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Thursday, 12 October 2023

Interview mit Alexander Hawkins

Neue Horizonte aufreißen

 

Mit einer Masterclass an der Musikhochschule Zürich sowie seinem Trio ist Alexander Hawkins auf dem Unerhört-Festival präsent – im Interview gibt der englische Pianist und Komponist Auskunft über seine Musik, den Einfluß von Johann Sebastian Bach und das Ziel seines Unterrichtens

 



 

Seit 2012 besteht ihr Trio. Wie hat sich die Musik der Gruppe bis heute entwickelt?

 

AH: Mein Trio bestand anfangs aus Tom Skinner am Schlagzeug und Neil Charles am Baß. Wir nahmen ein Album auf, das deutlich jazzorientiert war. Dann wurde Tom Skinner mit Shabaka Hutchings‘ Sons of Kemet und mit The Smile erfolgreich, der Gruppe, die er mit den beiden Radiohead-Musikern Thom Yorke und Jonny Greenwood gründete. Das nahm ihn zeitlich dermaßen in Anspruch, dass die Zusammenarbeit in meinem Trio immer schwieriger wurde. Da ich meine Kompositionen den beteiligten Musikern auf den Leib schreibe, musste ich mich nach einem anderen Drummer umsehen. So kam Stephen Davis in die Band, was eine Veränderung der Musik mit sich brachte.

 

War der personelle Wechsel die einzige Veränderung?

 

AH: Bei weitem nicht. In den letzten Jahren brachte ich mehr konzeptionelle und strukturelle Ideen ein, bedingt durch die Erfahrungen, die ich etwa in der Zusammenarbeit mit Anthony Braxton gemacht hatte. Vermehrt verwende ich heute Kontrapunkt, d.h. die polyphone Technik zweier gegenläufiger Melodiestimmen, die in der Barockmusik ihre Blütezeit hatte. Ich habe in der Vergangenheit viel frei improvisierte Musik gespielt, ob mit Evan Parker oder Louis Moholo, aber in meiner eigenen Musik war ich daran nie wirklich interessiert. Mir geht es um Organisation. Ordnung und Struktur sind Elemente, die mich mehr und mehr faszinieren.

 

Ich habe gelesen, dass Sie zum Üben Johann Sebastian Bach spielen. Das ist Kontrapunkt in Vollendung. Wirkt Bach als Einfluß?

 

AH: Ja und nein. Eines ist klar: Bachs Musik ist in ihrer Organisation von transzendenter Schönheit. Das schiere handwerkliche Können dahinter ist ungeheuer bewegend und sehr wichtig für mich. Der Jazz läuft oft Gefahr, mit vielen Noten und Tönen herumzuwerfen. Hingegen gibt es bei Bach oder auch bei Janáček keine Note, die zu viel ist. Diese Perfektion ist unglaublich, vor allem vor dem Hintergrund unserer heutigen Gesellschaft, die in einer Flut von Informationen zu versinken droht. Ich muß mich in dieser Hinsicht allerdings an der eigenen Nase fassen. Als ich jünger war, habe ich auch viel zu viele Noten gespielt.

 

Man reift musikalisch ....

 

AH: Hoffentlich! Doch im Jazz wird bis heute viel Wert vor allem auf eine virtuose Spieltechnik gelegt. Konzepte und Ideen kommen dabei zu kurz, was ich als Mangel empfinde.


Alexander Hawkins Trio



 

Seit einiger Zeit verwenden sie Elektronik ....

 

AH: Das ist richtig. Das Klavier habe ich voll im Griff, während die Elektronik neu für mich ist. Ich begreife ihre Grundprinzipien, doch ist da immer ein Faktor Unberechenbarkeit im Spiel, und das ist genau der Grund, der mich daran fasziniert. Elektronik bringt ein Element von Zufall, Unvorhersehbarkeit und Spontanität in meine Musik ein.

 

Welches elektronische Equipment kommt zum Einsatz?

 

AH: Im Studio arbeite ich neben dem Piano mit einem Prophet-Synthesizer und einem Sampler, bei Konzerten nur mit Sampler. Der Sampler dient als Ergänzung zum Piano, steht also nicht im Mittelpunkt, sondern sorgt für andere Klangfarben im Hintergrund, untermalt die Musik dezent. Es geht darum, Möglichkeiten zu erkunden, wie sich durch Elektronik der musikalische Ausdruck steigern läßt. 

 

Was für Samples kommen zum Einsatz?

 

AH: Eine große Bandbreite. Einige generiere ich von meinen eigenen Schallplatteneinspielungen, die ich bearbeite und verfremde. Andere entwickle ich mit dem Synthesizer oder dem Piano. Auch habe ich gelegentlich Wortfetzen in die Musik eingespeist, etwa ein paar Sätze meines alten Bandleaders Louis Moholo, dem südafrikanischen Schlagzeuger. Es sind Sätze, die sehr persönlich sind und deshalb von Bedeutung für mich. Ich möchte nicht in die Klischeefalle geraten, die der Sampler natürlich auch darstellt. Direkte Rede in der Musik kann sehr kraftvoll sein, aber auch ziemlich abgedroschen wirken. 

 

Kommt es bei diesen Sprach-Samples auf das Gesagte an oder sind es nur Stimmen ohne inhaltliche Bedeutung?

 

AH: Es kann beides sein. Stimme kann als Klang interessant sein. Auf der anderen Seite habe ich unlängst ein Sample von Sun Ras Stimme eingesetzt – sehr direkt, weder manipuliert, noch verformt. Und da kommt es dann schon auf den Inhalt an, der mir in diesem Fall wichtig ist. Das Zitat ist auf schmerzliche Weise relevant für Vorgänge von heute. Es geht um Flüchtlinge auf Booten. 

 

Solche Statements berühren die Schnittstelle zwischen Politik und Musik. Wie denken Sie über diesen Punkt?

 

AH: Schon der Akt Musik zu machen, kann politisch sein, nämlich dann, wenn die Musik aus dem üblichen Gang der Dinge ausbricht und einen anderen Horizont aufreißt. Natürlich sollte man die Wirkung nicht überschätzen, wie es manche Musiker oder Musikerinnen tun, die sich politisch radikal vorkommen, weil sie radikale Musik machen. Das ist Quatsch! Die Leute, die wirklich radikal sind, sind Arbeiter und Angestellte, die an vorderster Front im Berufsleben stehen und z. B. in einen Streik treten, also direkt an politischen Auseinandersetzungen beteiligt sind. Im Gegensatz dazu sollten sich Musiker nicht so aufplustern. 

Trotz all dieser Einwände, ist es dennoch für Musiker wichtig, politisches Bewußtsein zu entwickeln. Sie sollten sich bewußt sein, dass es ein Privileg ist, das machen zu können, was man gerne tut, weil viele Menschen diese Option nicht haben. Wir haben die Freiheit uns auszudrücken, und diese Freiheit sollten wir nutzen. Dabei sollte uns aber klar sein, dass sich durch Jazz der Gang der Welt nicht ändern läßt. 


 Beim Üben daheim in Oxford


Sie haben vor ihrer musikalischen Karriere in Cambridge ein Jurastudium auf Promotionslevel absolviert und schauen auf die Politik nicht nur als Künstler, sondern auch als Jurist. Beeinflußt das ihre Sichtweise?

 

AH: Selbstverständlich. Mir ist dadurch bewußt geworden, wie kompliziert die meisten Sachverhalte heute sind, weshalb man sich vor allzu einfachen Parolen hüten sollte. Ich weiß, wie ein wirklich gut recherchiertes Argument aussehen muß, das die Dinge von allen Seiten beleuchtet und nicht schon beim ersten Einwand in sich zusammenfällt. 

Musik drückt viele schöne und aufregende Dinge aus, ist aber eigentlich ein zu plumpes Mittel, um sich zu Politik oder Gesellschaft zu äußern. Musik kann anderes besser: inspirieren, begeistern oder auch Menschen in eine andere Sphäre versetzen, um Ruhe und Abstand vom täglichen Chaos zu finden. Sun Ra hat das vorgemacht: Seine Weltraummythologie war eine Art von Eskapismus, um dieser fürchterlichen Wirklichkeit aus Rassismus, Segregation und Gewalt zu entfliehen und ihr etwas Positives entgegenzusetzen.

 

Sie tendieren dazu, mit Musikern über einen längeren Zeitraum zusammenzuarbeiten....

 

AH: Das ist richtig, obwohl ich natürlich auch weiß, dass neue Begegnungen frische Impulse bringen können. Aber mit den gleichen Musikern lange Zeit zusammenzuspielen, bringt einen Grad an Vertrautheit, Empathie und Verständnis mit sich, was es erlaubt, tiefer in die Musik einzudringen. Man kann größere Risiken eingehen, weil man sich gut kennt und sich auf die anderen verlassen kann. Bei Improvisationen kann der Eindruck entstehen, dass wir im Trio oft komplett verschiedene Dinge spielen, und schlagartig sind wir dann plötzlich wieder vollkommen beieinander – das funktioniert nur, weil man sich kennt!

 

Sie geben während des Unerhört-Festivals eine Masterclass an der Musikhochschule Zürich. Was ist ihre Herangehensweise?

 

AH: Ich bringe ein paar meiner Kompositionen ein, mit denen wir uns dann beschäftigen werden. Sie bilden den Ausgangspunkt für die Studenten und Studentinnen, sich kreativ zu betätigen. Wir kleben nicht an den Noten, sondern entwickeln Ideen und Möglichkeiten, mit dem vorgegebenen Material umzugehen. Ich bin da ganz offen. Ich lerne ebenso von den Beteiligten. Ich erkläre ihnen die Gedanken und Ideen hinter meinen Kompositionen, die strukturellen Bausteine, die ich verwende. Ich erläutere, auf was es mir ankommt und hoffe, dass sie davon ein klein wenig inspiriert werden für ihre eigene Musik. Es wird diskutiert: Wie strukturiere ich eine Komposition? Wie ökonomisch gehe ich mit den Noten um? Wie gestalte ich ein Solo im Kontext eines bestimmten Stücks? Solche Debatten sollen helfen, einen eigenen ästhetischen Standpunkt zu entwickeln. Im Idealfall sollte am Ende für alle Beteiligten ein wenig klarer sein, was sie künstlerisch wollen.


Hawkins in einer Band mit Shabaka Hutchings, zweiter von links



 

Die Studenten und Studentinnen sind eine Generation jünger als Sie. Sind Sie an deren Musik interessiert?

 

AH: Um gleich einem Mißverständnis vorzubeugen: Ich finde es wichtig, die Musik jeder Altersgruppe zu hören. Das habe ich von Anthony Braxton gelernt: Für jede Art von Musik empfänglich zu sein und Ideen und Gedanken in Betracht zu ziehen, egal woher sie kommen. Auch wenn ich Musik höre, die mir nicht zusagt, ist es doch eine interessante Frage: Warum gefällt mir das nicht? Man lernt dabei viel über sich selbst und seine eigene Haltung. In England gibt es im Moment eine junge Szene, die Jazz wieder in alternative Veranstaltungsorte bringt und ihm seine einstige Körperlichkeit zurückgibt. Diese Musiker und Musikerinnen holen Jazz aus dem Ghetto der traditionellen Jazzclubs heraus und werden deswegen von der älteren Generation heftig kritisiert. Ich finde diese Musik nicht durchgehend aufregend, doch hat diese Szene einiges, was für sie spricht. Es gibt dort etliche hochtalentierte Musiker und Musikerinnen mit ganz eigenen, starken Visionen, die wissen, auf was sie hinaus wollen. Ihre Haltung und ihr Einsatz ist bewundernswert. Das sehe ich auch als übergeordnetes Ziel meiner Masterclass: Ich möchte dazu beitragen, dass junge Musiker und Musikerinnen einem Schritt weiterkommen auf dem Weg, eine eigene künstlerische Identität zu entwickeln. Denn darauf kommt es letztendlich an.

 

Alexander Hawkins Trio: Carnival Celestial (Intakt, 2023)


Alexander Hawkins ist mit seinem Trio (29. Nov, Rank; Beginn: 21:45) und der masterclass (28. Nov, Club Mehrspur, Beginn: 20:30) auf dem Zürcher Unerhört-Festival zu hören.

Info: unerhoert.ch

 

 

 

Wednesday, 6 April 2022

SCHEIBENGERICHT: Alexander Hawkins – Mirror Canon Break A Vase

SCHEIBENGERICHT 2

 

Alexander Hawkins: Mirror Canon Break A Vase 

(Intakt Records) 



cw. Zwei Solopianostücke bilden die Klammer. Sie binden die sieben Ensemblekompositionen von Alexander Hawkins zusammen, rahmen sie formgerecht ein, was die Konsistenz des gesamten Albums garantiert. Der Opener ist als eine Art Präludium mit kantigen Tastensprüngen eher robust gehalten, während das Schlußstück mit Verfremdungen und Klangmanipulationen zwischen John Cage, Hauschka und Aphex Twin ins avantgardistische Klangutopia ausgreift.

 

 Der Pianist und Bandleader aus der Universitätsstadt Oxford, der 2021 40 geworden ist, erweist sich auf seiner aktuellen Einspielung als vielseitiger Komponist, dessen Bandbreite vom Solo über Quartettstücke bis zur Sextettbesetzung reicht, wobei es Hawkins nicht beim akustischen Klang bewenden läßt, sondern die Musik behutsam mit Sounds vom Sampler in ein elektronisches Klangbad taucht. 

 

Hawkins spannt den Bogen weit. Von groovenden Arrangements, bei denen der Einfluß von Mulatu Astatke durchschimmert, in dessen Band er Jahre lang auf dem Klavierstuhl saß, bis zu ekstatischer Fire Music reicht die Bandbreite, wie er sie im Ensemble von Louis Moholo lange Zeit praktizierte (im Gespann mit Saxofonisten Shabaka Hutchings). Daneben gibt es auch eine Komposition (Titel: Faint Making Stones), die fast nach einer abstrakten Jazzballade klingt – aber nur fast!

 

Mit zwei Schlagzeugern (einer davon ein afrikanischer Handtrommelspezialist) ist die Rhythmusgruppe als treibende Groovemaschine konzipiert, die – wenn nötig – einen Drive von ungeheurer Dichte erzeugen kann. Darüber legt Shabaka Hutchings Saxofonsoli von expressiver Kraft, die Hawkins mit raffinierten Akkorden kontrapunktisch spiegelt, bevor er den Faden aufnimmt und weiterspinnt, dabei oft bis an die Grenzen zur Atonalität geht. Als dritter Solist kommt der Südafrikaner Otto Fischer ins Spiel, dessen originelle Gitarrensoli gleichermaßen die konventionellen Gesetze der Harmonie sprengen. Als Kontrast wirkt ein Stück (Titel: Sun Rugged Billions), das freier und luftiger gehalten ist und mit Holzflöte, Schlagzeug und präpariertem Klavier südafrikanische Folklore evoziert. 

 

Mit diesem Album ist Alexander Hawkins ein großer Wurf gelungen, mit dem er seinen Ruf als einer der führenden Musiker der aktuellen britischen Jazzszene weiter festigen kann, vor allem für die Zeit danach – wenn einmal der aktuelle Hype um den Post-Jazz aus Südlondon abgeklungen ist.

Tuesday, 19 November 2019

RADIO RADIO RADIOPHON

RADIOPHON 
Donnerstag, 28. November 2019, SWR2  
21:03- 22:00 Uhr
von Christoph Wagner

Mike Formanek Quartet (Foto: Promo)

Musikcollagen mit Titeln von Coconami aus München, dem Mike Formanek Quartet aus New York, Solopiano von Alexander Hawkins, Perkussionsmusik von Fritz Hauser, die Dreampop-Gruppe Pram aus Birmingham plus der Text „Weil Es Die Welt Gar Nicht Gibt“ von Herbert Achternbusch. Dazu noch eine Komposition von Lukas Ligeti – einer Art afrikanischer Minimalmusik. Dann das „Gloria“ aus der „Missa Ave Maria“ des englischen Renaissance-Komponisten Thomas Ashwell, gesungen vom belgischen Spezialistenensemble Graindelavoix, sowie ein elektronisches Stück von Morton Subotnick. Außerdem: Ten Years After, Manfred Kniel sowie Don Byron mit einer Bach’schen „Violin Partita“. Zum Abschluß singt uns eine Vokalgruppe aus den Bahamas in den Schlaf. 


swr.de/swr2



Don Byron (Foto: Promo)

Sunday, 25 November 2018

In Zürich hat das Unerhört-Festival begonnen

Feuerschweif aus Tönen

Das Unerhört-Festival findet zehn Tage lang in Zürich an verschiedenen Orten statt – neben Jazzstars wie Till Brönner und Marc Ribot steht ein lange verpöntes Musikinstrument im Rampenlicht


cw. Eine kleine technische Neuerung brachte Anfang des 20. Jahrhunderts den Durchbruch: Ein simples Fußpedal versetzte nun jeden Trommler in die Lage, die Baßtrommel gleichzeitig mit anderen Schlaginstrumenten zu spielen. Das Schlagzeug war geboren! Doch galt das Konstrukt aus großer Trommel (mit Fußmaschine), Metallbecken und kleiner Marschtrommel lange Zeit nicht als vollwertiges Musikinstrument – höchstens zum Takthalten geeignet! Erst im modernen Jazz gewann das Schlagzeug an Profil: Drummer ließen die Rolle des „time keeper“ hinter sich und begannen den Klangfarbenreichtum des Instruments zu erkunden. Heute ist von der mangelnden Wertschätzung nichts mehr zu spüren. Schlagzeuger bewegen sich ganz selbstverständlich auf gleicher Augenhöhe mit Saxofonisten, Pianisten und Trompetern, und kommen – wenn sie wollen –  auch ganz ohne sie aus: Dann klingen in ihrem Spiel sogar Melodien, Intervalle und Akkorde an –  Perkussion total! 

Die geglückte Emanzipation des Schlagzeugs bildet eine der Programmschienen des diesjährigen Unerhört-Festivals, das vom 23. November bis zum 2. Dezember in und um Zürich stattfindet. Dazu kommt eine Hommage verschiedener Pianisten (darunter Irène Schweizer und Alexander Hawkins) an den im April verstorbenen Freejazz-Berserker Cecil Taylor, sowie diverse Ausflüge ins Grenzland zwischen Jazz und Elektronik plus ein rarer Soloauftritt des neuen Stars der britischen Jazzszene, des Saxofonisten Shabaka Hutchings. 

Sylvie Courvoisier
Zu einer Begegnung zwischen Schlagzeug und Piano kommt es beim Tête-à-tête von Sylvie Courvoisier und Julian Sartorius. Der Berner Schlagwerker, der sein Arsenal an Klangerzeugern auf Flohmärkten und Schrottplätzen findet, hat sich in den letzten Jahren mit ambitionierten Soloprojekten und hochkarätigen Duo-Begegnungen in die erste Reihe der eidgenössischen Jazzdrummer gespielt, während sich die Lausanner Tastenmusikerin lange schon auf der New Yorker Jazzszene tummelt, wo sie viel mit ihrem Ehemann Mark Feldman auftritt, aber auch mit Tim Berne, Mary Halvorson und John Zorn. Courvoisier und Sartorius lassen ein aufgewühltes Improvisationduett erwarten, das sich zum Orkan hochschaukelt, wenn sich das Piano in eine Batterie aus 88 Trommeln verwandelt und das Schlagzeug in ein Klavier voll prasselnder Töne.  
                                                                                                                    Günter 'Baby' Sommer
Ebenfalls in Duo-Besetzung, aber mit transparentem Sound, agieren zwei Vertreter recht unterschiedlicher Jazzströmungen. Auf einem kürzlich erschienenen Album hat das Gespann des ostdeutschen Freejazz-Trommlers Günter „Baby“ Sommer und des Berliner Startrompeters des Jazz-Mainstreams Till Brönner bereits dokumentiert, wie problemlos die unterschiedlichen Ansätze zusammengehen. Brönner unterstreicht mit Nachdruck, wie abwegig es ist, ihn als leichtgewichtigen Jazz-Pfiffikus abzutun. Mit Sommer knüpft er an dessen Zusammenarbeit von 2006 mit dem afro-amerikanischen Trompeter Wadada Leo Smith an, wobei Brönner mit einem Feuerschweif aus Tönen, versunkenen Melodien und einer enormen Palette an Klangfarben aufwartet. Mit Geschmack, dezenter Zurückhaltung und viel Poesie hegt Sommer die Improvisationen des weit jüngeren Bläservirtuosen ein, wodurch ein sprühender Gedankenfluß entsteht, der jeder Zeit eine überraschende Wendung nehmen kann.

Für ein ähnlich farbenprächtiges Panoptikum aus Rhythmen und Klängen steht das Perkussionsgespann von Joey Baron und Robyn Schulkowsky. Geschult sowohl an John Zorn als auch an Morton Feldman bringt das Paar zusammen mehr als hundert Jahre Trommelerfahrung auf die Waage. Der Topdrummer des Jazz und die profilierte Schlagwerkerin zeitgenössischer Konzertmusik loten das ganze Spektrum an Trommelsprachen aus, wobei der Zusammenklang verschiedenster Perkussionsinstrumente im Zentrum ihrer Kompositionen steht. „Das Klangmaterial, das zum Einsatz kommt, haben wir über lange Zeit entwickelt mit dem Vorsatz, dass es optimal zusammenklingt, ja Akkorde und Intervalle hervorbringt,“ sagt die Amerikanerin. „Vorgaben werden improvisatorisch erkundet, wobei sich jedes Stück aus der Abfolge bestimmter Klangkombinationen entwickelt. Dabei ist das Hören unser wichtigstes Werkzeug. Wir lassen uns von unseren Ohren leiten und bringen alles ein, was wir bis dahin gelernt haben.“

Wenn Fahrt aufkommt und erkennbar wird, wohin die Reise geht, überlassen Baron und Schulkowsky den musikalischen Prozeß ihrer Intuition, was jeder Komposition eine individuelle Note gibt. Oft bilden Unisono-Passagen die Ankerplätze, an die sie immer wieder zurückkehren. ”Wir üben solche Unisono-Passagen sehr lange und sehr intensiv. Erst wenn wir sie wie im Schlaf beherrschen, können wir einen Schritt weitergehen,“ beschreibt Schulkowsky die Arbeitsmethode. ”Aus solchem Unisono-Spiel entwickeln sich dann Stücke. Wenn wir eine Passage ein halbes Jahr lang oder länger üben – richtig üben, jeden Tag Stunden –, dann entsteht daraus häufig ganz organisch ein Stück. Die Trommeln müssen dabei sehr sorgfältig gestimmt sein. Wenn sie eine falsche Stimmung haben, wird daraus ein anderes Stück. Wir denken in harmonischen und melodischen Dimensionen.“ Baron und Schulkowsky bestehen darauf: Was sie machen ist keine explizite Trommelmusik, sondern einfach nur: Musik!

Mehr Informationen:
https://unerhoert.ch

Thursday, 4 May 2017

Jazztrends: Alexander Hawkins

Über die Tradition hinaus

Der Pianist Alexander Hawkins ist eines der großen Talente der britischen Jazzszene

Alexander Hawkins Trio (Foto: C. Wagner)

cw. Die Formel könnte aus der konzeptionellen Kunst stammen: ein Pianist spielt in einem Stahlcontainer ein kurzes Stück für einen einzigen Zuhörer. Zwischen riesigen Konzertzelten, Imbißbuden und CD-Verkaufsständen stand auf dem Gelände des Cheltenham Jazzfestivals 2015 ein Metallbehälter mit der Aufschrift “jazz in the box”. Darin stand ein Klavier. Hier fanden an zwei Nachmittagen Blitzauftritte von ein paar der vielversprechensten Jazzpianisten Großbritanniens statt. Alexander Hawkins war einer von ihnen. Als die Zeit für mich als alleinigem Zuhörer im Minikonzert gekommen war, legte der junge Tastenvirtuose aus Oxford ein pfiffiges Kabinettstückchen hin, das von Ellington ausgehend, sich in eine perlende Tonkaskade verwandelte, um in einem Freejazz-Orkan zu enden. Hundert Jahre Jazzgeschichte auf die Länge von drei Minuten kondensiert – alle Hochachtung!

Am Abend zuvor hatte Hawkins ein reguläres Konzert mit der Vokalistin Elaine Mitchener gegeben. Das Programm bestand aus bekannten Jazzstandards, die auf derart originelle Weise verfremdet wurden, dass sie auf ganz neue Art zu leuchten begannen. Hawkins spannte den stilistischen Bogen weit, indem er geschickt die Tradition mit der abstrakten Moderne verquirlte, was eines seiner Markenzeichen ist.

1981 in Oxford geboren, wuchs Alexander Hawkins in einer Familie auf, in der Jazz zum Alltag gehörte. Am heimischen Klavier unternahm der Kleine erste musikalische Gehversuche, die mit sechs zu regulärem Pianounterricht führten, der bald von Orgelstunden abgelöst wurde. Im Teenageralter kam er auf den Geschmack für die swingende Musik. Trotzdem schrieb er sich nach dem Abitur in Cambridge nicht zum Musikstudium ein, sondern in Jura, das er mit dem Doktortitel abschloß. Allerdings hatte bereits während der Studentenzeit die Musik endgültig die Oberhand gewonnen, weshalb der Dr. jur. nun die Berufung zum Beruf machte und Jazzprofi wurde.
                                                                                                                                 Foto: C. Wagner
Hawkins kehrte nach Oxford zurück und tauchte in die kleine, aber vitale Improvisationszene seiner Heimatstadt ein. Musiker wie der Klarinettist Alex Ward und der Keyboarder Pat Thomas nahmen ihn unter die Fittiche. “Ich übte wie ein Besessener, um das spielen zu können, was mir im Kopf herumspukte,” erinnert sich der Pianist, dessen Übungseifer bis heute kaum nachgelassen hat. “Ich nahm mir Bach und Scarlatti vor, um der Architektur der großen Barockkompositionen auf die Spur zu kommen. Im Unterschied zum Jazz, der auf die einzelne Note im Kontext eines bestimmten Akkords fixiert ist, interessierte mich die übergreifende Konstruktion.”

Konzerte in London brachten Hawkins in Kontakt mit dem alten Adel der britischen Improvisationsszene: Lol Coxhill und Evan Parker wurden zu Mentoren, der Drummer Louis Moholo-Moholo holte ihn in seine Band. “Es ist schon merkwürdig, dass ich mit freier Improvisation ins Profimusikerleben einstieg, obwohl ich mich Jahre lang intensiv mit der Jazztradition beschäftigt hatte,” wundert sich der Pianist.

Bei einem Aufenthalt in New York lernte Hawkins den Drummer Harris Eisenstadt und den Kornettisten Taylor Ho Bynum kennen. Aus dieser Begegnung ging das Convergence Quartet hervor, eine Gruppe, die die Nahtstelle zwischen notierter Musik und freier Improvisation erkundet. “Offene Komposition” nennt Hawkins die Herangehensweise.

Zur Orgel – diesmal der Marke Hammond - kehrte er mit Decoy zurück, einem Trio mit Steve Noble (drums) und John Edwards (Baß), das gelegentlich durch die amerikanischen Saxofonisten Joe McPhee oder Marshall Allen vom Sun Ra Orchestra erweitert wird und viel Kritikerlob einheimste. Hawkins gewann an Profil und wurde in der englischen Musikpresse als “interessantester Hammondspieler der letzten Dekade” gepriesen.

Obwohl er weiterhin die spontane Begegnung bei Konzertauftritten oder im Studio sucht (ob mit den Schlagzeugern Han Bennink oder Louis Moholo-Moholo, den Saxofonisten John Surman bzw. Evan Parker oder wie beim Berliner Jazzfest 2016 mit dem amerikanischen Trompeter Wadada Leo Smith), stehen inzwischen die eigenen Gruppen im Vordergrund. Sein sechsköpfiges Ensemble mit dem Violinisten Dylan Bates (dem jüngeren Bruder von Django Bates) und dem Baßklarinettisten Shabaka Hutchings besticht durch eigenwillige Klangfarben, wobei die Arrangements viel Raum für spontanes Spiel lassen. “Meine Kompositionen sollen die Autonomie der Musiker nicht einschränken, sondern fördern und vergrößern,” erklärt der Bandleader.

Das Rhythmusgespann seines Sextetts (Tom Skinner, Schlagzeug und Neil Charles, Baß) die ebenfalls in der Ethiojazz-Combo des äthiopischen Vibrafonisten Mulatu Astatke für den Groove sorgt, ist auch im Alexander Hawkins Trio für die rhythmische Basis zuständig, obwohl die Rollen eigentlich laufend wechseln. Dabei geht das Trio nicht in die gleiche Richtung wie viele der aktuellen Jazzpianotrios - Hawkins schwebt etwas anderes vor. Sein Konzept zielt auf individuelle Unabhängigkeit in der Einheit als Gruppe: “Jedes Mitglied folgt seinem eigenen Kompass, ohne dass wir uns laufend aufeinander beziehen, wobei die Musik dennoch zu einem geschlossenen Ganzen wird.”

Zu den Gruppenaktivitäten kommen vermehrt Soloauftritte hinzu, bei denen Hawkins mit seinen profunden Kenntnisse der Jazztradition wuchern kann. Er liebt diese Dekonstruktionen der Tradition, wobei er die Kompositionen, ob von Ellington oder Monk, in ihre Einzelteile zerlegt, um sie danach wieder  - simsalabim - zusammenzubauen. Das geschieht alles völlig organisch - wie von Zauberhand! Allein auf der Bühne zu stehen, empfindet der Pianist jedesmal wieder als neue Herausforderung, gilt es doch, die Furcht vor der Stille nicht panisch mit einem Schwall von Noten zuzukleistern, sondern mit Ruhe, Konzentration und Verstand ans Werk zu gehen.

Auswahldiskographie:

Alexander Hawkins & Evan Parker: Leaps in Leicester (Clean Feed)
Alexander Hawkins Ensemble: Step Wide, Step Deep (Babel)
Alexander Hwakins Trio (AH Music)
Alexander Hawkins: Solo Piano - Song Singular (Babel)

Saturday, 18 July 2015

CHELTJAZZFEST 2015

Spitzenniveau

Das Kölner Pablo Held Trio glänzte beim Jazzfestival im englischen Cheltenham



 cw. Während Jazzmusiker normalerweise in Metropolen leben, finden Jazzfestivals gerne in der Provinz statt: Orte wie Moers, Willisau (Schweiz) und Ulrichsberg (Österreich) haben sich als “Jazzstädte” einen Namen gemacht. Das englische Cheltenham, ein schmuckes Städtchen in Mittelengland, gehört in diese Reihe. Hier findet jedes Jahr das einwöchige “Cheltjazzfest” statt, wobei sich ein Park im Ortskern in ein riesiges Heerlager aus Konzertzelten, Imbißbuden, Schallplattenständen und einer mobile Kunstgalerie verwandelt. Bei sonnigem Wetter lagern dann Scharen von Fans mit einem “pint” auf dem Rasen - Jazz wird zum Volksfest!

Das “Big Top”-Zelt im Park fasst 1200 Besucher und bleibt deshalb hauptsächlich Popacts wie Wilko Johnson oder Martha Reeves vorbehalten. Doch trauten die Veranstalter auch dem amerikanischen Jazzfunktrio Medeski Martin & Wood mit “Special Guest” Jamie Cullum zu, die Arena zu füllen. Ist ein intimerer Rahmen nötig, zieht man in die nahegelegene Stadthalle, wo das Lee Konitz & Dave Douglas Quintet vor ausverkaufter Kulisse auftrat. Die Gruppe bot ein Programm aus bekannten Jazzstandards, die allerdings auf eine sehr freie Art interpretiert wurden. Saxofonlegende Lee Konitz ist mittlerweile in seinem 88. Lebensjahr und agiert wie ein alter Zen-Meister des modernen Jazz, der sich alle Freiheiten nahm und seine Soli entweder sang oder auf dem Altsaxofon intonierte, wobei er immer im Zwiegespräch mit der Trompete von Dave Douglas blieb.

Will heute ein Jazzfestival Erfolg haben, darf das Programm nicht zu puristisch ausgerichtet sein, denn Jazz alleine zieht keine Massen an. “Weltmusik” ist ein Anknüpfungspunkt, der in Cheltenham von einer “Afrobeat”-Reihe abgedeckt wurde. Den Auftakt machte der Erfinder des Stils: der nigerianische Drummer Tony Allen. Mit Hut und Sonnenbrille majestätisch in der Mitte seiner Band auf dem Schlagzeugpodest residierend, gelang es dem ehemaligen Trommler von Fela Kuti mit einem präzisen Räderwerk aus Beats, Riffs und scharfen Bläsersätzen das Publikum auf die Beine zu bringen. Gegenüber dieser authentischen Version fiel Joe Lovano’s Afrobeat-Projekt mit seiner “Village Rhythms Band” doch merklich ab. Angeführt vom robusten Saxofonton des Bandleaders, kam die Musik selten über eine Jazzrockfusion hinaus, der die Talking Drum und die Wüstenharfe Kora etwas afrikanisches Flair verliehen.

 Samuel Blaser Trio (Foto: C.Wagner)
Experimenteller ging es im Parabola Arts Centre zu. Mit seinem Trio arbeitete sich der Schweizer Posaunist Samuel Blaser in die freie Improvisation hinein, um über eine Strawinsky-Bearbeitung den Set mit einer ruhigen Meditation zu beenden. Alexander Hawkins heisst eines der vielversprechensten Talente der britischen Szene. Der Pianist nahm sich mit der Vokalistin Elaine Mitchener ein paar Jazzstandards vor, verfremdete sie auf so originelle Weise, dass sie auf neue Art zu leuchten begannen.

                                      Alexander Hawkins & Elaine Mitchener (Foto: C.Wagner)





Selten schafft es ein deutsches Ensemble außerhalb seines Heimatlands auf die Bühne eines internationalen Jazzfestivals – zu groß ist die Konkurrenz. Durch seine Kooperation mit dem amerikanischen Jazzgitarrenstar John Scofield ist dem Pablo Held Trio dieses Jahr der Sprung nach Cheltenham gelungen. Mit einem Programm, das von gedämpften Balladen bis zu aufheulendem Jazzrock reichte, hinterließ die Kölner Band eine blendenden Eindruck. Pianist Pablo Held erwies sich als feingeistiger Widerpart zu Scofields zupackendem Gitarrenspiel, wobei Drummer Jonas Burgwinkel mit spritzig-dynamischem Spiel Akzente setzte und einmal mehr den Beweis erbrachte, dass Jazz der Spitzenklasse heute überall auf der Welt zuhause ist.

Wednesday, 27 May 2015

TAKTLOS FESTIVAL ZÜRICH 2015

Für neugierige Ohren

Beim Zürcher Taktlos Festival 2015 treffen sich vom 28. - 30. Mai die stoiischen Helden der Avantgarde
                                                                                                                                                 Mette Rasmussen & Chris Corsano


cw. Das Zürcher Taktlos-Festival gilt als Treffpunkt der Paradiesvögel. Was andere Festivals groß ankündigen, aber selten einlösen, ist hier eine Selbstverständlichkeit: Beim Taktlos werden Experimente groß geschrieben, wobei vielfach jungen MusikerInnen zum Zug kommen, die noch als Geheimtipp gelten. Die programmatische Ausrichtung macht das Festival zu einer 3tägigen Entdeckungsfahrt in die abenteuerlichen Sphären der Musik – Überraschungen inbegriffen! 
Anthony Braxton
Bis auf Anthony Braxton, einem der Großmeister des neuen Jazz, verzichtet das Taktlos auch dieses Jahr wieder auf große Namen. Lieber präsentiert es aufstrebende Talente wie den amerikanischen Schlagwerker Chris Corsano, der lange mit der Popexzentrikerin Björk  zusammengearbeitet hat. Jetzt hat Corsano mit der jungen Saxofonisten Mette Rasmussen ein aufregendes Duo initiiert, das neue Glut in die “fire music” der sechziger Jahre bläst.  

Zu den jüngeren Semestern gesellen sich die angegrauten Helden der Avantgarde, die unbeirrt an ihren Konzepten basteln. Allen voran Philip Jeck aus Liverpool. Der Turntable-Collagist hat in seiner Karriere schon mit Gavin Bryars und dem Kronos Quartet kooperiert und wird sich beim Taktlos in einer Multimedia-Performance präsentieren. Kurzum: In der Aktionshalle der Roten Fabrik hat vom  28. - 30. Mai die musikalische Neugierde Heimspiel.

Souverän bläst Mette Rasmussen ihr Altsaxofon und schleudert mit Wucht wilde Klangfetzen heraus. Dann schaltet sie urplötzlich auf leise um und entlockt ihrem Instrument feinstes Vogelgezwitscher. Gelegentlich stopft die junge Dänin einen Plastikbecher in den Trichter, um mit dem Saxofon wie auf einem Kazoo zu singen. Ohne Zweifel bilden die sechziger Jahre, die Entstehungsphase der freien Musik, den Ausgangspunkt ihrer Reise. Doch geht Rasmussen darüber hinaus. Sie will Neuland erkunden!

Frische Klänge ausfindig zu machen, ist harte Arbeit. Wenn Rasmussen zwischen Tourneen und Einzelkonzerten zu Hause im norwegischen Trondheim ist, pflegt sie ein unerbittliches Regime: Stunden um Stunden feilt sie täglich an ihrem Spiel. Viel Zeit verwendet sie auf technische Griffübungen, jagt die Tonleitern rauf und runter. Doch noch intensiver betreibt sie Klangforschung. Wieder und wieder entdeckt Rasmussen das Saxofon neu, als Klangquelle, in dem noch so mancher verborgene Ton schlummert.

Am Schlagzeug reagiert Chris Corsano auf jede Saxofonnote mit großem Einfühlungsvermögen. Oft tupft er mit den Besen über die Trommeln oder streichelt die Becken, bis sie wohlig summen. Doch der Amerikaner kann auch anders: Wenn das Saxofon Feuer speit, haut er mit voller Wucht in die Felle, wobei er gelegentlich mit der rechten Hand wie ein Vibrafonist mit zwei Klöppeln spielt. Wieselflink schafft er ein dichtes Geflecht aus perkussiven Texturen, das pulsiert und pocht.
                                                                                                               Alexander Hawkins (Foto: C. Wagner)
Rasmussen und Corsano gehören zu einer jungen Generation, die dem modernen Jazz neue Facetten abgewinnt. Ob in den USA, Großbritannien, Skandinavien oder der Schweiz – überall regt sich kreativer Geist.  Auch der Pianist Alexander Hawkins aus der englischen Universitätsstadt Oxford ist nie den geraden Weg gegangen. Um das Musikkonservatorium machte er einen weiten Bogen und ist seither immer seinem eigenen Kompass gefolgt. Von Freejazz mit Louis Moholo-Moholo über das fauchende Orgeltrio Decoy bis zum funky Ethio-Jazz mit Mulatu Astatke - Hawkins ist mit allen musikalischen Wassern gewaschen. Überall saugt er Einflüsse auf und läßt sie in sein Solospiel einfließen. Als enzyklopädischer Kenner der Jazztradition setzt er die Töne mit Bedacht, tippt sachte mit den Fingerspitzen die Tasten an. Sparsame Intervalle und dezente Akkorde ertönen, aus denen mit der Zeit ein organisches Klanggebilde entsteht, das sich mehr und mehr verschränkt und verdichtet bis zum ekstatischen Finale.
Martin Küchen Angles9
Den Kontrapunkt zum pianistischen Solospiel setzt Martin Küchen. Der Saxofonist und Bandleader kommt mit viel Blech nach Zürich. Mit mächtigem Bläsersatz und treibenden Grooves trumpft seine Mini-Bigband Angles9 auf. Erinnerungen an den Brassrock der siebziger Jahre werden wach. Zudem läßt die legendäre Brotherhood of Breath des Südafrikaners Chris McGregor sowie das Arkestra von Sun Ra grüßen. Gestochen scharfe Einsätze, vielschichtige Arrangements und verschlungene Soli verbinden sich in den Kompositionen des Schweden zu einem brodelnden Gebräu, aus dem das Vibrafon mit buntschillernden Tonkaskaden heraussticht. Dazwischen werden elegische Klangmalereien geschoben, die sich im Schritttempo eines Trauermarschs bewegen. Dann führen langgezogene Saxofon- und Trompetenstöße die Musik in bewegtere Zonen. Liebgewonnene Hörgewohnheiten und abgenutzte Klischees werden weiträumig umgangen. Dennoch greift Angles9 auf Klangmaterial zurück, das weder revolutionär noch avantgardistisch ist - im Gegenteil: Aus bekannten Komponenten neue Funken zu schlagen, lautet die Alchemisten-Formel, die für viele Künstler beim diesjährigen Taktlos Festival gilt.

Taktlos 2015 / Rote Fabrik, Zürich
28. 4. Wild Chamber Trio / Rasmussen & Corsano / Bänz Oester & The Rainmakers
29. 4. Joachim Badenhorst / Small Angles / Martin Küchen’s Angles9
30. 4. Anthony Braxton Diamond Curtain Wall Quartet / Alexander Hawkins / Jeck-Brill-Lemieux