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Sunday, 28 April 2013

Hörempfehlung: Phantom Orchard Orchestra


Klangstaub

Das Phantom Orchard Orchestra mit neuem Album

                                                                                                            Foto: Scott Irvine

cw.Phantom Orchard nennt sich das Duo der Harfenspielerin Zeena Parkins und der Elektronikerin Ikue Mori. Experimenielle Sounds sind ihr Metier. Beide haben seit den achtziger Jahren in der New Yorker Downtown Szene immer wieder mit verschiedenen Bandprojekten aufhorchen lassen. Gelegentlich brachen sie dabei aus dem Elfenbeinturm der Avantgarde aus, um Exkursionen in die Gefilde der Popmusik zu unternehmen, wobei Parkins mit Björk und Yoko Ono kooperierte und Mori mit Kim Gordon (Sonic Youth) und Jim O’Rourke.

Für ihr aktuelles Album haben die beiden Neutönerinnen ihre Mini-Combo um fünf Instrumentalistinnen zu einem Ensemble mittlerer Größe erweitert. Mit dem Phantom Orchard Orchestra steuern sie eine feingliedrige Kammermusik an, die behutsam auf der Grenzlinie zwischen avantgardistischer E-Musik, den Sounds des digitalen Zeitalters und Ausbrüchen freier Improvisation balanciert.

Vom Laptop ertönt ein Knistern, das sich in ein Rascheln verwandelt, bevor es in leises Zirpen übergeht. Kaskadenartig prasseln Harfentöne nieder, während die Geige eine vibratoreiche Melodie intoniert. Cello, Vibraphon und Waldhorn steuern natürliche Farben bei. Elektronischer Klangstaub legt sich auf das Geschehen. Die Vokalistin Maja Ratke flüstert und wispert Fabelworte, die wie magische Beschwörungsformeln klingen. Ihre spitzen Schreie und Kehllaute verbinden sich mit dumpfen Trommelwirbeln und einem noch dumpferen Rauschen vom Synthesizer zu einem buntschillernden Tableau aus Klängen, das sich fortwährend verändert und neu formt – wie eine flüchtige Metapher unserer vorbeirauschenden Zeit.

Phantom Orchard Orchestra: Trouble in Paradise (Tzadik)

Friday, 16 November 2012

HÖREMPFEHLUNG 10: Ned Rothenberg solo


Materialklänge

Ned Rothenbergs neues Soloalbum

                                                                                                                   Foto: Ziga Koritnik
CW. Ist Ned Rothenberg ein Außerirdischer? Seine Musik klingt wie aus fernen Galaxien. Um solche Sphärenklänge zu erzeugen, benutzt der New Yorker Ausnahmemusiker jedoch keine Elektronik, sondern eine ganz normale Klarinette, wie es sie schon zu Zeiten Mozarts gab.
Rothenberg kommt aus der New Yorker Downtown-Szene der 80er Jahre, wo er mit John Zorn, Marc Ribot und Bobby Previte gearbeitet hat. Über die Jahre war er mit Gruppen wie den Semantics, seiner Double Band sowie Sync und R.U.B. aktiv, doch im Solospiel liegt seine eigentliche Stärke.
Seit 30 Jahren feilt Rothenberg an einer eigenen Tonsprache, die die sonoren Phänomene musikalisiert, welche in den Materialien schlummern, aus denen die Klarinette gefertigt ist: Vibrationen, Oberton- und Überblaseffekte, Hickser, Spaltklänge, Splittertöne und Verzerrungen.
Diese Materialklänge macht Rothenberg zur Grundlage seines Spiels. Er entwickelt daraus Solostücke, die von großer Stringenz sind und äußerst raffiniert konstruiert. Inspiriert von den Loops der Minimalisten und ausgestattet mit einer makellosen Zirkularatmung sowie einer verblüffenden Technik, bläst Rothenberg kreisförmige Melodien, deren Variationspotential er auslotet. Ungewöhnliche Klänge und Geräusche scheren aus den Melodienschleifen aus, um angereichert mit imaginären Geisternoten eine Überstimme zu bilden, die jedes Solostück zu einer komplexen Komposition macht.
Die neutönerischen Miniaturen wirken so gültig und ausgereift, als entstammen sie einer Jahrhunderte alten Tradition und machen vergessen, dass hier eigentlich ein avantgardistische Klangkosmos zur Entfaltung kommt, so organisch und selbstverständlich klingt die Musik.

Ned Rothenberg: World of Odd Harmonies (Tzadik)

Tuesday, 6 November 2012

Hörempfehlung 9: HOLLY COLE zwischen Jazz, Pop und Nachtclub



Zwischen Jazz, Pop und Nachtclub

Die kanadische Sängerin Holly Cole gewinnt alten Songs neue Seiten ab


 CW. Holly Cole ist eine Expertin für Stimmungen. Empfindsamkeit und Einfühlingsvermögen sind ihr Metier. Die Kanadierin besitzt eine nuancenreiche Stimme, die es ihr erlaubt, einen Song in seiner ganzen Gefühlstiefe auszuleuchten. Selbst abgedroschenen Hitparadennummern gibt die Sängerin neuen Glanz, indem sie ihnen ungeahnte Facetten abgewinnt.

Holly Cole, 1963 in Halifax, Nova Scotia geboren, ist seit über 20 Jahren auf der internationalen Musikszene aktiv. 1990 erschien ihr erstes Album, das ihren Ruf begründete, eine der besten Chansoneusen zwischen Jazz, Pop und Nachtclub zu sein. Und seitdem hat sie weiter an Profil gewonnen.

Die Vokalistin stammt aus einer Familie, in der Musik den Alltag bestimmte. Ihr Vater war einst ein Klavierwunderkind gewesen und ihre Mutter hatte ebenfalls klassisches Piano studiert. Ein Onkel trat am Broadway auf, und ihr Großvater spielte Akkordeon in der Band vom Countrysänger Hank Snow. Wenn das keine Prägung ist!

Ohne Wissen ihrer Eltern, trampte Cole als Teenager 500 km von Kanada nach Boston, Massachusetts um ihren Bruder zu besuchen, der dort an der berühmten Berklee School of Music studierte. In den Clubs der Stadt hörte sie zum ersten Mal Jazz und war derart fasziniert, dass sie  sicher war, ihre Bestimmung fürs Leben gefunden zu haben.

Wieder daheim vertiefte sich mehr und mehr in den Stil, studierte die Gesangstechniken große Jazzvokalistinnen wie Ella Fitzgerald und Sarah Vaughan und eiferte ihnen nach. In Piano Bars wurden erste Auftritte absolviert. Cole kam an und gewann an Sicherheit. Ihr erstes Album “Girl Talk” wurde zu einem Achtungserfolg mit mehr als 50 000 verkauften Scheiben. Vom übernächste Album ging sogar die doppelte Quantität über den Ladentisch. Die Karrierekurve zeigte nach oben.

Für ihr neues Album hat Holly Cole wieder im fiktiven “Great American Songbook” geblättert und ein paar markante Songs ausgewählt, die heute nicht mehr von Cole Porter oder George Gershwin stammen, sondern von Tom Waits und Captain Beefheart. Dazu hat die Kanadierin noch einen Klassiker von Jacques Brel ins Programm genommen sowie die Titelmelodie des Bond-Klassikers “You only live twice”, für die einst Nancy Sinatra verantwortlich zeichnete. “Ich muss mich mit einem Lied voll identifizieren, sonst ist es nichts für mich”,  sagt die Sängerin. “Manche Kollegen können ein Jingle für eine Mayonnaise-Werbung im Fernsehen mit großer Überzeugungskraft singen. Dieses Talent besitze ich nicht. Ich muss hinter einem Song total stehen, um ihn interpretieren zu können, sonst klappt es nicht.”

Nur ein einziges Lied ihres neuen Albums stammt aus Coles eigener Feder. “Wenn man Lieder solche Meister singt, liegt die Latte hoch. Das war mein einziges Lied, von dem ich das Gefühl hatte, das es gegenüber den anderen  bestehen könnte,” räumt sie bescheiden ein.

Diese vielfältige Mischung aus Songs unterzieht Cole einer einfühlsamen Behandlung, kriecht in die Melodien hinein und tastet die Verse ab, um ihnen neuen Bedeutung einzuhauchen. Produzent Greg Cohen, der einst als musikalischer Leiter bei Tom Waits wirkte, steuert eine Reihe brillanter Arrangements bei, die durch ihre ungeheure Aufmerksamkeit für kleinste Details und ihren Sinn für Dramaturgie aufhorchen lassen. Einmal sorgt ein Baritonsaxofon für Soul-Feeling, ein andermal ein Perkussionseffekt für geisterhafte Atmosphäre. Eine Nummer von Tom Waits wird als Rumba inszeniert.

Derart überzeugend instrumentiert und empfindsam intoniert, verwandeln sich selbst harmlose Chartshits wie “Viva Las Vegas” in Evergreens mit Tiefgang. Holly Cole liefert nicht nur solides Handwerk, sondern hohe Kunst. 

Holly Cole: Night (Tradition & Moderne)

Friday, 26 October 2012

Hörempfehlung 8: BOB DYLAN singt HANK WILLIAMS


Vergilbtes Papier

Bob Dylan und Freunde widmen sich dem heiligen Hank 




CW. An einem Wochenende in den späten vierziger Jahren stand die kleine Stadt Tyler inTexas Kopf. Eine fahrende Countrymusik-Show - der ‘Louisiana Hayride‘  - versetzte die Einwohnerschaft in Aufregung. Geschäfte räumten ihre Auslagen schon am Nachmittag weg und der Friseur schloß ein paar Stunden früher. Jeder eilte nach Hause, um sich fein zu machen für das Ereignis, dessen Hauptattraktionen Hank Williams war.

Am Tag zuvor hatten Lastwagen ein großes Zelt in den Ort gebracht. Eine Lautsprecher-Anlage wurde aufgebaut und Stühle aufgereiht.  “Es war wie ein Zirkus. Alle gingen hin - von den Kindern bis zu den Großeltern,” erinnert sich Bill Malone, der später Professor für Countrymusik wurde. “Holzpaletten wurden auf den Boden gelegt, damit die Kinder schlafen konnte, wenn sie müde wurden, bevor die Show zu Ende war.”

Damals war Hank Williams auf dem Sprung nach oben. Er hatte bereits ein paar Hits in den Charts gehabt und drängte nun in die “Grand Ole Opry” in Nashville, die populärste Countrymusik-Radioshow der USA. Als er schließlich akzeptiert wurde, war es nicht deshalb, weil sie ihn unbedingt wollten. Im Gegenteil - jeder im Countrymusikgeschäft  wußte von seinem Alkoholproblem. Vielmehr konnten sie ihn nicht länger übergehen, so populär war er damals. Der Schritt an die Spitze erwies sich allerdings als die erste Stufe auf dem Weg nach unten. Nach zwei Jahren wurde Hank Williams 1952 aus der “Grand Ole Opry” gefeuert. Seine Trunksucht machte ihn immer unberechenbarer.


Das Geheimnis seines Erfolgs war die Ernsthaftigkeit seiner Songs. Albernheiten und Belanglosigkeiten kamen nicht vor. Sie erzählten Geschichten, in denen sich die Leute wiedererkannten. Und er konnte sie überzeugend vortragen. Williams sang von der harten Seite des Lebens und man merkte, dass da einer aus Erfahrung sprach. Eine schlimme Kindheit musste er sich nicht andichten - die hatte er am eigenen Leibe erfahren. 1923 in einer Kleinstadt in Alabama geboren, mußte er schon früh zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Der Vater brachte kaum Geld heim, war meistens arbeitslos oder krank.
Der Junge verdingte sich als Zeitungsverkäufer und Schuhputzer. An Straßenecken verkaufte er geröstete Erdnüsse, die ihm seine Mutter in kleinen Tütchen abgepackt hatte. Schnell lernte er die Tricks, um die Aufmerksamkeit der Passanten zu erregen. Songs steigerten den Absatz.

 Weil Williams an einer Rückgratschwäche litt, die ihm ständige Schmerzen bereitete, blieb ihm schwere körperliche Arbeit in der Kindheit  erspart. Dafür übte er im Vorgarten auf der Gitarre. Mit vierzehn hatte er eine Band beisammen und trat bei Grillfesten und Hausparties auf. Es dauerte nicht lange, bis “The singing kid” im Lokalradio kam.
 
In seiner Musik mischten sich Hymnen der Baptistenkirche, wo er jeden Sonntag mit seiner Mutter im Gottesdienst sang, mit dem Blues seines schwarzen Mentors Rufus Payne, den er beim Musizieren auf der Straße getroffen hatte und dem er so hartnäckig gefolgt war, bis er ihm ein paar Gitarrengriffe und Lieder beigebracht hatte.
 
Das Leben kannte kein Pardon. Williams trank zuviel, war in Schlägereien verwickelt, gelegentlich sogar mit der Polizei, die ihn öfters in Gewahrsam nahm. Wenn er Geld hatte, haute er es in Spelunken auf den Kopf. Zeitweise war er so abgebrannt, dass er die Gitarre an den Nagel hängte, um als Werftarbeiter oder Schweißer ein Notbrot zu verdienen. Doch aufgeben war nicht drin. Sein Rückenleiden ließ ihm keine andere Wahl: Er musste es als Sänger schaffen!
 
Williams hatte Talent fürs Liederschreiben. In manchen Jahren brachte er ein halbes Dutzend Nummern in die Charts. Mit dem Erfolg verschwanden die materiellen Sorgen, doch andere Dämonen traten umso stärker hervor. Das Rückenleiden verschlimmerte sich, was ihn zu schmerzmildernden Mittel greifen ließ, Morphium eingeschlossen. Sein  Alkoholkonsum geriet außer Kontrolle. Wegen Gewaltausbrüchen gegenüber seiner Frau ging seine Ehe zu Bruch. Er war keine 30 Jahre alt, als er auf dem Rücksitz einer Limosine auf der Fahrt zu einem Auftritt an Herzversagen starb.
 
Seine Songs wurden zu Klassikern. Von Louis Armstrong bis Elvis Presley, von James Brown bis zu den Bee Gees - alle haben Hanks Lieder gesungen. Williams hatte ein paar kleine gebundene Notizbücher hinterlassen, in die er Gedanken, Liedideen und Textfragmente gekritzelt hatte. Nach einer Odyssee von fast 60 Jahren landeten sie bei Bob Dylan, der Williams immer verehrt hatte: “Der Klang seiner Stimme ging mir durch Mark und Bein!”
 
Dylan vollendete den ersten Song aus den “Lost Notebooks” und bat befreundete Musiker sich ebenfalls ein Fragment vorzunehmen und fertig zu stellen. Das Ergebnis sind zwölf neue Lieder - Quasi-Kooperationen zwischen Hank Williams und Singer/Songwritern wie Norah Jones, Jack White und Sheryl Crow. Sie haben die Songs dem toten Papier entrissen und ihnen neues Leben eingehaucht, mit so viel Respekt, Einfühlungsvermögen und Musikalität, dass der Heilige Hank sicher zufrieden gewesen wäre.
 
Bob Dylan, Norah Jones, Jack Withe u.a. : Hank Williams -The Lost Notebooks (Sony)
 
Hank Williams: No More Darkness (Trikont)

Friday, 19 October 2012

Hörempfehlung 7: AKI TAKASE & HAN BENNINK


NONCHALANCE

Han Bennink & Aki Takase


CW. Den Schlagzeuger Han Bennink hört man am besten auf Platte. ‘Live’ verwandelt sich der holländische Jazzveteran - er hat bereits Mitte der 60er Jahre mit Großen wie Eric Dolphy und Sonny Rollins gespielt - in einen überdrehten Zappelphilipp, der mit ungeheurer Komik und noch größerer Virtuosität auf allem trommelt, was ein Geräusch von sich gibt - vom Fußboden bis zum Bühnengeländer.
Schlecht für die Mitspieler, die bald niemand mehr beachtet. Han Bennink zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Das hätte auch Aki Takase passieren können, obwohl die japanische Pianistin, die seit Jahrzehnten in Berlin lebt, eine resolute Dame ist und sich nicht so schnell die Butter vom Brot nehmen läßt.
Im Studio treten solche Versuchungen erst gar nicht auf. Hier spielt Bennink mannschaftsdienlich, ganz auf seine Duopartnerin bezogen. Aki Takase hat die Kompositionen ausgesucht: ein paar von Thelonious Monk, eine von Eric Dolphy, einen Jazzstandard und den Rest von ihr. Mit lässiger Nonchalance schlägt sie die Tasten an, läßt kleine Melodien hervorperlen, die den Charme von frechen Tanznummern besitzen. Andere Stücke ähneln versonnenen Balladen. Als Kontrastmittel gibt es Freejazz-Detonationen in Cecil-Taylor-Manier oder sperrige Bebop-Nummern, deren kantige Melodien im spontanen Fantasiespiel erkundet werden.
Reaktionsschnell nimmt Bennink den Faden auf, begleitet in einfühsamer Weise. Nuancenreich folgt er jedem kleinen Stimmungsumschwung. Doch kann er auch anders: Dann läßt er es rumpsen - immer wohldosiert, nie überzogen. Weit öfters greift er dagegen zu den Besen, wischt den Swing mehr als er ihn schlägt, um kurze Zeit später in einen kecken Marschrhythmus einzubiegen. Wie die Trackliste verrät, haben alle sechszehn Stücke dieselbe Länge: 3:12 Minuten. Konzeptalbum? Pusteblume! Nur wieder einer von Benninks übermütigen Scherzen.

Aki Takase & Han Bennink: Two For Two (Intakt)

Saturday, 13 October 2012

Hörempfehlung 6: JOEY BARON - ROBYN SCHULKOWSKY


Akzente und Synkopen

Robyn Schulkowsky und Joey Baron musikalisieren das Schlagwerk


CW. Sie gelten als absolute Spitzenkönner ihres Genres: Joey Baron im Jazz, Robyn Schulkowsky in der Neuen Musik. Baron hat den Ruf, einer der besten Drummer der aktuellen Jazzszene zu sein. Sein spannungsreiches und dynamisches Schlagzeugspiel verleiht jeder Band einen federnden Drive und dazu eine hellsichtige Klarheit, egal ob es sich um das Ensemble von John Zorn, Bill Frisell oder John Abercrombie handelt.

Robyn Schulkowsky könnte man als weibliches Äquivalent von Baron in der Neuen Musik bezeichnen. Seit Jahrzehnten zählt die Amerikanerin, die seit langem in Deutschland lebt, zu den profiliertesten Schlagwerkern der E-Musik-Avantgarde. Sie hat Werken von Karlheinz Stockhausen, Mauricio Kagel und Walter Zimmermann uraufgeführt und mit Wolff, Cage, Feldman, Xenakis, Holliger und Lachenmann gearbeitet, um nur ein paar wenige Namen ihrer langen Referenzliste zu nennen.

Für ihr gemeinsames Unternehmen ließen sich die beiden von den großen Trommeltraditionen der Welt inspirieren (von kubanischen Rumba-Ensembles bis zu Trommlergruppen aus Afrika), sowie von Perkussionswerken der E-Musik-Avantgarde (etwa Varèses “Ionisation”) und den diversen Trommelprojekten von Art Blakey oder Max Roach im Jazz.

23 Miniaturen enthält das Album, von denen die meisten einen durchgehenden Groove besitzen, um den herum sich die Musik entfaltet. Alle Stücke, manche davon gerademal eine Minute lang, sind genaustens strukturiert und werden mit höchster Präzision ausgeführt.
Keine Schlagzeugorgien werden hier geboten, sondern eine metrisch komplexe Trommelmusik mit melodischer Dimension, ein polyrhythmisches Spiel mit fließenen Trommelmuster, Synkopen und Akzentverschiebungen.
Den meisten Kompositionen liegt ein einziger Hauptgedanke zu Grunde, der klar und deutlich in Szene gesetzt wird. Im Mittelpunkt steht ein von Schulkowsky entworfener zwei Meter langer Marimba-Stab, der meistens mit den Händen gespielt wird und vielfältige Klangmöglichkeiten bietet. Gongs, Cymbals und Glocken bringen weitere Klangfarben ins Spiel. Nur selten kommt ein reguläres Schlagzeug zum Einsatz, das dann aber von Baron mit Besen oder normalen Stöcken äußerst farbenreich bedient wird, wobei Schulkowsky summende Obertöne beisteuert, die sie durch das Reiben unterschiedlicher Metallbecken erzeugt. Nie erliegen die beiden der Versuchung, sich in protzigen Technikdemonstrationen zu ergeben. Es geht ja eigentlich auch nicht ums Trommeln, sondern um Musik. 

Joey Baron - Robyn Schulkowsky: Dinosaur Dances (L-M 30619)

Saturday, 29 September 2012

HÖREMPFEHLUNG 5: Lucas Niggli & Peter Conradin Zumthor


TROMMELN IM FELSBAD

Lucas Niggli und Peter Conradin Zumthor in der Therme in Vals (Schweiz)
                                                                                                                                                                                   Foto: Daniel Rohner
von Christoph Wagner
Der Schweizer Peter Zumthor ist einer der berühmtesten Architekten der Welt. 2009 hat er den Pritzker-Preis erhalten - den Nobelpreis für Architekten. Neben dem Kunsthaus in Bregenz – ganz in Glas - und dem Schweizer Pavillon bei der Expo 2000 in Hannover - ganz aus Holz -, ist die Therme in Vals Zumthors bekanntester Bau. Das Thermalbad, direkt in den Fels der Alpen gehauen, ist ein Labyrinth aus Wasserkammern- und –becken. Es macht aus einem harmlosen Schwimmvergnügen einen fast erhabenen Akt: ein Ritual des Badens, wie man es aus dem Orient kennt.
An diesem Ort aus Wasser und Stein, wo sich sonst die Badegäste tummeln, hat jetzt sein Sohn, der Schlagzeuger Peter Conradin Zumthor, ein Album aufgenommen, das durch die nachhallreiche Akustik des Felsbads eine ganz besondere Atmosphäre erhält.
Zumthor kooperiert dabei mit Lucas Niggli, in dessen Schlagwerkquartett Beat Bag Bohemia er von Beginn an dabei war. Während zweier Nächte bauten die beiden Perkussionisten, einander gegenüber sitzend, direkt am Beckenrand ihre umfangreichen Schlagwerke auf, die aus einer Vielzahl von Trommeln, einem Wald von Metallbecken und etlichen anderen Perkussionsinstrumenten wie Gongs und Glocken bestehen.
Fünf Stücke wurden aufgenommen, von denen zwei von Niggli stammten und eines von Zumthor. Den Auftakt macht allerdings eine Komposition von Barry Guy, der auf reizvolle Weise die rohen Klänge von Metallbecken, Gongs, Glocken, Trommelfellen, Rasseln, Tempelblocks und Klanghölzern mit fragmentarischen Einblendungen von Renaissance-Musik von Claudio Monteverdi collagiert.
Die sich daran anschließende Komposition des Basler Perkussionisten Fritz Hauser, die dem ganzen Album seinen Titel gab, ist minimalistisch gehalten: Ein einfaches Schlagmuster wird so lange wiederholt, bis sich ganz allmählich seine Farbefarben verändern und es durch Überlagerungen, minimale Verschiebungen und Schlagzahlverdopplung mehr und mehr an Dichte gewinnt, bis am Ende die Schläge nur so prasseln.
Für Lucas Nigglis Komposition “Bubble Ballad” ging es ins Wasser. Auf schwimmenden Waterdrums, bei denen es sich um afrikanische Kalebassen-Halbschalen handelt, wird in der Mitte des Schwimmbeckens ein langsamer monotone Rhythmus geschlagen. Durch krasse Betonung fallen einzelne Schläge heraus, die der Nachhall des Raums in Blitz und Donner verwandelt.
Peter Conradin Zumthors Komposition “Joch” ist für zwölf Röhrenglocken konzipiert. Sie werden paarweise dicht geklöppelt, dabei ins Wasser des Schwimmbads getaucht. Wenn dann die metallenen Hohlstäbe wieder aus dem Wasser gezogen werden, ergeben sich faszinierende Klangeffekte. Mehr und mehr steigert sich das Stück zu einem fulminanten Höhepunkt empor, wobei allein die physische Belastbarkeit der beiden Musiker sein Ende bestimmt.
Der Komponist Edgard Varèse war 1929 einer der ersten, der mit “Ionisation” ein Werk nur für Perkussionsinstrumente schuf, die damals nicht wirklich als Musikinstrumente galten. Seither ist auf diesem Sektor viel passiert und die Rezeption der Schlagwerke hat sich geändert, wenn auch nicht grundsätzlich. Niggli und Zumthor machen deutlich, welch unendliche Möglichkeiten in der Beschränkung noch steckt. 
Lucas Niggli – Peter Conradin Zumthor: Spiegel (Edition Vals)

Friday, 21 September 2012

HÖREMPFEHLUNG 4: BILL- Elektronik-All-Star-Band


Elektronik-Swing

Ein neues Bandprojekt bringt vier musikalische "Heavyweights" zusammen
                                                                                                                                                             Foto: Manuel Wagner
von Christoph Wagner
Eigentlich sollte es für einen Festivalauftritt eine Ad-Hoc-Band um den englischen Dub-Bassisten Jah Wobble werden mit seinem alten Kumpan Jaki Liebezeit am Schlagzeug, Hans Joachim Irmler von Faust als Keyboarder plus Wobbles Holzbläser Clive Bell. Doch dann machte Wobble einen Rückzieher. Elektroniker Robert Lippok (To Rococo Rot) sprang ein, was sich als glückliche Fügung erwies, denn ohne Baß öffnen sich musikalisch ganz andere Horizonte im Spannungsfeld von elektronischen Sounds, Improvisation und Grooves.
 
Es beginnt mit einem Knaller. Der Eröffnungstrack “Glasbamboo” ist vielleicht das stärkste Stück des Albums. Lippok sorgt mit dichten Tonkaskaden für ein spannendes Klangdesign, Sounds, die an afrikanische Marimba-Pattern erinnern. Liebezeit hakt sich mit einem hypnotischen Groove ein, während Irmler fantasievolle Melodien und bizarre Klangwellen darüber legt. Eine Flöte tönt mit langen tiefen Tönen von weit her - wie ein Schiffshorn im Nebel. Die Nummer unterstreicht die Konzeption von B.I.L.L.: Die Gruppe steht für einen Ensembleklang, der wenig Gewicht auf Soli legt und die einzelnen Instrumente im klangmalerischen Tutti vereint. 
 
Noch atmosphärischer gibt sich “Miles 2001”. Hier öffnen sich weite Perspektiven, durch die bunte Klangwolken segeln. Wieder gibt ein synkopisches Schlagmuster die Richtung vor, während es im Hintergrund elektronisch scheppert und verzerrte Orgeltöne in weiten Bögen ihre Kreise ziehen. Das Stück macht deutlich, was für das gesamte Album gilt: das Objekt der kreativen Erkundung ist der musikalische Raum, der im Grund unendlich ist. Man nimmt sich Zeit für seine Ausgestaltung, läßt Klänge und Töne fließen und schweben.
 
In “World War 1” geht es ruppiger zur Sache. Mit einem markanten Riff kommt ein  Bauelement der Rockmusik ins Spiel. Das Keyboard-Motiv ist derart beherrschend und erbarmungslos fortwärtstreibend, dass wenig Spielraum für subtilere Einwürfe bleibt. Die dringen wieder imTitel “Das Boot” an die Oberfläche, einem klangmalerischen Unterwasserausflug ohne Schlagzeug.
 
Auf einem zuckenden Laptop-Motiv basiert “The Thrower”. Die Melodica gibt den Ton an, wird von perlenden Klangstrudeln unterspült, bevor ein durchgeknalltes elektronischen Player-Piano-Motiv à la Colon Nancarrow übernimmt. Im Stück “Lovely Endung” versucht die Shakuhachi dem Songtitel gerecht zu werden und zelebriert über einem langsamen monotonen Beat ihren heißeren Klang.
 
Auf dem Klangbad-Festival 2010 feierte B.I.L.L einen vielversprechenden Einstand. Die Einspielung wird den damals geweckten hohen Erwartungen gerecht mit einer Musik ganz auf der Höhe der Zeit, die auf überzeugende Weise die Sounds des digitalen Zeitalters mit Poesie und Körperlichkeit vereint. 

B.I.L.L. (Bell, Irmler, Liebezeit, Lippok): Spielwiese Zwei (Klangbad / Broken Silence)