Showing posts with label Griechenland. Show all posts
Showing posts with label Griechenland. Show all posts

Wednesday, 9 August 2023

SIMON STEINER: Die Klarinette in der Musik Griechenlands

GASTBEITRAG von SIMON STEINER  

Der sanfte Klang der Klarino     

Im Epirus wird die Volksmusik von griechischen Klarinetten, den Klarina, dominiert. Sie liegen in den Händen mehrerer Familien und Generationen. Sie klingen ungewöhnlich weich und gleiten geschmeidig von Ton zu Ton. Die Tradition der Klarina wird kultiviert. Auch zu den Mirológia, den lamentierenden Liedern, gehört das dunkle Holzblasinstrument. Auf Events lauert die visuelle Übermacht, und die elektrifizierte Klarinette wird durch Effekte verfremdet.

Griechische Klarinette und griechischer Wein, Fotografie ca. 1920 (Sammlung C. Wagner)


                                                     

Die Landschaft prägt die Musik 

Die im Nordwesten Griechenlands liegende Region Epirus und die Klarinette sind eins. Das Holzblasinstrument weint, haucht und singt über Berge und Täler, zum Gebimmel der Schafherden, zu Vogelgezwitscher und Hirtengesängen. Die Klarinette, gr.: Klarino, gehört zum Epirus, wie seine Weiden und Wälder, Steinhäuser und rauen Felsen. Artistische Triolen und Improvisationen auf pentatonischen und persisch-arabischen Tonleitern hallen über saftige Wiesen, sanfte Töne kullern über Kurven und alte Steinbrücken. In Schluchten schlummern warme Klarinettentöne. Durch die größeren Städte Igoumenitsa oder Ioannina spazieren Klarinettisten, meist nennen sie sich gýfti (Γύφτοι, Gypsies). Dabei sorgen Kinder für verspielte Unterhaltung und empfangen ein Almosen. Auf Tanz- und Hochzeitsfesten dominiert die Klarinette, oft von Roma gespielt. Sie verdienen gutes Geld. Traditionell wird ein Klarinettist in der Kompanía im Epirus von Violine, Laute und Def, einer Trommel, begleitet. Armut, Verluste, Trauer und Einsamkeit drücken sich in den Klageliedern aus. Zu den markanten Liedern zählen neben den Klageliedern, die auch Mirológia, „Worte des Schicksals“ genannt werden, Skáros, die Hirtenlieder, und die Trinklieder tis távlas.

Epirus (Foto: Lefki)

  

Herkunft und Spielweise der Klarinette

 

Der Name des Instruments kommt von der Clarin-Trompete, beide klingen im hohen Register ähnlich. Es heißt auch, dass Klarinette von „klar“ stammt und ja, man kann das Instrument rein und sauber spielen. Jeder griechische  Klarinettist spielt in seinem persönlichen Farbton, jeder betont und atmet anders, zieht geschmeidig die Töne durch  Veränderung des Luftdrucks und der Lippen- und Kieferhaltung und lässt die Mikro-Töne in Glissando gleitend ineinander fließen. Eine andere Raffinesse ist, die Grifflöcher nicht schlagartig, sondern langsam partiell zu öffnen bzw. zu schließen.

            

 

„Griechenland war und ist musikalisch ein Teil des sogenannten Orients.“

 

Der typische Epirus-Klarino-Sound verbindet die Klänge des Balkans, aus Albanien, Serbien und Rumänien oder Bulgarien mit ala greca und ala turka. Als Griechenland allmählich unabhängig wurde, verblieb der Epirus zunächst noch recht lange beim Osmanischen Reich und hielt sich musikalisch gesehen auch länger offen für türkische Einflüsse. Erst durch die Balkankriege 1912/13 konnten die Griechen den größten Teil von Epirus ihrem Staat anschließen.  Der Epirus ist häufig bekannt auch als Heimat der Guerilla-Banditen, der Klephten, die sich gegen die türkische Herrschaft Ali Pashas auflehnten. Aus ihren Sippen stammen viele Klarinettisten und Lieder. Ionische Orchester, jüdische Klezmer-Musik, Sinti und Roma aus dem Osmanischen Reich und die Vlachen – Hirten und Händler – beeinflussten die Spielweisen, die noch heute den Epirus-Klarino-Sound auszeichnen.

Nicht nur am Beispiel der Klarinette kann man behaupten, dass das musikalische Griechenland orientalische Klänge transzendiert. Überhaupt importierten schon die alten Griechen Musik aus dem Orient, und so hat eben ihre Musik viele Gemeinsamkeiten, sie reichen von Indien bis in die Balkanländer. Der Historiker und Musiker Ioannis Zelepos sagte einmal: „Griechenland war und ist musikalisch ein Teil des sogenannten Orients.“ Als Erfinder der Klarinette, die sich Ende des 17. Jahrhunderts aus der Schalmei/Chalumeau entwickelte, gilt zwar ein Nürnberger Instrumentenbauer: Johann Christoph Denner.

 

Vorläufer der Klarinette

 

Aber die Flöte Flogera und die Zournas, eine Art Oboe, waren in Griechenland die Vorläufer. Die Klarinette der griechischen Volksmusik hat viele weitere Wurzeln und Zweige: Mitte des 19. Jahrhunderts brachten deutsche und türkische Militärkapellen das Instrument nach Griechenland. Sultan Mahmud II. gründete damals eine Musikakademie, um der Armee westliche Instrumente vorzustellen. Klarinettist Vassilis Besiris, wurde nicht umsonst „Tourkovasilis“ genannt. Die ornamentreiche Klarino mit ihren Trillern, angeschliffenen Tönen und chromatischen Läufen verzichtet auf den bluesigen Sound, der die Blue Notes betont und mit Vibrato und Tremolo eifert.

 

 

Klarino oder Jazz-Klarinette?

 

Die Klarino muss sich nicht hinter der Jazz-Klarinette verstecken. Von Tassos Chalkias war selbst Benny Goodman fasziniert. Um 1960 war Goodman fassungslos: Er hörte Chalkias, eilte zu ihm und gratulierte ihm herzlich zu seinem grandiosen Spiel. Nikos Karakostas wurde 1881 in der Nähe von Trikala geboren. Sein Spiel war einfach, ohne unnötige Verzierungen. Er spielte alte Volkslieder und erweckte sie zu neuem Leben. Er starb am 27. Februar 1955 auf einem Karnevalsfest. Er hatte darum gebeten, folgende Inschrift auf seinen Grabstein zu schreiben: „Ich wurde arm geboren und werde arm sterben, aber Meraklís (Kenner, Genießer oder Lebenskünstler) muss auf mein Grab geschrieben werden.“


Petroloukas Halkias (Foto: Promo)



 Der Star: Petroloukas Halkias 

 

Petroloukas Halkias stammt aus dem Dorf Delvinaki in Pogoni, Epirus. Mit 26 Jahren zog es ihn mit seiner Frau nach Amerika, wo er schließlich  20 Jahre lebte. Als er zurückkehrte, war nichts mehr wie es gewesen war! Er beschrieb mit großer Emotion die authentischen Feste, die aber heute vom Aussterben bedroht sind: „Früher feierten die Leute mit den Ohren, heute feiern sie mehr mit den Augen.“ Bei großer Hingabe an die griechische Tradition scheut er sich nicht, mit indischen Musikern und afrikanischen Jazzmusikern oder mit jungen Popmusikern aufzutreten. Im Dezember 2021 spielte er mit Vasilis Kostas auf einem großartigen Griechenland-Festival in Paris. „Mein Vater wollte nicht, dass ich Musiker werde. Ab meinem 11. Lebensjahr hat er mich in einer Autowerkstatt arbeiten lassen. Der Klang der Klarinette floss durch mein Blut. Ich baute meine erste Klarinette aus dem Holz eines Baumes und begann, heimlich zu lernen.“ Im Alter von achtzehn Jahren heiratete er seine Frau Maria. „Auf der Hochzeitsfeier habe ich das Glas erhoben, um auf die Gesundheit meiner ersten Liebe zu trinken. Mein Schwiegervater starrte mich an. Um Missverständnissen vorzubeugen, gestand ich, was meine erste Liebe war und immer sein wird: die Klarinette.“  

 

 

Die Klarino bei den Olympischen Spielen in Berlin

 

Eine merkwürdige Geschichte spielte sich bei den Olympischen Spielen in Berlin ab. Hitler lud zu Propagandazwecken den legendären Olympioniken Spyros Louis und Mitsos Batzis aus dem Epirus ein. Batzis stammte aus einer großen Klarino-Dynastie und spielte als Vertreter Griechenlands im Stadion Klarinette. Als 1940 der Krieg ausbrach, meldete er sich und trat dem Unabhängigen Orden von Delvinaki bei. Sein unzertrennlicher Begleiter war seine Klarinette. Damit unterhielt

er seine Mitstreiter in den Stunden, in denen es keine Schlachten gab und begleitete alle getöteten Kameraden in ihre letzte Heimat. Das Schicksal war dem jungen Epiroten jedoch nicht gut gesonnen: Er kam im Krieg bei einem italienischen Bombenangriff ums Leben.


Manos Achalinotopoulos (Foto: Promo)



Turbulente Dorffeste und weitere Entwicklungen

 

Auf turbulenten Dorffesten, Panigýria (πανηγύρια), dominiert heutzutage oftmals die elektrisch verstärkte Klarinette, schrill und laut und mit Spezialeffekten künstlich aufgepäppelt. In diesem Spektakel hat das frivole Auge das sensible Ohr abgelöst. Die Menschen lassen sich mitreißen, tanzen ekstatisch frei, zu zweit oder im Kreis und haben bei Speis und Trank viel Spaß. Es kommt vor, dass dem Klarinettisten ein Geldschein ans Instrument gesteckt wird, um ihn wertzuschätzen oder um sich selbst als Hochstapler zu inszenieren. Aber der Hunger nach Authentizität ist groß, denn die Volksmusik kommt aus dem Volk und ist für das Volk: Auf übersichtlichen Dorffesten, in Tavernen im kleinen Kreis oder auch auf anspruchsvollen Kulturveranstaltungen werden noch Tradition und die alte Spielweise kultiviert.

 

Der Athener Manos Achalinotopoulos begann als kleiner Junge autodidaktisch mit dem Erlernen von Flöte und Klarinette. Er tritt weltweit auf Konzerten und großen Jazz Festivals auf. Bei der Eröffnungs- und Schlussfeier der Olympischen Sommerspiele 2004 in Athen spielte er mit seiner Klarinette Musik des berühmten griechischen Komponisten Mikis Theodorakis. Seit 2006 unterrichtet er traditionelle Klarinette am Institut für Musikwissenschaft und Kunst der Universität Makedonien.



Kitsos Harisiadis (Art by Robert Crumb)

 

 

Hörbeispiele:

 

Kitsos Harisiadis. Mit wunderschönen alten Fotos:    

https://www.youtube.com/watch?v=Y_sTkUlJGZU

 

Die jüngere Generation ist hier zu sehen,  u. a. mit Nikos Chalkias, die 6. Generation der Chalkias Familie: https://www.youtube.com/watch?v=nCz9yXTeE44&t=9s

 

 

Literaturtipp:

Rudolf Brandl: Ali Pasha und die Musik des Epiros. 2017. 568 Seiten

 

Spielplan der Dorffeste: 

https://zagoriview.com/panegyria/

 

Der Artikel erschien zuerst im Griechenland Journal, Juni 2023, Heft 10


Manos Achalinotopoulos & Alex Simu  beim Labyrinth Festival Catalunya - Cardedeu 19/04/2019 (youtube)




Apostolos Stamelos: "Ιτια", Greek Clarinet 78 RPM Record (youtube)


Monday, 28 December 2020

Simon Steiner: Nachruf auf Solon Lekkas (1946 – 2020)

Gastbeitrag von Simon Steiner


Musik aus der Seele 

Solon Lekkas: Erinnerungen an einen Musiker von der Insel Lesbos

 



"Singen ist wie schwimmen" (Solon Lekkas)

 

 Solon Lekkas wurde 1946 in Pigi, Lesbos, geboren und starb im Juli 2020 an Krebs. Sein Vater war Arvanite, seine Mutter hatte kleinasiatische Wurzeln. Solon war überzeugter Autodidakt und kein Notist, seine Musik kam, so Solon, aus seiner Seele. Er trommelte auf der Toumbeleki, sang in einem einzigartigen Stil traditionelle Lieder seiner Insel, Lieder aus Kleinasien, Amanes und Rembetika. Schon als Kind war er von den Einschlafliedern und Frauen-Gesängen aus Hinterhöfen, Karnevalsumzügen und den Weisen der alten Männer in Kafenions fasziniert. Solon war Baumeister und Steinmetz, errichtete aus Naturstein Brunnen, Kapellen, Öfen und Trockenmauern, die die Oliven-Hänge sicherten. "Stein und Musik sind gleich", sagte Lekkas und sang oder pfiff, wenn er mauerte. Lekkas war Selbstversorger, Wein, Ouzo, Öl, Brot, Käse, er stellte alles selbst her. Er besaß Ziegen und Hühner und ritt auf seinem Esel. Am liebsten sang Solon in kleinen Tavernen im engeren Kreis, denn sein feeling konnte er nicht auf Befehl ausdrücken. Als er seinen Wehrdienst ausübte, wurde er eher zum Mikrophon als zur Waffe zitiert.

 

Von 1996 bis 1997 sang er regelmäßig in der Taverne "Boudroumi" in Mytilene. Dort traf er Profis und Amateur-Musiker aus Lesbos, aus Griechenland und der Türkei. Solonas ' Tavernen-Auftritte auf Lesbos waren überschaubar. Im Rahmen von touristischen Festivals oder Folklore-Aufführungen, wie dem Ouzo-Festival auf Lesbos wurde er - aus Nostalgie - ins Rampenlicht gehievt. Begehrter war er in Thessaloniki und Athen, in anderen Teilen Griechenlands und im Ausland, wo er regelmäßig auftrat und als Marke für das wahre Östliche und Exotische stand.

 

Solon produzierte in Eigenregie 5 CD, die er in Anspielung auf den athenischen Staatsmann Solon  "Die Gesetze von Solon" nannte und auf Konzerten anbot. Das Label Music Corner veröffentlichte dazu eine Compilation: "I nomi tou Solona" (Songs from Mytilini / Lesvos & Minor Asia)

2000 erscheint im Rahmen eines Forschungsprogramms seine Aufnahme "Ark of the Aegean" mit 14 Songs über den Alltag, Feste und Feiern auf Lesbos. Lekkas wird schließlich personifizierte Quelle für die Geschichtsforschung: Feldstudien, Vorträge, Fernsehshows und Dokumentarfilme, z.B. "Methexis" und "Solos, taximi in time" fokussieren sich auf Lekkas. 2011 wurde die CD "The Laws of Solon" mit musikwissenschaftlichem Begleitheft veröffentlicht.

 



Wer Videoclips mit Solonas Lekkas anschaut, bekommt Lust, den Kühlschrank nach griechischen Häppchen, nach Oliven, Tomate, Käse und Ouzo - d  a  s   Getränk aus Lesbos -  zu inspizieren. "Du kannst nicht mit Kaffee singen ... Musik und Ouzo sind Brüder!" Lekkas verkörpert die Sehnsucht nach Sonne, Erde und Meer und lenkt ab von schnellen Moden und Beliebigkeit, Krise, Globalisierung oder Massentourismus. Lekkas singt und tanzt, gestikuliert und spielt mit Symbolen. In seiner alten Tracht und mit seiner urigen Physiognomie wirkt er authentisch und sein schelmischer Blick wirkt verschmitzt. Wenn er aber dirigiert und gestikuliert und sich alles nur noch um ihn dreht spürt man, dass sich eine große musikalische Persönlichkeit authentisch präsentiert und nicht künstlich inszeniert wird.

 

Seine Begleitmusiker spielen meist auf Instrumenten, auf denen Mikronoten erklingen können: Oud, Santur, Kanun oder Viola haben in den Ohren von Westeuropäern einen orientalischen Touch. Lekkas tanzt Syrto - oder Zeimbekiko-Einlagen, kreist, kauert, kniet ... . Plötzlich erhöht Lekkas per Oktavsprung seine Stimme, als ob sich ein Pferd aufbäumt und Solon schießt in die Höhe. Die  traurigen, fernöstlichen Amanes klingen nach Schmerz und Leid. Seine Amanes (s. Gastbeitrag von Simon Steiner http://christophwagnermusic.blogspot.com/2020/12/das-kosmopolitische-smyrna-und-seine.html) machten ihn einzigartig. Er gehörte zu den Wenigen, die sich trauten, in Ausnahmefällen spontan los zu singen und er hat Verständnis für die seltene Interpretation der Amanes, "weil nur wenige sie aufgrund ihrer Schwierigkeit ausprobieren."

 

In Lekkas verschwimmen vergangene Kriege, verlorene Territorien, Kontinente und Traditionen ala turka und ala greca. Lesbos ist nur wenige Seemeilen von der Türkei entfernt: "Es ist genau gegenüber, wir machen die gleiche Musik!" sagte Lekkas. Er sang auf griechisch und auf türkisch aber griechischen Weisen verpasste er immer einen Hauch ala turka, obwohl er argumentierte, die griechischen Amanes wären "byzantinisch, viel sanfter". In ihm sind die Wurzeln Griechenlands, Kleinasiens und das alltägliche Leben der Insel Lesbos gegenwärtig. Und doch ist es viel mehr als Folklore, wenn er auf seinem Pferd daher reitet, alte Geschichten im Dialekt erzählt, wenn er live auf seine Häppchen, verweist: "Alles aus Mytilini!" Traditionen werden wiederbelebt und das Leben erscheint stabil und unveränderlich. Alte Rituale haben Gültigkeit!

 

Solon bevorzugte für Live-Auftritte ein traditionelles Männerkostüm der Insel, mit dem er vergangene Tage bewusst idealisierte: Schwarzer Reithose, schwarze Weste und ein schwarzes oder weißes Hemd. Ein schwarzer Gürtel hält die Hose und auch bestimmte rituelle Gegenstände wie ein Messer. Auch Socken und Stiefel, der "Kalpaki" oder "Katsoula", der Pelzhut waren schwarz. Solons Lieblingsaccessoires waren ein Rosenkranz (Komboloi) und ein roter Schal, den er auch als gewickeltes Kopftuch trug.

                                                           

Tourismus, Medien und Handel europäisierten Lesbos. Die Destillerien der Insel decken etwa 50 % der gesamten griechischen Ouzo-Produktion. Die Haupteinnahmequelle ist das qualitativ hochwertige Olivenöl aus 11 Millionen Bäumen. Die Insel erlangte als ein Symbol der Flüchtlingskrise in Europa internationale Medienaufmerksamkeit. Musik, Kulinarisches aus Lesbos, Traditionen und Authentizität sind nicht nur medial gefragt. Die Menschen im In - und Ausland lieben konservative Persönlichkeiten wie Solon Lekkas. Er wird in die Geschichte der Insel eingehen und ist ein Meilenstein griechischer Musik.

 

 

 

 

Dieser Artikel basiert auf der Arbeit von Dora Spetsioti:

 "SOLONAS FROM MYTILINI ARTISTIC PRESENCE, PERFORMANCE, SYMBOLS".

Arta, Juni, 2020

 

Playlist von Dora Spetsioti,

https://www.youtube.com/playlist?list=PLOQwQhWSvGQGGdwXvkl4Kjo0rjSJfL1He

 

Solon und der typische Insel-Tourismus:

https://www.youtube.com/watch?v=apoRBmbFOkA&feature=youtu.be

 

Ein Dokumentarfilm über Solonas Lekkas von seinem Freund Giannis Adrimis:

https://vimeo.com/204579133

Solon Lekkas auf Instagram:

https://www.instagram.com/explore/tags/solonlekkas/

Monday, 6 April 2020

Der Leierkastenmann von der Ägäis

Gastbeitrag von SIMON STEINER
Loops aus der Vergangenheit - der süße Sound der Laterna

Foto: Simon Steiner

"Wenn du sie streichelst, singt sie." 
Nikos Armaos, der König der Laterna 

Der trocken klingende, metallische, aber süße Klang und die bunten Verzierungen der Laterna verzaubern uns. Es fühlt sich an, als ob Feen schweben und Zwerge hüpfen, sagt man in Griechenland. Nostalgie kommt auf. Im Kasten, an dem eine Hand kurbelt, sitzt eine Stiftwalze, die an Hämmerchen zupft, die auf Saiten schlagen. Der Klang führt uns unwillkürlich auf Zeitreise. Alte Kompositionen, Laterna - Konstrukteure und alte Geschichten tauchen wieder auf und entführen uns in ferne Orte und Zeitspannen.

Die Laterna ist ein automatisches Musikinstrument, das der Spieler mit Riemen auf den Rücken schnallt oder - auf Rollen montiert - zieht oder schiebt. Eine Laterna hat die Form einer Holzkiste. Aufgebaut steht sie auf faltbaren Holzbeinen. Das Herz der Laterna ist ein Holz-Zylinder mit Nägeln, die wie Kamm-Zähne angeordnet sind. Die Nägel entsprechen den Noten des Liedes. Sie zupfen beim Drehen des Zylinders an gefederten Hämmerchen, die wiederum auf Saiten schlagen. So entsteht schließlich der Klang. Die Noten eines Liedes werden per Schablone auf den Zylinder übertragen. Der Rhythmus des Liedes hängt davon ab, wie nahe die Nägel hinter einander liegen und wie rasch gekurbelt wird. Ihre Anordnung entlang der Walze bestimmt die Melodie. Der Tonumfang des Instruments umfasst dreieinhalb Oktaven. Zum Zubehör gehört eine Glocke, die das Lied akzentuiert.

Lange vor dem unterhaltenden Grammophon und der Jukebox wurde die erste Laterna angeblich 1808 von einem Klavierbauer in Bristol gebaut, der Klaviertasten durch eine Nagelrolle ersetzte. 
Im 19. Jahrhundert wurde die Laterna von fahrenden Musikanten, den Yiftoi, Gypsies oder Roma-Musikern gespielt. Yiftoi schlugen zur Begleitung eine Rahmentrommel mit Schellenkranz, die Daira. Die Alleinunterhalter mit Laterna traten besonders in den Hafenstädten der Levante, der Länder am Östlichen Mittelmeer auf. Auf Marktplätzen erklang das süße Geklimper. Frau oder Tochter agierten als Tänzerinnen. Manchmal führten sie einen Tanzbären mit sich und freuten sich über ein paar Münzen. 

Die Laterna verbreitete sich rasch, insbesondere in den griechischen Gemeinden Europas und Kleinasiens, hauptsächlich in Konstantinopel (Istanbul), Athen, Piräus, Thessaloniki, Kairo, Alexandria, Smyrna (Izmir) oder Bukarest, also Städte, in denen griechische und armenische Handwerker tätig waren. Es wird geschätzt, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Konstantinopel, Athen und Piräus rund 5000 Laternen gespielt wurden. Im Rampenlicht standen die Laternas auf großen Plätzen, Märkten und breiten Straßen und erreichten Menschen aller Schichten. Der "Musikautomat" gehörte nicht nur zum Straßenbild sondern auch zum guten Ton der noblen Gesellschaft. Die Laterna wurde auch in vornehmen Häusern, luxuriösen Restaurants, auf Hochzeiten, bei Tanzveranstaltungen, Festen und Feiern und zu Stummfilmen gespielt. 

1880 gründeten in Konstantinopel der Italiener Guiseppe Turconi und Josef Armaos eine Genossenschaft. Turconi war Komponist und Armaos der "stamper". Er setzte die Nägel und wurde Nagler oder Stempelmacher genannt. Josef spielte nach einem Schieß-Unfall mit einer speziell für ihn angefertigten Geige einhändig weiter. Sein Sohn Nikolaos migrierte nach der Kleinasiatischen Katastrophe 1923 von Konstantinopel nach Athen. Das Geheimnis sei, so berichtete Nikolaos Armaos, wie man die Stifte nagelt. Jeder Stift sei eine Notiz. Wenn ein Nagel zu tief oder seitwärts sitzt, "tötet er das Lied". Nikos hat nach eigenen Angaben 2000 Lieder geschrieben. Seine Großeltern stammten aus Italien und der griechischen Insel Tinos, auf der viele Katholiken leben. In seiner Werkstatt spielten Athener Kunden auf Mandolinen oder pfiffen und sangen Armaos die gewünschten Melodien einfach vor. Armaos beeinflusste Rembetiko-Musiker wie Vassilis Tsitsanis oder den sogenannten König von Piräus, Giorgos Batis. Batis' Baglamas klingt tatsächlich manchmal wie eine Laterna, immer wieder drehen sich gleich klingende Melodien im Ohr. Wie aufgezogen oder wie ein Loop aus Urzeiten. 

Einige genagelte Laterna - Stücke wurden später als Kompositionen anderer berühmter Musiker bekannt. Hits wie das weltberühmte Frankosyriani von Markos Vamvakaris, das noch heute in Athen, Piräus oder auch in kleineren Städten gekurbelt wird, faszinieren die Passanten. Aber keiner ahnt, dass der Patriarch des Rembetiko, Markos Vamvakaris, die Melodie von Frankosyriani einer Laterna abgekupfert hatte, der er auf seiner Heimatinsel Syros lauschte. Wenn heute Menschenmengen scheinbar gleichgültig in der Shopping Meile, der Ermou Straße in Athen vorbei huschen, kitzelt der süße Klang in allen Ohren und Herzen. So Mancher bleibt neugierig stehen und stiftet dem Spieler ein paar Münzen. Antonis Nassiopoulos, ein Freund von Nikos Armaos' Sohn Julius, baute 1994 gemeinsam mit Vassilis Iakovidis, einem führenden Pianisten und Handwerker, wieder Laternas. Zur gleichen Zeit setzte Anastasios Tzionis in Serres die traditionellen Traditionen der Laternas fort. Nikos Armaos, der König der Laterna, starb 1979 im Alter von 90 Jahren in Athen. Laternas sind heute begehrte Sammlerstücke und schmücken Privatsammlungen in Europa und Amerika. 

Um die Jahrhundertwende gab es Geschäfte, die sich auf den Bau und die Ornamente der Laternas spezialisierten: Bunte Samt - und Lederbezüge, geschnitzte Perforationen, goldene Stickereien, Perlen und Rosenkränze. Häufigste Motive sind junge Frauen, umrankt von Blumen und der griechischen Flagge oder Darstellungen von erfolgreichen Schlachten und dem Sieg über die Osmanische Herrschaft 1821. Bilder von Maria Pentagiotissa, die erste Femme Fatale des modernen Griechenland oder die Königin des Rembetiko, Roza Eskenazi schmücken viele Laternas. 

Von 1936-1941 wurden während der Diktatur Metaxas nicht nur verruchte, "gesetzlose" Rembetika, sondern auch Laternas verboten und in Lagerhäuser still gelegt. 1955 erreichte Alekos Sekellarios mit seinem Kassenerfolg Laterna, Armut und Würde (Laterna ftoheia kai filotimo) ein breites Kino-Publikum und das Instrument wurde Mode.
Große griechische Komponisten wie Manos Hadjidakis, bekannt durch die Filmmusik in "Sonntags ... nie", Mikis Theodorakis oder Stavros Xarhakos waren von dem süßen, metallischen Sound begeistert und bezogen Laternas in ihre Arbeit ein. Eine wunderschöne Laterna steht im Museum für griechische Volksmusikinstrumente in der Athener Plaka.


CD: 
Νίκος Αρμάος: Λατέρνα Και Ντέφι, 1977
Nikos Armaos: Laterna & Ntefi. Greek Folk Dances with Street Organ


Foto: 
Giorgos Kizilis in der Ermou - Straße Athen (Simon Steiner, 2019) 


Grigoris Bithikotsis/Sotiria Bellou- H LATERNA 1961

Simon Steiner aus Stuttgart verbringt das halbe Jahr in Griechenland. Er ist Autor von 'Wie der Punk nach Stuttgart kam und wo er hinging‘ (Das Buch – 11 Einzelhefte im Schuber inkl. CD – ist im Format 24x34cm mit insgesamt 340 tw. farbigen Seiten bei Uli Schwinge im Verlag EDITION RANDGRUPPE erschienen.) 


Wednesday, 26 September 2012