D-Jazzer in NYC
Theo Bleckmann (Jahrgang 1966) stammt aus einem kleinen Dorf bei Dortmund. Er kam 1989 in die USA und hat sich seither einen Ruf als herausragender Vokalist im Grenzbereich von Jazz, klassischer Musik und avantgardistischen Klängen ersungen. Bleckmann ist sowohl im Ensemble von Meredith Monk aktiv, als auch in anderen Kooperationen. Darüber hinaus hat er zahlreiche eigene Projekte initiiert, die alle beim Münchner Label Winter & Winter erschienen sind. 2010 wurde er mit einem Grammy ausgezeichnet. Wenn Bleckmann am Schreibtisch seines Apartments in einem Hochhaus in ‘Midtown’ Manhattan sitzt, hat er einen wunderbaren Blick aufs Empire State Building.
Theo Bleckmann: Es gab einen “Pull Factor” und einen “Push Factor”, die mich nach Amerika gebracht haben. Der “Pull Factor” war schlicht die Szene von New York, all diese fantastische Musik, die es hier in der Stadt gibt. Der “Push Factor” war, dass ich einfach aus Deutschland weg wollte. Ich wollte raus aus dieser doch recht kleinen Szene, die damals vor der Wiedervereinigung ja noch kleiner war und nur aus Westdeutschland bestand. Ich wollte in den großen Teich von Musik und Kultur eintauchen. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen und hatte deshalb schon immer vor, in eine große Stadt zu ziehen. Da hat sich natürlich New York angeboten. Ich hatte damals ein Stipendium für die Berklee School of Music in Boston, bin aber auf dem Weg dorthin in New York hängengeblieben. New York ist eine harte Stadt - unfreundlich und unerbittlich. Wenn man hier nicht leben möchte, sollte man auch nicht hierher ziehen. Vor allem am Anfang war es schwer. Ich hatte wenig Platz und kein Geld. Wenn ich die Stadt nicht gemocht hätte, wäre es echt schlimm gewesen.
Joe Hertenstein in seinem Appartment in Brooklyn Foto: Manuel Wagner
Joe Hertenstein (Jahrgang 1977) ist Schlagzeuger aus der Nähe von Freiburg i. B. Er kam vor sechs Jahren nach New York und lebt in Brooklyn beim Prospect Park in einem Apartmenthaus, in dem viele Musiker wohnen. Um über die Runden zu kommen, unterrichtet Hertenstein zwei Tage die Woche Schlagzeug an einer Privatschule und hat ein Zimmer seiner Wohnung untervermietet. Unter dem Pseudonym Joe Stone tritt er auch als Countrysänger auf, inspiriert von Johnny Cash und Tom Waits. In seiner Gruppe Polylemma spielt er mit Pascal Niggenkemper und Thomas Heberer modernen Jazz. Der Drummer ist Mitglied der New Yorker Gruppe Jetlag des Ex-Smiths Bassisten Andy Rourke und hofft auf eine Karriere im Rockgeschäft. Joe Hertenstein: Ich kam mit einem DAAD-Stipendium nach New York und habe am Queens College Schlagzeug studiert. Ich habe zuerst andere Studenten kennengelernt und die Professoren, die da unterrichten. Anlaufsstellen waren auch deutsche Musiker, die ich noch aus Köln oder Berlin kannte und die vor mir hierher gezogen waren. Dann macht man Bekanntschaften, in dem man die Orte aufsucht, an denen diese Musik stattfindet, und das waren die vielen Jazzclubs der Stadt. Da es viele Musiker gibt, die aus allen Herren Ländern hierher kommen und ebenfalls Anschluß suchen, ist die Kontaktaufnahme sehr leicht. Es gibt eine hohe Sessionkultur, die ich so aus Deutschland nicht kenne. In New York möchte jeder jeden Tag am liebsten zwei bis drei Mal neue Leute treffen und mit denen spielen. Die Sessions dienen dazu, sich privat aber auch musikalisch kennenzulernen, um Mitstreiter zu finden. Man lernt so einen Pool von Musikern kennen, auf die man zurückgreifen kann, wenn man ein bestimmtes Projekt realisieren möchte. Jazz ist ein Teamsport und deswegen ist die soziale Komponente sehr wichtig. Facebook macht es einfach, sich zu verabreden. Auch werden Businesscards fleißig ausgetauscht. Viele Musiker haben sich so eingerichtet, dass sie bei sich zu Hause Sessions abhalten können. Sie besitzen ein Drumkit, sodass man gleich mit Spielen anfangen kann, wenn man mit seinen Becken und Stöcken ankommt. Das macht die Sache einfach. In New York gibt es 150 bis 180 Orte, wo Jazz zu hören ist, was ein riesiger Spielplatz ist. Man kann hier nach Jahren noch neue Clubs entdecken und fragt sich: ‘Warum bin ich darauf nicht früher gestoßen?’ Man wird ständig überrascht. Über den Club Nublu kam ich etwa ins Orchester von Butch Morris, wo ich wiederum Juini Booth, den Bassisten von Sun Ra, kennengelernt habe und über den William “Spaceman” Patterson, der in den 80ern mit Ornette Coleman gespielt hat. Wir haben uns unlängst zu einem Trio zusammengetan.
Thomas Heberer in seiner Wohnung in Manhattan Foto: Manuel Wagner
Thomas Heberer (Jahrgang 1965) kam 2008 von Köln nach New York. Der Trompeter wohnt in einem Apartmentblock am westlichen Zentralpark in Manhattan. Heberer hat unter dem Pseudonym T.O.M. mit Pina Bausch und dem Tanztheater Wuppertal gearbeitet und ist seit Jahren Mitglied im Instant Composers Pool (ICP). Der Trompeter ist ein besessener Schallplattensammler, der in seiner Freizeit die Flohmärkte New Yorks durchkämmt auf der Suche nach rarem Vinyl. Thomas Heberer: Ich bin zum ersten Mal vor ungefähr 25 Jahren in Amerika gewesen, auch in New York, und habe es immer genossen hier zu sein, auch wenn es nur für kurze Zeit war, etwa im Rahmen einer Tournee. Ich konnte mir nicht vorstellen, hier zu leben, weil die Bedingungen für Musiker so komplex und schwierig sind, und es ungleich leichter erschien, in Europa über die Runden zu kommen. Das hat sich vor ein paar Jahr verändert, als ich meine Frau kennenlernte, die New Yorker ist, und ich mich entschlossen habe, hierher zu ziehen. Das war vor fünf Jahren und ich habe den Entschluß bisher nicht bereut.
Ingrid Laubrock in ihrer Wohnung in Brooklyn Foto: Manuel Wagner Ingrid Laubrock (Saxofone) stammt aus dem Münsterland und lebte lange in London. 2008 zog sie nach New York, wo sie ihre eigenen Ensembles initiiert hat. Darüber hinaus spielt sie in Gruppen befreundeter Musiker. Sie ist mit dem Schlagzeuger Tom Rainey verheiratet. Die beiden wohnen in Brooklyn in einer kleinen Wohung in einem Mehrfamilienhaus - der äußerst günstigen Miete wegen.
Ingrid Laubrock: Meine Alltag variiert. Wenn ich von einer Tour nach New York zurückkomme, mache ich meistens ein paar Tage gar nichts - nur entspannen! Ich gehe dann in Brooklyn spazieren oder fahre mit dem Fahrrad herum.
Pascal Niggenkemper (Jahrgang 1978) ist Kontabassist aus Singen am Hohentwiel. Er kam vor sieben Jahren mit einem DAAD-Stipendium nach New York. Er wohnt mit seiner Freundin, einer klassischen Konzertpianistin, in Brooklyn in einer geräumigen Wohnung in einem mehrstöckigen Wohnhaus gleich unter Dach. Niggenkemper hat eine Reihe von Ensembles gegründet, mit denen er auch tourt.
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