Showing posts with label Jack White. Show all posts
Showing posts with label Jack White. Show all posts

Tuesday, 4 October 2022

Country-Rebellin Loretta Lynn (1932 – 2022) verstorben

Gegen den Strom

 

Zum Tod der Countrymusik-Legende Loretta Lynn, "The Hillbilly Feminist" 



 

cw. Jack White von den White Stripes war es, der sie 2004 ins Rampenlicht zurückbrachte. „Van Lear Rose“ hieß das Album, vom amerikanischen Rockstar produziert, das Loretta Lynn erstmals einem Poppublikum bekannt machte, welches sich möglicherweise nicht einmal bewußt war, in der älteren Dame von 72 Jahren die Königin der Countrymusik vor sich zu haben. Denn nichts weniger war Lynn: neben Dolly Pardon die bekannteste Countrysängerin der Welt. Ihr letztes Album, das 60ste, erschien vor einem Jahr und enthielt noch einmal, mit erstaunlich fester Stimme intoniert, viele der Songs, die sie einst berühmt gemacht hatten. Jetzt ist Loretta Lynn im Alter von 90 Jahren im Schlaf auf ihrer Ranch in Tennessee verstorben. 

 

Lynn musste sich nicht wie andere Countrysängerinnen (etwa Patsy Montana) eine Biographie zusammendichten. Sie kam wirklich aus dem amerikanischen Süden und zwar aus der kleinen Bergarbeitersiedlung Butcher Hollow in Kentucky, im Herzen der Appalachen gelegen, und war wirklich in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen. Ihr Vater war Minenarbeiter und hatte Mühe die vielköpfige Familie durchzubringen, weshalb er nebenher noch eine kleine Landwirtschaft betrieb, wobei es selbstverständlich war, dass die Kinder mitarbeiteten. Das Holzhaus der Familie war ohne Strom und fließendes Wasser mit Ziehbrunnen im Garten. 



 

Noch keine sechzehn Jahre alt, heiratete Lynn und zog – hochschwanger – mit ihrem 22jährigen Ehemann 4000 Kilometer nach Nordwesten in ein kleines Holzfäller-Kaff im Bundestaat Washington. Hier kam das erste von sechs Kindern zur Welt. Nach drei weiteren Geburten kaufte die 21jährige eine Gitarre und begann mit der Band The Trailblazers in den Bars und Tavernen der Umgebung aufzutreten, meistens nur für den Applaus und ein paar Drinks. Ihr Ehemann, der sich als ihr Manager versuchte, überzeugte den Countrystar Buck Owens sie in seiner Fernseh-Show auftreten zu lassen, was zum Durchbruch führte. Loretta Lynn bekam einen festen Platz in der samstäglichen Talentshow und jede Woche eine Gage von 5 Dollar. 

 

Ein Geschäftsmann, der sie im Fernsehen sah, finanzierte 1960 ihre erste Studioaufnahme und brachte die Single auf seinem eigens dafür gegründeten Label heraus. Der Song war im modernen Honky-Tonk-Stil gehalten, verwendete elektrische Gitarren und Schlagzeug, und wurde zum Erfolg. 

 

Um nahe am Geschehen zu sein, zog Lynn nach Nashville, Tennessee, der Hauptstadt der Countrymusik, wo sie 1962 in die legendären Radioshow „The Grand Ole Opry“ aufgenommen wurde. Eine lange Reihe von Hits folgte, die sie selbst schrieb und in den 1970er Jahren im Duo mit Conway Twitty sang.

 

Loretta Lynn ließ sich nicht vom männlichen Musikgeschäft herumschubsen. Mit etlichen ihrer Songs schlug sie einen neuen Ton an, vor allem was die Texte betraf, die sich kritisch mit der Männerwelt und deren Macho-Eskapaden auseinandersetzten. Lieder wie „The Squaw is on the Warpath“ und “I wanna be free” gaben inhaltlich die Richtung vor. Mit dem Song „The Pill“ schockierte die Rebellin dann die konservative Fangemeinde vollends, da das Lied zum ersten Mal das Tabu der Geburtenkontrolle anpackte, was etliche Radiostationen veranlaßte, den Song aus dem Programm zu kippen.



 

Die Verfilmung ihrer Autobiographie „Coal Miner‘s Daughter“ mit Oscar-Auszeichnung machte Loretta Lynn endgültig zur Legende und gleichzeitig zum Vorbild einer jüngeren Generation von Countrysängerinnen, die sie als Pionierin verehrten, wobei es sich Reba McEntire, Carrie Underwood, Tanya Tucker und Margo Price nicht nehmen ließen, auf dem letzten Album mit ihrem Idol im Duett zu singen – als Verneigung vor einer ganz Großen der Countrymusik.


Loretta Lynn & Jack White 'live', 28. Januar 2015 (youtube)


 


Friday, 4 January 2019

Voll auf Vinyl: JACK WHITE und THIRD MAN RECORDS

Exzentriker auf Erfolgsspur

Rockstar Jack White (The White Stripes) verhilft der Vinylplatte zu einem Comeback

JACK WHITE Photo by David James Swanson
cw. Eigentlich wollte er Pfarrer werden. Als aber im Priesterseminar sein Gitarrenverstärker nicht geduldet wurde, entschied sich Jack White anders: Er wurde Rockmusiker! Das Sendungsbewußtsein ist ihm geblieben: Doch mittlerweile will er die Menschen nicht mehr für Religion begeistern, sondern für die Vinylplatten alter Bluesmusiker. 

White wurde mit den White Stripes zum Popstar. Das Rock-Duo mit seiner Ex-Ehefrau Meg am Schlagzeug sorgte um die Jahrtausendwende für Furore auf der internationalen Bühne. Hinter dem wilden, ruppigen Garagenrock der beiden schien der alte Country-Blues durch, der manchmal ganz unvermittelt durchbrach. Mit kreischender Gitarre, verzerrtem Gesang und schepperndem Schlagzeug wurden ein Song wie „Seven Nation Army“ herausgeschleudert, der heute in Fußballstadien auf der ganzen Welt angestimmt wird. 

Doch Jack White ließ es nicht beim Singen alter Blues-Klassiker bewenden. Mit missionarischem Eifer hob er 2001 das Schallplattenlabel Third Man Records aus der Taufe, das anfangs nur die Alben der White Stripes auf Vinyl herausbrachte, bald aber auch vergessene Aufnahmen alter Bluesbarden neu auflegte. Re-Issues früher Countrymusik kamen hinzu. Sein Meisterstück gelang White 2014, als er beträchtliche Teile des Werks des amerikanischen Plattenlabels Paramount neu herausgab, das zwischen 1917 und 1932 bestanden hatte. An den zwei dickleibige Ausgaben, die insgesamt 800 Titel von 172 Künstlern enthielten, hatte White drei Jahre gearbeitet.


Inzwischen ist der Popstar schon wieder ein paar Schritte weiter. Third Man Records expandiert: Zu dem Plattenladen, einem Tonstudio und einem Live-Club an den Standorten in Nashville und Detroit kam 2017 ein nagelneues Presswerk dazu. Den kompletten Maschinenpark lieferte die deutsche Firma Newbilt aus Alsdorf bei Aachen. Jetzt können die Vinylplatten hausintern hergestellt werden. Denn darauf kommt es White an: Dem Vinyl zu einem Comeback zu verhelfen! Für ihn ist der Kunststoff das eigentliche Medium, um Musik richtig zu goutieren: „CDs bzw. Downloads sind okay, aber um Musik optimal zu hören, muß sie in Vinyl gepresst sein.“

Vor zehn Jahren als Kleinbetrieb mit zwei Angestellten gestartet, hat sich Third Man Records inzwischen zu einem florierenden mittelständischen Unternehmen entwickelt, das über 30 Leute beschäftigt. Und White hat weiterreichende Pläne. Ihm schwebt eine Firma mit kompletter Produktionslinie vor: „Vorne gehen die Rohstoffe rein und hinten kommt das fertige Produkt raus. Wir sind auf dem besten Wege dahin.“

Für die seit Jahren gebeutelte Musikindustrie ist Jack White zu einem Leuchtturm geworden. Denn Third Man Records macht Gewinn! Anfangs ging White davon aus, sein Liebhaberprojekt finanziell unterstützen zu müssen: „Mit einem Schallplattenlabel Geld zu verdienen, schien bei der Gründung völlig vermessen!“ Doch seine Leidenschaft für Musik im Allgemeinen und Vinylplatten im Besonderen, dazu die Sorgfalt bei der Herstellung sowie ein ausgeklügeltes Marketing mit Sonderausgaben und limitierten Auflagen, haben Third Man Records zu einer Kultmarke gemacht und die Veröffentlichungen zu Sammlerstücken – heiß begehrt von „Vinyl Junkies“ auf der ganzen Welt. Natürlich trägt der Name von Jack White viel zum Glanz bei. 
Auf die Aufmachung der Schallplatten wird besonderen Wert gelegt. Manche Cover sind aus Holz gefertigt, andere im Stil der Kartonhüllen von Schellacks gehalten. Das Vinyl kommt in unterschiedlichen Farben daher, manchmal mit fluoreszierenden Zutaten, was es in der Dunkelheit leuchten läßt. „Jeder Werbegag ist uns recht, um die Leute zur Vinylplatte zurückzubringen, weil Musik heute immer unsichtbarer wird,“ umreißt White seine Vision.

Friday, 26 October 2012

Hörempfehlung 8: BOB DYLAN singt HANK WILLIAMS


Vergilbtes Papier

Bob Dylan und Freunde widmen sich dem heiligen Hank 




CW. An einem Wochenende in den späten vierziger Jahren stand die kleine Stadt Tyler inTexas Kopf. Eine fahrende Countrymusik-Show - der ‘Louisiana Hayride‘  - versetzte die Einwohnerschaft in Aufregung. Geschäfte räumten ihre Auslagen schon am Nachmittag weg und der Friseur schloß ein paar Stunden früher. Jeder eilte nach Hause, um sich fein zu machen für das Ereignis, dessen Hauptattraktionen Hank Williams war.

Am Tag zuvor hatten Lastwagen ein großes Zelt in den Ort gebracht. Eine Lautsprecher-Anlage wurde aufgebaut und Stühle aufgereiht.  “Es war wie ein Zirkus. Alle gingen hin - von den Kindern bis zu den Großeltern,” erinnert sich Bill Malone, der später Professor für Countrymusik wurde. “Holzpaletten wurden auf den Boden gelegt, damit die Kinder schlafen konnte, wenn sie müde wurden, bevor die Show zu Ende war.”

Damals war Hank Williams auf dem Sprung nach oben. Er hatte bereits ein paar Hits in den Charts gehabt und drängte nun in die “Grand Ole Opry” in Nashville, die populärste Countrymusik-Radioshow der USA. Als er schließlich akzeptiert wurde, war es nicht deshalb, weil sie ihn unbedingt wollten. Im Gegenteil - jeder im Countrymusikgeschäft  wußte von seinem Alkoholproblem. Vielmehr konnten sie ihn nicht länger übergehen, so populär war er damals. Der Schritt an die Spitze erwies sich allerdings als die erste Stufe auf dem Weg nach unten. Nach zwei Jahren wurde Hank Williams 1952 aus der “Grand Ole Opry” gefeuert. Seine Trunksucht machte ihn immer unberechenbarer.


Das Geheimnis seines Erfolgs war die Ernsthaftigkeit seiner Songs. Albernheiten und Belanglosigkeiten kamen nicht vor. Sie erzählten Geschichten, in denen sich die Leute wiedererkannten. Und er konnte sie überzeugend vortragen. Williams sang von der harten Seite des Lebens und man merkte, dass da einer aus Erfahrung sprach. Eine schlimme Kindheit musste er sich nicht andichten - die hatte er am eigenen Leibe erfahren. 1923 in einer Kleinstadt in Alabama geboren, mußte er schon früh zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Der Vater brachte kaum Geld heim, war meistens arbeitslos oder krank.
Der Junge verdingte sich als Zeitungsverkäufer und Schuhputzer. An Straßenecken verkaufte er geröstete Erdnüsse, die ihm seine Mutter in kleinen Tütchen abgepackt hatte. Schnell lernte er die Tricks, um die Aufmerksamkeit der Passanten zu erregen. Songs steigerten den Absatz.

 Weil Williams an einer Rückgratschwäche litt, die ihm ständige Schmerzen bereitete, blieb ihm schwere körperliche Arbeit in der Kindheit  erspart. Dafür übte er im Vorgarten auf der Gitarre. Mit vierzehn hatte er eine Band beisammen und trat bei Grillfesten und Hausparties auf. Es dauerte nicht lange, bis “The singing kid” im Lokalradio kam.
 
In seiner Musik mischten sich Hymnen der Baptistenkirche, wo er jeden Sonntag mit seiner Mutter im Gottesdienst sang, mit dem Blues seines schwarzen Mentors Rufus Payne, den er beim Musizieren auf der Straße getroffen hatte und dem er so hartnäckig gefolgt war, bis er ihm ein paar Gitarrengriffe und Lieder beigebracht hatte.
 
Das Leben kannte kein Pardon. Williams trank zuviel, war in Schlägereien verwickelt, gelegentlich sogar mit der Polizei, die ihn öfters in Gewahrsam nahm. Wenn er Geld hatte, haute er es in Spelunken auf den Kopf. Zeitweise war er so abgebrannt, dass er die Gitarre an den Nagel hängte, um als Werftarbeiter oder Schweißer ein Notbrot zu verdienen. Doch aufgeben war nicht drin. Sein Rückenleiden ließ ihm keine andere Wahl: Er musste es als Sänger schaffen!
 
Williams hatte Talent fürs Liederschreiben. In manchen Jahren brachte er ein halbes Dutzend Nummern in die Charts. Mit dem Erfolg verschwanden die materiellen Sorgen, doch andere Dämonen traten umso stärker hervor. Das Rückenleiden verschlimmerte sich, was ihn zu schmerzmildernden Mittel greifen ließ, Morphium eingeschlossen. Sein  Alkoholkonsum geriet außer Kontrolle. Wegen Gewaltausbrüchen gegenüber seiner Frau ging seine Ehe zu Bruch. Er war keine 30 Jahre alt, als er auf dem Rücksitz einer Limosine auf der Fahrt zu einem Auftritt an Herzversagen starb.
 
Seine Songs wurden zu Klassikern. Von Louis Armstrong bis Elvis Presley, von James Brown bis zu den Bee Gees - alle haben Hanks Lieder gesungen. Williams hatte ein paar kleine gebundene Notizbücher hinterlassen, in die er Gedanken, Liedideen und Textfragmente gekritzelt hatte. Nach einer Odyssee von fast 60 Jahren landeten sie bei Bob Dylan, der Williams immer verehrt hatte: “Der Klang seiner Stimme ging mir durch Mark und Bein!”
 
Dylan vollendete den ersten Song aus den “Lost Notebooks” und bat befreundete Musiker sich ebenfalls ein Fragment vorzunehmen und fertig zu stellen. Das Ergebnis sind zwölf neue Lieder - Quasi-Kooperationen zwischen Hank Williams und Singer/Songwritern wie Norah Jones, Jack White und Sheryl Crow. Sie haben die Songs dem toten Papier entrissen und ihnen neues Leben eingehaucht, mit so viel Respekt, Einfühlungsvermögen und Musikalität, dass der Heilige Hank sicher zufrieden gewesen wäre.
 
Bob Dylan, Norah Jones, Jack Withe u.a. : Hank Williams -The Lost Notebooks (Sony)
 
Hank Williams: No More Darkness (Trikont)