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Tuesday, 15 September 2026

Steffen Moddrow: Schlagwerktheater

 GASTBEITRAG von SIMON STEINER:


Musik mit allen Mitteln

 

Steffen Moddrows fulminantes Schlagwerktheater im Stromraum Stuttgart


Foto: E. Oppelt





Steffen Moddrow studierte Schlagwerk an der Musikakademie Kassel. Seine Wurzeln liegen in der musikalischen Performance mit eigener Klang-Materialsprache, dem „Moddrow Schlagwerktheater" und Improvisation. Steffen Moddrow ist nicht nur Solo-Performancekünstler sondern auch Drummer in verschiedenen Bands, Schlagzeuglehrer und Theaterkomponist.


Seit den 1990er Jahren entwickelt er eine eigene Klang- und Materialsprache aus Alltagsgegenständen, Objekten und elektronischen Spielsachen, z.B. Bierdosen, Stühle, Thermoskannen. „Ich bespiele, bearbeite, suche die Resonanzräume dieser Materialien, präpariere meine Trommeln mit Klebebändern, und auch manchmal mit Teigwaren, wie Spaghetti.“ Moddrow verwendet Tonkonserven, zerkratztes Vinyl, alte Tapes oder Produkte der Billigindustrie, wie digitales Kinderspielzeug. Diese Klangmaterialien werden zerlegt und zu Kompositionen wieder zusammengefügt.

 

Am 27. August 2026 trat er solo im gut besuchten Stuttgart-Bad Cannstatter Stromraum auf. Eckhart Holzboog, der Betreiber des Stromraums, wünschte sich seinen Freund Steffen, mit dem er einst auf die Stuttgarter Merz-Schule ging, als Solist. Kein Duo, keine Band. Es sollte unbedingt Steffens Soloauftritt sein, eben das Schlagwerktheater, „das am ehesten dem Konzept des Stromraums entspricht, nämlich Experiment und Improvisation und das ist aufgegangen“, so Holzboog. 


Andere Konzerte wählt er mit seinen Stromraumfreunden aus, die ihn auch tatkräftig bei Equipment, Bühnenaufbau und Kasse unterstützen. Überhaupt, der Stromraum ist eine gute Adresse für „aktuelle Musik in Grenzbereichen“ und sorgt für Vergnügen, Begegnungen und Gespräche. Im Sommer wird auch mal im Hof gegrillt und im Winter gibt’s meistens die herzhafte Suppe von Sybille.

 

Ich sah Steffen vor Jahren bei einem Gig im Theater tri-bühne Stuttgart, veranstaltet von Klaus Pfeiffer, herumtoben, herumfuhrwerken, voller Elan aber auch sehr präzise, etwas clownesk oder witzig. Aber die Geräusche und raschen Bewegungen führten zu einem Orkan und Steffen riss alle mit, ein wahres Spektakel – unvergessen.

 

Steffen tauchte ab und zu auf, einfach so, als wir mit unserer New Wave/NDW Band 1981 im Proberaum in der Maybachstraße Stuttgart übten. Und bei unserem Punkprojekt „Wie der Punk nach Stuttgart kam“ war er auch dabei, weil ich mich als Autor an seine alten Bands und die derben Fotos von Graphic Sensibility und Die Flüchtlinge erinnerte. Während Corona kreierte er in Kassel in kollektiver Arbeit eine Papp-Box, bestehend aus einem Dokumentarfilm von Ulf Staeger zu Steffens Arbeiten, in diesem Fall mit „Perkussiven Performance Ritualen" u.a. an Orten, wo zu früheren Zeiten Subkultur gelebt wurde. Teilweise waren die Häuser abgerissen, oder Steffen performte in „Lost Places“, wo einst Konzerte stattfanden. Diese Box, die mich persönlich über mehrere Monate auf Eckharts Tisch anstarrte, enthält einen Memory-Stick mitsamt einem Archiv mit Konzertmitschnitten seines Schlagwerktheaters, dazu noch eine Broschüre, in der der Musikwissenschaftler Wolfgang Boder die Geschichte des Punks in Kassel erzählt. Jetzt war er wieder in Stuttgart. Ich habe das Gefühl, da sind schon noch derbe Wurzeln aus seiner Punk-Ära spürbar. 


Foto: E. Oppelt



Woher kommt deine Liebe für die Performance Schlagwerktheater? Welche Einflüsse und persönlichen Lebenswege haben dich dazu motiviert?

 

Steffen Moddrow: Liebe ist tatsächlich die antreibende Kraft für meine Arbeit mit Objekten, die ich mit passendem Werkzeug, mit Drumsticks, Malletschlegel, Jazzbesen oder Gummiklöppel bearbeite. Alles begann mit einer Tüte leerer Bierdosen, die in einem Proberaum in den 1980er Jahren umfiel und ein tolles Soundspektakel auf dem Steinboden auslöste.


Wenn dann auch noch Objekte, wie z.B. Klebebänder auf Trommelfellen mit den Kesseln als Resonanzräume zusammen reagieren, ist ein gesamtes neues Instrument geboren. Diese Grundidee ist nicht neu, wenn man an die Stücke von John Cage für „präpariertes Klavier" denkt. Auch im Free Jazz oder in manchen Kompositionen der Neuen Musik des 20. und 21. Jahrhunderts ist bekannt, dass Bürsten, Schleifpapier, Dildos oder Eierschneider das Schlagwerk – Klangspektrum erweitern.


1970 spielte ich als 10-Jähriger zum ersten Mal live als Gast in einer alpenländischen Polkaband, später etwas Tanzmusik, Blues und Rock'n Roll, New Wave, Punk, Ska, Reggae, Rock Jazz, traditionellen Jazz, Free Jazz und freie improvisierte Musik. Als 13 Jähriger erhielt ich in Stuttgart-Bad Cannstatt Schlagzeugunterricht bei dem legendären Schlagzeuger, Perkussionist und Weltmusik-Genie Gert Kilian von der Gruppe Orexis. Auch Literatur möchte ich erwähnen, auch eigene Texte, die Eingang in mein Schlagwerktheater finden: von surrealistischer Literatur über Existentialismus, Mystik bis zur Beat-Literatur. Schließlich wurden im deutschen Beat-Verlag "Stadtlichterpresse" einige meiner Texte in Anthologien veröffentlicht.


Foto: E. Oppelt



Welche Resonanz möchtest du beim Publikum auslösen? Was sind deine Erwartungen und wie sind die Reaktionen?

 

SM: Meine Auftritte leben von der positiven Resonanz des Publikums – und von einem Phänomen, das mich immer wieder fasziniert: Meine Bewegungen, Gesten und Impulse werden unmittelbar als Teil des Klangereignisses wahrgenommen. Wenn ich mich selbst durch neue Akzentuierungen, überraschende Beats oder frische Klangfarben aus dem Konzept bringe, reagiert das Publikum oft genauso spontan und freudvoll wie ich. Meine Stücke sind strukturell angelegt, aber ich lasse bewusst Raum für Flow, Intuition und Entscheidungen im Moment. Idealerweise entsteht eine Synchronität zwischen Gefühl, Aktion und dem Umgang mit dem Instrument. Ich genieße diese Momente des Unvorhergesehenen – kleine Zufälle, klangliche Wendungen, daraus entsteht Humor. 

Oft entwickeln sich Verläufe wie von selbst, und ich lasse mich treiben. Dann entstehen jene Augenblicke, in denen Timing, Dynamik, Pausen, Klangfarben und Grooves sich wie selbstverständlich fügen. Die Reaktionen des Publikums sind in solchen Situationen überwältigend. Besonders intensiv war das Konzert am 27. August im Stromraum in Stuttgart-Bad Cannstatt. Das Publikum war an diesem Abend außergewöhnlich fokussiert, aufmerksam und präsent. Für diese Konzentration und Offenheit bin ich sehr dankbar.

Einige Live Mitschnitte aus seinem Stromraumkonzert sind auf facebook und instagram zu sehen.

https://www.facebook.com/steffen.moddrow

https://www.instagram.com/craterentertainment/

https://stromraum.de/

https://www.youtube.com/watch?si=LhRpSEErVyFK0Bv1&v=CudL6o2oa08&feature=youtu.be

 

 

Tuesday, 4 August 2026

Wenn das MUSEUM zum KLANGRAUM wird

LANGE NACHT DER MUSEEN mit Musik

Sindelfingen, Stadtmuseum (Altes Rathaus), Lange Str. 13

Samstag, den 14. November 2026 / 18–24 Uhr

Anläßlich der Ausstellung "Von Abba bis Zappa – als Sindelfingen und Böblingen den Südwesten rockten", wird die LANGE NACHT DER MUSEEN im Sindelfinger Stadtmuseum (Lange Str. 13) dieses Jahr vollständig im Zeichen der Musik stehen. Von 18 bis 24 Uhr werden an unterschiedlichen Stellen im Museum verschiedene Musikgruppe ihre Kunst zum Besten geben.

Mit dabei: LEFTA aus Stuttgart haben sich dem griechischen Rembetiko verschrieben. Simon Steiner (Baglamas, Klarinette), Klaus Pfeiffer (Tzouras), Evangelos Dimopoulos (Oud, Baglamas, Tzouras & Trommel) und Melina Dimopoulou (Gesang) spielen und singen Lieder aus der Subkultur der Außenseiter, Herumtreiber und Gauner, wie sie in den griechischen Hafenstädten der 1930er Jahre entstanden sind. 

Lefta - vlnr: Pfeiffer, Steiner, Dimopoulos, Dimopoulou (promo)

Joachim Kupke & Reiner Pfleiderer // Verbeulte Songs über das Leben bringt das Duo von Joachim Kupke (Gesang) und Reiner Pfleiderer (Gitarre). Die beiden sind durch die Gruppe „If You Wanted to“ in Sindelfingen und darüber hinaus bekannt. Kupkes rauhes Organ gibt den Stücken eine Tom-Waits-Qualität, souverän begleitet von Reiner Pfleiderer auf der akustischen Gitarre.

  panta rhei – vlnr: Rössle, Kniel, Buck (promo)               

panta rhei (Ekkehard Rössle, ss, ts, cl / Matthias Buck, viola / Manfred Kniel, dr)

Das Trio panta rhei (=alles fließt) spielt eine Musik, die man als Minimal-Loop-Jazz bezeichnen könnte. Die Stücke von Manfred Kniel sind einfach und komplex zugleich, dezent und ironisch, komponiert und doch spontan. Es ist der erste Auftritt dieses neuen Trios aus Spitzenmusikern aus dem Südwesten. 


Eintritt frei

Wednesday, 1 April 2026

Als der PUNK nach Sindelfingen und Böblingen kam

Ein GASTBEITRAG von SIMON STEINER, 

Autor des Buchs "Wie der Punk nach Stuttgart kam (1977-1983)"


T R I O L O G – PUNK AUS SINDELFINGEN

Die Band TRIOLOG trat 1980 im Sindelfinger Jugendhaus auf. „Dort liefen nur Hippies herum, in lila Latzhosen und mit langen Haaren. Wir provozierten und schockierten die mit unsren kurzen Haaren und unserem rebellischen Verhalten aber insbesondere mit unserem Krach, laut und schnell! Und einfach, drei Akkorde, weil wir alle kaum spielen konnten. Wir wollten halt den Zeitgeist widerspiegeln: Kalter Krieg - düster, grau, kalt."  Mink, Schlagzeuger von TRIOLOG


Die Proben der Punks fanden in Böblingen in der Ami-Kaserne statt.
Die Bandplakate wurden im Jugendhaus im Siebdruckverfahren hergestellt, und auch die Evangelische Kirche in Maichingen unterstützte die Band mit Auftrittsmöglichkeiten. Punks waren zwar gegen alles aber die jungen Rebellen mussten Kompromisse machen: Das Jugendhaus, die Eltern, der Vertrauenslehrer der Schule, ein Verein oder ein Pfarrer, alle unterstützten die jungen Kerle.



DER AKTUELLE MÜLLEIMER

In Böblingen wurde das Fanzine Der Aktuelle Mülleimer produziert, ein Magazin von Fans für Fans der Punkszene. Thomas Ziegler, selbst Punk, schrieb an der Schreibmaschine seine Punk-Erlebnisse, kritzelte, fotografierte und zeichnete und erreichte schließlich die sagenhafte Auflage bis zu 600 Stück. Kopiert wurde das Ganze im Copy Shop. Ziegler berichtete über Fahrten ins Punk-Mekka nach London, wo sich die Punks mit Kassetten, Ansteckern - sogenannten Badges - und Schallplatten und mit verrückten Klamotten versorgten. Thomas war auch „Manager“ der Winnender Band Normahl, der er auf seinem hauseigenen Schallplatten Label Mülleimer Records Schallplattenveröffentlichungen ermöglichte. "Ich war aktiv und wollte etwas für die Szene tun, um Punk bekannter zu machen", berichtete er. Auf Konzerten verkaufte er seine Schallplatten, Kassetten und Fanzines selbst und bastelte für Schallplattenläden Aufsteller. Ziegler war das Do it yourself - das oberste Punkprinzip in Person!


F A K  IN DER KLOSTERSEEHALLE, SINDELFINGEN


"Wir waren 1982 Vorgruppe vor der beliebten Band Fehlfarben aus Düsseldorf, das waren für mich Stars, die Texte der Band kann ich noch heute auswendig. Nach dem Konzert kickten wir mit  Trompeterin Sylvia Schütze mit Bierdosen, als die Halle ausgefegt wurde“, erinnert sich Simon Steiner, der damals bei F A K sang und Saxophon spielte, "allerdings war da Punk der ersten Ära bereits in New Wave oder die kommerzielle Neue Deutsche Welle übergegangen".

FAK als Vorgruppe der FEHLFARBEN, 1982



DAS KROKODIL 

Im Krokodil am Böblinger Busbahnhof trafen sich die Punks. Punk Kalle Stille war 1984 mehrfach auf Konzerten, bei GBH, Youth Brigade, Rotting Carcass.
Und einen Plattenladen gab's auch, mit speziellen Punkscheiben.

Wednesday, 29 October 2025

Gastbeitrag von Simon Steiner: Erinnerungen an MICHAEL SCHILL und die VERICHROME TULIPS

Ein Blick zurück:

Die VERICHROME TULIPS 

Indierock der 1980er Jahre aus Stuttgart


SIMON STEINER erinnert an seinen Bandleader Michael Schill

"Indie" lautete das Schlagwort – sich möglichst unabhängig geben. Eine Alternative zu den großen Plattenfirmen war das kleine Label Syndicate records, der übersichtliche Vertrieb nannte sich EFA. Das Indie-Label veröffentlichte unsere selbst produzierte LP LAC LEMAN, die von Klaus Scharf im Studio „basement“ 1987 aufgenommen wurde. Das kleine selbstgebaute Studio befand sich im Keller von Schlagzeuger Winnie Rau, in dessen Musikkaufhaus Schrill in der Tübinger Straße in Stuttgart. Das Kaufhaus Schrill war damals Mitte 80er, die Szenelocation für Musiker. Hier traf man sich um neue Instrumente und Equipment zu bestaunen, einzukaufen, aber auch nur um zu schwätzen und Neuigkeiten auszutauschen.

Unser Bandleader, Komponist, Texter und Gitarrist Michael Schill, leider früh, 2021 verstorben, kümmerte sich um alles. Er lieferte ständig neue Stücke, die wir im Proberaum fleißig übten. Die Proben verliefen nicht gerade lässig, sondern sehr zielorientiert. Schill war ehrgeizig, nachdem sich sein letztes Projekt Shot Light Blue auflöste. Unter „Indie“ stellte ich mir etwas anderes vor, lockerer, experimenteller und deshalb griff ich als ausgebildeter Saxofonist und Klarinettist auch zum Bass, etwas ausprobieren. Irene Minges setzte sparsam zärtliche Pianotupfer und sang leise, rücksichtsvoll, charmant. Winnie versuchte sich am Schlagzeug und Schills Gitarre klang meist verzerrt, schräg, sein spröder Gesang anklagend. Und tatsächlich, unsere Kassette, die Schill liebevoll gestaltete, klang „Indie“, ungeschliffen, zart, schräg, ein Hauch von Velvet Underground.


Weltschmerz, tragisches Verliebtsein schimmerten durch Schills Texte und so klang schließlich auch der Tulips-Sound: melancholisch, düster und zerbrechlich. Eine romantische Fotosession am Bärensee oder ein Bad im Tulpenmeer wählte Schill als „unsere“ Band-Motive.

Wir spielten z.B. in der Röhre in Stuttgart, groß in der Presse angekündigt als Geheimtipp und dann auch in der Stuttgarter Presse reichlich besprochen, teils gelobt, teils kritisiert, da angeblich unprofessionell, „Indie“ eben, was ja genau unser Anliegen war. Im Schwimmbad in Heidelberg mit den Briten The Pastels spielten wir erfolgreich, in der Rätschenmühle Geislingen erfuhren wir Anerkennung, wir spielten in vielen damaligen Indie-Hochburgen und auch in Balingen auf einem Festival (mit The Blech)..

Zurück zu unserer LP LAC LEMAN, unserem Tulips Album, aufklappbar mit einem bunten Gemälde Schills. Ich finde, es war sehr ernsthaft produziert, sehr geschliffen, Schill wechselte die Urbesetzung teils aus und zuletzt führten überflüssige Umbesetzungen zu einem Rock-lastigen Auftritt im legendären MAXIM am Stuttgarter Wilhelmsplatz. Wo war jetzt die sanfte Klarinette oder der süße Gesang von Irene, unser eigentlicher Indie-Sound, wenn „die Gitarre alles zermalmte“, wie in der Presse kritisiert?

Schill: Maler, Fotograf und Musiker, von Beruf Grafik Designer


Ich erinnere mich sehr gerne an Schills Verichrome Tulips-Plakat, eigenwillig im Quer-Format mit verspieltem Schriftzug, seine Gemälde, seine großen wilden Malereien. Seine Galerie in der Libanonstraße, auch ein weiterer Versuch, von kurzer Dauer. Ich erinnere mich an seine Fotoreihe „New York“, die mir sein Vater schenkte, unseren spontanen Ausflug ins Elsass, unsere Biere im Libero in der Olgastraße, später, 2008 noch mein Saxofon in seinem homestudio in der Liststraße ... und so vieles mehr. Er besuchte mich oft in meiner Wohnung in der Rosenbergstraße und wir hörten Platten oder er überreichte mir ein riesengroßes Gemälde, sagenhaft ein selbst gebauter fetter toller Rahmen, es zeigt die legendäre Tangente Bar, die sich gegenüber der Liederhalle befand.

Wir beide hatten vor, für eine Güterbahnhof-Jubiläumsfete Verichrome Tulips-Songs beizusteuern. Michael Schill war nämlich in den 90er Jahren dabei, im legendären Güterbahnhof, unserer Bahnwärterkantine hinterm Stuttgarter Bahnhof, bei unzähligen Sessions, Ausstellungen und Parties. Ach, wie wir da gemeinsam feierten und tobten, sein Humor, was haben wir gelacht.

Eine Wiedergeburt erfahren Schills Kompositionen, die er vor vielen Jahren mit Dieter Fuchs aufnahm: Dieter spielt aktuell einige Songs von damals, „foxxxmachine spielt Schill: Ein modernisierter Trip in den Stuttgarter Underground der 80er und 90er Jahre“, live als Support der Stuttgarter Postpunk Band HERZ RHYTHMUS MASCHINE.

Schills Bilder und seine Musik leben weiter und viele weitere Schätze von Micha sind bei seinen Eltern, die wir regelmäßig besuchen, in besten Händen. Und was mir nun noch einfiel, bei all der Kritik: Respekt verdient sein Talent schon, das muss man einfach sagen, ein großer Teil seiner Kompositionen sind Ohrwürmer, kleine Hits, charmante Songs, auch härtere Songs, es gelang Schill, den Tulips einen unverwechselbaren Stil zu geben. Und wir zogen eine Zeit lang alle mit.

Manche sprechen mich noch heute auf einzelne Songs an, die sie immer noch gerne hören.

Ruhe in Frieden Schill.

Saturday, 10 May 2025

Simon Steiner über JASON SEIZER: Jazzmusiker, Veranstalter, Produzent

GASTBEITRAG von SIMON STEINER:  


Jason Seizer - ein Leben als Jazzmusiker, Veranstalter und Produzent

 vlnr: Fabian Arends, Jonas Westergaard, Jason Seizer, Pablo Held (Foto: Jakob Stolz)


Ich fahre die Cannstatter Straße entlang, von Bad Cannstatt nach Stuttgart. Der Blitz kennt mich und ich schleiche wie alle Fahrzeuge brave 40 km/h, zum Zerreißen langweilig. Jason Seizers Modern Jazz CD Vertigo (Label Pirouet, 2020, Liveaufnahme im Studio 2 des Bayerischen Rundfunks) läuft, seine achte CD: romantisch, zärtlich gehauchtes Tenorsaxofon, plötzlich explodiert Jasons Kanne. Erst spitz und frech, in höchsten Tönen markerschütternd, nun abgrundtief. Zu jedem Atemzug verändern sich die Klangfarben. Jason zieht in dem Stück The Movie Suite alle Register, danach improvisiert das Jason Seizer Quartett das Vertigo Love Theme aus Hitchcocks Thriller frei und gefühlvoll dem Ende entgegen.

Jason Seizer, geboren 1964 in Stuttgart, sah ich erstmals 1984 im Bunker am Wilhelmsplatz Stuttgart. Wir probten mit Biznis Biznis, einer Stuttgarter Band mit Jazzanklängen. Jason war von meinem Saxofon angetan, ich lud ihn ein und spielte ihm John Coltranes LP Ballads vor. Wir kauften in der Buchhandlung Wittwer am Schlossplatz Biografien von Charlie Parker, John Coltrane und Miles Davis, wir stöberten in meiner Notenschule von Oliver Nelson und ich erzählte ihm von der Jazzstadt Stuttgart, meiner Jugend, langen Nächten im Publikum oder sogar auf der Bühne, als Teen, in Clubs wie dem "Atlantik" in der Büchsenstraße, später Berliner Platz, Hahnenhof oder Braunschweigers Jazzclubs am Rotebühlplatz. Eine neue Welt eröffnete sich ihm, er besorgte sich Charlie Parker Platten, die er in seinem VW Käfer auf Kassette hörte und wurde ganz verrückt danach, sein Verlangen schien grenzenlos. Er kaufte sich ein Sax, schloss sich in den Bunker ein und spielte wenige Wochen später auf dem Sommerfest der Kunstakademie seinen Parker und seinen Coltrane. Weitere Auftritte auf Partys und Jazzclubs folgten. Der Gig mit der Band Shot Light Blue, als Vorgruppe vor der New Yorker Fakejazz Band Lounge Lizards im Feuerwehrhaus Heslach bleibt Vielen in Erinnerung. Unvergesslich für mich: Wie er in einem himmelblauen Leinenanzug im L'Aleph als Gast bei der Szeneformation "Jazzbandneger" auftaucht. Dank eines Freundes, der 1984 das Moers Jazz Festival besucht hatte, war ich immer auf dem Laufenden. Von ihm bekam ich immer die besten Schallplattentipps, die ich wiederum Jason vorspielte. Julius Arthur Hemphill, die Scheibe hieß Georgia Blue, sie haute uns vom Hocker. Jason lieh sich die Platte aus, ich glaube für immer. In der Bar EXIL stand er am Flipper, er war der Beste und so erhielt er seinen Spitznamen nach dem Protagonisten eines Pinball-Films, der immer den High-Score holte. "Ich habe das gar nicht als Spitznamen empfunden, es war wie eine neue, zweite "Identität", schreibt Christian Otto Seizer per sms. Seinem Hund gab er den Namen Monk. Nach Thelonious Monk, dem unkonventionellen Jazzpianisten.


Jason ist "Blockflötenfan", seit dem Kindergarten bis zum Abitur vollbrachte er als ehrgeiziger Flötenschüler - angespornt von seinen Eltern - Höchstleistungen aber belegte im Landeswettbewerb nur den dritten Platz. Auf dem Heimweg wurde im Auto geschwiegen, seine Eltern und auch er waren enttäuscht. In der Jury saß auch mein Vater Luis Steiner, Leiter der Stuttgarter Musikschule und Gründer von "Jugend musiziert". Nachdem Jason von der Blockflöte zur Querflöte wechselte fiel ihm der Umstieg aufs Sax nicht schwer. Autodidakt Jason suchte den Kontakt zu Stuttgarter Jazzgrößen wie Frederic Rabold, er erkannte in Saxofonist Ekkehard Rössle einen Gleichgesinnten und mit ihm zog es Jason schließlich nach München, um bei Jürgen Seefelder Unterricht zu nehmen. Ein Wohnungstausch mit einer Münchnerin war praktisch: Jason ließ sich in der bayrischen Landeshauptstadt nieder. "In München ging‘s dann richtig los, unter eigenem Namen, das war im Herbst 1988, ich wurde in der Szene aktiv!" erzählt Jason Seizer. 1990 bis 1994 studierte er in Hilversum Saxofon. Wir hielten Kontakt und trafen uns zwischendurch im Jazzclub "Rogers Kiste". Jason redete holländisch. Prägend war sein Aufenthalt in New York im Frühjahr 1994: "Ein Flash! Unterricht bei Joe Lovano, von ihm habe ich ewig gezehrt, bekannte Jazzstücke, das war selbstverständlich, in allen Tonarten zu spielen. Wie man einen Ton bildet, beginnt und beendet." Die warmen Klangfarben und der Atemfluss, daran arbeitet Jason unaufhörlich. Er spielt ein Holzmundstück. Weite Öffnung und hohe Blattstärke erinnern an Trane, an John Coltrane.

Jason Seizer Quartet auf dem Jazzfest München 2020 (youtube)

"Als Jazzmusiker kann man leben", betont Jason im Gespräch, "man muss dafür etwas tun, denn nur 5 Prozent sind Talent, der Rest ist Üben, Arbeit, möglichst ohne Druck aber mit viel Geduld." Die Konkurrenz ist groß. "Früher gab es im deutschsprachigen Raum drei Hochschulen mit dem Studiengang Jazz, heutzutage 27 allein in Deutschland!" Jason nennt sich free lancer. Er übernimmt allerlei Aufgaben:

Als CD-Verkäufer in einer Jazzabteilung, 1989 als Roadmanager für den Jazzbassisten Buster Williams, als Saxofonlehrer und als freier Saxofonist in Bigbands oder auf Hochzeiten, er hat alles in den 90ern ausgeschöpft. Er leitete von Januar 2000 bis Dezember 2001 den Münchner Jazzclub Unterfahrt. "Ich hab alles gemacht, außer Bierverkauf, 90 Stundenwoche!"

2003 gründete er mit dem Münchner Kaufmann Ralph Bürklin das Label Pirouet Records. Nun als Produzent und Toningenieur tätig, etabliert er es als eines der wichtigsten Jazz-Independent-Labels Europas mit internationalem Portfolio. "Bei der Labelarbeit, insbesondere während der Aufnahme im Studio geht es darum, eine gute Umgebung und Atmosphäre für die Musiker zu schaffen, um den musikalischen Prozess an sich. Und Warten können ist wichtig. Warten im Sinne von Sergiu Celibidache der einmal gesagt haben soll: Musik kann man nicht machen, Musik passiert."

Von 2013 bis 2016 präsentiert Jason den Jazz Salon auf der Kleinkunstbühne Heppel & Ettlich, zwei Freaks aus der alten Schwabinger Szene und in einer Weinhandlung veranstaltet er die Reihe Wein & Jazz. 2020 und 2023 veranstaltete Jason in Eigenregie das dreitägige Münchner Jazzfestival Muctones "Musik im Wohnzimmer". Diese Wohnzimmeratmosphäre gefällt ihm, "Leute zusammenbringen", das ist sein Anliegen. "2026 vielleicht wieder". Seit 2015 spielt er in seinem aktuellen Quartett, in Clubs, auf Festivals und Tourneen. Kontinuität und warme Atmosphäre zeichnen die Vier aus. Am Piano sitzt Pablo Held, am Schlagzeug Fabian Arends, Bass spielt Jonas Westergaard. Nicht Perfektion, sondern Wege erproben und Freundschaft stehen im Vordergrund. Eine neue CD ist in Aussicht, Balladen sollen es sein.

 Aktuell übernahm Jason, der bisher bereits 180 Alben aufgenommen und abgemischt hatte das Studio Kyberg, in dem er bereits als Produzent und Tonmeister arbeitete, einen "open creative space. Dieser Raum ist ein Instrument!" freut er sich. Für Aufnahmen, Konzerte, für Live-Aufzeichnungen, für eigene Projekte. "Das ist schon verrückt, heute produziert jeder zu Hause am Laptop und wir haben einen ganzen Raum von 80 Quadratmeter! Ich will Menschen verbinden", betont er noch einmal und das glaubt man der reifen Persönlichkeit aufs Wort.

 An ein Erlebnis im Jazzclub Bix in Stuttgart erinnert sich Jason: Im Jahr 2008, da stand ihm einfach eine blöde Mikrofonkiste auf der Bühne im Weg, irgendwie kam ihm so Manches seltsam vor: Damit waren Auftritte in Stuttgart erst einmal erledigt. Aber er kommt regelmäßig nach Stuttgart, bringt seine Neuerscheinungen vorbei, mal grillen wir einen Oktopus oder sitzen nur herum. In meinem Punkbuch über Stuttgart kommt er auch vor, denn er spielte tatsächlich mit Mitschülern aus dem Karlsgymnasium in so ner Art Punkband, frühe 80er. Ich glaube, dass Stuttgart immer noch Heimatgefühle in Jason weckt. Bald sieht man sich in Stuttgart wieder. Jason auf der Bühne, Solo, im Duo oder Trio. Oder mit seinem aktuellen Quartett.

 

Simon Steiner ist freier Autor. Er schrieb das Buch "Wie der Punk nach Stuttgart kam" (edition-randgruppe) und zahlreiche Artikel über seine griechische Lieblingsmusik Rembetiko, die er mit Klaus Pfeiffer und Gästen auch live spielt. Er arbeitete als Lehrer, Lehrerausbilder und im Bereich Sprachförderung für das Jugendamt Stuttgart.

 

Seizers Studio:

www.kyberg-studio.de

Seizers label:

www.pirouet.de

homepage:

www.jasonseizer.com

Monday, 18 November 2024

Griechischer Rembetiko – heute heiter

GASTBEITRAG VON SIMON STEINER:


TO GNOSTO TRIO

Melancholie wie weggefegt

Fotos: Kostas Anagnostopoulos


Der Höhepunkt des 1. Athener Rembetiko Festival am 12. und 13. Oktober 2024 war To Gnosto Trio - „Das berühmte Trio“, mit Tassos Giannoussis an der Bouzouki, Panagiotis Katsimanis, Gitarre und Antonis Tzikas, Contrabass. Die drei Musiker geben sich gut gelaunt, singen, lachen, das Publikum tanzt, singt und klatscht. Prima Stimmung. Das Derbe oder Melancholische des Rembetiko ist wie weggefegt. Stürmischer Beifall!

To Gnosto Trio tritt seit 2005 regelmäßig in der Athener Taverne Klimataria auf. Ein historisches Lokal, das 1927 gegründet wurde und in dem unter anderem auch Markos Vamvakaris Mitte der 50er Jahre gespielt hat. Das Trio ist damit eines der am längsten bestehenden Rembetiko-Formationen in Griechenland mit über 3.500 Auftritten in den letzten 20 Jahren. Die drei Musiker lieben Rembetiko, spielen aber auch Weltmusik, Folk, Rock, Blues, Jazz oder Gypsiestyle. Rembetiko spielen sie auf ihre eigene Art und Weise. Contrabass, Phrasierung, freie Improvisation mit Session-Charakter und flinke Akkorde assoziieren sofort: Jazz!



Bouzoukispieler Tasos meint: "Nun, man spielt, was man hört, nichts anderes. Ich höre Rembetiko und Jazz seit ich ein Kind war, so führte es zur Verschmelzung dieser beiden Genres in meinem Spiel, ohne es absichtlich zu tun! Das Instrument ist also nur das Werkzeug, das Medium, um deine musikalische Persönlichkeit auszudrücken. Bouzouki kann Jazz, Rock, Funk sein, aber im Kern ist es immer Rembetiko!"

Gitarrist Panagiotis, der früher in der griechischen Rockband ENDELEXIA spielte, schrieb aus Piräus: "Rembetiko ist mit Jazz verbunden, vor allem aber mit Gypsy Jazz und Django Reinhardt. Das sind zwei Musikrichtungen aus der gleichen Zeit, die von Musikern aus sozialen Randgruppen geschaffen wurden. Das Gleiche gilt für den Blues in Amerika. Der ähnliche Lebensstil schuf eine Musik mit der gleichen Seele! Ich lasse viele Rockelemente in mein Spiel einfließen, besonders in den Songs von Markos Vamvakaris. In anderen Songs spiele ich so, wie Johnny Cash seine akustische Gitarre gespielt hat. Ich bin immer daran interessiert, dass unser Spiel groovy ist."

To Gnosto Trio live auf dem Festival: https://www.youtube.com/watch?v=idlRFQHmlhE


Wednesday, 27 March 2024

Zum Tod von Jürgen Heinz Elsässer, Stuttgart (1947-2023)

Ein Nachruf von Simon Steiner

THE BEAT GOES ON

DER MUSIKALISCHE JÜRGEN HEINZ ELSÄSSER


Jürgen Heinz Elsässer, geboren am 29.10. 1947, ist am 21.10. 2023 verstorben. 1960 fing er an, Singles zu sammeln und auf der SABA-Musiktruhe zu hören. Er liebte "den Schreihals Little Richard", danach war er völlig vernarrt in die Shadows und natürlich in die Beatles. In einem Interview schrieb Elsässer: "Die Idee eine eigene Band zu gründen wurde 1963 konkret. Zwei Schulfreunde spielten Gitarre und ich hatte mir einen Höfner-Elektrobass gekauft. Per Aushang im Musikhaus Barth fanden wir einen Schlagzeuger." 


Die jungen Herren trafen sich dort regelmäßig, denn beim Barth trafen sich Gleichgesinnte und konnten Instrumente und Verstärker testen. 1964 gewannen THE SHADES mit Elsässer an der Baßgitarre den "YEAH YEAH YEAH" Bandwettbewerb im Beethovensaal der Liederhalle Stuttgart. "Die Bandmitglieder konnten den Veranstalter bewegen, die Bühne bei "House of the rising sun" in rotes Licht zu hüllen, das machte das Publikum zusätzlich heiß," erzählte seine zweite Frau, die Künstlerin Xenia Muscat, die Jürgen zuletzt bis zum Tod begleitete. 


THE SHADES waren die wildeste und lauteste Gruppe. Bei der Publikumsabstimmung bekamen sie laut Phonmessgerät den kräftigsten Beifall. Mit "Skinny minny" und "What'd I say" räumten sie voll ab! "Sie haben gelärmt und gejubelt, sie haben ihre jugendliche Lebenslust herausgeschrien, die 3000 jungen Leute, die in der heißesten Show der Saison den Wettbewerb der schwäbischen Beatles-Bands miterlebten." (Stuttgarter Zeitung). 


Als Sieger durften sie eine Radioaufnahme beim Soldatensender AFN im Army-Studio auf dem Burgholzhof machen und anschließend eine Tournee mit dem Showorchester Bert Gordon, der Chanteuse Rita Paul, dem Horst Jankowski Quartett mit Schlagzeuger Charly Antolini sowie Knut Kiesewetter, der als deutscher Ray Charles angekündigt war. Als die Soulmusik dann Ende der 1960er Jahre immer populärer wurde, schwenkte die SHADES in diese Richtung um und nannten sich nun HARLEM TRADE SET.


Harlem Trade Set mit Jürgen Heinz Elssässer (Mitte) an der Baßgitarre



 

PSYCHEDLIC UNDERGROUND MIT NOAH'S ARK

 

Klaus Staeck und Jochen Goetze initiierten 1969 in Heidelberg das selbstverwaltete Kunstspektakel intermedia 69, das sich zwischen Anarchie und Rebellion bewegte und ein Ausblick auf die Kunst der 1970er Jahre sein wollte. Übergreifende Kunst, überall und für alle, so die Idee. Jürgen war dabei, er spielte bei der Psychedelic Band NOAHS ARK Undergroundmusik, gemeinsam mit dem Künstler Bruno Demattio, der schrieb: "Ich bringe die Musik gleich mit: NOAH'S ARK wird umsonst zur Ausstellung spielen, damit erhoffe ich auch, dass sich Musik mit anderen Aktionen glücklich vermischen wird." 


In einem persönlichen Gespräch erzählte Elsässer von sphärischen Konzerten von NOAH'S ARK mit Querflöte und Bongos im Stuttgarter politischen Kulturtreff Club Voltaire in der Leonhardstraße, von Protesten gegen den Krieg in Vietnam, Unterschriftensammlungen gegen die Notstandsgesetze, Kulturrevolution und Trip-Therapie.





MAILART UND COLLAGEN

 

Man kann sich gut vorstellen, wie Elsässer malte, zeichnete und collagierte und am PC seine Computerkunst ausdruckte, dazu Musik hörte, ein wahres, schönes Künstlerleben, könnte man meinen. Wie war er drauf? Xenia Muscat schrieb in der Dankeskarte zu seinem Tod: "Wir trauern über den Verlust eines zutiefst anständigen, unaufdringlichen und edelmütigen Menschen". So erlebte ich Jürgen Heinz Elsässer bei meinen Interviews zu unserem Punk-Projekt (Buch/Ausstellung/Livekonzerte), 2017: "Wie der Punk nach Stuttgart kam". Er war immer "gelassen, geduldig und freundlich", genau so, wie ihn Xenia beschrieb. Während unserer Podiumsdiskussion bei der Punk-Ausstellung im Württembergischen Kunstverein war er zurückhaltend, verfolgte aber das Punkprojekt höchst interessiert. Er war Kenner, er wusste, worum es ging, denn er war der Redakteur, der in den frühen 80er Jahren die einzigartigen Mausefalle-Konzerte für die Lokalpresse in Worte fasste und alle Haltungen und Stimmungen auf den Punkt brachte.


In seinem Büchlein "Jeder ist sein eigener Kolumbus" fragt Elsässer: "Die Welt läuft Amok - liegt die Zukunft im Koma? In den Rissen der Systeme hat sich etwas Neues eingenistet, New Wave, Punk, Postpunk. Eine Bewegung, die in der Musik losging, dehnt sich aus auf Literatur und Kunst." Und mittendrin schreibt, malt und collagiert Jürgen Heinz Elsässer. 1978 in der Galerie Hetzler in Stuttgart, mailart: 1979 im Künstlerhaus Stuttgart, zusammen mit seiner Frau Angelika Schmidt. Er ist 1981 bei der großen Ausstellung im Württembergischen Kunstverein dabei: Szenen der Volkskunst.


Aktuell 2023 – Jürgen Heinz Elsässer und seine heimliche Abgründe: "Hieronymus in Hollywood" nennen sich 26 Postkarten-Collagen von Elsässer für Xenia Muscat, die sich mit kurzen Texten zu den Collagen äußert: "Es singt der Riese und gleichgekleidet aus dem Untergrund steigende Männer fragen nach der Rabenjacke."



Für Jürgen Heinz Elsässer, gelernter Kaufmann, Musiker, Künstler, Publizist, Journalist ist eine mailart-Ausstellung in Planung.


Mehr dazu im Beitrag von Albrecht-d / Norbert Prothmann: http://www.albrecht-d.de/


Thursday, 22 December 2022

Simon Steiner: Die transkulturelle Reise einer jüdischen Melodie

 Gastautor Simon Steiner

"Ich will eine Prinzessin"

 Die transkulturelle Reise einer jüdischen Melodie 

Musik ist immer grenzüberschreitend und verbindet. Das Rembetiko "Ich will eine Prinzessin" ist ein Beispiel für die Koexistenz unterschiedlicher Interpretationen in verschiedenen Ländern, in die sich der Song einbürgerte. 

 Schellack des Rembetiko Hits (Kounadis-Archive, alle Rechte)


Die wunderschöne Melodie des Rembetiko - Hits "Ich will eine Prinzessin", von Panagiotis Tountas, Piräus, 1936, wurde bereits 1910 von der jüdischen Klezmer-Band Stupels Vilna Orchestra in Vilna, Litauen, als Schlussteil des "Karaite Medley" aufgenommen, später auf dem Balkan und dem östlichen Mittelmeerraum, den USA und wieder in Griechenland. Der Musikwissenschaftler und Pianist Nikos Ordoulidis vom Eastern Piano Project verfolgte die Reise dieser wandernden Melodie anhand einer historischen Diskographie und konnte gemeinsame Einflüsse und originelle Veränderungen nachweisen.

Panagiots Tountas (Kounadis-Archiv, alle Rechte)


 Die Reise ist unendlich, denn Melodien sind grenzenlos. Es ist selbstverständlich, dass in Zukunft noch weitere Aufnahmen zu unserem Thema auftauchen werden. Wer sich in die Arrangements hinein fühlt, hört die Besonderheiten und Gemeinsamkeiten der Melodie und versteht, warum sie Musiker aus Litauen, Serbien, der Ukraine, der Slowakei, Griechenland, Ungarn und Rumänien ermutigen, die Melodie in ihr lokales Repertoire aufzunehmen und zu verwerten. Auch der Gast-Autor dieser Zeilen hat sich mit Alain Domagala aus Marseille und dem Stuttgarter Stromraum-Tandem "eo" an die Prinzessin gewagt.

Mehr zum Thema: 

link zu diablog, in deutscher und griechischer Sprache:

https://diablog.eu/kuenste/musik/ich-will-eine-prinzessin-die-reise/

link zur Griechenland Zeitung:

https://www.griechenland.net/nachrichten/kultur/32257-%E2%80%9Eich-will-eine-prinzessin%E2%80%9C-eine-spurensuche

Wednesday, 31 March 2021

Niko Ordoulidis (Griechenland): Rembetiko dekonstruieren

GASTBEITRAG von SIMON STEINER:

Rembetiko dekonstruieren 

Niko Ordoulidis und X-Terra: The Eastern Piano Project 


Beim Herumsurfen auf youtube und auf der Suche nach modernen Interpretationen des griechischen Musik-Genres Rembetiko fiel mir Dora Spetsioti auf: Sie interpretierte alte Rembetika in neuem Stil, begleitet mit Klavier. Im Genre Rembetiko war das komplettes Neuland! Rembetiko und Klavier! So stieß ich auf Pianist, Universitätsprofessor und Musikwissenschaftler Nikos Ordoulidis von der Musikhochschule Ioannina, wo auch mein Freund und Gitarrist Vasilis Alexiadis studierte. Mit ihm improvisierte ich an mehreren Abenden in Stuttgart im MBK Keller und er zeigte mir ein paar Rembetiko-Kniffe. Zuvor war einige Jahre Konstantinos "Cby" in unserem Keller bei Live-Sessions dabei. Wir hatten nie Berührungsängste Noise, Jazz, Punk, Elektro und Rembetiko wild zu mischen. Warum auch! Aber kommen wir zu Niko Ordoulidis, diesem großen Geist! Er hebt Rembetiko und alte internationale Volksweisen auf ein neues Level.

Der Pianist wurde in den Bergen Mazedoniens in der kleinen Stadt Naousa geboren. Er lebte jahrelang in Thessaloniki und hat als Musiker und Musikwissenschaftler in Griechenland, Bulgarien, England, Italien und der Schweiz studiert und gearbeitet. Ordoulidis schreibt Musik für Soloklavier, Theater und Volksorchester. Er sucht nach Wegen, die vielfältigen musikalischen Redewendungen einer großen geografischen Spanne neu zu lesen, zu verstehen und zu verhandeln: Populäre Musik aus Osteuropa, dem Balkan und dem Mittelmeerraum. Er gründete verschiedene Formationen mit Studenten der Universität, an der er unterrichtet. 

Nun erscheint im April 2021 sein neues Album: X-Terra – The Eastern Piano Project. Das Album ist eine provozierende Nacherzählung alter Geschichten und Volksweisen, die von ihren ursprünglichen Orten in die Gegenwart transformiert werden. 

Niko Ordoulidis hörte früher zeitgenössische Rembetiko-Aufnahmen, hauptsächlich von George Dalaras. Als Niko 2000 für sein Studium nach Thessaloniki zog, begann er dort als professioneller Musiker zu arbeiten und spielte Klavier, wo es nur ging. Diese Jahre haben seine Liebe zu Rembetiko geprägt. In dieser Phase promovierte Niko und er studierte alte griechische Volksweisen. Ihm war klar, dass es einen Code geben kann, um alte Weisen heute wieder "zum Sprechen zu bringen". Nun entstand ein neues Album, Niko, wie immer am Klavier, mit Akis Pitsanis als Sänger. Auch Pitsanis erneuert Traditionen, "die weder Herkunftsort noch Nationalität haben. Alte Repertoires modernisieren, in neue Kleidungsstücke hüllen - lässig, aber zeitgemäß. Das Alte ist sein Werkzeug, um das Neue zu erschaffen," liest man in dem Begleittext des Albums X-Terra. 

Rembetika und andere alte Volksweisen füllen das Album: Lieder von Vassilis Tsitsanis von 1940 und Kostas Skarvelis, von 1934 sind dabei, ein Volkslied von ca.1910, "I want a princess", das bereits in Litauen, Serbien, Rumänien, Ungarn, der Ukraine, Russland und natürlich Griechenland aufgenommen wurde, komponiert auf der damals üblichen Mandoline, von dem genialen Panagiotis Tountas, 1936. Ein anderes traditionelles Lied nennt sich "Der Metzger", das seit 1920 immer wieder aufgenommen wurde, mal auf griechisch, auf türkisch oder als Klezmer-Song. Eine Bearbeitung des großen Rembetiko-Star Marko Vamvakaris ist vertreten und eine alte Weise aus Kleinasien, ein Carol von Geflüchteten.

Nach welchen Kriterien habt ihr die Tracks ausgewählt?

NO: Jeder von uns hat die alten Stücke schon lange auf die eine oder andere Weise gespielt, mehrmals und in verschiedenen Kontexten. Es gibt einen Zeitpunkt, da werden einem die Lieder in gewisser Weise langweilig. Es kommt vor, dass man selbst meint, sein Lied, oder seine eigene Schöpfung zu spielen. Deshalb sucht ein Musiker nach neuen Wegen, in denen er zusätzliche Linien, zusätzliche Ornamente, zusätzliche Ausdruckseigenschaften usw. hinzufügt. So entstehen eigene Kreationen.

Ihr nennt euer neues Werk ein "Avantgardistisches Meta-Folk-Album"....

NO: Leute, die dem seriösen oder klassischen Elite-Musiknetzwerk angehören, ordnen unser Projekt als populär ein. Das populäre Musiknetzwerk meint genau das Gegenteil und definiert uns als klassisch. Wir dekonstruieren das Alte, wir modernisieren alte Botschaften und überprüfen Begriffe wie Cover-Song. Die Originalstücke werden während der Aufführung / Probe weitgehend verändert. Dipole wie: traditionell-modern, Ost-West, eigen-fremd, wissenschaftlich-populär sind Denkansätze aber drücken nicht das ganze Werk aus. Diese Dipole sind eher politische als künstlerische Begriffe. Ich komponiere alte Geschichten neu und verwende zeitgenössische und ungewöhnliche Sprachen. Ich glaube, dass ein Stück viele Lesearten, viele Identitäten und viele Formen hat. Und es ist nie zu Ende!

Was können wir zukünftig von dir erwarten?

NO: Ich habe zusammen mit der Sängerin Dora Spetsioti an einem neuen Projekt mit dem Titel "Café Concert" gearbeitet. Es wird sich mit einigen der beliebtesten Melodien aus der historischen Diskographie Osteuropas, des Balkans und des Mittelmeers befassen. Songs auf Türkisch, Sephardisch, Jiddisch, Serbisch, Griechisch und mehr. Dieses Projekt wird auch Videokunst beinhalten.


X-TERRA auf youtube:

https://www.youtube.com/playlist?list=PLVntBt6ykzddQ_74lVSwM3c3alxbNWmOD

www.ordoulidis.gr

www.eastern-piano.com

www.youtube.com/ordoulidis

www.facebook.com/EasternPiano


Mehr zum Thema Rembetiko:

http://christophwagnermusic.blogspot.com/2020/12/das-kosmopolitische-smyrna-und-seine.html