturday, 2 February 2019

TRÄUME AUS DEM UNTERGRUND in Metzingen

Reutlinger GENERALANZEIGER, 2.2.2019

Als Rockmusik die schwäbische Provinz eroberte

Konzertlesung – Christoph Wagner stellt in der Metzinger Festkelter begleitet von Livemusik sein neues Buch vor


VON JÜRGEN SPIESS


METZINGEN. Eine Reise in die 60er- und 70er-Jahre der südwestdeutschen Konzertszene: Das ist Thema des Buches »Träume aus dem Untergrund«, das der Balinger Autor Christoph Wagner am Donnerstag in einem Multimedia-Vortrag in der voll besetzten Metzinger Festkelter vorstellte. Die zum Teil kuriosen Geschichten und Begegnungen wurden zwischen den Lesepassagen mit psychedelischer Livemusik von Fritz Heieck (Keyboards) und Manfred Kniel (Schlagzeug) untermalt, die damals auch schon musikalisch aktiv waren.
Alles begann mit dem Jahr 1968: Eine Zäsur, ein Auf- und Umbruchjahr, das einer ganzen Generation den Namen gab und zum Signet für Aufruhr und Rebellion wurde. Die Schlagworte dieser Zeit lauteten: Nonkonformismus, Selbstbestimmung, Konsumverweigerung und sexuelle Revolution. Junge Leute gingen auf die Barrikaden, suchten nach neuen Lebensmodellen und wehrten sich gegen den Lebensplan, den die Gesellschaft für sie vorgesehen hatte. Ein neues Lebensgefühl verschaffte sich Ausdruck. Sein wichtigstes Verbreitungsmittel war die Rockmusik: »Das Rockkonzert war ein utopischer Ort«, erinnert sich Christoph Wagner, »an dem sich das Anderssein der Subkultur manifestierte.«

In Kellern und alten Fabriken
Die Szene im Ländle traf sich in Jugendzentren, Kellern, alten Fabrikanlagen und Jugendinitiativen der Region. Schließlich entstanden subkulturelle Clubs, allen voran der Club Voltaire in Stuttgart, der Club Bastion in Kirchheim und die Manufaktur in Schorndorf, die auf den Konzert-Zug aufsprangen und die heimische Subkultur förderten.
Der gebürtige Balinger, der seit Jahren in England lebt, berichtet von einer lebendigen Musikszene im Südwesten, die neue Trends begierig aufnahm und das erstarrt-autoritäre System kräftig aufmischte. Beat-, Rock-, Jazz- und Folkmusik kamen nicht nur in Gestalt bekannter Stars wie Pink Floyd, Jimi Hendrix, The Doors oder The Who auf heimische Bühnen, sondern auch mit hiesigen Bands. Wolfgang Dauners Et Cetera, Guru Guru, Nine Days’ Wonder, Gila, Kraan, Exmagma, Eulenspygel oder Schwoißfuaß waren zu der Zeit überaus präsent.
Wagner berichtet etwa von der »Nackt-Performance« des Aktionskünstlers Otto Mühl in der Bastion Kirchheim oder von der allerersten Deutschlandtournee der damals noch unbekannten Hardrockband Black Sabbath, die Ozzy Osbourne und seine Mannen im Dezember 1969 nach Schwäbisch Hall, in die kaufmännische Berufsschule in Göppingen und in die Manufaktur Schorndorf führte. Auch in Reutlingen schloss sich Ende der 60er-Jahre eine Non-Profit-Initiative aus Studenten zusammen, die die Rockmusik als Vehikel zur Veränderung der Gesellschaft begriff. GIG, so der Name des Vereins, verstand sich als Alternative zum kommerziellen Popbetrieb und fungierte als nicht-kommerzielle Tourneeagentur für englische und deutsche Rockbands.
So holten GIG etwa Kraftwerk in die Neue Mensa Tübingen. Bei einem Konzert von U.F.O. ebendort kam es im Mai 1972 zum Eklat, weil die britische Band zu spät kam und dann auch noch die Fans körperlich attackierte.
Christoph Wagner hat mit vielen solchen Anekdoten eine 180-seitige Bibel der heimischen Konzertszene der 60er- und 70er-Jahre geschaffen, die zeigt, dass der Südwesten seinerzeit rockte. (GEA)

Christoph Wagner: Träume aus dem Untergrund, 180 Seiten, 24,90 Euro, Silberburg Verlag, Tübingen.