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Friday, 29 August 2025

SCHEIBENGERICHT Nr. 46: NED ROTHENBERG – LOOMS & LEGENDS

Verschlungene Vielschichtigkeit:

Ned Rothenberg – Looms & Legends

Pyroclastic Records  



Anfang der 1980er Jahre machte der amerikanische Multiinstrumentalist Ned Rothenberg mit ein paar Alben von sich reden, auf denen er mehrstimmig als Solist auf monophonen Instrumenten spielte. Diese Kunst der sogenannten “Multiphonics” hat er seither vervollkommnet und perfektioniert. Heute ist der New Yorker Holzblattbläser in der Lage mit Überblaseffekten, Obertönen und Spaltklängen sonore Phänomene zu erzeugen, die in ihrer verschlungenen Vielschichtigkeit an Evan Parker, Steve Reich oder die Bach’schen Cellosuiten erinnern.



Rothenberg entfaltete seine Kunst auf Altsaxophon, Klarinette und Baßklarinette, sowie der Shakuhachi, einer japanischen Bambusflöte, die üblicherweise von buddhistischen Mönchen gespielt wird. Und wie die Mönche der realen Welt entsagt haben, so spielt Rothenberg Stücke, die er als ethnische Musik eines imaginären Landes versteht, so eigenwillig klingen seine Kompositionen. Mit Hilfe der Zirkulationsatmung erzeugt er einen steten Tonfluß, aus dem immer wieder einzelne Töne herausfallen, die sich dann zu einer zweiten Melodie reihen. Dreizehn Eigenkompositionen enthält das Album, die alle wie feingeschliffene Diamanten funkeln, und mit “Round Midnight” einen Abschluß finden, das Rothenberg mit luftiger Intonation auf der Shakuhachi bläst, was dem Monk-Stück eine geheimnisvolle Dimension verleiht. 

Friday, 29 September 2023

Buchbesprechung: On Minimalism

Buchbesprechung:

 

Über Minimalismus




cw. Wenn es in den Black Hills von South Dakota ein Mount Rushmore National Memorial der Minimal Music geben würde, wären dort anstatt der vier Köpfe der amerikanischen Präsidenten, wohl LaMonte Young, Terry Riley, Steve Reich und Philip Glass in den Fels gemeißelt. Diese vier legten in den 1960er Jahren das Fundament für eine musikalische Revolution, die, angeregt durch die monochromen Gemälde eines Robert Rauschenberg oder Ellsworth Kelly, mit Reduktion und Repetition arbeitete. Es wurde auf Melodien und Akkordprogression verzichtet und mit Drones, Pattern und Loops einen Kontrapunkt zur klassischen Musik westlicher Provinienz gesetzt. „Musik als gradueller Prozeß“, so hat Steve Reich das Wesensmerkmal der Minimal Music umschrieben, während andere von „Trance Music“ sprachen, zu der psychedelische Drogen in der Anfangsphase ihren Teil beitrugen.

 

Bei genauerer Inspektion läßt sich die Strömung nicht auf die vier Gründungsväter reduzieren, vielmehr handelt es sich um eine weitverzweigten Bewegung, die sich anfangs aus unterschiedlichen Quellen speiste. Neben der Musik des Mittelalters (etwa des Kanons) wirkten Einflüsse aus dem Osten (besonders Indien) sowie aus Afrika. Mit der Zeit entstand eine Vielfalt unterschiedlichster minimalistischer Individualstile, wie sie von Pauline Oliveros, John Adams, Julius Eastman, Michael Nyman, Rhys Chatham, Éliane Radigue oder Meredith Monk verkörpert wurden. Oft ging die Minimal Music mit anderen Musikstile originelle Verbindungen ein, ob mit New Age, Ambient Music oder Konzeptkunst, experimentellen oder elektronischen Klängen. Selbst die Rockmusik oder der modale Jazz atmeten gelegentlich den Geist des Minimalismus. 




In der Gegenwart hat der Stil im Post-Minimalismus eine Fortentwicklung erfahren, aber auch in anderen musikalischen Gattungen Spuren hinterlassen, selbst in der aktuellen Popmusik, wo die elektronische Clubmusik die minimalistische Grundidee noch radikalisiert hat. Kerry O’Brien und William Robin legen mit „On Minimalism – Documenting a Musical Movement“ eine 450 Seiten starke Publikation vor, die die Ambition hat, die Geschichte der minimalistischen Bewegung in ihrer ganzen Breite und Vielfalt darzustellen. Das Buch ist als Materialband angelegt. Jedes Kapitel beginnt mit einer kurzen, kompetenten Einleitung. Daran schließt sich der eigentliche Dokumentarteil an, der Interviews, Manifeste, Zeitungsartikel, Deklarationen, Programmhefttexte, Schallplattenbesprechungen oder Cover-Texte umfaßen kann. Sie erlauben dem Leser ein Eintauchen in die Debatten der Vergangenheit und fördern längst vergessene Kontroversen, Einschätzungen und kritische Einwände zu Tage. So entsteht aus der so vielfältigen wie reichhaltigen Textesammlung eine Geschichte der Minimal Music, die noch einmal deutlich macht, wie verschieden sie doch von der westlichen Kunstmusik ist. 

 

Kerry O’Brien / William Robin: On Minimalism – Documenting a Musical Movement. University of California Press; Oakland, California 2023. 450 Seiten. Euro 34,75

Thursday, 21 April 2022

SCHEIBENGERICHT: PETER CONRADIN ZUMTHOR – THINGS ARE GOING DOWN

SCHEIBENGERICHT 3

PETER CONRADIN ZUMTHOR –  THINGS ARE GOING DOWN

for piano player and piano tuner (Edition Wandelweiser Records EWR 2119)




Wertung: 4 von 5

 

cw. Was heute in der Welt der Musik als „Minimalismus“ bezeichnet wird, kommt in zweierlei Spielarten vor. Da ist zum einen die auf einem „Drone“ – einem lang angehaltenem Ton – basierende „Minimal Music“, als deren Urvater LaMonte Young und sein Theatre of Eternal Music gilt. Dem gegenüber steht ein Minimalismus, der auf einem kleinteiligen Motiv beruht, das fortwährend wiederholt wird und sich im Zuge der Repetition ganz allmählich und nahezu unmerklich verändert, wofür Steve Reichs „Piano Phase“ das klassische Beispiel ist.

 

Peter Conradin Zumthors Komposition „things are going down“ für Klavierspieler und Klavierstimmer, die jetzt in der Edition Wandelweiser Records als CD erschienen ist, fällt in die zweite Kategorie. Der Schweizer, der eigentlich Drummer und Perkussionist ist, agiert hier als Pianist. Als Grundmaterial des Stücks hat er ein mehrtöniges Tremolo als Ausgangspunkt gewählt, das mehr als 46 Minuten lang kontinuierlich angeschlagen wird, dabei wellenartig an- und abschwellt, währenddessen der Klavierstimmer René Waldhausen mit dem Stimmschlüssel die Stimmung sachte und fast unbemerkt immer tiefer und tiefer nach unten dreht: „things are going down“!

 

Das mächtige Schwirren und Flirren der Töne verdichtet sich zu irisierenden Klangnebeln, wobei spannende Oberton-Phänomene und Klangballungen entstehen, die am Ende in das metallische Scheppern der vollkommen erschlafften Klaviersaiten münden. Das Stück erweist sich als minitiös und mit großer Akuratesse, zäher Ausdauer und ungeheurer Präzision durchexerzierte Idee mit absolut verblüffendem Effekt!


Peter Conradin Zumthor & René Waldhausen: things are going down Nr. 1, Bern 2020 (Youtube)



Mehr Info:


Friday, 5 January 2018

Die minimalistischen Anfänge des Krautrock: A. R. & MACHINES

In der Echoschleife

Ex-Rattle Achim Reichel kehrt mit seinem Krautrock-Projekt A.R. & Machines ins Scheinwerferlicht zurück


cw. In den sechziger Jahren wurde er mit den Rattles zum Popstar. Dann hob Achim Reichel 1970 mit A.R. & Machines ein psychedelisches Krautrock-Projekt aus der Taufe, das mit Loops und Echo-Gitarre arbeitete und revolutionär für die damalige Zeit war. Eine 10er-CD-Box unter dem Titel „The Art of German Psychedelic“ (BMG / Warner) dokumentiert jetzt diese abenteuerliche Phase in Reichels über 50jähriger Karriere. Für einen ausverkauften Auftritt in der Hamburger Elbphilharmonie hat er das Bandprojekt im September zu neuem Leben erweckt.

”Ich war ja noch ein ganz junger Kerl, als das mit den Rattles anfing,“ erinnert sich der Hamburger. ”Wir gewannen den Star-Club-Bandwettstreit, wurden zu einer Art Hausband dort, waren mit den Beatles auf Deutschland-Tour und sind mit den Stones in England aufgetreten. Für uns war das alles zu schön, um wahr zu sein.“ Der Einberufungsbefehl riß Reichel 1966 aus seinem Popstar-Dasein. Auch sein Manager konnte ihm den Wehrdienst nicht ersparen. Nach der Entlassung war seine Stelle bei den Rattles besetzt: Reichel gründete daraufhin 1968 die Gruppe Wonderland, die unter der Ägide von James Last, der als Produzent fungierte, mit „Moscow“ einen Hit landete. 

Doch Reichel hatte kühnere Pläne: 1970 gründete er A.R. & Machines, ein Bandprojekt, das sich der Underground-Rockmusik widmete und in dessen Zentrum Reichels Echo-Gitarre stand. Das waren ziemlich verwegene Klänge für einen ehemaligen Beatmusiker. Alben wie „Sgt. Pepper“ von den Beatles hatten die Tür aufgestoßen und Reichel animiert, sich als Schallplattenproduzent zu betätigen, wobei er deutsche Rockgruppen wie Ougenweide und Novalis im Studio betreute. Das Interesse an den Möglichkeiten des Studios wuchs, sein musikalischer Horizont weitete sich.
Ein Knopfdruck brachte dann die Erleuchtung. Als er eines Tages mit seinem neuen Akai-Tonbandgerät herumspielte, drückte er die Aufnahmetaste: „Das Gerät spielte alle Gitarrenläufe zurück, wodurch ein Gitarrenwald von musikalischen Linien entstand, die sich überlagerten und eine Polyphonie ergaben,“ erinnert sich Reichel an das Schlüsselerlebnis. „Ich dachte: ‘Das ist ja Wahnsinn!’ und überlegte, was ich damit machen konnte.“

Reichel rief die Band A.R. & Machines ins Leben, nahm das Debut-Album „Die grüne Reise“ auf und trat bald bei Underground-Festival auf, wie den Deutschrock-Meetings der Petards in Bad Hersfeld. 1972 eröffnete er mit seinem Loop-Rock vor 70 000 Popjüngern das 2. British Rock Meeting in Germersheim. „Wir haben das als eine Art Sessionmusik verstanden,“ erklärt er. „Es wurde viel improvisiert. Das war eine Musik, die ein gewisses Risiko beinhaltete und manchmal bewegten wir uns auf verdammt dünnem Eis.“

Bei den Krautrock-Festivals wurde der „Rock ‘n’ Roll-Fuzzi“ mißträuisch beäugt. „Was will den der hier?“ schienen sich einige zu fragen. Doch Reichel ließ sich nicht beirren. Vier Jahre lang war er mit den Machines aktiv, dann war das kreative Potential ausgereizt und er wandte sich anderen Projekten zu.
 

Als er letztes Jahr an der Wiederveröffentlichung des Gesamtwerks arbeitete, traf er zufällig seinen ehemaligen Konzertagenten Carsten Jahnke, der ihn drängte, das Projekt doch in der neueröffneten Hamburger Elbphilharmonie vorzustellen. Obwohl Reichel anfangs skeptisch war, wurde das Konzert ein phänomenaler Erfolg. Der ausverkaufte Saal jubelte dem Altrocker zu. Das Konzert in der Elbphilharmonie hat es leider nicht mehr in die CD-Box geschafft. Doch vielleicht wird es ja zu einem späteren Zeitpunkt noch veröffentlicht.

In der aktuellen Nummer der Musikzeitschrift JAZZTHETIK (Nr. 1/2, 2018) befindet sich ein Interview, das ich mich Achim Reichel über diese Phase seiner Karriere geführt habe.

A.R. & Machines: The Art of German Psychedelic 1970-1974 (10er CD-Box, BMG / Warner)

Wednesday, 8 March 2017

Von The Notwist kuratiert: ALIEN DISKO

Außerirdische auf der Tanzfläche

Das Münchner Festival “Alien Disko” präsentierte Klänge abseits des Mainstreams

The Comet is Coming (Foto: Manuel Wagner)

cw. Das Festival war als Anregung gedacht: Es sollte Veranstalter und Institutionen Mut machen, bei Musikveranstaltungen doch wagemutiger zu sein und nicht nur Bewährtes und Bekanntes zu präsentieren. Mit einem Programm aus Neuem, Entlegenem und Außergewöhnlichem wollte die zweitägige “Alien Disko”-Konzertveranstaltung in den Münchner Kammerspielen dafür ein Zeichen setzen. Ausgebrütet hatten das Ereignis die Brüder Markus und Micha Acher von der alternativen Rockgruppe The Notwist aus Bayern, die damit den Beweis erbringen wollten, dass auch mit Klängen abseits des Mainstreams Massen zu gewinnen sind. Es gelang: Das “Alien Disko”-Festival war an beiden Tagen nahezu ausverkauft!

Den Auftakt machte ein Klassiker: die Komposition “Music for pieces of wood” von Steve Reich, einem der Urväter der Minimal Music. Sie wurde vom Ensemble Stargaze gekonnt mit schillernden Klangfarben in Szene gesetzt. Anschließend überführte die Berliner Gruppe das Album “Hi Scores” des elektronischen Duos Boards of Canada in eine akustische Klanglandschaft, was interessante Brechungen und Spiegelungen ergab.

Dawn of Midi (Foto: Manuel Wagner)
Dass die Wurzeln der Minimal Music eigentlich in Afrika zu suchen sind, machte der Berliner Elektroniker Mark Ernestus klar. Mit seiner Ndagga Rhythm Force, die durchweg aus afrikanischen Musikern besteht, legte er vielschichte Trommelmuster über elektronische Baßlinien, zu denen sich eine Tänzerin in tollkühner Akrobatik verbog. Solch komplexe Polymetrik bildete einst den Ausgangspunkt nicht nur für Steve Reich, sondern heute wieder für das Trio Dawn of Midi. Mit absoluter Präzision und großer Beharrlichkeit übersetzten die drei Musiker aus Brooklyn die Komplexität afrikanischer Trommelrhythmen in eine Piano-Baß-Schlagzeug-Besetzung und riefen damit verblüffende Effekte hervor. Trance lautete das ultimative Ziel. 

Zeitlich, aber auch stilistisch, einen weiten Bogen spannte das legendäre Sun Ra Arkestra, das heute vom quirrligen Marshall Allen geleitet wird, inzwischen im 93. Lebensjahr. Der Altsaxofonist verstand es mit kreischenden Saxofonschreien seine Bandkollegen zu Hochleistungen anzustacheln. Von swingendem Bigbandjazz der 1930er Jahre bis zu den kosmischen Sounds des Weltraumzeitalters reichte das Spektrum, mit dem das zwölfköpfige Ensemble das Publikum in den Bann zog. Verstärkt durch den bayerischen Sun Ra-Spezialisten Hartmut Geerken, der die originale Sonnenharfe zupfte, die ihm einst Sun Ra (1914 - 1993) persönlich anvertraut hatte, absolvierte die Gruppe ein inspiriertes Programm, das vom Publikum mit Begeisterungsstürmen aufgenommen wurde.

Sun Ras Weltraum-Mytholodie (Motto: “Space is the place”), die einst eine Strategie war, um dem alltäglichen Rassismus zu entgehen, bildete den Leitstern für so manche Gruppe beim “Alien Disko”-Festival -  allen voran The Comet is Coming. Das Trio aus London, das dieses Jahr für den Mercury-Preis nominiert worden war, steht für ekstatischen Groove-Jazz, der auf wuchtig-knarzigen Baßriffs vom Synthesizer, knackigen Schlagzeugbeats und einem kraftvollen Saxofonspiel beruht, das mit viel Echo weite Räume öffnet.

The Notwist (Foto: Manuel Wagner)


Einen anderen Höhepunkt setzten allerdings die Programmmacher selber. Der Auftritt der Acher-Brüder mit ihrer Band The Notwist ließ keine Erwartungen unerfüllt. Ihre Musik beinhaltete von krachendem Indie-Rock über minimalistische Passagen bis zu träumerischen Songs das ganze Spektrum an Stilen, das auch beim “Alien Disko”-Festival vertreten war. Auf einen zweiten Durchgang im nächsten Jahr möchte man hoffen. Der deutsche Festivallandschaft würde das nur gut tun.

Der Festivalbericht erschien zuerst in der Zeitschrift JAZZTHETIK (www.jazzthetik.de)