Tuesday, 23 December 2014

Nachdenken über Musik mit JAKI LIEBEZEIT Vol. 1

Gibt es schlechte Sounds?

Foto: Christoph Wagner
Im Juni 2014 war ich in Köln bei einer Rundfunkproduktion, und konnte am Nachmittag davor einen Besuch bei Jaki Liebezeit in seiner Wohnung im Eigelstein-Viertel machen. Den ehemaligen Drummer der Rockgruppe Can hatte ich vor ein paar Jahren auf dem Klangbad-Festival in Scheer (Oberschwaben) kennengelernt - ein freundlicher, unprätensiöser und kluger Zeitgenosse. Ich führte ein längeres Interview mit ihm, das ich jetzt für eine SWR-Produktion über Jaki (Sendetermin: März 2015) transkribiert habe. Im Zuge des Gesprächs sagte er ein paar interessante Dinge, über die es sich vielleicht nachzudenken lohnt. Einer seiner Punkte lautete:


„Meiner Meinung nach gilt für die Trommel: Wie man reinhaut, so klingt es heraus! Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Deshalb kann ein schlechter Sound, gut gespielt, plötzlich gut klingen. Wenn es überhaupt schlechte Sounds gibt? Das ist Geschmacksache! Gibt es schlechte Farben? Kommt der Maler und malt mit einer Farbe, wo jeder denkt, das ist eine hässliche, aber dann malt der etwas damit und plötzlich sieht die Farbe toll aus.“ Jaki Liebezeit, Juni 2014

RADIO RADIO RADIO:

Sonntag 15.3.2015 / 23.03-24.00 Uhr
SWR2 / Musikpassagen
Wie eine Maschine, nur besser
Die Verwandlungen des Schlagzeugers Jaki Liebezeit
von Christoph Wagner

Friday, 19 December 2014

Das HILLIARD ENSEMBLE hört auf

Verschlungener Gesang

Das Hilliard Ensemble, Stars der Alten Musik, tritt nach 40 Jahren ab


cw. In den sechziger Jahren erschallte ein neuer Klang in der klassischen Musik. Mit Krummhorn, Rebec, Theorbe, Dulzian und Rauschpfeife hielten die Töne des Mittelalters und der Renaissance Einzug in die Welt der Klassik. Halb vergessene Instrumente brachten eine Klangwelt zum Vorschein, die ein halbes Jahrtausend alt war und sich doch neu und ungewohnt anhörte. Fünfzig Jahre später hat sich die Alte Musik als eigenständiges Genre etabliert mit zahlreichen Konzerten, Festivals und CD-Veröffentlichungen jedes Jahr und Stars wie Jordi Savall, die allerorten große Konzertsäle füllen. Selbst das weltbekannte Kronos Quartet hat ein Album der “Early Music” gewidmet.

Die Pioniere der Anfangszeit suchten die Authentizität. Während zu Beginn noch viel mit historischem Instrumentarium musiziert wurde, verschob sich das Interesse mehr und mehr in Richtung Vokalmusik. An Stelle des vibrato-reichen Gesangs der Klassik trat eine klare nüchterne Stimmführung. Das unbegleitete Gesangsensemble wurde zur Standard-Besetzung und die historische Aufführungspraxis zur Pflicht. Erst mit der Zeit dämmerte es den Beteiligten, dass, wie Thomas Forrest Kelly in seinem jüngst bei Reclam erschienenen Sachbuch “Alte Musik” verdeutlicht, eine wirklich originale Wiedergabe eigentlich gar nicht möglich ist - höchstens Annäherungen.

Zu den Pionieren des neuen Vokalstils gehörte das englische Hilliard Ensemble. Die Mitglieder der Gruppe waren bei David Munrow und seinem Early Music Consort in die Lehre gegangen, einem Ensemble, das Ende der sechziger Jahre in England und darüber hinaus das Interesse an Alter Musik entfacht hatte. Mit dem Album “Officium”, das die vier Hilliard-Sänger mit dem Jazzsaxofonisten Jan Garbarek 1994 veröffentlichten, gelang ein Volltreffer: 1,5 Millionen verkaufte CDs machten die Gruppe zu Stars der Tonträger-Branche und die Klänge des Mittelalters und der Renaissance über den Kreis der Kenner hinaus bekannt. Ich reiste damals extra nach London, um David James, Countertenor der Gruppe, für die Taz zu der Einspielung zu interviewen und fand einen Sänger vor, der vor Freude über den Erfolg euphorisch in seiner Wohnung in der St. Peters Street herumtänzelte. Nun konnte es sich das Ensemble erlauben, auch ab und zu Werke moderner Komponisten wie Arvo Pärt ins Programm zu nehmen. Ihrem Ruf, Spezialisten für “Early Music” zu sein, tat das keinen Abbruch. 

1974 gegründet, wird das Hilliard Ensemble nach 40 Jahren am 20. Dezember in London sein letztes Konzert geben. Dabei werden Stücke des Abschiedsalbums “Transeamus” zur Aufführung kommen. Auf der CD sind englische Carols und Motetten aus dem 15. Jahrhundert enthalten, die seit langem zum Lieblingsrepertoire der Gruppe gehören. Kompakt und doch glasklar wird die verschlungene Mehrstimmigkeit der Renaissance in Szene gesetzt, was einmal mehr den Ruf des Hilliard Ensembles unterstreicht, zu den Spitzenkönnern der Sparte zugehören.


Eine solch superbe Reputation muß sich das Trio Medieaval erst noch erwerben. Das Frauenensemble aus Norwegen hat sich wie die Hilliards der frühen Vokalmusik verschrieben und schlägt auch gelegentlich den Bogen in die Gegenwart, wobei mittelalterliche Polyphonie mit Werken zeitgenössischer Kompositionen gemischt wird. Allerdings kommen die modernen Stücke nicht schrill und dissonant daher, sondern orientieren sich an der wohligen Klanglichkeit der Alten Musik, die sachte modernisiert wird. Das Trio Mediaeval intoniert die Kompositionen auf so makellose Weise, dass die drei Stimmen zu einem einzigen Klangkörper verschmelzen. Das Hilliard Ensemble hätte es kaum besser gekonnt.

Der Artikel erschien zuerst im Schwarzwälder Bote, große Tageszeitung in Südwestdeutschland

Sunday, 14 December 2014

BEST OF 2014

Von Voodoo-Funk bis Ethno-Rock

Neun Musiker und Musikerinnen empfehlen die besten Alben von 2014


Justin Adams (Bath, England / Gitarrist von Robert Plant & The Sentational Space Shifters)

Mein Sohn hält mich mit HipHop und Dubstep auf dem Laufenden, wobei ich das Gefühl habe, dass diese Stilrichtungen der echte Rock ‘n’ Roll von heute sind. Angel Haze ist eine Rapperin mit fetten Beats und einer starken Haltung, ihr Album ‘Dirty Gold’ (Universal / Island) hat mich beeindruckt. Auch der Drummer Dave Smith, der mit mir bei Robert Plant spielt und auch in meiner eigenen Gruppe Juju am Schlagzeug saß, hat mit seiner Band Fofoulah eine kleine ‘Live’-EP (Loop Records) produziert, die sehr interessat ist. Sabar-Rhythmen aus dem Senegal verbinden sich mit cooler Elektronik und losem poly-rhythmischen Spiel – toll!

Irène Schweizer (Zürich, Schweiz / international bekannte Schweizer Jazzpianistin)

Es kommen nonstop CDs auf dem Markt, die ich fast alle musikalisch belanglos finde - schade!  Da ich viel lieber Musik ‘live’ höre, kaufe ich mir selten neue CDs. Aber mein neues Album ‘Spring’ (Intakt Records) mit dem Saxofonisten Jürg Wickihalder gefällt mir ziemlich gut. Doch Selbstlob ist ja eigentlich nicht erlaubt! 







Alex Neilson (Glasgow, Schottland / Drummer und Sänger der Gruppen Trembling Bells, Death Shantis und Crying Lion)

2014 gab es fantastische Alben von ein paar Freunden und Kollegen von mir: ‘Voices from Rented Room’ (Drag City) von New Bums zählen dazu, auch Elisa Ambrogios’ ‘The Immoralist’ (Drag City) sowie Current 93 mit ‘I Am The Last Of The Field That Fell’ (The Spheres). Aber die Veröffentlichung, die mich wirklich umgehauen hat, war ‘The Complete Basement Tapes’ von Bob Dylan, die auf Columbia Records erschien. Es ist ein riesiger Behälter von Folk- und Country-Songs, auch Improvisationen, Lieder, die einfach so im Vorbeigehen entstanden sind. So klingt Dylan, wenn er total entspannt und am fruchtbarsten ist. Er legt dann die Fessel ab, die ‘Stimme einer Generation’ zu sein und kann direkt aus seinem überschießenden kreativen Jungbrunnen schöpfen. Und seine Begleitgruppe The Band erweckt die Musik auf erfinderische und sinnliche Weise zum Leben.

Peter Brötzmann (Wuppertal / international bekanntester deutscher Jazzsaxofonist)

Meine letzte Neuerwerbung war ein Album mit dem Titel: ‘Dinah Jams’ (Waxtime Records) von der amerikanischen Jazzsängerin Dinah Washington, ‘live’ aufgenommen 1954 und vor einiger Zeit wiedererschienen. Da gibt es eine Version von ‘Lover Come Back To Me’, und da kommen mir fast die Tränen. Da ist alles drin, was (Jazz-)Musik ausmacht: eine ungeheure Sensibilität in allen Bereichen! Aber auch der Rest ist großartig, mit einer Sängerin, an der sich die jungen Sängerinnen von heute gleich mal ein paar grosse Scheiben abschneiden könnten. Und drei hervorragende Trompeter sind auch dabei - Clifford Brown, Maynard Ferguson, Clark Terry, dazu der fantastische Schlagzeuger Max Roach.


Mulatu Astatke (Addis Abeba, Äthiopien / Vibrafonist und Bandleader mit weltweitem Erfolg)

Seit sieben Jahren mache ich ein Radioprogramm in Addis Adeba, das ich mit ein paar Freunden betreibe, was eine Neuheit für Äthiopien war.  Ich habe die Sache in letzter Zeit etwas ruhen lassen, weil ich viel unterwegs war: Konzerte überall auf der Welt,


Schallplattenaufnahmen etc. Jetzt mache ich mit dem Radioprogramm weiter und werde zuerst ein Album spielen, das mir ein Freund aus Deutschland gegeben hat. Es ist die fantastische CD ‘Beyond Addis’ (Trikont). Sie präsentiert die internationale Szene des ‘Ethio-Jazz’, einer Musik aus äthiopischen Melodien und psychedelischen Rock- und Jazzklängen, die ich in den 70er Jahre erfunden habe. Heute lassen sich junge Musiker auf der ganzen Welt davon inspirieren und spielen diesen Stil. Das freut mich, weshalb ich dieses Album nur wärmstens empfehlen kann.


Jan Weissenfeldt (alias JJ Whitefield, München / Gitarrist der Poets of Rhythm, der Whitefield Brothers und von Karl Hector & The Malcouns)
 Foto: Dennis Pernath
Die ‘Phin’ ist ein traditionelles Instrument, das in Ost-Thailand und Laos beheimatet ist und mit der Gitarre verwandt ist. In den 70er Jahren wurde es elektrifiziert, was eine moderne Version des klassischen Molam-Stils hervorbrachte. Gepaart mit traditionellen Trommeln aber auch westlichen Instrumenten wie Schlagzeug und E-Bass ist es die aktuelle Musik bei Hochzeiten, Familienfeste und Strassenumzüge in Thailand. Khun Narin, einer der populärsten elektrischen ‘Phin’-Spieler ist der erste, der seinen hypnotisch-psychedelischen Ethno-Rock ausserhalb Thailands veröffentlicht. Die CD heisst Khun Narin’s Electric Phin Band (Innovative Pleasure) und ist ein akustisch-exotischer Trip, der seinesgleichen sucht.

Lu Edmonds (London, England / Gitarrist von John Lydon’s PiL und den Mekons)

Ein paar junge vitale Musiker und Produzenten aus dem Iran gaben mir das Album ‘Jooy-e-Noghre-ye-Mahtab - Duo for Setar & Tombak’ von Navid Afghah auf der diesjährigen Weltmusik-Messe "Womex". Die CD enthält total außerirdische Musik gespielt auf der dreisaitigen Setar-Laute und der Tombak-Handtrommel, sehr schön aufgenommen. Das ist traditionelle Musik mit atemberaubenden musikalischen Wendungen, die problemlos an die beste klasssiche Musik des Westens heranreicht. Die Musiker spielen derart beseelt, dass man nur staunen kann: sehr sensibel und leicht, und doch voller Leben und Schwung! Aber ihr Zusammenspiel ist das eigentliche Wunder - manchmal sehr explosiv! Diese CD führt die Ohren in einen Raum, den man nur selten betritt.

Markus Acher (Weilheim, Bayern / Sänger von The Notwist, Post-Rockband mit weltweitem Erfolg)
 The Notwist mit Markus Acher (ganz rechts)
Schwierig, die eine liebste Platte dieses Jahres zu bestimmen, aber meine liebste Sun Ra-Platte haben auf jeden Fall das Duo Shabazz Palaces mit "Lese Majesty" veröffentlicht. Die Erinnerung an HipHop in einer ins All davonkreiselnden Weltraumsonde ... Afrika und der Mond .... Anfang und Ende der Zivilisation zusammengetrommelt in die Hallspirale.





Nik Bärtsch (Zürich, Schweiz / Pianist und Bandleader der Zen-Funk-Band Ronin)

Mein Album für 2014 ist ‘Race’ von Dee Day Dub. Die Band attackiert mit anarcho-futuristischem Voodoo-Funk, als ob sie auf einem fernen Planeten in einer freakigen Bar vor Spacepiraten und bizarren Wesen um ihr Leben spielen würde. Die Working-Band hat ein Flair für kauzige Grooves, trippeldeutige Texte und schräge aber eingängige Melodien.


Saturday, 13 December 2014

FUNDSACHEN / FOUND SOUND: Oscar Peterson & Milt Jackson

OSCAR PETERSON: REUNION BLUES (MPS)

Letzthin auf dem Flohmarkt für £ 2.50 erstanden. Eine LP des MPS-Labels aus Villingen-Schwenningen, aufgenommen im Sommer 1971. Die Firma hatte in den 60er und 70er Jahren ihre beste Zeit, warf dann das Handtuch und wurde erst vor ein paar Jahren wieder neu belebt. MPS fiel nicht nur durch ihre niveauvollen Jazz-Veröffentlichungen auf, sondern auch durch das modernistische Design ihrer Covers.

Diese LP bringt den kanadischen Jazzpianisten Oscar Peterson, berühmt durch sein delikates, perlendes Spiel, mit dem Vibrafonisten des Modern Jazz Quartets Milt Jackson zusammen - eine kammermusikalische Begegnung. Mit dabei Bassmonster Ray Brown. Schlagzeuger Louis Hayes war zwischen 1965 und 67 der reguläre Schlagzeuger des Oscar Peterson Trio. Er hat später mit John Coltrane und Cecil Taylor gearbeitet.

Modernjazz-Fans rümpfen in Bezug auf Oscar Peterson häufig die Nase. Deswegen hat es mich umso mehr überrascht, als bei einem Interview in Liverpool vor ein paar Jahren Alexander von Schlippenbach Peterson als einen seiner Haupteinflüsse nannte, was es ratsam erscheinen läßt, mit apodiktisch ästhetischen Urteilen vielleicht etwas vorsichtiger zu sein.


Wednesday, 10 December 2014

Das FURROW COLLECTIVE auf Deutschland-Tour

Schottischer Folk auf der Höhe der Zeit

Das Furrow Collective aus Glasgow kommt im Januar nach Schwaben


Termine:
Donnerstag, 22.1. Sigmaringen / Alter Schlachthof
Freitag, 23.1. Geislingen a.d. Steige / Rätschenmühle
Samstag, 24.1. Esslingen / Kulturzentrum Dieselstraße

Sie sind eine Art Allstar-Gruppe des schottischen und englischen Folk: Das Furrow Collective aus Glasgow. Das Ensemble - 2013 gegründet - wird von vier jungen Talenten gebildet, von denen sich jedes schon einen Namen mit eigenen Projekten gemacht hat, die vielfach mit Preisen ausgezeichnet wurden. Die Band wird von den drei Frauen des Emily Portman Trios gebildet, dazu kommt Alasdair Roberts, der als einer der besten schottischen Folksänger der jüngeren Generation gilt.

Die Gruppe präsentiert keine selbstgemachten Lieder, sondern widmet sich ausschließlich traditionellem Material: alten Balladen und Tanznummern aus Schottland und Nordengland. Diese Stücke präsentieren sie in frischer Form, wobei sie manche Lieder in unbegleitetem Harmoniegesang anstimmen, andere mit Harfe, Concertina, Geige, Mandoline und Gitarre begleiten und gelegentlich die eine oder andere Instrumentalnummer dazwischen schieben.

Alasdair Roberts wurde in eine musikalische Familie hineingeboren. Sein Vater ist der schottische Folksänger Alan Roberts, der in den siebziger Jahren in Südwestdeutschland lebte. Deshalb verwundert es nicht, das Roberts 1977 in Geislingen an der Steige geboren wurde und die ersten beiden Jahre seines Lebens in Reutlingen verbrachte, bevor die Familie nach Schottland zurückkehrte. Alasdair Roberts Talent wurde einst vom amerikanischen Sänger Will Oldham, alias Bonnie Prince Billy, entdeckt, der auch seine ersten Platten produzierte. Seither hat  der schwäbische Schotte mit vielen Folksängern und Sängerinnen zusammengearbeitet, etwa mit der gaelischen Sängerin Mairi Morrison.

Lucy Farrell, Rachel Newton und Emily Portman sind die drei weiblichen Mitlgieder des Furrow Collective, die zusammen auch im Emily Portman Trio musizieren, dazu in diversen anderen Bandprojekten aktiv sind. Alle drei sind sowohl ausgezeichnete Sängerinnen, als auch vorzügliche Instrumentalistinnen, die eine ganze Reihe traditioneller Musikinstrumente beherrschen von der Concertina bis zur gealische Harfe. Damit bringen sie Farbe in ein Konzertprogramm, das die traditionelle Musik in neuem Glanz erstrahlen lässt.

Thursday, 4 December 2014

Folkveteran: COLIN WILKIE

Botschafter des englischen Folk

Der Singer-Songwriter Colin Wilkie lebt sein 50 Jahren im “Ländle”
                                                                                                            Foto: Manuel Wagner

 cw. Statt “Stuttgart” sagt er “Schtuagert” und statt “nicht” sagt er “net”. Colin Wilkie vergißt – wie er beklagt - nicht nur langsam sein Englisch, dazu schleicht sich mehr und mehr Schwäbisch in sein Deutsch ein. Das ist nicht verwunderlich, lebt der Folksänger doch seit Jahrzehnten im Schwabenland.  Wilkie sitzt auf dem Sofa im Wohnzimmer seines kleinen Häuschens in Pfaffenhofen, einem Dorf zwischen Weinbergen und Streuobstwiesen im Umland von Heilbronn gelegen. Ein Banjo steht in der Ecke, der Gitarrenkasten lehnt an einem Bücherregal. “Neben Musik sind Bücher meine Leidenschaft,” bemerkt Wilkie. “Das obere Stockwerk ist voll davon.” Wie unter Engländern üblich wird Tee mit Milch serviert, während der Folksänger aus seinem Leben erzählt, wobei seine Frau Shirley Hart seinen Erinnerungen immer wieder mal ­­­auf die Sprünge hilft.

Dieses Jahr ist Colin Wilkie achtzig Jahre alt geworden und tritt immer noch regelmäßig auf. Bis heute fährt er eigenhändig mit dem Auto zu den Konzerten, den Gitarrenkasten im Kofferraum. Colin Wilkie gilt als “Folk-Legende”: Er hat maßgeblich zur Entstehung der deutschen Folkszene beigetragen. In den Sechzigern war er bei den legendären Waldeck-Festivals dabei, die als die Wiege der deutschen Liedermacherei gelten. Er hat zahlreiche LPs und CDs veröffentlicht und unzählige Auftritte absolviert. Wilkie wirkte als Botschafter, der den Deutschen die englische Folkmusik nahebrachte.

Um die Anfänge seiner Sängerkarriere in Erinnerung zu rufen, muß Wilkie in die frühen sechziger Jahre zurückgehen, als er sich im Duo mit Shirley Hart auf der englischen Folkszene einen Namen machte. Das Musiker-Ehepaar führte damals ein ungebundenes Vagabunden-Leben, war ständig auf Achse und trat jeden Abend in einem anderen Folkclub zwischen Brighton und Edinburgh auf. Die Sommer verbrachten die beiden in Südfrankreich, wo sie sich als Straßenmusiker durchschlugen. Eines Tages wurden sie von einem junger Deutschen angesprochen, der ihnen einen Auftritt in Bonn vermittelte. “Wir glaubten, es handelte sich um einem kleinen Folkclub und waren völlig überrascht, als sich das Konzert als große Lieder-Gala in der Bonner Beethoven-Halle entpuppte, wo neben uns noch andere Ensembles und Sänger auftraten,” erinnert sich Wilkie.
 
Als Engländer standen die beiden für echten Folk, was sie in der Bundesrepublik zu einer Ausnahmeerscheinung machte und bei Veranstaltern und Cluborganisatoren höchst gefragt. Regelmäßig traten sie bei Festivals auf, dazu kamen Rundfunk- und Fernsehmitschnitte. Das Stuttgarter Staatstheater engagierte das Folkduo 1966 für eine Produktion, in der sie zwei Straßensänger verkörperten und während des Stücks ein paar Lieder sangen. Eineinhalb Jahre dauerte das Engagement. Colin Wilkie & Shirley Hart bezogen in Stuttgart Quartier und absolvierten neben der Theaterarbeit so viele Auftritte wie möglich. ob in Clubs, an Schulen oder Universitäten.

Zahlreiche Schallplatten entstanden. Neben einem “Shanty”-Album mit englischen Seemannsliedern auch eine bemerkenswerte Folk-Jazz-Platte, die Colin Wilkie & Shirley Hart mit den Musikern des Albert Mangelsdorff Quintetts zusammenbrachte. Die Konzert-Nachfrage war so enorm, dass das Ehepaar beschloß permanent in Deutschland zu bleiben. Stockheim bei Heilbronn wurde ihr neues Zuhause. Als Sohn Vincent geboren wurde, beschloß Shirley Hart das unstete und aufreibende Konzertleben an den Nagel zu hängen, ein Entschluß, der ihr nicht allzu schwer fiel: “Auf der Bühne hatte ich mich nie richtig wohl gefühlt, weil ich an starkem Lampenfieber litt.” 


Seither tritt Colin Wilkie alleine auf, manchmal auch im Duo mit Wizz Jones, Werner Lämmerhirt oder Klaus Weiland. Sein aktuelles Album voll neuer Songs (Titel: Bangter Rites!) belegt eindrucksvoll, dass Colin Wilkie noch lange nicht zum alten Eisen gehört.

Der Artikel erschien zuerst im Schwarzwälder Bote, große Tageszeitung in Baden-Württemberg.

Wednesday, 3 December 2014

Fundsachen / Found Sound: HOOTENANNY IN LONDON (Decca)

DIE ANFÄNGE DER BRITISCHEN FOLKSZENE

Heute auf dem Flohmarkt fiel mir ein interessantes Album aus den Anfängen der englischen Folkbewegung in die Hände, das von 1963 stammt: "HOOTENANNY in London - Midnight Folk Concert recorded in London May 1963" (Decca Mono LK4544). Auf dem Cover der LP ist eine Fotocollage mit Anne Briggs, Peggy Seeger (Halbschwester von Pete Seeger mit Gitarre) und dem Folksänger Ewan MacColl zu sehen, mit dem Peggy verheiratet war. Die Platte fiel mir auf, weil ich am Tag zuvor ein Interview mit Peggy Seeger abgehört hatte, das ich für eine Sendung zum 100. Geburtstag Alan Lomax im Januar 2015 mit ihr geführt hatte. Im Interview erzählt Peggy, wie der Umzug von Alan Lomax nach England der dortigen Folkszene Auftrieb gab, da Alan äußerst gut darin war, die unterschiedlichsten Leute, die sich zuvor nicht gekannt hatten, zusammenzubringen. Merkwürdigerweise ist auf der LP kein Track weder von Anne Briggs, noch von Peggy Seeger oder Ewan MacColl enthalten, obwohl sie auf dem Cover abgebildet sind, dafür sind Lou Killen, Alex Campbell, Bob Davenport, Nigel Denver, Martin Carthy und Redd Sullivan zu hören. Von Bob Davenport weiß ich, dass er 1968 auf den 'Internationalen Essener Songtagen' dabei war, und Martin Carthy spielt ja bis heute auf der britischen Folkszene eine Rolle, ob als Solosänger, mit den Watersons oder seiner Tochter Eliza Carthy. Ebenso Peggy Seeger, die in der Universitätsstadt Oxford lebt und auch in ihrem 80sten Lebensjahr immer noch Konzerte gibt. Gerade ist ein neues Album von ihr erschienen.