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Saturday, 10 January 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 54: Christian Marien Quartett

Christian Marien Quartett

Beyond The Fingertips

MarMade Records




Christian Marien schwimmt gegen den Strom. Obwohl seit einiger Zeit im Jazz die Post-Production en vogue ist und für solche Nachbearbeitungen von Plattenaufnahmen viel Zeit und Sorgfalt aufgewendet wird, hat der Berliner Schlagzeuger sein aktuelles Quartett-Album im Direct-To-Disc-Verfahren eingespielt, die Musik also direkt in den Lack geritzt, jeweils ein Vinylseite von 18 Minuten – mehr geht nicht. Hellwach und ganz im Augenblick zu sein, war deshalb das Gebot der Stunde, denn Nachbessern konnte man nicht. Wenn die Aufnahme einmal im Kasten war, konnte man daran nichts mehr verändern.


Mariens Ensemble ist mit Tobias Delius (ts, cl), Jasper Stadhouders (g) und Antonio Borghini (b) hochkarätig besetzt, vier Musiker, die zur Creme der Berliner Improvisationszene zählen. Das Quartett entwirft einen zeitgenössischen Jazz, der die höchst originellen Kompositionsideen von Marien als Leitplanken für improvisatorische Eskapaden nutzt. Meistens bestimmen die Melodieinstrumente den Ton, während Baß und Schlagzeug für optimale Rahmung sorgen. 




Abwechselnd werden die unterschiedlichsten Stimmungen evoziert, von dunkel-romantisch bis aufschäumend-wild, wobei die atmosphärischen Umschwünge oft ziemlich überraschend, aber dennoch organisch erfolgen. Von einer soliden rhythmisch-harmonischen Basis aus geht es gelegentlich in freies Terrain – improvisieren ohne Geländer. Die Gitarre spinnt feinnervige Tonfäden voll nervöser Energie, während Saxofon und Klarinette mit überraschenden Intonationen aufwarten. Zusammen mit der agilen Rhythmusgruppe kommt so ein ganz eigener, kollektiver Gruppenklang zur Aufführung, der kontinuierlich seine Gestalt verändert. Klangalchemie pur!


Hörprobe:

https://christianmarien.bandcamp.com/album/beyond-the-fingertips


Thursday, 10 July 2025

SCHEIBENGERICHT Nr. 44: Antonio Borghini & Banquet of Consequences

Antonio Borghini & Banquet of Consequences

Resta Chi Va

We Insist! Records




Der Kontrabassist und Komponist Antonio Borghini, 1977 in Mailand geboren und heute in Berlin lebend, ist eine der originellsten Stimmen der zeitgenössischen italienischen Jazzszene. Banquet of Consequences heißt sein wahrhaft internationales Ensemble, das sich durchweg aus Berliner Jazzemigranten zusammensetzt. Mit von der Partie sind der französische Altsaxofonist Pierre Borel und der deutsch-britische Tenorsaxofonist Tobias Delius, der türkische Cellist Anil Eraslan und die japanische Pianistin Rieko Okuda sowie der Schlagzeuger Steve Heather aus Australien.


Anfang 2024 verbrachte Borghini längere Zeit in Marseille, wo die Kompositionen für dieses Albums entstanden sind, die dann im Herbst in einem Studiokonzert in Berlin “live” eingespielt wurden. Borghini lotet dabei das ganze Spektrum an Stilformen aus, die der Jazz seit seinen Anfängen zu bieten hat und die von einer Ragtime-Nummer bis zu avantgardistischen Geräuscherkundungen reichen, wobei auch argentinischer Tango, Klezmermusik und südafrikanischen Township-Jive anklingen. Überzeugend gelingt es Borghini und seinem Ensemble, all diese heterogenen Einflüsse organisch zu einem sinnvollen Ganzen zu verschmelzen, das vor Witz, Fantasie und musikalischer Virtuosität nur so strotzt und bei dem wohl Charles Mingus als Inspirationquelle Pate stand. 


Hörprobe:

Antonio Borghini & Banquet of Consequences – ... the dropper