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Sunday, 13 July 2025

SCHEIBENGERICHT Nr. 45: Anna Sophia Defant s:e

Widerhaken im musikalischen Prozeß

Anna Sophia Defant

s:e

Unit Records



Freejazz kann recht eintönig sein! Doch wie der Falle entgehen, dass das freie Spiel sich fortwährend um die eigene Achse dreht? Das junge Quartett der österreichischen Pianistin Anna Sophia Defant namens s:e hat den Weg der Post-Production gewählt, was heißt: Zuerst wird frei improvisiert, dann die Improvisationen im Studio seziert und einzelne Sequenzen destilliert, die dann durch Nachbearbeitung mittels Cuts zu Stücken ausgearbeitet werden. Mit diesem Verfahren wird Gleichförmigkeit vermieden, indem jeder Titel einen eigenen Charakter erhält. Das ist nicht neu: Schon Teo Macero arbeitete mit Miles Davis in seiner elektrischen Phase nach 

demselben Prinzip. 


Was den Gruppensound des Defant-Quartetts betrifft, erinnert s:e gelegentlich an die Gruppe Last Exit von Brötzmann, Laswell, Shannon-Jackson und Sharrock, die Ende der 1980er Jahre den freien Jazz elektrifizierten. Das ist vor allem dem japanisch-österreichischen Gitarristen Kenji Herbert zu verdanken, der einmal nicht, wie viele seiner Altersgenossen, Kurt Rosenwinkel nacheifert, sondern eher in Richtung Sonny Sharrock tendiert und Widerhaken in den musikalischen Prozeß einbaut. Von brachialen Nummer bis zu meditativen Stücken reicht das Spektrum der Titel, die nie ausufern, sondern immer knapp gehalten sind, dazu immensen Formwillen beweisen, was dieses Debutalbum zu einer recht kurzweiligen Angelegenheit macht. 


Hörprobe (youtube)

Friday, 23 June 2023

Nachruf: Peter Brötzmann (1941 – 2023)

Radikaler Wüterich  

Als Saxofon-Berserker berühmt, avancierte Peter Brötzmann zum weltweit berühmtesten deutschen Jazzmusiker – jetzt ist der Wuppertaler im Alter von 82 Jahren verstorben 


 Foto: Rory Merry / Promo

 

cw. Peter Brötzmann war einer der wenigen deutschen Jazzmusiker mit internationaler Reputation. Ob Japan, Großbritannien oder die USA, wo immer der Saxofonist auftrat, waren die Säle voll. Vor allem in Amerika verehrte ihn eine ergebene Fangemeinde. Seit er Mitte der 1970er Jahre das erste Mal in den USA auftrat, war er Stammgast in New York und Chicago. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre war Brötzmann mit der amerikanischen Punkjazz-Supergruppe Last Exit unterwegs, danach leitete er über Jahre das Chicago Tentet, ein Freejazzorchester.

 

“Vielleicht habe ich einfach den ganzen Freejazz-Mist satt!” hatte Brötzmann vor ein paar Jahren mit ironischem Unterton gesagt, ein Satz, der umso erstaunlicher klang, hatte der Saxofonist doch ein Leben lang nichts anderes als freien Jazz gespielt. Der Wuppertaler galt als Berserker, der musikalischen Barrieren niederriß und die Improvisation auf die Spitze trieb. Im Herbst seines Lebens trieben ihn allerdings andere Gedanken um. “Man stößt bei der totalen Improvisation an Grenzen, die sich nicht weiter hinausschieben lassen,” räumte er 2021 ein und signalisierte eine Richtungsänderung, die sich auf seinen letzten Einspielungen manifestierte. 

 

Der Schwenk war nicht über Nacht gekommen und auch nicht ganz freiwillig. Vielmehr hatte eine Lungenerkrankung Brötzmann zur Kurskorrektur gezwungen. Sowohl sein Soloalbum “I Surrender Dear” von 2019, als auch die Einspielung mit der Pedal-Steel-Gitarristin Heather Leigh „Sparrow Nights“ (2018) boten anstelle von Chaos und Tumult über weite Strecken Andacht und Versenkung. 




 

Allerdings war Brötzmanns Neujustierung keine Kehrtwendung, sondern eine graduelle stilistische Verschiebung. Melodien und Strukturen bekamen einen höheren Stellenwert, auch räumte er Pausen größeren Raum ein. Anstelle des unerbittlichen Powerplay war ein weniger rabiates Musizieren getreten. Immer noch war sein Spiel reich an Dissonanzen, rauher Intonation und zerklüfteten Spaltklängen, doch zeichnete er nun die atonalen Linien mit feinerem Pinsel. Brötzmann hatte (mindestens) einen Gang heruntergeschaltet. Er bremste ab und fuhr musikalisch nicht mehr konstant auf der Überholspur.

 

Wer genauer hinhörte, konnte schon seit längerem einen Wandel registrieren. Die Musik des Trios Full Blast, das Brötzmann mit den beiden Schweizern Marino Pliakas (Baßgitarre) und Michael Wertmüller (drums) bildete, besaß jenseits aller kraftstrotzenden Monumentalität immer einen melodischen Kern. Da blies Brötzmann dann präzise gemeißelte Melodien von hymnischer Kraft, die manchmal so klangen wie die abstrakten Metamorphosen der erdigen Soul-Saxofon-Riffs eines King Curtis oder Junior Walker.


Marino Pliakas, Michael Wertmüller, Peter Brötzmann (Promo)

 

Seine Neuorientierung wollte Brötzmann keineswegs als Distanzierung von seiner Vergangenheit verstanden wissen – im Gegenteil: “Unsere Revolte in den 1960er Jahren war wichtig, um Dinge aufzubrechen, zu verändern,” bemerkte der einstige Bürgerschreck in Sachen Musik nicht ohne Stolz. “Doch heute stellt sich die Situation anders dar.” 

 

Die Pandemie verordnete Brötzmann eine musikalische Zwangspause, die ihm gleichzeitig mehr Zeit für seine andere Leidenschaft bot, die bildende Kunst. Fast täglich ging er während des Lockdown-Winters von 2020/21 die zehn Meter von seiner Wuppertaler Wohnung ins Hinterhaus, obwohl ihm die kalte Luft im Freien die Brust zuschnürte. In seinem Atelier stürzte er sich dann in die Arbeit an Ölgemälden, Materialbildern, Objektkästen, Druckgraphiken oder kleinen Skulpturen. 


Gästebuch der Manufaktur, Schorndorf

 

1941 in der Ruhrpott-Stadt Remscheid geboren, wollte der Teenager anfangs Graphikdesigner werden. Ab Ende der 1950er Jahre absolvierte er an der Werkkunstschule in Wuppertal ein vierjähriges Kunststudium, während er in seiner Freizeit in einer Dixielandband spielte. Brötzmann begann sich für die neusten Kunstströmungen zu interessieren und wurde Assistent von Nam June Paik, mit dem er an diversen Fluxus-Performances und Ausstellungen teilnahm, die den Kunstbegriff auf den Kopf stellten. 

 

Mit der gleichen Radikalität warf Brötzmann dann ein paar Jahre später die Jazztradition über den Haufen und schockierte mit brachialen Improvisationen und infernalischen Klanggewittern die Jazzgemeinde. Seine ersten beiden Alben „For Adolphe Sax“ (1967) und „Machine Gun“ (1968) bildeten Wegmarken des freien Jazz und begründeten seinen Ruf als radikaler Wüterich, von dem sich selbst Kollegen des modernen Jazz wie Joachim Kühn distanzierten. Bis an sein Lebensende blieb Brötzmann dem freien Spiel treu, nicht ohne seine Konzeption immer wieder erneut den veränderten Bedingungen anzupassen. „Herausforderungen sind wichtig, sonst rostet man ein“, lautete sein Credo. 

 

Von einer Erkältung, die er sich bei seinem nachgeholten Fest zum 80. Geburtstag einhandelte, hat er sich nie mehr richtig erholt. Seine letzten Konzerte, die er noch im Januar (Club Manufaktur, Schorndorf & Club 71, Weikersheim) und im Februar (Cafe Oto, London) absolvierte, hatten ihn schon völlig überfordert und auch derart ausgelaugt, dass er im Krankenhaus landete und nur knapp einen Herzstillstand überlebte, was ihn wiederum so  schwächte, dass er – wieder daheim – nur noch unter größter Anstrengung ein paar Meter gehen konnte. Jetzt ist Peter Brötzmann am 22. Juni verstorben.


Hörprobe:

Peter Brötzmann Quartett, 1974 (mit Peter Kowald, Bass / Alexander von Schlippenbach, Piano / Paul Lovens, Drums) (youtube) 



 

 

Saturday, 18 February 2023

Yoko Ono zum 90sten


Klang der Dunkelheit

Yoko Ono: von Fluxus über die Beatles und darüber hinaus 



cw. Yoko Ono bellt Urlaute heraus. Ihre Stimme überschlägt sich, Sie klingt so schrill, exaltiert und durchdringend wie der Gesang im japanischen Noh-Theater. Stöhnen, Heulen und Seufzen kommen dazu. Dissonante Akkorde und Rückkopplungen verdichten sich. Gitarrensaiten werden gedehnt und gezogen. Die amerikanische Vokalistin ist in ihrem Element und schöpft die ganze Bandbreite ihrer Stimmkunst aus.

Ihr Album “YokoKimThurston” hat Yoko Ono mit zwei “guten Freunden” eingespielt. Damit sind die Rock-Avantgardisten und Ex-Eheleute Kim Gordon und Thurston Moore von Sonic-Youth gemeint, der  alternativen Rockband, die seit den 80er Jahren stilprägend gewirkt hatte und sich vor zehn Jahren aufgelöst hat. Mit der Einspielung kehrt Ono zu ihren Anfängen zurück: den radikalen Experimenten in der Untergrund-Szene von Downtown Manhattan, als sie sich mit Schrei-Performances und Konzept-Kunst einen Namen machte. Yoko Ono ruft damit eine mehr als 60jährige Erinnerung wach, die Anfang der 60er Jahre unter dem Stichwort “Fluxus” begann.



September 1962. Im städtischen Museum in Wiesbaden findet unter der Überschrift “Fluxus - Internationales Festival Neuster Musik” ein großes Tohuwabohu statt. Das Ereignis bringt zum ersten Mal die extremsten Avantgardisten und Kunstrebellen aus der ganzen Welt zusammen. In 14 Konzerten werden alle Register der Anti-Kunst gezogen und die Vorstellungen konventioneller Ästhetik auf den Kopf gestellt. Es geht um Schock, Provokation und Skandal. Als Höhepunkt wird ein Klavier zertrümmert, was einen Reporter zu der Schlagzeile veranlasst: “Die Irren sind los!”

Frauen sind in der Fluxus-Szene eine verschwindende Minderheit. Yoko Ono liefert einen der wenigen weiblichen Beiträge zum Wiesbadener Festivalprogramm. Ein paar ihrer Werke werden aufgeführt, darunter “Ein Stück, um den Himmel zu sehen.” Ono, die später als Gattin des Beatle John Lennon zu Weltruhm gelangt, hatte sich mit radikalen Kunstaktiviäten für das Ereignis empfohlen. In ihrem New Yorker Loft-Studio hatte sie seit 1960 die “Chambers Street Concerts” veranstaltet, wo etwa die “Smoke Paintings” zu sehen waren, brennende Gemälde, die sich in Rauch auflösten.



“Ich spielte eine Reihe von Konzerten mit La Monte Young,” erinnert sich Ono. “John Cage überredete all diese tollen Leute, zu unseren Konzerten zu kommen: Peggy Guggenheim, Duchamp, Max Ernst.” Bei einer anderen Aktion namens “Painting To Be Stepped On” wurde eine Leinwand auf den Fußboden ausgebreitet, wobei sich durch die Schuhabdrücke der Besucher allmählich ein abstraktes Bild ergab. Und dazwischen immer wieder die “Cry Pieces” – Schrei-Stücke: “Mit solchen Geräuschen und Gefühlen wollte ich arbeiten: der Klang der Angst und der Dunkelheit,” kommentierte Ono ihre Aktionen.

1933 geboren, stammt Yoko Ono aus einer vermögenden Tokioer Bänkersfamilie. Mit dem Reichtum ging eine profunde musikalische Ausbildung einher. Ono erhielt privaten Musikunterricht, nahm Gesangstunden und übte  “German Lieder”. Als Onos Vater zum Leiter der Bank of Tokyo in New York befördert wird, kommt sie in den 50er Jahren in die USA, um an einer Eliteuniversität Philosophie und Komposition zu studieren. Einer ihrer Mitstudenten ist George Maciunas, der später zum Initiator und Namensgeber der Fluxus-Bewegung wird und Ono in seiner New Yorker Galerie ausstellt.

Die  Geschäfte mit avantgardistischer Kunst gehen schlecht. Gläubiger sind Maciunas auf den Versen. 1961 setzt er sich nach Deutschland ab, wo er für die US-Armee in Wiesbaden als Grafikdesigner arbeitet. Rasch knüpft er Kontakte zu Künstlern wie Joseph Beuys und Avantgarde-Komponisten wie Karlheinz Stockhausen. Maciunas sorgt wohl auch dafür, dass Onos Konzept-Stücke beim Fluxus-Event in Wiesbaden zur Aufführung kommen.

Neben Wiesbaden ist Wuppertal ein anderes Zentrum der neo-dadaistischen Bilderstürmerei. Hier finden in der Galerie Parnass Ausstellungen mit neuer Kunst und auch erste Fluxus-Happenings statt. “In einer Ausstellung präsentierte Nam June Paik seine präparierten Klaviere und ähnliche musikalischen Apparaturen, die vom Publikum bespielt werden konnten. Ich hing in der Galerie rum, wenn etwas geboten war, und half Paik,” erinnert sich der angehende Freejazz-Saxofonist und damalige Student an der Wuppertaler Werkkunstschule Peter Brötzmann. “Jede Tag oder jeden anderen Tag ging ich mit meinen Freunden Tomas Schmit und Manfred Montwe in die Galerie, um die zumeist sehr fragilen Instrument-Installationen, manche mit Plattenspielern, Tonbandgeräten oder Ferseh-Monitoren, wieder herzurichten, wenn sie in Mitleidenschaft gezogen worden waren.”

Brötzmann begleitete Paik zu einem 2-tägigen Fluxus-Event nach Amsterdam. “In einem alten Kino wurde ein Flux-Fest von der Galerie Amstel 47 veranstaltet. Ich war als Akteur dabei und an einigen von Paiks Stücken beteiligt,” erinnert sich der Saxofonist. “Yoko Ono habe ich erst einige Zeit später getroffen, ebenfalls in Holland bei einem Event, den Anita Schoonhoven organisiert hatte, deren Mann Jan Schoonhoven ein maßgeblicher Künstler der Zero-Gruppe war. Anita war vom neuen Jazz angetan. Sie organisierte Konzerte, und auf einem tanzte Yoko Ono herum. Ich habe nicht gedacht, dass es von großer Bedeutung war, was sie gemacht hat – eigentlich nur ein bisschen nackt und ein bisschen bemalt. Dennoch war sie neben Charlotte Moorman, Mary Bauermeister, die mit Stockhausen liiert war, und Alison Knowles eine der wenigen Frauen, die sich überhaupt in diesem Umfeld künstlerisch behaupteten.”

Die Künstlerin Mary Bauermeister organisierte zu der Zeit in Köln im kleinen ‘Theater am Dom’ frühe Fluxus-Aktionen, sei es mit eigenen Arbeiten oder Kompositionen von Stockhausen. “John Cage und David Tudor waren einmal da, ebenso Nam June Paik,” erzählt Brötzmann. “Das Dreieck Wuppertal, Köln und Düsseldorf war ein Zentrum solcher Aktivitäten. Joseph Beuys war in Düsseldorf, den ich damals mit Paik in seinem Studio besucht habe und der auch Interesse an Musik zeigte und ein paar Mal zu unseren Aktionen in Wuppertal kam. Grenzen zwischen bildender Kunst und Musik gab es damals nicht.”

1964 kam es zum Eklat. Als Stockhausens experimentelles Musktheaterstück “Originale” in New York von u.a. Mary Bauermeister, Allen Ginsberg und Nam June Paik aufgeführt wurde, protestierten die Fluxus-Mitglieder George Maciunas, Tony Conrad und Henry Flynt vor dem Konzerthaus gegen die Veranstaltung, wobei Flynt in einem Pamphlet Stockhausens Ablehnung von außereuropäischer und populärer Musik als “kulturellen Imperialismus” brandmarkte. Damit war der Split vollzogen. Politisch linksgerichtete Fluxus-Mitglieder attackierten ihre eher individualistischen und politisch indifferenten Kollegen, die wiederum die stramme politische Ausrichtung als “Agit Prop” ablehnten. Das Schisma ging als der “erste Tod” von Fluxus in die Annalen der Kunsthistorie ein. “Verräter, du hast Fluxus verlassen!” hieß es auf einer Postkarte, die Maciunas an Paik schickte.

1966 stellte Yoko Ono ihre Installationen in einer kleinen Galerie in London aus, wo sie John Lennon von den Beatles traf. Bald galt das Paar als unzertrennlich und sorgte mit spektakulären Aktionen wie dem Amsterdamer “Bed-In”-Happening gegen den Vietnam-Krieg für Schlagzeilen.  Beatles-Fans waren auf Yoko Ono nicht gut zu sprechen: Ihr wurde die Trennung der Fab Four angelastet. Mit Lennon nahm Ono einige radikale Schallplatten auf, die eine Verbindung zwischen Fluxus und Rock ‘n’ Roll anstrebten, was dem Beatle den Fluxus-Ritterschlag vom Flux-Erfinder George Maciunas höchstpersönlich einbrachte, aber auch viele Verrisse, Spott und Hohn.

Nach dem Mord an Lennon im Jahr 1980 führte Yoko Ono die musikalischen Aktivitäten fort, oft im Gespann mit ihrem Sohn Sean Lennon, wobei sie von Jazzfunk über experimentellen Rock bis zu Electronica und Remixes immer wieder musikalisches Neuland betrat, getrieben von einer scheinbar unerschöpflichen kreativen Neugier.

Die Fluxus-Ära bildet neben den Jahren mit Lennon das Kernstück einer Biographie, die der Journalist Nicola Bardola über Yoko Ono verfasst hat. Bienenfleißig hat er die ganze Ono- und Lennon-Literatur durchforstet, dabei viele Fakten zusammengetragen, die er nun flüssig referiert. Allerdings fehlt ihm neben der Sachkenntnis und dem Vokabular, auch das theoretische Handwerkszeug, um Yoko Ono im Kontext der Fluxus-Bewegung kunsthistorisch kompetent einzuordnen.

Weil Bardola mit Ono selbst kein Interview führen konnte, hat er alle Fakten aus der umfänglichen Sekundärliteratur und diversen Online-Quellen destilliert. Ebenso wenig hat der Autor alte Weggefährten konsultiert, wie etwa den Minimalisten La Monte Young, der immerhin einmal Onos Lover und Fluxus-Kompagnon war, oder den politischen Fluxus-Aktivisten Henry Flynt. Beide hätten sicherlich Erhellendes z.B über den Konflikt zwischen der politischen und apolitischen Fluxus-Fraktion beitragen können und Onos Haltung dazu.

                                                                                                             John Tchicai

Der Mangel an “First-Hand-Information” erweist sich auch bei der Behandlung des Albums “Unfinished Music No 2 – Life with the Lions” als Handicap. Wie Bardola schreibt, spielen auf der Live-Aufnahme “Cambridge 1969” mit Lennon und Ono “noch ein Saxofonist und ein Schlagzeuger.” Hätte er den Saxofonisten John Tchicai, immerhin ein maßgeblicher Neuerer im Jazz seit den 60er Jahren, befragt, wäre ihm wenig Schmeichelhaftes über seine Heldin zu Gehör gekommen: “Auf Tantiemen warteten wir vergeblich. Ich schrieb Briefe an Yoko Ono, um meinen Anteil zu reklamieren, bekam aber keine Antwort,” weiß Tchicai über die Multirmillionärin zu berichten. “Das ist Diebstahl und eine Schande, dass Leute so tief sinken, Musiker, die sowieso wenig verdienen, um ihre Ansprüche zu prellen.” In der Hagiographie von Bardola hätten solche Fakten das Heiligenbild nur gestört.


                                                                                                                                    Foto: Lester Cohen

Yoko Onos Album ist da von größerer Qualität, das auf ihrem eigenen Chimera-Label erschienen ist. Die Bandbreite der weitgehend improvisierten Titel reicht von entrückten Gesangsstücken mit verzerrten Gitarrensounds über Gedichtrezitationen in verteilten Rollen bis zur Nummer “Mirror Mirror”, die das Grimm’sche Märchen “Schneewittchen” variiert. Gegenüber den jüngeren Begleitmusikern fällt die Fluxus-Oma nicht ab – im Gegenteil: Selbstbewußt gibt sie die Richtung vor. Immer steht Onos Stimme im Vordergrund. Wie ganz zu Beginn ihrer Karriere lotet sie die Möglichkeiten ihres Gesangsorgans in allen Schattierungen aus. “Ich habe meine ganze Energie in dieses Album gesteckt, um die Welt damit aufzuwecken,” sagt die Künstlerin, die jetzt 90 Jahre alt geworden ist.

Buch:
Nicola Bardola: Yoko Ono. Eine Biographie. LangenMüller. 288 Seiten, 24 SW-Fotos. 

CD:
Yoko Ono / Kim Gordon / Thurston Moore: YokoKimThurston (Chimera Music)





Wednesday, 11 May 2022

Über das Altern als Musiker: Han Bennink


Can’t teach an old dog new tricks - Han Bennink zum 80sten




In seiner 60jährigen Karriere hat Han Bennink mit vielen „Heavyweights“ des modernen Jazz gespielt, von Eric Dolphy bis Sonny Rollins. Im Umkreis von Peter Brötzmann avancierte der Holländer dann in den 1960er Jahren zu einem der einflußreichsten Drummer des europäischen Freejazz. Am 17. April 2022 ist Bennink 80 Jahre alt gworden – Gratulation!!!!

 

 

Christoph Wagner: Sie feierten am 17. April 2022 Ihren 80. Geburtstag. Haben Sie jemals ans Aufhören gedacht?

 

Han Bennink: Wegen die Pandemie ging mir das in letzter Zeit schon manchmal durch den Kopf, weil ich einfach in den letzten zwei Jahren viel weniger gespielt habe. Eigentlich wollte ich in Zukunft wieder mehr auftreten, nur nicht mehr so viel reisen. Ich hasse Reisen, Flugzeuge finde ich zum Kotzen. Fahrräder sind fantastisch. Oft muß man zwei Tage reisen, um 50 Minuten zu spielen – das ist doch krank, kostet wertvolle Lebenszeit, in der ich mich viel lieber meinen Kunstwerken widme. Ich war ja immer schon zweigleisig unterwegs, als Jazzmusiker und als bildender Künstler.




 

Hat das Alter Ihre Musik verändert?

 

HB: Ich hoffe nicht! Ich übe weiterhin viel, um nicht einzurosten. Wie lange, das hängt vom Fernsehprogramm ab. Ich bin ein Sportfan, was bedeutet, dass wenn ein Radrennen übertragen wird, am besten die Tour de France, ich Stunden lang vor der Mattscheibe sitze und das Geschehen verfolge, wobei ich nebenher mit den Drumsticks auf einem Kissen übe. Ich störe damit niemanden, mein trommeln ist kaum hörbar. Außerdem habe ich über die Jahre einen Rucksack spieltechnischer Tricks angesammelt, auf die ich jeder Zeit zurückgreifen kann. Der Rucksack wird allerdings von Jahr zu Jahr schwerer, weshalb man ab und zu etwas rauswerfen muß. Mit dem Alter wird die Vision der Musik, die man machen will, immer klarer und deutlicher. 

 

Üben Sie die bekannten Rudiments, die klassischen Schlagfiguren?

 

HB: Ganz genau! Immer dieselbe Scheiße: Paradiddle, Triolen, Mühle, Wirbel etc.


DUO: Han Bennink & Wilbert de Joode (youtube)

 

Der Schlagzeuger Jaki Liebezeit hat mir einmal erzählt, dass er mit zunehmendem Alter dazu überging, sein Schlagzeugspiel organisch aus seinem natürlichen Bewegungsablauf zu entwickeln. Macht das Sinn?

 

HB: Gute Idee. Dennoch sind mir die Tricks sehr wichtig, die ich szenisches Theater nennen: Es ist der visuelle Aspekt des Schlagzeugspiels! Brötzmann mochte das nicht und sagte immer: „Bennink mach‘ doch nicht so ein Theater!“ Ich finde es manchmal aber einfach notwendig, vom Schlagzeug aufzustehen und trommelnd herumzugehen, dabei auf dem Fußboden, auf einem Stuhl oder auf dem Bühnenrand zu trommeln. Man kann auch im Liegen Paradiddle spielen – das geht alles und bringt ein szenisches Element in die Musik, außerdem ganz andere Klangfarben. Die Freiheit nehme ich mir. Voraussetzung ist jedoch: Es muß passen, muß musikalisch Sinn machen. Als reine Effekthascherei ist es zu billig. Dabei kommen meine Einflüsse aus der Kunst zum Tragen: Happening, Performance-Art, Dada. Mein großes Vorbild ist Kurt Schwitters, in dessen Kunst Humor und Ironie eine wichtige Rolle spielen.




 

Sie haben vor einiger Zeit ihr Schlagzeug radikal reduziert und spielen heute nur noch auf einer Snaredrum. Hat diese Entwicklung mit dem Alter zu tun?

 

HB: Ich war es einfach leid, immer Tonnen von Schlagwerk herumzutragen. Damit rückte die kleine Trommel ins Zentrum der Aufmerksamkeit, wobei ich darauf aus war, aus immer weniger immer mehr herauszuholen. Wenn man sein Schlagzeugspiel verändern will, kehrt man am besten zu den „Basics“ zurück, und das ist die kleine Trommel! Ein paar Konzertbesucher meinten: „Der Typ ist so arm, dass er sein ganzes Schlagzeug verkaufen mußte.“ Pusteblume: Ich habe fürs Alter ausreichend vorgesorgt, was bedeutet, dass wenn ich eines Tages nicht mehr auftreten kann, ich trotzdem genug zum Leben habe.


Ich kann mich täuschen, aber Sie scheinen mit 80 Jahren noch gut in Schuß zu sein. Zahlt sich jetzt ihr „calvinistischer Lebensstil“ (Peter Brötzmann) aus?


HB: Dass man gesund bleibt, ist reines Glück. Allerdings ging es mir immer nur um die Musik, nicht um die eher unschönen Randerscheinungen, die Saufereien und Alkohol-Exzesse usw. Auch musste ich nach den Konzerten mein Riesenschlagzeug einpacken, es die Treppen vom Jazzkeller hochschleppen und dann verstauen. Danach ging ich ins Hotel. Ich bin nicht der Typ, der nächtelang in Kneipen rumhängt. Am nächsten Morgen blieb es dann üblicherweise an mir hängen, eine Gruppe besoffener Freejazzer zum nächsten Konzert quer durch Deutschland zu fahren. Am Schlimmsten traf es die Pianistin Irène Schweizer: Sie konnte mit diesen alkoholisierten Männerritualen gar nichts anfangen. Heute trinke ich natürlich auch gerne mal ein Gläschen Weißwein. Außerdem rauche ich Marihuana. Wine & Weed ist mein Steckenpferd. Ein anderes Hobby ist meine Sammlung ethnischer Kunst, vor allem japanische Holzschnitte, sowie historisches Spielzeug: kleine Modellautos, Märklin-Lokomotiven, solche Dinge. Damit verbringe ich momentan die Zeit, wenn ich nicht vor dem Fernseher sitze und trommle.


Das Interview erschien zuerst in der sehr empfehlenswerten Musikzeitschrift JAZZTHETIK 5/6 2022 (www.jazzthetik.de)


weiterlesen:


https://christophwagnermusic.blogspot.com/2018/08/zum-tod-von-aretha-franklin-1942-2018.html


https://christophwagnermusic.blogspot.com/2012/10/nonchalance-aki-takase-han-bennink.html



Monday, 8 March 2021

Brötzmann@80

Von Altersmilde keine Spur

 

Er ist weltweit der bekannteste deutsche Jazzmusiker – jetzt wird Saxofonist Peter Brötzmann 80 Jahre

 



 cw. Peter Brötzmann ist einer der wenigen deutschen Jazzmusiker, die man auch im Ausland kennt. Ob Japan, Großbritannien oder die USA, wo immer der Saxofonist auftritt, sind die Säle voll. Vor allem in Amerika verehrt ihn eine ergebene Fangemeinde. Seit er Mitte der 1970er Jahre das erste Mal in New York auftrat, hat er mit einer Vielzahl von Musikern gespielt, darunter  Jazzgrößen wie Bill Laswell oder Cecil Taylor. 

 

Der Freejazzer aus Wuppertal gilt als Saxofon-Berserker, der alle musikalischen Barrieren niederriß und die Improvisation auf die Spitze trieb. Jetzt im Herbst seines Lebens – Brötzmann wird am 6. März 80 Jahre alt – treiben ihn andere Gedanken um. “Man stößt bei der totalen Improvisation an Grenzen, die sich nicht weiter hinausschieben lassen,” bringt er seine Erfahrungen auf den Punkt. Diese Erkenntnis hat Brötzmann für eine Kurskorrektur genutzt. Sowohl sein Soloalbum “I Surrender Dear”, als auch die letzte Einspielung mit der Pedal-Steel-Gitarristin Heather Leigh (Titel: “Sparrow Nights”) bieten anstelle von Freejazz-Tumult über weite Strecken Andacht und Versenkung. Ist Brötzmann altersmild geworden? 

 

Der Schwenk kam nicht über Nacht und auch nicht ganz freiwillig. Vielmehr hat eine Lungenerkrankung, die Brötzmann mehr und mehr den Atem raubt, ihn zur Kurskorrektur gezwungen. Darüber hinaus hat die Zusammenarbeit mit der amerikanischen Pedal-Steel-Gitarristin Heather Leigh die Tendenz noch verstärkt. “Die Pedal-Steel-Gitarre ist ein Instrument, das sehr gut schwebende und wolkige Töne erzeugen kann,” sagt Brötzmann. “Darauf musste ich reagieren, also anders spielen.” 

 

Seine Neuorientierung möchte Brötzmann keineswegs als Distanzierung von seiner Vergangenheit verstanden wissen – im Gegenteil: “Unsere Revolte in den 1960er Jahren war wichtig, um Dinge aufzubrechen, zu verändern,” bemerkt der einstige Bürgerschreck in Sachen Musik nicht ohne Stolz. “Doch heute stellt sich die Situation anders dar.”


Brötzmann mit Full Blast

 

Wenn jetzt die Pandemie Brötzmann eine musikalische Zwangspause verordnet, beschert sie ihm gleichzeitig mehr Zeit für seine andere Leidenschaft, die bildenden Kunst. Obwohl ihm die kalte Luft im Freien die Brust zuschnürt, geht der Wuppertaler fast täglich die zehn Meter von seiner Wohnung in sein Atelier im Hinterhaus, um sich in die Arbeit an Ölgemälden, Materialbildern, Objektkästen, Druckgraphiken oder kleinen Skulpturen zu stürzen. Ein Buch mit dem Titel “Brötzmann: Along The Way”, das zu seinem 80. Geburtstag erscheint, dokumentiert seine Arbeiten der letzten zehn Jahre.

 

Sein Handwerk hat der Graphikdesigner Ende der 1950er Jahre auf der Werkkunstschule in Wuppertal erlernt. Danach war er Assistent von Nam June Paik und nahm mit dem Multimedia-Avantgardisten an diversen Fluxus-Performances und Ausstellungen teil, die den Kunstbegriff auf den Kopf stellten. 

 

Mit der gleichen Radikalität warf Brötzmann ein paar Jahre später die Jazztradition über den Haufen und schockierte mit brachialen Improvisationen. Seitdem hat er seine Konzeption immer wieder variiert und modifiziert. Nun zwingt ihn die Pandemie zu einer Auszeit, die ihm gar nicht in die Planung passt. “Die Zeit, die mir bleibt, wird kürzer und kürzer. Doch würde ich gerne noch ein paar musikalische Projekte machen. Deshalb bin ich wütend auf den Virus, der mir die Arbeitszeit stiehlt,” echauffiert sich der Jazzveteran. Von Altersmilde keine Spur.

 


Sunday, 14 December 2014

BEST OF 2014

Von Voodoo-Funk bis Ethno-Rock

Neun Musiker und Musikerinnen empfehlen die besten Alben von 2014


Justin Adams (Bath, England / Gitarrist von Robert Plant & The Sentational Space Shifters)

Mein Sohn hält mich mit HipHop und Dubstep auf dem Laufenden, wobei ich das Gefühl habe, dass diese Stilrichtungen der echte Rock ‘n’ Roll von heute sind. Angel Haze ist eine Rapperin mit fetten Beats und einer starken Haltung, ihr Album ‘Dirty Gold’ (Universal / Island) hat mich beeindruckt. Auch der Drummer Dave Smith, der mit mir bei Robert Plant spielt und auch in meiner eigenen Gruppe Juju am Schlagzeug saß, hat mit seiner Band Fofoulah eine kleine ‘Live’-EP (Loop Records) produziert, die sehr interessat ist. Sabar-Rhythmen aus dem Senegal verbinden sich mit cooler Elektronik und losem poly-rhythmischen Spiel – toll!

Irène Schweizer (Zürich, Schweiz / international bekannte Schweizer Jazzpianistin)

Es kommen nonstop CDs auf dem Markt, die ich fast alle musikalisch belanglos finde - schade!  Da ich viel lieber Musik ‘live’ höre, kaufe ich mir selten neue CDs. Aber mein neues Album ‘Spring’ (Intakt Records) mit dem Saxofonisten Jürg Wickihalder gefällt mir ziemlich gut. Doch Selbstlob ist ja eigentlich nicht erlaubt! 







Alex Neilson (Glasgow, Schottland / Drummer und Sänger der Gruppen Trembling Bells, Death Shantis und Crying Lion)

2014 gab es fantastische Alben von ein paar Freunden und Kollegen von mir: ‘Voices from Rented Room’ (Drag City) von New Bums zählen dazu, auch Elisa Ambrogios’ ‘The Immoralist’ (Drag City) sowie Current 93 mit ‘I Am The Last Of The Field That Fell’ (The Spheres). Aber die Veröffentlichung, die mich wirklich umgehauen hat, war ‘The Complete Basement Tapes’ von Bob Dylan, die auf Columbia Records erschien. Es ist ein riesiger Behälter von Folk- und Country-Songs, auch Improvisationen, Lieder, die einfach so im Vorbeigehen entstanden sind. So klingt Dylan, wenn er total entspannt und am fruchtbarsten ist. Er legt dann die Fessel ab, die ‘Stimme einer Generation’ zu sein und kann direkt aus seinem überschießenden kreativen Jungbrunnen schöpfen. Und seine Begleitgruppe The Band erweckt die Musik auf erfinderische und sinnliche Weise zum Leben.

Peter Brötzmann (Wuppertal / international bekanntester deutscher Jazzsaxofonist)

Meine letzte Neuerwerbung war ein Album mit dem Titel: ‘Dinah Jams’ (Waxtime Records) von der amerikanischen Jazzsängerin Dinah Washington, ‘live’ aufgenommen 1954 und vor einiger Zeit wiedererschienen. Da gibt es eine Version von ‘Lover Come Back To Me’, und da kommen mir fast die Tränen. Da ist alles drin, was (Jazz-)Musik ausmacht: eine ungeheure Sensibilität in allen Bereichen! Aber auch der Rest ist großartig, mit einer Sängerin, an der sich die jungen Sängerinnen von heute gleich mal ein paar grosse Scheiben abschneiden könnten. Und drei hervorragende Trompeter sind auch dabei - Clifford Brown, Maynard Ferguson, Clark Terry, dazu der fantastische Schlagzeuger Max Roach.


Mulatu Astatke (Addis Abeba, Äthiopien / Vibrafonist und Bandleader mit weltweitem Erfolg)

Seit sieben Jahren mache ich ein Radioprogramm in Addis Adeba, das ich mit ein paar Freunden betreibe, was eine Neuheit für Äthiopien war.  Ich habe die Sache in letzter Zeit etwas ruhen lassen, weil ich viel unterwegs war: Konzerte überall auf der Welt,


Schallplattenaufnahmen etc. Jetzt mache ich mit dem Radioprogramm weiter und werde zuerst ein Album spielen, das mir ein Freund aus Deutschland gegeben hat. Es ist die fantastische CD ‘Beyond Addis’ (Trikont). Sie präsentiert die internationale Szene des ‘Ethio-Jazz’, einer Musik aus äthiopischen Melodien und psychedelischen Rock- und Jazzklängen, die ich in den 70er Jahre erfunden habe. Heute lassen sich junge Musiker auf der ganzen Welt davon inspirieren und spielen diesen Stil. Das freut mich, weshalb ich dieses Album nur wärmstens empfehlen kann.


Jan Weissenfeldt (alias JJ Whitefield, München / Gitarrist der Poets of Rhythm, der Whitefield Brothers und von Karl Hector & The Malcouns)
 Foto: Dennis Pernath
Die ‘Phin’ ist ein traditionelles Instrument, das in Ost-Thailand und Laos beheimatet ist und mit der Gitarre verwandt ist. In den 70er Jahren wurde es elektrifiziert, was eine moderne Version des klassischen Molam-Stils hervorbrachte. Gepaart mit traditionellen Trommeln aber auch westlichen Instrumenten wie Schlagzeug und E-Bass ist es die aktuelle Musik bei Hochzeiten, Familienfeste und Strassenumzüge in Thailand. Khun Narin, einer der populärsten elektrischen ‘Phin’-Spieler ist der erste, der seinen hypnotisch-psychedelischen Ethno-Rock ausserhalb Thailands veröffentlicht. Die CD heisst Khun Narin’s Electric Phin Band (Innovative Pleasure) und ist ein akustisch-exotischer Trip, der seinesgleichen sucht.

Lu Edmonds (London, England / Gitarrist von John Lydon’s PiL und den Mekons)

Ein paar junge vitale Musiker und Produzenten aus dem Iran gaben mir das Album ‘Jooy-e-Noghre-ye-Mahtab - Duo for Setar & Tombak’ von Navid Afghah auf der diesjährigen Weltmusik-Messe "Womex". Die CD enthält total außerirdische Musik gespielt auf der dreisaitigen Setar-Laute und der Tombak-Handtrommel, sehr schön aufgenommen. Das ist traditionelle Musik mit atemberaubenden musikalischen Wendungen, die problemlos an die beste klasssiche Musik des Westens heranreicht. Die Musiker spielen derart beseelt, dass man nur staunen kann: sehr sensibel und leicht, und doch voller Leben und Schwung! Aber ihr Zusammenspiel ist das eigentliche Wunder - manchmal sehr explosiv! Diese CD führt die Ohren in einen Raum, den man nur selten betritt.

Markus Acher (Weilheim, Bayern / Sänger von The Notwist, Post-Rockband mit weltweitem Erfolg)
 The Notwist mit Markus Acher (ganz rechts)
Schwierig, die eine liebste Platte dieses Jahres zu bestimmen, aber meine liebste Sun Ra-Platte haben auf jeden Fall das Duo Shabazz Palaces mit "Lese Majesty" veröffentlicht. Die Erinnerung an HipHop in einer ins All davonkreiselnden Weltraumsonde ... Afrika und der Mond .... Anfang und Ende der Zivilisation zusammengetrommelt in die Hallspirale.





Nik Bärtsch (Zürich, Schweiz / Pianist und Bandleader der Zen-Funk-Band Ronin)

Mein Album für 2014 ist ‘Race’ von Dee Day Dub. Die Band attackiert mit anarcho-futuristischem Voodoo-Funk, als ob sie auf einem fernen Planeten in einer freakigen Bar vor Spacepiraten und bizarren Wesen um ihr Leben spielen würde. Die Working-Band hat ein Flair für kauzige Grooves, trippeldeutige Texte und schräge aber eingängige Melodien.