Wednesday, 4 March 2026

James Brandon Lewis in Singen

Elektrischer Funkjazz


Der neue Jazzstar James Brandon Lewis in Singen vor vollen Rängen


Fotos: C. Wagner


James Brandon Lewis ist der neue Star im Jazz. 2025 krönte ihn Down Beat, das führende Jazzmagazin in den USA, sowohl zum Saxofonisten als auch zum Musiker des Jahres. In Singen ist Brandon Lewis schon länger kein Unbekannter mehr. Mit einem guten Riecher für aufkeimende Talente hat ihn der Jazzclub Singen bereits zwei Mal im Konzert präsentiert: im Herbst 2023 und 2024, damals mit verschiedenen akustischen Ensembles. 


Jetzt stellte sich Brandon Lewis im Kulturzentrum Gems mit seinem neuen Trio vor, das aus dem Schlagzeuger Warren 'Trae' Crudup und Josh Werner besteht, der nicht Kontrabass, sondern Baßgitarre spielt. Dieser scheinbar kleine, aber doch signifikante Unterschied macht deutlich, dass hier nicht akustischer Jazz geboten wird, sondern ein elektrischer Funkjazz, der ursprünglich auf Herbie Hancock’s Headhunters zurückgeht und dem Motto folgt: Jazz Is the Teacher, Funk Is the Preacher!



Offenbar will Brandon Lewis kreativ nicht auf der Stelle treten, sondern frische Konzepte erproben. Dafür läßt er sich von Jazzgrößen wie Ornette Coleman und Don Cherry inspirieren und macht deren Ideen für die Gegenwart fruchtbar.


Nicht nur die Baßgitarre ist für das Trio stilprägend. Auch das „funky“ Schlagzeug trägt seinen Teil dazu bei, dass die Rhythmusgruppe wie ein eng verzahntes Räderwerk funktioniert. Über dem „Funk“ dieser gutgeölten Groove-Maschine bläst Brandon Lewis seine klaren, erdigen Melodien, die danach in Improvisationen voller Inbrunst und Leidenschaft münden und sich manchmal fast bis zur Ekstase steigern. Zwischen die aufbrausenden Stücke schiebt der Bandleader immer wieder ruhigere Kompositionen, die über einem freien Rhythmus eine hymnische Kraft entfalten. Die Zugabe widmete er seinem Vater, der seit ein paar Jahren gesundheitlich angegriffen ist. Hoffentlich hilft ihm die Power des Saxofonspiels seines Sohns, wieder auf die Beine zu kommen.  


 

SCHEIBENGERICHT Nr. 57: Eve Rissers Folkore imaginaire

Ensemble Ensemble

Live at Atelier du Plateau


BMC Records



Das Ensemble Ensemble ist ein Quintett, das von Eve Risser ins Leben gerufen wurde. Die Pianistin, die in Colmar aufwuchs, hat sich dazu die Vokalistin und Elektronikerin Mari Kvien Brunvoll und den Gitarristen Kim Myhr, beide aus Norwegen, ins Boot geholt, plus den rumänischen Violinisten George Dumitriu sowie ihren französischen Landsmann Toma Gouband, ein Spezialist für Schlagwerk aus Stein und anderen Naturstoffen. 


Eine wahrlich multinationale Gruppe hat sich hier zusammengefunden, die darauf abzielt, Konzepte der improvisierenden Avantgarde mit Elementen der Volksmusik aus Norwegen und dem Elsaß zu verschmelzen, Musik, die aus dem Fundus der Tradition schöpft, diese aber auf experimentelle Weise verarbeitet.



Beim Auftritt im Atelier du Plateau in Paris im Juni 2018 kreierten die fünf Musikerinnen und Musiker in fünf Stücken äußerst delikate Klangtexturen, die sich – fein verwoben – in gemächlichem Schritt bewegten, sehr lose zusammengesetzt und äußerst transparent waren, wobei die Musik immer wieder eine Atempause einlegte, die von elektronischen Drones ausgefüllt wurde. Das kollektive Spiel ist fein austariert und perfekt aufeinander abgestimmt. Ego-Trips kommen nicht vor. Das Ensemble Ensemble begreift sich als Gruppe, bei der der Gruppenklang im Zentrum steht, nicht die Soli von Solisten. 


Während Brunvoll norwegisches Volksliedmelodien intoniert und sie gelegentlich mit dem Sampler einfängt, verdoppelt und wieder einspeist, läßt Risser ihr präpariertes Klavier wie ein afrikanisches Ballafon oder ein Gamelan aus Java klingen. Dumitriu spielt auf der Geige zumeist Pizzicato oder bordunartige Langtöne, während Myhr hallige Gitarrenakkorde einstreut und Gouband auf Felzstücken steinzeitliche Morsesignale klopft. Zusammen ergibt das eine tief in sich versunkene Meditation in Klang – Musik von traumartiger Imagination. 


Hörprobe:

Ensemble Ensemble in Rezé (youtube)





 

Tuesday, 3 March 2026

1560: VOLKSFEST UM EINEN BAUM HERUM

Ich bin heute beim Besuch des Museums Carnavalet in Paris auf ein Wandgemälde gestoßen, das eine Festtagsszene in der französischen Hauptstadt um 1560 zeigt, späte Renaissance. Das Bild trägt den Titel: Fete populaire autour d'un arbre – Volksfest um einen Baum herum.


Es zeigt Volksbelustigungen und Spiele (kegeln und Kreisel schlagen). Sich an Tücher haltend und so miteiander verbunden, wird ein Rundtanz getanzt zur Musik einer vierköpfigen Kapelle, die sich in der Baumkrone befindet: ein Musikant spielt Einhandflöte und Trommel, zwei spielen Dulcian und einer Posaune. Die Musikanten tragen eine Art Uniform, was sie vielleicht als Stadtmusikanten ausweist, die in großen Städten in einer Innung (oder Zunft) organisiert waren, wie andere Handwerker auch. Sie bezogen ein festes Gehalt, hatten dafür aber für die Musik bei offiziellen Anlässen zu sorgen, was sie von fahrenden Musikanten unterschied. Im Hintergrund ist außerdem ein einsamer Geiger zu sehen, der einer Dame aufspielt. Möglicherweise handelt es sich bei ihm um einen fahrenden Musikanten. Zwei Beteiligte sind karnevalistisch als Harlekins gekleidet.


Friday, 27 February 2026

Vom Musiker zum Textilkünstler: Ficht Tanner ehemals Appenzeller Space Schöttl

DIE VERWANDLUNG

Ficht Tanner: Musiker und Textilkünstler

Ich lernte Ficht Tanner (schon sein Name eines dieser Schweizer Unikate, die es sonst nirgends mehr gibt) Mitte der 1980er Jahren kennen, als er als Mitglied des Duos Appenzeller Space Schöttl die Schweizer Volkmusik durchschüttelte und damit einer Frischzellenkur unterzog. Ficht spielte die 'Baßgiige', während Tobi Töbler auf dem Hackbrett klöppelte. Es war diese Zeitperiode, als unter dem Einfluß  amerikanischer Musiker wie Ry Cooder oder irischer Bands wie The Pogues, auch im Alpenraum Gruppen wie Attwenger (Linz), Roland Neuwirth's Extremschrammeln  (Wien) oder Die Interpreten aus München anfingen, sich erstmals mit ihren eigenen Volksmusik-Traditionen auseinanderzusetzen – auf mehr oder minder  experimentelle und fantsievolle Art und Weise.

Das Appenzeller Space Schöttl hatte mit radikal-freier Improvisation begonnen, sich dann aber immer mehr der traditionellen Musik im Appenzeller Land zugewandt und spielten damals einen wunderbaren Mix aus Tradition und Avantgarde. Ich habe sie einmal erlebt, als sie mit dem hochbetagten Geiger Hans Kegel auftraten, einem Urgestein der Appenzeller Streichmusik.


Eine Schallplatte hatten die beiden noch mit ihren freien Improvisationen herausgebracht. Wenn man sie fragte, warum sie nicht auch ihre Volksmusikbearbeitungen auf einem Album verewigen wollten, zuckten sie mit den Schultern und meinten lapidar: 'Es gibt schon genug Plastik in der Welt'. Wenn ich mich nicht täusche, kam dann aber doch irgendwann eine CD heraus.

Ich besuchte die Space-Schöttl-Musiker mit ihrem Manager Yogi Birchler damals in Trogen im Appenzeller Land in ihrem großen Haus und machte sie auch mit meinen Freunden von der englischen Band Accordions Go Crazy bekannt, die auch einmal dort über Nacht unterkamen und mit ihnen jammten. Das Appenzeller Space Schöttl trat dann auch bei den 'Balinger Sommersprossen' 1991 in der kleinen Siechenkirche beim Kreiskrankenhaus auf, vom Balinger Kulturverein veranstaltet.

Eintrag im Gästebuch des Balinger Kulturvereins, Juli 1991:



Das Space Schöttl fiel irgendwann auseinander und ich verlor Ficht aus den Augen. Während sein Kollege Tobi Töbler sich in Richtung New-Age-Music bewegte, gab es Gerüchte, dass Tanner mittlerweile bildender Künstler geworden sei und Textilkunst machen würde: Stickereien, Textil-Patchwork-Arbeiten, solche Sachen. Es verwunderte mich zuerst, dann aber auch wieder nicht, weil seine Frau, Therese Hächler, ebenfalls Textilkünstlerin war, die mit Faden und Schere arbeitete.


Jetzt bin ich in einer wirklich absolut bemerkenswerten Ausstellung in Paris im Museé l'Art Brut in La Halle Saint Pierre plötzlich vor textilen Arbeiten von Ficht Tanner gestanden –  absolut erstaunlichen Werken! Ich war ziemlich perplex. Aber kein Zweifel: Es muß der selbe Ficht Tanner sein, den jemand, mit so einem Namen gibt es nicht zweimal. 

Eines seiner Motive schmückt sogar  das Plakat der Ausstellung, die den schönen Titel trägt: 'Der Stoff der Träume'. Es ist doch ziemlich erstaunlich, welche sonderbaren Wege Biographien manchmal nehmen können. Und, by the way: Musik macht Ficht noch immer – ganz allein, nur mit Kontabass und Gesang.


Tuesday, 24 February 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 56: PIERRE FAVRE – Perkussion total

Pierre Favre & Sergio Armaroli, Andrea Centazzo, Francesca Gemmo 

The Art Of Sound(s) 

Hat Hut Records / NRW

Wenn das Klavier – wie Cecil Taylor meinte – ein Instrument mit 88 gestimmten Trommeln ist und auch für das Vibraphon diese Charakterisierung gilt, könnte man die Gruppe, die Pierre Favre für diese Aufnahmesession um sich scharte, durchaus als Perkussionsensemble bezeichnen, was nicht sein erstes wäre. Der Schlagwerker Andrea Centazzo, der Vibraphonist Sergio Armaroli und die Pianistin Francesca Gemmo bilden neben dem Schweizer Altmeister – er wird nächstes Jahr neunzig – die Formation, die eine Musik macht, welche für die sanftere Spielart der freien Improvisation in Europa steht. 



In einer Suite aus acht Sätzen werden fein ziselierte und pointillistische Improvisationen in Szene gesetzt, bei denen es manchmal vor Tönen nur so wuselt, die durcheinander purzeln und prasseln und sich zu musikalischen Wimmelbildern verdichten. 


Hölzerne Tempelblocks und eine Vielzahl an Metallbecken, Gongs und Trommeln werden mit unterschiedlichen Stöcken, Klöppeln und Besen zum Klingen gebracht. Sie verbinden sich mit den Akkorden, Intervallen und kleinen Melodien von Piano und Vibraphon zu polymorphen Gebilden. Bei anderen Stücken geben die beiden Melodieinstrumente die Richtung vor und lassen subtile Klänge behutsam durch den Raum schweben, auf die die Schlagzeuger mit Fingerspitzengefühl antworten. 


Zum Reinhören:

https://first-archive-visit.bandcamp.com/album/the-art-of-sound-s



Sunday, 8 February 2026

Das TRAUTONIUM – Urmutter des Synthesizers

 Rares Konzert: PETER PICHLER spielt TRAUTONIUM


Sonntag, 26. April 2026 (Beginn: 19:15 Uhr)

Theaterhaus Stuttgart, Halle T3




Neben dem russischen Theremin und dem französischen Ondes Martenot bildete es eines der ersten elektronischen Musikinstrumente überhaupt: Das Trautonium wurden 1930 in Berlin vom Ingenieur Friedrich Trautwein erfunden unter entscheidender Mitwirkung des Komponisten Paul Hindemith, der auch die ersten Stücke für das Instrument schrieb. Bei öffentlichen Veranstaltungen wurde die Wundermaschine vorgestellt und erregte mächtig Aufsehen. Oscar Sala, der als junger Musikstudent in die Entwicklung des Trautoniums involviert war, nahm sich dem Instrument an und wurde für lange Zeit sein Hauptprotagonist. Sala unternahm Konzertreisen und vertonte Werbefilme für die Industrie. 1963 gelang ihm sein größter Coup, als er für Hitchcocks Film ‘Die Vögel’ den Soundtrack lieferte. Der Megaerfolg holte das Instrument schlagartig aus seinem Nischendasein hervor und machte es zu einem Klangerzeuger, der Neugierde hervorrief und allgemeines Interesse weckte, was aber nicht von Dauer war.


Nach dem Tod von Oskar Sala 2002 nahm sich Peter Pichler aus München dieser Großmutter des Synthesizers an. Pichler hatte zuvor in Indie-Bands gespielt, auch den bayerischen Barden Hans Söllner begleitet, um sich jetzt voll dem Trautonium zu widmen. Er gab Kompositionen in Auftrag, wirkte bei Theaterproduktionen mit und gab Alben mit Trautonium-Musik heraus. Heute ist Pichler der Hauptvertreter dieses rätselhaften Klangapparats aus der Urzeit der elektronischen Musik, wobei er es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Trautonium auf die Höhe der Zeit zu bringen und es zu einem Klangerzeuger aktueller Musik zu machen.



In dem multimedialen Konzert im Theaterhaus Stuttgart am Sonntag, den 26. April 2026 (Beginn: 19:15 Uhr), das von Christoph Wagner unter dem Motto seiner neuen Buchveröffentlichung „Freak-Sounds – Musik abseits der Norm“ (edition neue zeitschrift für musik, 2025) präsentiert wird, stellt Pichler das Trautonium in allen möglichen musikalischen Facetten vor – von den Anfängen in die Gegenwart und darüber hinaus. Der Auftritt ist eine rare Gelegenheiten dieses Urinstrument elektronischer Musik in einem aktuellen Programm zu erleben, eine Gelegenheit, die man sich nicht entgehen lassen sollte.


Tickets im Vorverkauf: 

https://www.theaterhaus.com/de/programm-tickets/freak-sounds-musik-abseits-der-norm/1248

Bono schreibt an Captain Beefheart


 Captain Beefheart & The Magic Band: Abba Zaba (Youtube)


 Captain Beefheart & The Magic Band