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Friday, 2 May 2025

SCHEIBENGERICHT Nr. 40: Courvoisier & Halvorson

Sylvie Courvoisier & Mary Halvorson

Bone Bells

(Pyroclastic Records)


Sylvie Courvoisier (links), Mary Halvorson

   

Mary Halvorson (Gitarre) und Sylvie Courvoisier (Piano) zählen zu den herausragenden Persönlichkeiten der New Yorker Jazzszene. 2017 haben sie bereits ein gemeinsames Album eingespielt, an das sie jetzt anknüpfen. Bone Bells besteht aus acht Kompositionen, von denen jeweils vier von den beiden Beteiligten stammen. Die Musik bewegt sich entlang den avancierten Rändern des zeitgenössischen Jazz, greift gelegentlich in atonales Terrain aus und bezieht Elemente der Minimal Music und der avantgardistischen E-Musik ein. 


Wenig wird dem Zufall überlassen. Disziplin und Präzision prägen das Geschehen. Die Kompositionen sind bis ins Kleinste durchgeplant, selbst die Improvisationen scheinen genauen Vorgaben zu folgen. Dabei gelingt es dem Duo, einen Klangraum zu schaffen, der ganz und gar ihr eigener ist.



Sylvie Courvoisier & Mary Halvorson: Bone Bells (youtube)


Die Musik ist von äußerst quirliger Natur, sprudelt vor Übermut und kühnen Ideen, die nicht selten eine überraschende Wendung nehmen. Halvorson wartet mit eine paar raffinierten Saiten-Tricks auf, während Courvoisier ab und zu im Inneren des Pianos agiert, um andere Klangfarben zu erzeugen. Im „Nags Head Valse“ kommt sogar eine Portion Humor ins Spiel, wenn die beiden in schalkhafter Manier mit dem Walzer Schabernack treiben, während das Album sie insgesamt im Zenit ihres kreativen Schaffens zeigt. 

Sunday, 27 November 2022

Bilanz nach 37 Jahren – Patrik Landolt von INTAKT Records geht in den Ruhestand

Im Jazzland unterwegs 

 

Patrik Landolts Buch über Intakt Records, eines der profiliertesten Jazzlabels der Gegenwart

 

Patrik Landolt (Foto: Manuel Wagner) 


 

cw. Im Frühjahr 2022 ging nach 37 Jahren und 388 CD-Veröffentlichungen Patrik Landolt, der Häuptling der Zürcher Plattenfirma Intakt Records, in Ruhestand und übergab den Staffelstab an seine jüngeren Kollegen. Landolt hatte das Label aus dem Nichts aufgebaut und zu einer der angesehensten Marken des Jazz weltweit entwickelt, wobei es ihm gelang, Ensembles wie das London Jazz Composers‘ Orchestra, Trio 3, Tom Rainey Obbligato, Borderland Trio oder Punkt.Vrt.Plastik sowie Musiker und Musikerinnen wie Lucas Niggli, Sylvie Courvoisier, Ingrid Laubrock, Aruán Ortiz, Alexander Hawkins und James Brandon Lewis als feste Größen auf der internationalen Jazzszene zu etablieren. 

 

Darüber hinaus hat Landolt das Lebenswerk der Schweizer Freejazz-Altmeisterin Irène Schweizer über die Jahre betreut und auf zahlreichen LPs und CDs festgehalten. Beim Zürcher Taktlos- und Unerhört-Festival war Schweizer regelmäßig zu hören, an deren Gründung Landolt ebenfalls maßgeblich beteiligt war. Zweifellos: Ohne den „mover and shaker“ aus der Schweiz stünde der moderne bis avantgardistische Jazz um einiges ärmer da. 

 

Jetzt hat der Intakt-Betreiber, der zuvor bei der Zürcher WochenZeitung (WoZ) als „Redaktor“ im Kulturteil arbeitete, eine 120seitige „Chronik“ mit dem Titel „Unterwegs im Freien“ verfasst, in welchem er in 121 „Etappen“ und illustiert von zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotos seine Zeit bei Intakt noch einmal Revue passieren läßt: Erinnerungsarbeit, retrospektive Reflexion und Dokumentation in einem. 

 

Dazu gehören spannende Anekdoten, die einen Blick hinter die Kulissen des Jazzbetriebs gewähren und viel über die innere, manchmal nervenaufreibende Arbeit eines Labels verraten, von der der Fan nicht das Geringste mitbekommt. Etwa die kleine Episode vom Auftritt des Trios Keïta-Brönnimann-Niggli beim Intakt-Festival im Londoner Vortex-Club im Frühjahr 2017, wo zuerst Visa-Probleme, dann Verkehrschaos und ein verpasster Flug, dann ein Unfall mit dem Taxi auf dem Weg vom Flughafen den Auftritt fast verhindert hätten, wobei Ali Keïta am Ende doch noch lachend und sekundengenau auf der Bühne stand. Spannend auch die Episode, die sich während des Besuchs bei Cecil Taylor in New York ereignete, als Landolt einen Tag später voll in die Katastrophe der 9/11-Anschläge geriet und tagelang im Hotel ausharren musste, bevor es ihm endlich gelang, einen Rückflug in die Schweiz zu buchen.

 

Als wesentlich erwies sich über all die Jahre, dass Intakt mit der Zeit ging, letztlich auch die Freejazz-Ästhetik der Anfangsjahre hinter sich ließ und sich auf neue Experimente und musikalische Abenteuer einließ. Nur mit offenen Ohren und der Hand am Puls der Zeit kann heute ein Jazzlabel überhaupt noch bestehen. Landolt hat das beispielhaft vorgemacht. Chapeau!

 

Patrik Landolt: Unterwegs im Freien. Zürich, New York, London, Berlin. 37 Jahre Musikproduktion von Intakt Records. Versus Verlag, 2022. E 21,90


Interview mit Patrik Landolt:


https://christophwagnermusic.blogspot.com/2022/03/patrik-landolt-vom-zurcher-intakt-label.html

Sunday, 25 November 2018

In Zürich hat das Unerhört-Festival begonnen

Feuerschweif aus Tönen

Das Unerhört-Festival findet zehn Tage lang in Zürich an verschiedenen Orten statt – neben Jazzstars wie Till Brönner und Marc Ribot steht ein lange verpöntes Musikinstrument im Rampenlicht


cw. Eine kleine technische Neuerung brachte Anfang des 20. Jahrhunderts den Durchbruch: Ein simples Fußpedal versetzte nun jeden Trommler in die Lage, die Baßtrommel gleichzeitig mit anderen Schlaginstrumenten zu spielen. Das Schlagzeug war geboren! Doch galt das Konstrukt aus großer Trommel (mit Fußmaschine), Metallbecken und kleiner Marschtrommel lange Zeit nicht als vollwertiges Musikinstrument – höchstens zum Takthalten geeignet! Erst im modernen Jazz gewann das Schlagzeug an Profil: Drummer ließen die Rolle des „time keeper“ hinter sich und begannen den Klangfarbenreichtum des Instruments zu erkunden. Heute ist von der mangelnden Wertschätzung nichts mehr zu spüren. Schlagzeuger bewegen sich ganz selbstverständlich auf gleicher Augenhöhe mit Saxofonisten, Pianisten und Trompetern, und kommen – wenn sie wollen –  auch ganz ohne sie aus: Dann klingen in ihrem Spiel sogar Melodien, Intervalle und Akkorde an –  Perkussion total! 

Die geglückte Emanzipation des Schlagzeugs bildet eine der Programmschienen des diesjährigen Unerhört-Festivals, das vom 23. November bis zum 2. Dezember in und um Zürich stattfindet. Dazu kommt eine Hommage verschiedener Pianisten (darunter Irène Schweizer und Alexander Hawkins) an den im April verstorbenen Freejazz-Berserker Cecil Taylor, sowie diverse Ausflüge ins Grenzland zwischen Jazz und Elektronik plus ein rarer Soloauftritt des neuen Stars der britischen Jazzszene, des Saxofonisten Shabaka Hutchings. 

Sylvie Courvoisier
Zu einer Begegnung zwischen Schlagzeug und Piano kommt es beim Tête-à-tête von Sylvie Courvoisier und Julian Sartorius. Der Berner Schlagwerker, der sein Arsenal an Klangerzeugern auf Flohmärkten und Schrottplätzen findet, hat sich in den letzten Jahren mit ambitionierten Soloprojekten und hochkarätigen Duo-Begegnungen in die erste Reihe der eidgenössischen Jazzdrummer gespielt, während sich die Lausanner Tastenmusikerin lange schon auf der New Yorker Jazzszene tummelt, wo sie viel mit ihrem Ehemann Mark Feldman auftritt, aber auch mit Tim Berne, Mary Halvorson und John Zorn. Courvoisier und Sartorius lassen ein aufgewühltes Improvisationduett erwarten, das sich zum Orkan hochschaukelt, wenn sich das Piano in eine Batterie aus 88 Trommeln verwandelt und das Schlagzeug in ein Klavier voll prasselnder Töne.  
                                                                                                                    Günter 'Baby' Sommer
Ebenfalls in Duo-Besetzung, aber mit transparentem Sound, agieren zwei Vertreter recht unterschiedlicher Jazzströmungen. Auf einem kürzlich erschienenen Album hat das Gespann des ostdeutschen Freejazz-Trommlers Günter „Baby“ Sommer und des Berliner Startrompeters des Jazz-Mainstreams Till Brönner bereits dokumentiert, wie problemlos die unterschiedlichen Ansätze zusammengehen. Brönner unterstreicht mit Nachdruck, wie abwegig es ist, ihn als leichtgewichtigen Jazz-Pfiffikus abzutun. Mit Sommer knüpft er an dessen Zusammenarbeit von 2006 mit dem afro-amerikanischen Trompeter Wadada Leo Smith an, wobei Brönner mit einem Feuerschweif aus Tönen, versunkenen Melodien und einer enormen Palette an Klangfarben aufwartet. Mit Geschmack, dezenter Zurückhaltung und viel Poesie hegt Sommer die Improvisationen des weit jüngeren Bläservirtuosen ein, wodurch ein sprühender Gedankenfluß entsteht, der jeder Zeit eine überraschende Wendung nehmen kann.

Für ein ähnlich farbenprächtiges Panoptikum aus Rhythmen und Klängen steht das Perkussionsgespann von Joey Baron und Robyn Schulkowsky. Geschult sowohl an John Zorn als auch an Morton Feldman bringt das Paar zusammen mehr als hundert Jahre Trommelerfahrung auf die Waage. Der Topdrummer des Jazz und die profilierte Schlagwerkerin zeitgenössischer Konzertmusik loten das ganze Spektrum an Trommelsprachen aus, wobei der Zusammenklang verschiedenster Perkussionsinstrumente im Zentrum ihrer Kompositionen steht. „Das Klangmaterial, das zum Einsatz kommt, haben wir über lange Zeit entwickelt mit dem Vorsatz, dass es optimal zusammenklingt, ja Akkorde und Intervalle hervorbringt,“ sagt die Amerikanerin. „Vorgaben werden improvisatorisch erkundet, wobei sich jedes Stück aus der Abfolge bestimmter Klangkombinationen entwickelt. Dabei ist das Hören unser wichtigstes Werkzeug. Wir lassen uns von unseren Ohren leiten und bringen alles ein, was wir bis dahin gelernt haben.“

Wenn Fahrt aufkommt und erkennbar wird, wohin die Reise geht, überlassen Baron und Schulkowsky den musikalischen Prozeß ihrer Intuition, was jeder Komposition eine individuelle Note gibt. Oft bilden Unisono-Passagen die Ankerplätze, an die sie immer wieder zurückkehren. ”Wir üben solche Unisono-Passagen sehr lange und sehr intensiv. Erst wenn wir sie wie im Schlaf beherrschen, können wir einen Schritt weitergehen,“ beschreibt Schulkowsky die Arbeitsmethode. ”Aus solchem Unisono-Spiel entwickeln sich dann Stücke. Wenn wir eine Passage ein halbes Jahr lang oder länger üben – richtig üben, jeden Tag Stunden –, dann entsteht daraus häufig ganz organisch ein Stück. Die Trommeln müssen dabei sehr sorgfältig gestimmt sein. Wenn sie eine falsche Stimmung haben, wird daraus ein anderes Stück. Wir denken in harmonischen und melodischen Dimensionen.“ Baron und Schulkowsky bestehen darauf: Was sie machen ist keine explizite Trommelmusik, sondern einfach nur: Musik!

Mehr Informationen:
https://unerhoert.ch