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Thursday, 10 October 2013

Das TOY PIANO: Zur Aktualität eines Kinderinstruments


Die kleine Größe

Isabel Ettenauer, Karlheinz Essl und die Metamorphosen des Toy Pianos





Programmhinweis:
Vom Kinderklavier zum Konzertinstrument - Das Toy Piano wird erwachsen
Eine Sendung von Christoph Wagner
Deutschlandfunk / 11. November 2013 / 20:10 - 21: 00 Uhr



cw. Musikinstrumente machen bisweilen wundersame Verwandlungen
durch. Das Toy Piano ist so ein Fall. Ursprünglich als Kinderspielzeug erfunden, findet es inzwischen zunehmend als Konzertinstrument Beachtung. Ob Pop, Jazz oder avantgardistische E-Musik, überall wird darauf zurückgegriffen. Selbst im Kino feiert es Erfolge: Im Soundtrack zu “Amélie” trägt das Kinderklavier maßgeblich zur surreal-träumerischen Atmosphäre des Films bei.

Das Toy Piano gibt es in zweierlei Form: als Klavier oder Flügel - nur ein paar Nummern kleiner! Doch obwohl es eine konventionelle Pianotastatur besitzt, funktioniert die Tonerzeugung anders als beim normalen Klavier: statt Stahlsaiten werden Metallplättchen mit Hämmerchen angeschlagen. Das macht das Instrument zu einem Verwandten des Xylophons und Glockenspiels. Sein strahlend heller Klang nimmt selbst grellen Dissonanzen die Spitze.

Dazu kommt ein Verfremdungseffekt: Wenn sich ein Erwachsener an das Miniaturinstrument setzt, geraten die Größenverhältnisse durcheinander. Dann fühlen sich die Zuhörer in eine Märchenwelt versetzt - hinter die sieben Berge, zu den sieben Zwergen. Damit kann man arbeiten. “Wenn man mehrere Toy Pianos in einem Raum aufstellt, ergibt das automatisch ein interessantes Bühnenbild,” weiß Isabel Ettenauer, Toy Pianistin par excellence. “Man kann das Instrument szenisch einsetzen, sein theatralisches Element nutzen.”

Was einst im Kinderzimmer begann, hat mittlerweile den Konzertsaal erreicht. 1948 schrieb der amerikanische Komponist John Cage mit der  “Suite for Toy Piano” die erste ernsthafte Komposition für das Spielzeugklavier. Isabel Ettenauer stieß 1993 auf das fünfteilige Werk – mit weitreichenden Folgen. “Ich wollte  dieses Werk unbedingt selbst aufführen und begab mich auf die Suche nach einem passenden Instrument, was nicht leicht war. Schließlich habe ich drei unterschiedliche Instrumente der Marke Schoenhut erworben,” erinnert sich die Toy Pianistin in spe. “Ich blieb nicht bei Cage stehen, sondern ging darüber hinaus. Für mein Projekt ‘The Joy of Toy’ bat ich verschiedene Komponisten, mir Stücke für das Toy Piano zu schreiben.”
                                                                                                                          Foto: Karlheinz Essl

Um ihr Klangfarbenspektrum zu erweitern, ist Ettenauer weiterhin auf der Suche nach “neuen” Modellen, die sie anachronistischerweise in Trödelläden, auf Flohmärkten oder auf Auktionsplattformen im Internet findet. “Wenn ich auf ein Instrument stoße, muss ich es habe,” sagt sie. “Es ist wie eine Sucht!”

Die ausrangierten Kinderklaviere der Vergangenheit werden so zum Soundpool der Zukunft. “Jedes Instrument hat seinen eigenen Charakter und eigenen Klang,” weiß Ettenauer, die inzwischen über 30 verschiedene Modelle zusammengetragen hat. “Es gibt die unterschiedlichsten Typen, die alle anders klingen. Manche Instrumente verwenden Holzhämmerchen, andere Plastikhämmerchen. Sie variieren in der Größe, und auch die Anordnung der Klangstäbe ist nicht immer gleich.” Wenn die österreichische Pianistin heute zu einem Konzert fährt, hat sie ein halbes Dutzend Toy Pianos im Gepäck. Für jede neue Komposition gilt es, das optimale Instrument zu finden.

Im Zuge ihrer Konzerttätigkeit begegnete Isabel Ettenauer 2001 dem Komponisten Karlheinz Essl, der sich nach einem Konzert begeistert über das Toy Piano äußerte und anbot, ein Stück für das Instrument zu schreiben. “Essl tauchte vollständig in die Materie ein,” erzählt Ettenauer. “Ich habe ihm eines meiner Instrumente für einige Zeit ausgeliehen, damit er sich darin vertiefen und damit experimentieren konnte.”

Die Komposition “Kalimba” war das erste Stück, das aus Essls Klangforschungen hervorging. In diesem Werk wird ein winziger Lautsprecher im Instrumentenkasten plaziert, der elektronisch verfremdete Töne ins musikalische Geschehen einspeist. Sie vermischen sich mit den natürlichen Noten des Kinderklaviers zu einem faszinierenden Spiel der Illusionen und Täuschungen, das den Interpreten zum Hütchenspieler mit Tönen macht.


 Doch Essl drang noch tiefer ins Innere des Toy Pianos vor. Er übertrug John Cages Idee vom “präparierten Klavier” auf das Kinderinstrument und ließ in der Komposition “whatever shall be” einen Kreisel im Instrumentenkasten rotieren sowie Fingerhüte über die Metallstäbe gleiten, was einen Glissando-Effekt ergab.

“Essl erforscht das Toy Piano immer wieder auf neue Art und Weise,” sagt Ettenauer. “Jedes Stück ist anders. Jede neue Komposition bringt einen noch nie gehörten Klangkosmos zum Klingen - ein Geschenk für einen Interpreten!”

In Kompositionen wie “WebernSpielWerk” oder “Sequitur V” spielt Essl virtuos auf der Klaviatur digitaler Technologie und entführt mit Laptop, interaktiver Software, Ringmodulator, Flanger und Detuner das Toy-Piano ins Wunderland der Elektronik. Im Stück “Pandora’s Revelation” liefert eine Spieldose das akustische Ausgangsmaterial für die elektronische Verwandlungskunst. In “Sequitur XIV” tritt ein afrikanisches Daumenklavier an deren Stelle.

Töne werden verfremdet und verformt, Klänge pulverisiert und im Raum verstäubt oder auf wundersame Weise vervielfältigt. Manchmal wird ihnen die Bodenhaftung genommen, um sie in scheinbarer Schwerelosigkeit durch den Raum schweben zu lassen. Ein anderes Mal werden Töne verlangsamt oder beschleunigt, bzw. man läßt sie kaskadenhaft sprudeln. Buntschillernde Klangballungen können sich nahezu in Stille auflösen, um kurz darauf wieder ihre ursprüngliche Gestalt anzunehmen. In Essls Kompositionen geht die Elektronik mit den akustischen Klängen des Toy Piano (bzw. der Spieldose oder des Daumenklaviers) eine wunderbare Symbiose ein.

So in den Raum der Elektronik verlängert, haben Isabel Ettenauer und Karlheinz Essl dem Toy Piano eine bahnbrechende Musik von visionärer Kraft beschert. Kompositionen von solchem Kaliber werden es in Zukunft schwerer machen, das Toy Piano als bloßes “Spielzeug” abzutun - von wegen “Kinderinstrument”!

Neuerscheinung:
Isabel Ettenauer / Karlheinz Essl: Whatever Shall Be (Edition Eirelav 002)


Friday, 21 September 2012

HÖREMPFEHLUNG 4: BILL- Elektronik-All-Star-Band


Elektronik-Swing

Ein neues Bandprojekt bringt vier musikalische "Heavyweights" zusammen
                                                                                                                                                             Foto: Manuel Wagner
von Christoph Wagner
Eigentlich sollte es für einen Festivalauftritt eine Ad-Hoc-Band um den englischen Dub-Bassisten Jah Wobble werden mit seinem alten Kumpan Jaki Liebezeit am Schlagzeug, Hans Joachim Irmler von Faust als Keyboarder plus Wobbles Holzbläser Clive Bell. Doch dann machte Wobble einen Rückzieher. Elektroniker Robert Lippok (To Rococo Rot) sprang ein, was sich als glückliche Fügung erwies, denn ohne Baß öffnen sich musikalisch ganz andere Horizonte im Spannungsfeld von elektronischen Sounds, Improvisation und Grooves.
 
Es beginnt mit einem Knaller. Der Eröffnungstrack “Glasbamboo” ist vielleicht das stärkste Stück des Albums. Lippok sorgt mit dichten Tonkaskaden für ein spannendes Klangdesign, Sounds, die an afrikanische Marimba-Pattern erinnern. Liebezeit hakt sich mit einem hypnotischen Groove ein, während Irmler fantasievolle Melodien und bizarre Klangwellen darüber legt. Eine Flöte tönt mit langen tiefen Tönen von weit her - wie ein Schiffshorn im Nebel. Die Nummer unterstreicht die Konzeption von B.I.L.L.: Die Gruppe steht für einen Ensembleklang, der wenig Gewicht auf Soli legt und die einzelnen Instrumente im klangmalerischen Tutti vereint. 
 
Noch atmosphärischer gibt sich “Miles 2001”. Hier öffnen sich weite Perspektiven, durch die bunte Klangwolken segeln. Wieder gibt ein synkopisches Schlagmuster die Richtung vor, während es im Hintergrund elektronisch scheppert und verzerrte Orgeltöne in weiten Bögen ihre Kreise ziehen. Das Stück macht deutlich, was für das gesamte Album gilt: das Objekt der kreativen Erkundung ist der musikalische Raum, der im Grund unendlich ist. Man nimmt sich Zeit für seine Ausgestaltung, läßt Klänge und Töne fließen und schweben.
 
In “World War 1” geht es ruppiger zur Sache. Mit einem markanten Riff kommt ein  Bauelement der Rockmusik ins Spiel. Das Keyboard-Motiv ist derart beherrschend und erbarmungslos fortwärtstreibend, dass wenig Spielraum für subtilere Einwürfe bleibt. Die dringen wieder imTitel “Das Boot” an die Oberfläche, einem klangmalerischen Unterwasserausflug ohne Schlagzeug.
 
Auf einem zuckenden Laptop-Motiv basiert “The Thrower”. Die Melodica gibt den Ton an, wird von perlenden Klangstrudeln unterspült, bevor ein durchgeknalltes elektronischen Player-Piano-Motiv à la Colon Nancarrow übernimmt. Im Stück “Lovely Endung” versucht die Shakuhachi dem Songtitel gerecht zu werden und zelebriert über einem langsamen monotonen Beat ihren heißeren Klang.
 
Auf dem Klangbad-Festival 2010 feierte B.I.L.L einen vielversprechenden Einstand. Die Einspielung wird den damals geweckten hohen Erwartungen gerecht mit einer Musik ganz auf der Höhe der Zeit, die auf überzeugende Weise die Sounds des digitalen Zeitalters mit Poesie und Körperlichkeit vereint. 

B.I.L.L. (Bell, Irmler, Liebezeit, Lippok): Spielwiese Zwei (Klangbad / Broken Silence)