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Friday, 30 January 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 55: Betamax vs Sylvia Hallett

Buntschillernde Klänge über hypnotischen Beats

Betamax vs Sylvia Hallett (Picot)


Betamax, alias Max Hallett, war der Drummer der Postjazz-Gruppe The Comet is Coming. Seine Mutter ist die Multiinstrumentalistin Sylvia Hallett, die Violine, Piano, Harmonium, Akkordeon, Posaune, Sarangi und manchmal auch Fahrradspeichen spielt und dazu singt und seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil der freien Improvisationszene von London ist.

Da The Comet is Coming seit Ende 2023 dormant ist, tut sich Betamax inzwischen mehr und mehr als Produzent hervor. Die Einspielung mit seiner Mutter trägt deutlich seine Züge, die sich in groovenden Schlagzeugbeats und schweren Baßlinien äußern. Über dieses rhythmische und klangliche Fundament legt Sylvia Hallett ihre sphärischen Sounds, die im Studio noch eine deutliche Nachbearbeitung erfahren haben, oft attraktiv verfremdet bis zu Unkenntlichkeit.



Ziemlich ausgeklügelt klingt das Ganze. Buntschillernde Sounds werden zu Klangcollagen verdichtet und über repetitiv-betörende Drumrhythmen gespielt, wobei Betamax für jedes Stück ein anderes Schlagmuster wählt, das er dann über dessen ganze Länge durchhält. 


Sounds schwellen an und wieder ab, das Schlagzeug tritt hervor und wieder in den Hintergrund, Tonfetzen unbekannter Provenienz wehen heran und vorbei. Stimmen werden vernehmbar und verklingen. Immer wieder ändert sich das Panorama der Klänge und gibt den Blick auf eine andere Klanglandschaften frei. Im letzten Stück des Albums schweben Langtöne von der Geige, kontrapunktisch verdoppelt und dann noch einmal multipliziert, durch den Raum und erzeugen über einem dicken Schlagzeugteppich eine Sphärenmusik von hypnotischem Zauber. Eine erstaunliche Einspielung! 

English Translation:
Vibrant sounds over hypnotic beats – Betamax vs Sylvia Hallett (Picot)
Betamax, aka Max Hallett, was the drummer of the post-jazz group The Comet is Coming. His mother is the multi-instrumentalist Sylvia Hallett, who plays violin, piano, harmonium, accordion, trombone, sarangi, and sometimes even bicycle spokes, and also sings. She has been a fixture of London's free improvisation scene for decades. Since The Comet is Coming went dormant at the end of 2023, Betamax has increasingly made a name for himself as a producer. The recording with his mother clearly bears his signature, evident in the groovy drum beats and heavy bass lines. Over this rhythmic and sonic foundation, Sylvia Hallett lays her atmospheric sounds, which underwent significant post-production in the studio, often attractively distorted to the point of being unrecognizable. The whole thing sounds quite sophisticated. Vibrant, iridescent sounds are condensed into sonic collages and layered over repetitively captivating drum rhythms, with Betamax choosing a different drum pattern for each track, which he then maintains throughout. Sounds swell and recede, the drums emerge and then fade into the background, fragments of sound from unknown sources drift in and out. Voices become audible and then fade away. The sonic panorama constantly shifts, revealing yet another sonic landscape. In the album's final track, long violin notes, contrapuntally doubled and then multiplied once more, float through the space, creating a hypnotic, ethereal soundscape over a thick carpet of interlocked rhythms.

Wednesday, 12 July 2023

Konzertreview: THE COMET IS COMING & DAISY DICKINSON

Milchstraßenmusik

The Comet Is Coming & Daisy Dickinson beim Manchester International Festival

'Live'-Fotos: christoph wagner



cw. Seit ungefähr zehn Jahren versucht die Industriemetropole Manchester in Nordengland, weltbekannt durch ihre beiden Fußballclubs, auf dem Feld der Kultur zu punkten. Dafür wurde das „Manchester International Festival“ (MIF) ins Leben gerufen, dass jedes Jahr im Sommer für ein paar Wochen mit exquisiten Großveranstaltungen zwischen Pop und Hochkultur für internationale Aufmerksamkeit sorgen soll. Jede Veranstaltung ist einmalig, d.h. hier wird keine Kultur von der Stange geboten, sondern das MIF kreiert spezielle Events oft multimedialen Zuschnitts. Dahinter steckt viel viel Geld!

 

Das geht so: Gestern Abend, wir schreiben den 12. Juli 2023, stand die Formation The Comet Is Coming auf dem Programm. Die Band aus London, die sich in den letzten Jahren mit ihrem Techno-Jazz in die internationale Konzert-Superliga gespielt hat, präsentierte keinen normalen Auftritt, sondern wurde mit der Videokünstlerin und Filmemacherin Daisy Dickinson gepaart, um ein musikalisch-visuelles Klangereignis zu schaffen, das unter dem Titel „Hyper-Dimensional Expasion Beam“ firmierte und nur an diesem einen Abend zu hören und zu sehen war (plus im Somerset House in London). 


 

Das Experiment gelang: „The Hall“ des speziell für das MIF geschaffenen Veranstaltungsorts Factory International / Aviva Studios war mit ca. 2000 Zuschauer nahezu ausverkauft, und zwar mit Fans von ziemlich jung bis ziemlich alt, was für eine Band, die mit Jazzelementen spielt, heutzutage schon bemerkenswert ist. Welche andere Gruppe aus dem Segment Jazz bringt so viel Publikum auf die Beine?  

 

Allerdings haben die drei Musiker die Jazzkonventionen weit hinter sich gelassen. Ihre Musik ist ein Mix aus Techno, Heavy Metal, Brötzmann & Ayler-Saxofon und kosmischen Sounds, der nach den Sternen greift und jeder Rave-Party gut zu Gesicht stehen würde. Die Lautstärke pendelt sich auf Rockkonzert-Level ein, der Sound ist leider (!!!) nur passabel (das Schlagzeug zu leise bzw. Keyboards und Sax zu laut), wobei die Band von Beginn an aufs Ganze geht. Kurze abgehackte Riffs des Tenorsaxofons verschmelzen mit elektronischen Staccato-Sounds aus Techno und Rave, die von einem hämmernden Schlagzeug vorangetrieben werden. 



Danalogue (Dan Leavers) an diversen Synthesizern ist der eigentliche Einpeitscher der Gruppe. Seine pumpenden Techno-Beats machen den Kern und die Wucht der Musik aus, während Shabaka Hutchings heißere Kurzphrasen auf dem Tenor bläst, die mit viel "reverb" aufgepeppelt jedesmal wie eine "hookline" wirken, und Betamax (Maxwell Hallett) für den knackigen Groove sorgt. 


Jedem Musiker wird ein längerer Solopart zugestanden, der bei Danalogue in kosmische Sphären führt, die an Tangerine Dream erinnern, während Hutchings in seinem Solo auf Blastechniken eines Evan Parkers zurückgreift, um komplexe rhythmisch-melodische Ton-Pattern zu kreieren, bei denen sich mehrere Melodielinien kreuzen. Und das Schlagzeug-Solo ist halt ein Schlagzeug-Solo mit viel Bumm, Bäng und Knall. 

 


Die Visuals von Daisy Dickinson machen Eindruck. Sie sind vorproduziert, erlauben jedoch, interaktiv auf Stimmung und Atmosphäre zu reagieren, weshalb Klang und Bild ziemlich synchron laufen. Zuerst meint man in einem Raumschiff durch kosmische Sphären zu gleiten, dann kommt Farbe ins Spiel und vielerlei geometrische Figuren, die sich drehen, multiplizieren, reduzieren, auf und ab schweben, die verfremdet und umgestaltet werden. Eine fantasievolle Visualisierung dieser kosmischen Dance-Music zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Insgesamt: ein eindrücklicher Abend einer Band, von der es heißt, dass sie sich zum Jahresende auflösen wird. Schade! Der Komet kommt nicht, er geht!    


Wednesday, 8 March 2017

Von The Notwist kuratiert: ALIEN DISKO

Außerirdische auf der Tanzfläche

Das Münchner Festival “Alien Disko” präsentierte Klänge abseits des Mainstreams

The Comet is Coming (Foto: Manuel Wagner)

cw. Das Festival war als Anregung gedacht: Es sollte Veranstalter und Institutionen Mut machen, bei Musikveranstaltungen doch wagemutiger zu sein und nicht nur Bewährtes und Bekanntes zu präsentieren. Mit einem Programm aus Neuem, Entlegenem und Außergewöhnlichem wollte die zweitägige “Alien Disko”-Konzertveranstaltung in den Münchner Kammerspielen dafür ein Zeichen setzen. Ausgebrütet hatten das Ereignis die Brüder Markus und Micha Acher von der alternativen Rockgruppe The Notwist aus Bayern, die damit den Beweis erbringen wollten, dass auch mit Klängen abseits des Mainstreams Massen zu gewinnen sind. Es gelang: Das “Alien Disko”-Festival war an beiden Tagen nahezu ausverkauft!

Den Auftakt machte ein Klassiker: die Komposition “Music for pieces of wood” von Steve Reich, einem der Urväter der Minimal Music. Sie wurde vom Ensemble Stargaze gekonnt mit schillernden Klangfarben in Szene gesetzt. Anschließend überführte die Berliner Gruppe das Album “Hi Scores” des elektronischen Duos Boards of Canada in eine akustische Klanglandschaft, was interessante Brechungen und Spiegelungen ergab.

Dawn of Midi (Foto: Manuel Wagner)
Dass die Wurzeln der Minimal Music eigentlich in Afrika zu suchen sind, machte der Berliner Elektroniker Mark Ernestus klar. Mit seiner Ndagga Rhythm Force, die durchweg aus afrikanischen Musikern besteht, legte er vielschichte Trommelmuster über elektronische Baßlinien, zu denen sich eine Tänzerin in tollkühner Akrobatik verbog. Solch komplexe Polymetrik bildete einst den Ausgangspunkt nicht nur für Steve Reich, sondern heute wieder für das Trio Dawn of Midi. Mit absoluter Präzision und großer Beharrlichkeit übersetzten die drei Musiker aus Brooklyn die Komplexität afrikanischer Trommelrhythmen in eine Piano-Baß-Schlagzeug-Besetzung und riefen damit verblüffende Effekte hervor. Trance lautete das ultimative Ziel. 

Zeitlich, aber auch stilistisch, einen weiten Bogen spannte das legendäre Sun Ra Arkestra, das heute vom quirrligen Marshall Allen geleitet wird, inzwischen im 93. Lebensjahr. Der Altsaxofonist verstand es mit kreischenden Saxofonschreien seine Bandkollegen zu Hochleistungen anzustacheln. Von swingendem Bigbandjazz der 1930er Jahre bis zu den kosmischen Sounds des Weltraumzeitalters reichte das Spektrum, mit dem das zwölfköpfige Ensemble das Publikum in den Bann zog. Verstärkt durch den bayerischen Sun Ra-Spezialisten Hartmut Geerken, der die originale Sonnenharfe zupfte, die ihm einst Sun Ra (1914 - 1993) persönlich anvertraut hatte, absolvierte die Gruppe ein inspiriertes Programm, das vom Publikum mit Begeisterungsstürmen aufgenommen wurde.

Sun Ras Weltraum-Mytholodie (Motto: “Space is the place”), die einst eine Strategie war, um dem alltäglichen Rassismus zu entgehen, bildete den Leitstern für so manche Gruppe beim “Alien Disko”-Festival -  allen voran The Comet is Coming. Das Trio aus London, das dieses Jahr für den Mercury-Preis nominiert worden war, steht für ekstatischen Groove-Jazz, der auf wuchtig-knarzigen Baßriffs vom Synthesizer, knackigen Schlagzeugbeats und einem kraftvollen Saxofonspiel beruht, das mit viel Echo weite Räume öffnet.

The Notwist (Foto: Manuel Wagner)


Einen anderen Höhepunkt setzten allerdings die Programmmacher selber. Der Auftritt der Acher-Brüder mit ihrer Band The Notwist ließ keine Erwartungen unerfüllt. Ihre Musik beinhaltete von krachendem Indie-Rock über minimalistische Passagen bis zu träumerischen Songs das ganze Spektrum an Stilen, das auch beim “Alien Disko”-Festival vertreten war. Auf einen zweiten Durchgang im nächsten Jahr möchte man hoffen. Der deutsche Festivallandschaft würde das nur gut tun.

Der Festivalbericht erschien zuerst in der Zeitschrift JAZZTHETIK (www.jazzthetik.de)