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Thursday, 12 October 2023

Interview mit Alexander Hawkins

Neue Horizonte aufreißen

 

Mit einer Masterclass an der Musikhochschule Zürich sowie seinem Trio ist Alexander Hawkins auf dem Unerhört-Festival präsent – im Interview gibt der englische Pianist und Komponist Auskunft über seine Musik, den Einfluß von Johann Sebastian Bach und das Ziel seines Unterrichtens

 



 

Seit 2012 besteht ihr Trio. Wie hat sich die Musik der Gruppe bis heute entwickelt?

 

AH: Mein Trio bestand anfangs aus Tom Skinner am Schlagzeug und Neil Charles am Baß. Wir nahmen ein Album auf, das deutlich jazzorientiert war. Dann wurde Tom Skinner mit Shabaka Hutchings‘ Sons of Kemet und mit The Smile erfolgreich, der Gruppe, die er mit den beiden Radiohead-Musikern Thom Yorke und Jonny Greenwood gründete. Das nahm ihn zeitlich dermaßen in Anspruch, dass die Zusammenarbeit in meinem Trio immer schwieriger wurde. Da ich meine Kompositionen den beteiligten Musikern auf den Leib schreibe, musste ich mich nach einem anderen Drummer umsehen. So kam Stephen Davis in die Band, was eine Veränderung der Musik mit sich brachte.

 

War der personelle Wechsel die einzige Veränderung?

 

AH: Bei weitem nicht. In den letzten Jahren brachte ich mehr konzeptionelle und strukturelle Ideen ein, bedingt durch die Erfahrungen, die ich etwa in der Zusammenarbeit mit Anthony Braxton gemacht hatte. Vermehrt verwende ich heute Kontrapunkt, d.h. die polyphone Technik zweier gegenläufiger Melodiestimmen, die in der Barockmusik ihre Blütezeit hatte. Ich habe in der Vergangenheit viel frei improvisierte Musik gespielt, ob mit Evan Parker oder Louis Moholo, aber in meiner eigenen Musik war ich daran nie wirklich interessiert. Mir geht es um Organisation. Ordnung und Struktur sind Elemente, die mich mehr und mehr faszinieren.

 

Ich habe gelesen, dass Sie zum Üben Johann Sebastian Bach spielen. Das ist Kontrapunkt in Vollendung. Wirkt Bach als Einfluß?

 

AH: Ja und nein. Eines ist klar: Bachs Musik ist in ihrer Organisation von transzendenter Schönheit. Das schiere handwerkliche Können dahinter ist ungeheuer bewegend und sehr wichtig für mich. Der Jazz läuft oft Gefahr, mit vielen Noten und Tönen herumzuwerfen. Hingegen gibt es bei Bach oder auch bei Janáček keine Note, die zu viel ist. Diese Perfektion ist unglaublich, vor allem vor dem Hintergrund unserer heutigen Gesellschaft, die in einer Flut von Informationen zu versinken droht. Ich muß mich in dieser Hinsicht allerdings an der eigenen Nase fassen. Als ich jünger war, habe ich auch viel zu viele Noten gespielt.

 

Man reift musikalisch ....

 

AH: Hoffentlich! Doch im Jazz wird bis heute viel Wert vor allem auf eine virtuose Spieltechnik gelegt. Konzepte und Ideen kommen dabei zu kurz, was ich als Mangel empfinde.


Alexander Hawkins Trio



 

Seit einiger Zeit verwenden sie Elektronik ....

 

AH: Das ist richtig. Das Klavier habe ich voll im Griff, während die Elektronik neu für mich ist. Ich begreife ihre Grundprinzipien, doch ist da immer ein Faktor Unberechenbarkeit im Spiel, und das ist genau der Grund, der mich daran fasziniert. Elektronik bringt ein Element von Zufall, Unvorhersehbarkeit und Spontanität in meine Musik ein.

 

Welches elektronische Equipment kommt zum Einsatz?

 

AH: Im Studio arbeite ich neben dem Piano mit einem Prophet-Synthesizer und einem Sampler, bei Konzerten nur mit Sampler. Der Sampler dient als Ergänzung zum Piano, steht also nicht im Mittelpunkt, sondern sorgt für andere Klangfarben im Hintergrund, untermalt die Musik dezent. Es geht darum, Möglichkeiten zu erkunden, wie sich durch Elektronik der musikalische Ausdruck steigern läßt. 

 

Was für Samples kommen zum Einsatz?

 

AH: Eine große Bandbreite. Einige generiere ich von meinen eigenen Schallplatteneinspielungen, die ich bearbeite und verfremde. Andere entwickle ich mit dem Synthesizer oder dem Piano. Auch habe ich gelegentlich Wortfetzen in die Musik eingespeist, etwa ein paar Sätze meines alten Bandleaders Louis Moholo, dem südafrikanischen Schlagzeuger. Es sind Sätze, die sehr persönlich sind und deshalb von Bedeutung für mich. Ich möchte nicht in die Klischeefalle geraten, die der Sampler natürlich auch darstellt. Direkte Rede in der Musik kann sehr kraftvoll sein, aber auch ziemlich abgedroschen wirken. 

 

Kommt es bei diesen Sprach-Samples auf das Gesagte an oder sind es nur Stimmen ohne inhaltliche Bedeutung?

 

AH: Es kann beides sein. Stimme kann als Klang interessant sein. Auf der anderen Seite habe ich unlängst ein Sample von Sun Ras Stimme eingesetzt – sehr direkt, weder manipuliert, noch verformt. Und da kommt es dann schon auf den Inhalt an, der mir in diesem Fall wichtig ist. Das Zitat ist auf schmerzliche Weise relevant für Vorgänge von heute. Es geht um Flüchtlinge auf Booten. 

 

Solche Statements berühren die Schnittstelle zwischen Politik und Musik. Wie denken Sie über diesen Punkt?

 

AH: Schon der Akt Musik zu machen, kann politisch sein, nämlich dann, wenn die Musik aus dem üblichen Gang der Dinge ausbricht und einen anderen Horizont aufreißt. Natürlich sollte man die Wirkung nicht überschätzen, wie es manche Musiker oder Musikerinnen tun, die sich politisch radikal vorkommen, weil sie radikale Musik machen. Das ist Quatsch! Die Leute, die wirklich radikal sind, sind Arbeiter und Angestellte, die an vorderster Front im Berufsleben stehen und z. B. in einen Streik treten, also direkt an politischen Auseinandersetzungen beteiligt sind. Im Gegensatz dazu sollten sich Musiker nicht so aufplustern. 

Trotz all dieser Einwände, ist es dennoch für Musiker wichtig, politisches Bewußtsein zu entwickeln. Sie sollten sich bewußt sein, dass es ein Privileg ist, das machen zu können, was man gerne tut, weil viele Menschen diese Option nicht haben. Wir haben die Freiheit uns auszudrücken, und diese Freiheit sollten wir nutzen. Dabei sollte uns aber klar sein, dass sich durch Jazz der Gang der Welt nicht ändern läßt. 


 Beim Üben daheim in Oxford


Sie haben vor ihrer musikalischen Karriere in Cambridge ein Jurastudium auf Promotionslevel absolviert und schauen auf die Politik nicht nur als Künstler, sondern auch als Jurist. Beeinflußt das ihre Sichtweise?

 

AH: Selbstverständlich. Mir ist dadurch bewußt geworden, wie kompliziert die meisten Sachverhalte heute sind, weshalb man sich vor allzu einfachen Parolen hüten sollte. Ich weiß, wie ein wirklich gut recherchiertes Argument aussehen muß, das die Dinge von allen Seiten beleuchtet und nicht schon beim ersten Einwand in sich zusammenfällt. 

Musik drückt viele schöne und aufregende Dinge aus, ist aber eigentlich ein zu plumpes Mittel, um sich zu Politik oder Gesellschaft zu äußern. Musik kann anderes besser: inspirieren, begeistern oder auch Menschen in eine andere Sphäre versetzen, um Ruhe und Abstand vom täglichen Chaos zu finden. Sun Ra hat das vorgemacht: Seine Weltraummythologie war eine Art von Eskapismus, um dieser fürchterlichen Wirklichkeit aus Rassismus, Segregation und Gewalt zu entfliehen und ihr etwas Positives entgegenzusetzen.

 

Sie tendieren dazu, mit Musikern über einen längeren Zeitraum zusammenzuarbeiten....

 

AH: Das ist richtig, obwohl ich natürlich auch weiß, dass neue Begegnungen frische Impulse bringen können. Aber mit den gleichen Musikern lange Zeit zusammenzuspielen, bringt einen Grad an Vertrautheit, Empathie und Verständnis mit sich, was es erlaubt, tiefer in die Musik einzudringen. Man kann größere Risiken eingehen, weil man sich gut kennt und sich auf die anderen verlassen kann. Bei Improvisationen kann der Eindruck entstehen, dass wir im Trio oft komplett verschiedene Dinge spielen, und schlagartig sind wir dann plötzlich wieder vollkommen beieinander – das funktioniert nur, weil man sich kennt!

 

Sie geben während des Unerhört-Festivals eine Masterclass an der Musikhochschule Zürich. Was ist ihre Herangehensweise?

 

AH: Ich bringe ein paar meiner Kompositionen ein, mit denen wir uns dann beschäftigen werden. Sie bilden den Ausgangspunkt für die Studenten und Studentinnen, sich kreativ zu betätigen. Wir kleben nicht an den Noten, sondern entwickeln Ideen und Möglichkeiten, mit dem vorgegebenen Material umzugehen. Ich bin da ganz offen. Ich lerne ebenso von den Beteiligten. Ich erkläre ihnen die Gedanken und Ideen hinter meinen Kompositionen, die strukturellen Bausteine, die ich verwende. Ich erläutere, auf was es mir ankommt und hoffe, dass sie davon ein klein wenig inspiriert werden für ihre eigene Musik. Es wird diskutiert: Wie strukturiere ich eine Komposition? Wie ökonomisch gehe ich mit den Noten um? Wie gestalte ich ein Solo im Kontext eines bestimmten Stücks? Solche Debatten sollen helfen, einen eigenen ästhetischen Standpunkt zu entwickeln. Im Idealfall sollte am Ende für alle Beteiligten ein wenig klarer sein, was sie künstlerisch wollen.


Hawkins in einer Band mit Shabaka Hutchings, zweiter von links



 

Die Studenten und Studentinnen sind eine Generation jünger als Sie. Sind Sie an deren Musik interessiert?

 

AH: Um gleich einem Mißverständnis vorzubeugen: Ich finde es wichtig, die Musik jeder Altersgruppe zu hören. Das habe ich von Anthony Braxton gelernt: Für jede Art von Musik empfänglich zu sein und Ideen und Gedanken in Betracht zu ziehen, egal woher sie kommen. Auch wenn ich Musik höre, die mir nicht zusagt, ist es doch eine interessante Frage: Warum gefällt mir das nicht? Man lernt dabei viel über sich selbst und seine eigene Haltung. In England gibt es im Moment eine junge Szene, die Jazz wieder in alternative Veranstaltungsorte bringt und ihm seine einstige Körperlichkeit zurückgibt. Diese Musiker und Musikerinnen holen Jazz aus dem Ghetto der traditionellen Jazzclubs heraus und werden deswegen von der älteren Generation heftig kritisiert. Ich finde diese Musik nicht durchgehend aufregend, doch hat diese Szene einiges, was für sie spricht. Es gibt dort etliche hochtalentierte Musiker und Musikerinnen mit ganz eigenen, starken Visionen, die wissen, auf was sie hinaus wollen. Ihre Haltung und ihr Einsatz ist bewundernswert. Das sehe ich auch als übergeordnetes Ziel meiner Masterclass: Ich möchte dazu beitragen, dass junge Musiker und Musikerinnen einem Schritt weiterkommen auf dem Weg, eine eigene künstlerische Identität zu entwickeln. Denn darauf kommt es letztendlich an.

 

Alexander Hawkins Trio: Carnival Celestial (Intakt, 2023)


Alexander Hawkins ist mit seinem Trio (29. Nov, Rank; Beginn: 21:45) und der masterclass (28. Nov, Club Mehrspur, Beginn: 20:30) auf dem Zürcher Unerhört-Festival zu hören.

Info: unerhoert.ch

 

 

 

Wednesday, 12 July 2023

Konzertreview: THE COMET IS COMING & DAISY DICKINSON

Milchstraßenmusik

The Comet Is Coming & Daisy Dickinson beim Manchester International Festival

'Live'-Fotos: christoph wagner



cw. Seit ungefähr zehn Jahren versucht die Industriemetropole Manchester in Nordengland, weltbekannt durch ihre beiden Fußballclubs, auf dem Feld der Kultur zu punkten. Dafür wurde das „Manchester International Festival“ (MIF) ins Leben gerufen, dass jedes Jahr im Sommer für ein paar Wochen mit exquisiten Großveranstaltungen zwischen Pop und Hochkultur für internationale Aufmerksamkeit sorgen soll. Jede Veranstaltung ist einmalig, d.h. hier wird keine Kultur von der Stange geboten, sondern das MIF kreiert spezielle Events oft multimedialen Zuschnitts. Dahinter steckt viel viel Geld!

 

Das geht so: Gestern Abend, wir schreiben den 12. Juli 2023, stand die Formation The Comet Is Coming auf dem Programm. Die Band aus London, die sich in den letzten Jahren mit ihrem Techno-Jazz in die internationale Konzert-Superliga gespielt hat, präsentierte keinen normalen Auftritt, sondern wurde mit der Videokünstlerin und Filmemacherin Daisy Dickinson gepaart, um ein musikalisch-visuelles Klangereignis zu schaffen, das unter dem Titel „Hyper-Dimensional Expasion Beam“ firmierte und nur an diesem einen Abend zu hören und zu sehen war (plus im Somerset House in London). 


 

Das Experiment gelang: „The Hall“ des speziell für das MIF geschaffenen Veranstaltungsorts Factory International / Aviva Studios war mit ca. 2000 Zuschauer nahezu ausverkauft, und zwar mit Fans von ziemlich jung bis ziemlich alt, was für eine Band, die mit Jazzelementen spielt, heutzutage schon bemerkenswert ist. Welche andere Gruppe aus dem Segment Jazz bringt so viel Publikum auf die Beine?  

 

Allerdings haben die drei Musiker die Jazzkonventionen weit hinter sich gelassen. Ihre Musik ist ein Mix aus Techno, Heavy Metal, Brötzmann & Ayler-Saxofon und kosmischen Sounds, der nach den Sternen greift und jeder Rave-Party gut zu Gesicht stehen würde. Die Lautstärke pendelt sich auf Rockkonzert-Level ein, der Sound ist leider (!!!) nur passabel (das Schlagzeug zu leise bzw. Keyboards und Sax zu laut), wobei die Band von Beginn an aufs Ganze geht. Kurze abgehackte Riffs des Tenorsaxofons verschmelzen mit elektronischen Staccato-Sounds aus Techno und Rave, die von einem hämmernden Schlagzeug vorangetrieben werden. 



Danalogue (Dan Leavers) an diversen Synthesizern ist der eigentliche Einpeitscher der Gruppe. Seine pumpenden Techno-Beats machen den Kern und die Wucht der Musik aus, während Shabaka Hutchings heißere Kurzphrasen auf dem Tenor bläst, die mit viel "reverb" aufgepeppelt jedesmal wie eine "hookline" wirken, und Betamax (Maxwell Hallett) für den knackigen Groove sorgt. 


Jedem Musiker wird ein längerer Solopart zugestanden, der bei Danalogue in kosmische Sphären führt, die an Tangerine Dream erinnern, während Hutchings in seinem Solo auf Blastechniken eines Evan Parkers zurückgreift, um komplexe rhythmisch-melodische Ton-Pattern zu kreieren, bei denen sich mehrere Melodielinien kreuzen. Und das Schlagzeug-Solo ist halt ein Schlagzeug-Solo mit viel Bumm, Bäng und Knall. 

 


Die Visuals von Daisy Dickinson machen Eindruck. Sie sind vorproduziert, erlauben jedoch, interaktiv auf Stimmung und Atmosphäre zu reagieren, weshalb Klang und Bild ziemlich synchron laufen. Zuerst meint man in einem Raumschiff durch kosmische Sphären zu gleiten, dann kommt Farbe ins Spiel und vielerlei geometrische Figuren, die sich drehen, multiplizieren, reduzieren, auf und ab schweben, die verfremdet und umgestaltet werden. Eine fantasievolle Visualisierung dieser kosmischen Dance-Music zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Insgesamt: ein eindrücklicher Abend einer Band, von der es heißt, dass sie sich zum Jahresende auflösen wird. Schade! Der Komet kommt nicht, er geht!    


Saturday, 21 January 2023

JAZZTRENDS: Tom Skinner auf den Spuren von Tony Williams

Der Drummer gibt die Richtung vor

 

Als Schlagzeuger der Sons of Kemet wurde er bekannt, jetzt veröffentlicht Tom Skinner ein Album unter eigenem Namen – Shabaka Hutchings und Nubya Garcia sind mit von der Partie

 

Tom Skinner (Foto: C. Wagner)


 

cw. Tom Skinner wirkt immer leicht gehetzt. Es ist auch nicht einfach in der Metropole London, ein Leben als junger Familienvater von zwei Kleinkindern mit dem Beruf eines professionellen Schlagzeugers und Komponisten zu vereinbaren. Da hastet man dann doch öfters von einer Bandprobe, einer Session oder einem Studiotermin schnell nach Hause, um den Nachwuchs pünktlich vom Kindergarten abzuholen. 

 

Hektik zeichnet Skinners Alltag aus, noch mehr, wenn er auf Tour ist, wobei die Sons of Kemet in den letzten zehn Jahren die Band war, mit der er am häufigsten unterwegs war. Aber auch Gruppen wie Melt Yourself Down sowie Musiker und Musikerinnen wie Mulatu Astatke, Alexander Hawkins, Eska oder Matthew Herbert haben seine Dienste in Anspruch genommen, aus dem einfachen Grund: Skinner gilt als einer der besten Drummer der britischen Szene. Das haben wohl auch Thom Yorke und Jonny Greenwood von Radiohead erkannt, die mit ihm zusammen vor zwei Jahren die Gruppe The Smile ins Leben riefen. 

 

Im Frühjahr 2020 hatte Skinner auf einmal etwas, was er sonst nie hatte: Zeit! Die Pandemie brachte alle Aktivitäten zum Erliegen. Und nun – was tun? Glücklicherweise hatte er ein Plattenprojekt in der Mache, das bereits aufgenommen war. Skinner verwendete die Auszeit, um sich intensiv dem Abmischen der Aufnahmen zu widmen. Zwei Tage pro Woche nutze er das kleine Studio eines Bekannten, um den Einspielungen den letzten Schliff zu geben. Das Endergebnis ist das Album „Voices of Bishara“, das gerade auf Gilles Petersons Brownwood-Label erschienen ist.

 

Der Ursprungsimpuls reicht bis ins Jahr 2018 zurück. Skinner bekam damals das Angebot, einen Abend im Londoner Club „Brilliant Corners“ (nach dem berühmten Album von Thelonious Monk benannt) zu bestreiten, in einer Reihe, die unter der Überschrift „Played Twice“ läuft. Die Spielregeln lauten: Jeweils ein Musiker kuratiert einen Abend und wählt dafür ein klassisches Album aus, das in der besten Vinylpressung, die aufzutreiben ist, in der ersten Hälfte der Veranstaltung auf einer hochwertigen Stereoanlage in Gänze gespielt wird. Danach reagiert dann eine vom Kurator zusammengestellte Band auf das soeben gehörte.

 

Skinners Wahl fiel auf das Album „Life Time“ von Tony Williams, das 1964 bei Blue Note erschienen ist. Es war die erste Einspielung des damals 19-jährigen Drummers unter eigenem Namen. Mit Sam Rivers (Tenorsaxofon), Herbie Hancock am Piano und Bobby Hutcherson (Vibrafon), dazu abwechselnd Richard Davis, Gary Peacock oder Ron Carter am Bass entwarf Williams einen modernen Jazz, der sich kompositorisch und improvisatorisch in Neuland vortastete, sich dabei sogar  in die Zonen des freien Jazz vorwagte. 

 

Die Band, die Skinner für den Gig zusammenrief, war ein fünfköpfiges Ensemble, das auf der einen Seite aus den Bläsern Shabaka Hutchings (Tenorsaxofon und Baßklarinette) und Nubya Garcia (Tenorsaxofon und Querflöte) bestand, auf der anderen die Streich- und Zupfmusiker Tom Herbert (Kontrabaß) und Kareem Dayes (Cello) umfasste, mit dem Bandleader in der Mitte, der als Drummer und Perkussionist die Richtung vorgab. Der Abend verlief so vielversprechend, dass Skinner über eine Fortführung des Projekts nachdachte. 

 

Er entwarf ein halbes Dutzend Stücke, komponierte Melodien, dachte über Strukturen und Formen nach, um die ausnotierten Passagen und die Improvisationen in ein sinnvolles Verhältnis zu bringen. Unter dem Titel „Red 2“ wurde auch eine Komposition von Tony Williams interpretiert – das Eröffnungsstück „Two Pieces Of One: Red“ vom „Life Time“-Album.

 

Nachdem das Konzept stand, buchte Skinner ein Studio. Dort wurden sechs Titel eingespielt, wobei ein spiritueller Jazz zu hören war, der den Geist der 1960er Jahre atmete, dabei eine Gratwanderung zwischen themenbasierter Improvisation, freiem Spiel und auskomponierten Teilen unternahm, wobei er die gelegentlich eruptiven Ausbrüche als hymnische „fire music“ zelebrierte. 


Tom Skinner Voices of Bishara: The Journey (Youtube)



 

Mit diesem Material machte sich Skinner pandemiebedingt an die Post-Produktion. „Da wir die Musik live im Studio eingespielt hatten, ließ das nicht viel Spielraum für größere Eingriffe,“ erklärt der Drummer. „Ich habe behutsam hier ein bisschen Hall hinzugefügt, dort den Klang ein bisschen räumlicher gestaltet oder die Balance der Instrumente verändert, auch ein paar deutlichere Cuts vorgenommen, um Kontraste zu schaffen.“    

 

Als im Frühjahr 2022 die Sons of Kemet den „kollektiven Entschluß“ (Tom Skinner) fassten, die Band aufzulösen, verringerte das den Streß in Skinners Alltag etwas und machte neue Aktivitäten möglich: Der Drummer fasste ein paar Auftritte mit dem „Bishara“-Ensemble ins Auge, wobei er nicht an die Originalbesetzung dachte, da Shabaka Hutchings und Nubya Garcia in der Zwischenzeit zu internationalen Stars geworden waren, mit einem Terminkalender, der wenig Spielraum für anderes läßt. Aus diesem Grund hat Skinner bereits zwei andere Holzbläser einbezogen: den Saxofonisten und Klarinettisten Robert Stillman sowie die Tenorsaxofonistin und Flötistin Chelsea Carmichael. Mit ihnen wurden erste Auftritte absolviert, was Lust auf weitere machte. Gut möglich, dass aus der ad-hoc-Band doch noch ein festes Ensemble wird. 

 

Tom Skinner: Voices of Bishara (Brownwood)

 

 

Wednesday, 6 April 2022

SCHEIBENGERICHT: Alexander Hawkins – Mirror Canon Break A Vase

SCHEIBENGERICHT 2

 

Alexander Hawkins: Mirror Canon Break A Vase 

(Intakt Records) 



cw. Zwei Solopianostücke bilden die Klammer. Sie binden die sieben Ensemblekompositionen von Alexander Hawkins zusammen, rahmen sie formgerecht ein, was die Konsistenz des gesamten Albums garantiert. Der Opener ist als eine Art Präludium mit kantigen Tastensprüngen eher robust gehalten, während das Schlußstück mit Verfremdungen und Klangmanipulationen zwischen John Cage, Hauschka und Aphex Twin ins avantgardistische Klangutopia ausgreift.

 

 Der Pianist und Bandleader aus der Universitätsstadt Oxford, der 2021 40 geworden ist, erweist sich auf seiner aktuellen Einspielung als vielseitiger Komponist, dessen Bandbreite vom Solo über Quartettstücke bis zur Sextettbesetzung reicht, wobei es Hawkins nicht beim akustischen Klang bewenden läßt, sondern die Musik behutsam mit Sounds vom Sampler in ein elektronisches Klangbad taucht. 

 

Hawkins spannt den Bogen weit. Von groovenden Arrangements, bei denen der Einfluß von Mulatu Astatke durchschimmert, in dessen Band er Jahre lang auf dem Klavierstuhl saß, bis zu ekstatischer Fire Music reicht die Bandbreite, wie er sie im Ensemble von Louis Moholo lange Zeit praktizierte (im Gespann mit Saxofonisten Shabaka Hutchings). Daneben gibt es auch eine Komposition (Titel: Faint Making Stones), die fast nach einer abstrakten Jazzballade klingt – aber nur fast!

 

Mit zwei Schlagzeugern (einer davon ein afrikanischer Handtrommelspezialist) ist die Rhythmusgruppe als treibende Groovemaschine konzipiert, die – wenn nötig – einen Drive von ungeheurer Dichte erzeugen kann. Darüber legt Shabaka Hutchings Saxofonsoli von expressiver Kraft, die Hawkins mit raffinierten Akkorden kontrapunktisch spiegelt, bevor er den Faden aufnimmt und weiterspinnt, dabei oft bis an die Grenzen zur Atonalität geht. Als dritter Solist kommt der Südafrikaner Otto Fischer ins Spiel, dessen originelle Gitarrensoli gleichermaßen die konventionellen Gesetze der Harmonie sprengen. Als Kontrast wirkt ein Stück (Titel: Sun Rugged Billions), das freier und luftiger gehalten ist und mit Holzflöte, Schlagzeug und präpariertem Klavier südafrikanische Folklore evoziert. 

 

Mit diesem Album ist Alexander Hawkins ein großer Wurf gelungen, mit dem er seinen Ruf als einer der führenden Musiker der aktuellen britischen Jazzszene weiter festigen kann, vor allem für die Zeit danach – wenn einmal der aktuelle Hype um den Post-Jazz aus Südlondon abgeklungen ist.

Thursday, 4 May 2017

Jazztrends: Alexander Hawkins

Über die Tradition hinaus

Der Pianist Alexander Hawkins ist eines der großen Talente der britischen Jazzszene

Alexander Hawkins Trio (Foto: C. Wagner)

cw. Die Formel könnte aus der konzeptionellen Kunst stammen: ein Pianist spielt in einem Stahlcontainer ein kurzes Stück für einen einzigen Zuhörer. Zwischen riesigen Konzertzelten, Imbißbuden und CD-Verkaufsständen stand auf dem Gelände des Cheltenham Jazzfestivals 2015 ein Metallbehälter mit der Aufschrift “jazz in the box”. Darin stand ein Klavier. Hier fanden an zwei Nachmittagen Blitzauftritte von ein paar der vielversprechensten Jazzpianisten Großbritanniens statt. Alexander Hawkins war einer von ihnen. Als die Zeit für mich als alleinigem Zuhörer im Minikonzert gekommen war, legte der junge Tastenvirtuose aus Oxford ein pfiffiges Kabinettstückchen hin, das von Ellington ausgehend, sich in eine perlende Tonkaskade verwandelte, um in einem Freejazz-Orkan zu enden. Hundert Jahre Jazzgeschichte auf die Länge von drei Minuten kondensiert – alle Hochachtung!

Am Abend zuvor hatte Hawkins ein reguläres Konzert mit der Vokalistin Elaine Mitchener gegeben. Das Programm bestand aus bekannten Jazzstandards, die auf derart originelle Weise verfremdet wurden, dass sie auf ganz neue Art zu leuchten begannen. Hawkins spannte den stilistischen Bogen weit, indem er geschickt die Tradition mit der abstrakten Moderne verquirlte, was eines seiner Markenzeichen ist.

1981 in Oxford geboren, wuchs Alexander Hawkins in einer Familie auf, in der Jazz zum Alltag gehörte. Am heimischen Klavier unternahm der Kleine erste musikalische Gehversuche, die mit sechs zu regulärem Pianounterricht führten, der bald von Orgelstunden abgelöst wurde. Im Teenageralter kam er auf den Geschmack für die swingende Musik. Trotzdem schrieb er sich nach dem Abitur in Cambridge nicht zum Musikstudium ein, sondern in Jura, das er mit dem Doktortitel abschloß. Allerdings hatte bereits während der Studentenzeit die Musik endgültig die Oberhand gewonnen, weshalb der Dr. jur. nun die Berufung zum Beruf machte und Jazzprofi wurde.
                                                                                                                                 Foto: C. Wagner
Hawkins kehrte nach Oxford zurück und tauchte in die kleine, aber vitale Improvisationszene seiner Heimatstadt ein. Musiker wie der Klarinettist Alex Ward und der Keyboarder Pat Thomas nahmen ihn unter die Fittiche. “Ich übte wie ein Besessener, um das spielen zu können, was mir im Kopf herumspukte,” erinnert sich der Pianist, dessen Übungseifer bis heute kaum nachgelassen hat. “Ich nahm mir Bach und Scarlatti vor, um der Architektur der großen Barockkompositionen auf die Spur zu kommen. Im Unterschied zum Jazz, der auf die einzelne Note im Kontext eines bestimmten Akkords fixiert ist, interessierte mich die übergreifende Konstruktion.”

Konzerte in London brachten Hawkins in Kontakt mit dem alten Adel der britischen Improvisationsszene: Lol Coxhill und Evan Parker wurden zu Mentoren, der Drummer Louis Moholo-Moholo holte ihn in seine Band. “Es ist schon merkwürdig, dass ich mit freier Improvisation ins Profimusikerleben einstieg, obwohl ich mich Jahre lang intensiv mit der Jazztradition beschäftigt hatte,” wundert sich der Pianist.

Bei einem Aufenthalt in New York lernte Hawkins den Drummer Harris Eisenstadt und den Kornettisten Taylor Ho Bynum kennen. Aus dieser Begegnung ging das Convergence Quartet hervor, eine Gruppe, die die Nahtstelle zwischen notierter Musik und freier Improvisation erkundet. “Offene Komposition” nennt Hawkins die Herangehensweise.

Zur Orgel – diesmal der Marke Hammond - kehrte er mit Decoy zurück, einem Trio mit Steve Noble (drums) und John Edwards (Baß), das gelegentlich durch die amerikanischen Saxofonisten Joe McPhee oder Marshall Allen vom Sun Ra Orchestra erweitert wird und viel Kritikerlob einheimste. Hawkins gewann an Profil und wurde in der englischen Musikpresse als “interessantester Hammondspieler der letzten Dekade” gepriesen.

Obwohl er weiterhin die spontane Begegnung bei Konzertauftritten oder im Studio sucht (ob mit den Schlagzeugern Han Bennink oder Louis Moholo-Moholo, den Saxofonisten John Surman bzw. Evan Parker oder wie beim Berliner Jazzfest 2016 mit dem amerikanischen Trompeter Wadada Leo Smith), stehen inzwischen die eigenen Gruppen im Vordergrund. Sein sechsköpfiges Ensemble mit dem Violinisten Dylan Bates (dem jüngeren Bruder von Django Bates) und dem Baßklarinettisten Shabaka Hutchings besticht durch eigenwillige Klangfarben, wobei die Arrangements viel Raum für spontanes Spiel lassen. “Meine Kompositionen sollen die Autonomie der Musiker nicht einschränken, sondern fördern und vergrößern,” erklärt der Bandleader.

Das Rhythmusgespann seines Sextetts (Tom Skinner, Schlagzeug und Neil Charles, Baß) die ebenfalls in der Ethiojazz-Combo des äthiopischen Vibrafonisten Mulatu Astatke für den Groove sorgt, ist auch im Alexander Hawkins Trio für die rhythmische Basis zuständig, obwohl die Rollen eigentlich laufend wechseln. Dabei geht das Trio nicht in die gleiche Richtung wie viele der aktuellen Jazzpianotrios - Hawkins schwebt etwas anderes vor. Sein Konzept zielt auf individuelle Unabhängigkeit in der Einheit als Gruppe: “Jedes Mitglied folgt seinem eigenen Kompass, ohne dass wir uns laufend aufeinander beziehen, wobei die Musik dennoch zu einem geschlossenen Ganzen wird.”

Zu den Gruppenaktivitäten kommen vermehrt Soloauftritte hinzu, bei denen Hawkins mit seinen profunden Kenntnisse der Jazztradition wuchern kann. Er liebt diese Dekonstruktionen der Tradition, wobei er die Kompositionen, ob von Ellington oder Monk, in ihre Einzelteile zerlegt, um sie danach wieder  - simsalabim - zusammenzubauen. Das geschieht alles völlig organisch - wie von Zauberhand! Allein auf der Bühne zu stehen, empfindet der Pianist jedesmal wieder als neue Herausforderung, gilt es doch, die Furcht vor der Stille nicht panisch mit einem Schwall von Noten zuzukleistern, sondern mit Ruhe, Konzentration und Verstand ans Werk zu gehen.

Auswahldiskographie:

Alexander Hawkins & Evan Parker: Leaps in Leicester (Clean Feed)
Alexander Hawkins Ensemble: Step Wide, Step Deep (Babel)
Alexander Hwakins Trio (AH Music)
Alexander Hawkins: Solo Piano - Song Singular (Babel)