Erst war sie auf ARTE zu sehen und jetzt auch im SWR-Fernsehen: Die äußerst sehenswerte Doku von Katarina Schickling über das 2. British Rock Meeting in der Nähe von Germersheim – Pfingsten 1972. 100 000 Besucher und ich war dabei !!
"Das Deutsche Woodstock – Flower-Power in der Pfalz"
Curved Air war die Band in Germersheim, die das Festival am Pfingstdienstagmorgen 1972 beendete. Es war eine der Gruppen, wegen denen mein Kumpel Bernhard Schuler und ich zu dem Festival gepilgert sind. Nach drei Tagen fast ohne Schlaf überfiel Bernhard eine bleierne Müdigkeit, die so überwältigend war, dass er den Auftritt von Curved Air schlafend verpasste. Ich versuchte ihn noch wach zu rütteln, doch da war nichts mehr zu machen.
Curved Air in Germersheim, die Band, die das Festival am Pfingstdienstagmorgen beendete. Es war eine der Gruppen, wegen denen mein Kumpel Bernhard Schuler und ich zu dem Festival gepilgert sind. Nach drei Tagen fast ohne Schlaf überfiel Bernhard eine Art bleierne Müdigkeit, die so überwältigend war, dass er den Auftritt von Curved Air schlafend verpasste. Ich versuchte ihn noch wach zu rütteln, doch da war nichts mehr zu machen.
The Young Gods spielen die Ursonate der Minimalmusik
The Young Gods (Promo / Charlotte Walker)
cw. Als Popband sind sie eine Institution: The Young Gods aus Fribourg sind vielleicht die international einflussreichste Schweizer Rockgruppe. Pop-Größen wie David Bowie, Mike Patton (Faith No More) oder The Edge von U2 haben sich von ihrer Musik inspirieren lassen. Seit 37 Jahren befindet sich die Band auf einer musikalischen Odyssee, die sie von Post-Punk und Industrial Rock über akustische Klänge und Ambient-Sounds zu den Songs von Kurt Weill und des Woodstock-Festivals führte. Solche Abstecher wurden meistens durch Impulse von außen angestoßen, von Personen, denen die Musiker begegneten, oder durch Musik, die ihnen gefiel. „Dadurch hat sich unsere Fahrtrichtung immer wieder geändert,“ stellt Bandleader Franz Treichler fest.
The Young Gods wurden seit Ende der 1980er Jahre vor allem durch ihre Arbeit mit Samplern berühmt. Die Instrumente, die auf ihren Platten zu hören sind, wurden nicht wirklich gespielt, sondern aufgenommen, um sie mittels Keyboard abzurufen. Auch wenn die Band zu Beginn noch nicht durch und durch elektronisch klang, kamen doch alle Sounds vom Sampler, egal ob Natur- oder Umweltgeräusche, Gitarre, Geige oder Baß. „The Young Gods entstanden wegen der Technologie, davor habe ich in einer anderen Band Gitarre gespielt,“ erklärt Treichler. „Als der erste erschwinglicher Sampler auf den Markt kam, veränderte das vollkommen meine musikalische Praxis. Mit den Young Gods begann mein elektronisches Abenteuer.“
Die kreative Arbeit mit dem Sampler, der inzwischen vom Laptop abgelöst wurde, ist ein sehr persönlicher Prozeß: Ideen werden gesammelt, Klänge und Geräusche aufgenommen und bearbeitet. Dann treffen sich die drei Bandmitglieder im Proberaum zu Jam-Sessions, bei denen improvisiert und mit dem Klangmaterial gespielt wird, bis sich Strukturen, Melodien oder Riffs herausschälen. „Jeder bringt Ideen ein,“ beschreibt Schlagzeuger Bernard Trontin die Arbeitsweise. „Ich steuere nicht nur Drum-Beats bei, sondern komme auch mit Sounds daher, die ich gesampelt habe, oder elektronischen Loops, die mir interessant erscheinen.“ Während der Jam-Sessions entwickeln sich die Arrangements, wobei Trontin versucht, jeder Nummer einen speziellen Rhythmus maßgerecht auf den Leib zu schneidern.
Gerade haben The Young Gods ein Album eingespielt, das von dieser bewährten Praxis abweicht. Sie haben die Komposition „In C“ von Terry Riley aufgenommen, das Stück, das als Initialzündung der amerikanischen Minimalmusik gilt. Die Ursonate des Minimalismus erlebte im November 1964 in San Francisco ihre Uraufführung, bei der viele, der später tonangebenden Minimalisten und Elektroniker als Musiker mitwirkten, von Steve Reich über Pauline Oliveros bis zu Morton Subotnick. Phil Lesh, der Bassist der psychedelischen Rockband The Grateful Dead, schaute öfters bei den Proben vorbei.
„In C“ wurde als Sensation gefeiert und machte Terry Riley über Nacht zu einem Star der Subkultur. The Who widmete ihm das Stück „Baba O’Riley“ und die progressive Rockgruppe Curved Air benannte sich nach seiner Komposition „A Rainbow in Curved Air“. Bis heute erfreut sich „In C“ anhaltender Beliebtheit in der Popszene. In London waren Musiker von Stereolab vor ein paar Jahren an einer Aufführung beteiligt, wofür sie eigens das Notenlesen lernten. Der Gitarrist von Portishead Adrian Utley präsentierte das Stück 2013 mit einen „Guitar Orchestra“, während Blur-Sänger Damon Albarn ein Jahr später nach Mali reiste, um mit der Gruppe Africa Express eine Version mit Balafonen, Kalimbas, Koras und Djembe-Trommeln einzustudieren.
Und jetzt The Young Gods. Gekonnt verwandeln sie „In C” in ein elektronisches Wunderwerk, bei dem Beats und Loops in aufregender Manier ineinandergreifen. Wieder kam der Anstoß von außen und von ungewöhnlicher Seite. Benedikt Hayoz, der junge Dirigent des hochkarätigen Fribourger Blasorchesters Landwehr, dessen Geschichte mehr als 200 Jahren zurückreicht, brachte die Young Gods auf die Idee. Treichler kannte das Stück, hatte aber nie in Betracht gezogen, es selber einmal zu spielen. „Als uns Benedikt Hayoz eine Kooperation vorschlug, stellte ich mir das Stück gespielt von hundert Bläsern und den Young Gods vor,“ so Treichler. „Eine reizvolle Vision.“
Proben wurden anberaumt, die Spielregeln der Partitur erläutert und einstudiert. Langsam nahm das Projekt Gestalt an. Dann präsentierten die Young Gods mit dem Landwehr-Blasorchester das Stück etliche Male „live“. „Es gefiel uns so gut, dass wir Lust bekamen, die Komposition als elektronisches Powertrio aufzunehmen,“ erinnert sich Treichler. Nach etlichen weiteren Aufführungen mit einem Tanzensemble, ging es ins Studio, wo ein halbes Dutzend Versionen aufgezeichnet wurden und dann die beste ausgewählt. „Nie ist es das gleiche Stück, obwohl es Vorgaben gibt, die aber so flexibel sind, dass es jedesmal anders klingt,“ erklärt Drummer Bernard Trontin.
The Young Gods play Terry Riley 'In C' / part 1 (youtube)
Für ihn stellte die Komposition eine besondere Herausforderung dar. Weil in der Partitur kein Schlagzeug vermerkt ist, musste Trontin seinen eigenen Part erfinden. Aus den 53 vorgegebenen musikalischen Modulen, von denen manche nur aus drei Noten bestehen, entwickelte er individuelle Trommelrhythmen. „Ich übersetzte jede Sektion in ein spezielles Schlagmuster,“ erzählt der Drummer. „Dann musste ich äußerst genau hören, was zwischen den beiden elektronischen Instrumenten passierte, um schnell darauf reagieren zu können.“
Das Ergebnis ist eine knapp 60minütige, vor Spannung und Elektrizität knisternde Version des Ursprungswerk der Minimalmusik, knapp 60 Jahre nach seiner Geburt. Jetzt sind die Young Gods gespannt, was Komponist Terry Riley dazu sagen wird.
The Young God play Terry Riley In C (Two Gentlemen Records)
Vor 50 Jahren fand das deutsche „Woodstock“ auf der Rheinhalbinsel Grün bei Bruchsal statt – 70.000 Rockfans strömten zum 2. British Rock Meeting
Amon Düül 2 beim 2. British Rock Meeting 1972 (Foto: Manfred Rinderspacher)
cw. Sie reisten in buntbemalten VW-Bussen an, per Autostopp oder mit der Bahn – an Pfingsten 1972 (vom 20.– 22. Mai) pilgerten an die 70.000 Rockfans aus ganz Europa auf die Rheinhalbinsel Grün bei Bruchsal, wo das bis dahin größte Openair-Popfestival in Deutschland stattfand: das 2. British Rock Meeting.
Nach einem heftigen Gerangel im Vorfeld (bis kurz vor Beginn war nicht klar, ob das Openair überhaupt stattfinden würde und wo?) ging das deutsche „Woodstock“ friedlich, entspannt und ohne größere Zwischenfälle über die Bühne, obwohl im Vorfeld schlimme Befürchtungen geäußert worden waren. „Tausende von Drogenabhängigen werden unsere Stadt zerstören“, hatte der Bürgermeister der angrenzenden Gemeinde Germersheim die Angst vor einer Hippie-Invasion zum Ausdruck gebracht. Doch am Ende war selbst die Polizei voll des Lobs für die langhaarigen und buntgekleideten Festivalbesucher. „Keine Zwischenfälle!“ gaben die Ordnungshüter Entwarnung.
Mehr als 30 Rockgruppen standen auf dem Plakat, angeführt von Pink Floyd, Rod Stewart und den Doors. Doch etliche der angekündigten Stars kamen nicht, dafür Rory Gallagher, The Kinks, Osibisa und Humble Pie. Bei einem Eintrittspreis von 22 DM meinte es der Wettergott gut mit den jugendlichen Popfans. Die meiste Zeit schien die Sonne. Die Schwierigkeiten begannen allerdings schon damit, überhaupt zum Festivalgelände zu gelangen, da es nur eine einzige Zufahrtstraße gab, die bald hoffnungslos verstopft war.
Achim Reichel & Machines beim 2. British Rock Meeting 1972 (Foto: Manfred Rinderspacher)
Trotz einer Doppelbühne dauerte es oft lange, bis jeweils die nächste Band startklar war, wobei das Publikum eine Eselsgeduld bewies. Entfernte man sich ein paar hundert Meter von der Bühne, war die Musik kaum noch zu hören, obwohl die Verstärkeranlage nebst Crew extra aus England herangeschafft worden waren. Die Musiker konnten ebenfalls von vielerlei Ungereimtheiten berichten, vor allem die deutschen. Für sie gab es keine Garderobewagen, während das für die Stars aus England und Amerika eine Selbstverständlichkeit war. Die einheimischen Musiker mussten sich im Freien hinter der Bühne herumdrücken, bis sie mit ihrem Auftritt dran waren.
Die Band mit dem kürzesten Anfahrtsweg war Guru Guru, die im Odenwald bei Heidelberg wohnte. Allerdings gab es da ein Problem: Bassgitarrist Uli Trepte hatte kurz zuvor die Gruppe verlassen. Für ihn sprang kurzerhand Hellmut Hattler von Kraan ein. „Das war schon eine tolle Erfahrung. Es war unglaublich vor so einer Menge von Leuten zu spielen,“ erinnert sich der Bassist aus Ulm. „Wir waren Samstagnacht dran – direkt nach Pink Floyd. Ich bin also einer der wenigen deutschen Rockmusiker, der von sich behaupten kann, dass Pink Floyd bei ihm im Vorprogramm spielte.“
Der Auftritt von Pink Floyd avancierte zum Höhepunkt des gesamten Festivals. Die Band aus England zelebrierte einen magischen Gig, der durch die superbe Lightshow noch eine visuelle Dimension bekam. „Das Totalerlebnis aus Klang, Farbe und Bühnenshow hatte echtes Format,” lobte ein Zeitungskritiker. Zum Finale wurden Leuchtraketen aus den beiden Baßtrommeln des Schlagzeugs abgefeuert.
Pink Floyd, 1972 (Foto: Martin Schultz)
Eine Band folgte auf die nächste und das rund um die Uhr, wobei nur die Umbaupausen eine Verschnaufpause gewährten. Popfans, die nahe der Bühne lagerten, brauchten ans Schlafen erst gar nicht zu denken, so laut dröhnte die Verstärkeranlage nahezu ohne Unterlaß. Zwischen den Zuhörern wuchsen die Müllberge beständig und begannen, nachmittags im warmen Sonnenschein einen üblen Geruch zu verbreiten. Sich zu waschen, stand ebenso außer Frage aus Mangel an Wasserstellen und Duschkabinen. Lange Schlangen mit Wartezeiten von über einer Stunde bildeten sich vor den Toilettenwagen, die bald kaum mehr zumutbar waren.
Trotz all dieser Widrigkeiten ließen sich die Popfans die Stimmung nicht verderben. Dass die Doors und Rod Stewart nicht auftraten, wurde mit Unmut zu Kenntnis genommen – doch was konnte man machen? Die Verärgerung bekam die englische Rockgruppe Uriah Heep zu spüren. Wegen eines schlaffen Auftritts wurden sie mit einem Dosenbombardement von der Bühne gejagt.
Drogen waren ein ernsthaftes Problem. Dutzende Festivalbesucher kollabierten und mussten ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Von der Bühne herab wurde immer wieder vor schlechten Drogen gewarnt. Für manchen Besucher erhöhte das aber nur den Abenteuercharakter des Festivals.
Curved Air bildeten den Schlußpunkt des Festivals (Foto: Manfred Rinderspacher)
Wegen vielerlei Erzögerungen dauerte der Musikmarathon bis übers Pfingstwochenende hinaus. Am frühen Dienstagmorgen stand mit der englischen Formation Curved Air die letzte Band auf der Bühne – gerade als die Sonne aufging. „Das war für uns Musiker ein unvergessliches Erlebnis“, schwärmt der Keyboarder der Gruppe noch heute. Und dann traten die Festivalbesucher wieder den oft langen Heimweg an – wer ohne Auto da war, mit dem Daumen im Wind und dem Schlafsack unterm Arm.
Das Germersheim-Festival 1972 hatte einen Vorgänger –
Fernsehbericht über das 1. British Rock Meeting, 1971 in Speyer (youtube)
The Incredible String Band 1972 in Germersheim (Foto: Manfred Rinderspacher)
Meine RADIO-DOKU über das 2. BRITISH ROCK MEETING 1972 in Germersheim kann auf SWR2 noch mindestens bis zum 25. November nachgehört werden. Ein Klick genügt:
Das legendäre 2. British Rock Meeting in Germersheim 1972
von Christoph Wagner
An Pfingsten 1972 ging unweit des Städtchens Germersheim bei Bruchsal das bis dahin größte Popfestival in Deutschland über die Bühne: das 2. British Rock Meeting. Um Stars wie Pink Floyd, Buddy Miles und Family zu hören, versammelten sich 70000 Popfans auf der Rheininsel Grün, was den erbitterten Widerstand der Anwohner auslöste. Trotzdem oder gerade deswegen gilt das Germersheim-Festival heute als eines der bedeutendsten Popereignisse dieser Jahre in der Bundesrepublik. Christoph Wagner rekonstruiert anhand von Interviews mit Musikern (Achim Reichel, Hellmut Hattler) und Fans die abenteuerliche Story dieses inzwischen fast schon legendären Events.
Mit riesiger Verspätung trat am frühen Dienstagmorgen als letzter Programmpunkt des Popmarathons die brititsche Formation Curved Air auf, als über dem Festivalgelände gerade die Sonne aufging. Grüppchen von Zuschauern standen mit ihren Schlafsäcken über den Schultern vor der Bühne und lauschten den klassisch angehauchten Klängen. Für Keyboarder Francis Monkman wurde dieser magische Moment zum Kristallisationspunkt seiner gesamten Zeit bei der britischen Progrockgruppe: „Es war unvergesslich!“
Dazu ist gerade in der 'Curved Air Rarities Series Vol. 3' eine CD erschienen, die den Auftritt von Curved Air beim 2. British Rock Meeting 1972 präsentiert: ein atemberaubender Gig – in recht ordentlicher Klangqualität –, der etwas von der Magie einfängt, die beim Sonnenaufgang an diesem frühen Dienstagmorgen im Mai 1972 herrschte. Ich habe einen Text zum Booklet beigesteuert und der Mannheimer Fotograf Manfred Rinderspacher die Fotos vom Event.
Curved Air: The Second British Rock Meeting (Cherry Red/Rough Trade)