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Tuesday, 5 November 2024

Émile Parisien zum sechsten Mal in Singen

Im Gegensatz vereint

 

Das Émile Parisien Quartet begeistert vor vollem Haus beim Jazzclub Singen

 

Fotos: C. Wagner



 

Der Sopransaxofonist Émile Parisien ist einer der nicht gerade zahlreichen französischen Jazzmusiker, die auch in Deutschland über ein beachtliches Renommee verfügen. Nach ein paar Veröffentlichungen bei kleineren französischen Plattenfirmen, erschien 2014 sein Debutalbum auf dem renommierten deutschen Jazzlabel Act, das er mit dem Akkordeonisten Vincent Peirani eingespielt hatte und ihn schlagartig zu einem Star auf der deutschen Jazzszene machte. Seitdem hat er durch die Zusammenarbeit mit bekannten Namen wie Joachim Kühn und Michael Wollny seinen Ruf noch steigern können, gekrönt durch den ECHO-Jazzpreis und den Preis der deutschen Schallplattenkritik, den er 2019 erhielt.

 

Nach fünf Auftritten in den letzten Jahren, das letzte fand vor genau zwei Jahren mit einer All-Star-Besetzung statt, war jetzt Parisien erneut beim Jazzclub Singen im Kulturzentrum Gems zu Gast. Dieses Mal kam er mit seinem französischen Quartett, das in den letzten zwei Jahrzehnten maßgeblich zu seinem kometenhaften Aufstieg beigetragen hat. Das Ensemble steht für einen modernen Jazz, der mitreißt und auf überzeugende Weise Elemente aus verschiedenen musikalischen Gattungen, ob Rock, Latin oder avantgardistische E-Musik, zu einem ausdrucksstarken Stil verbindet. Ob Groove oder Swing, ob freies Spiel oder ausgetüftelte Kompositionen, ob impressionistische Träumereien oder aufbrausendes Power-Play – alles sieht sich in Parisiens Musik vereint.




 

Sehr dezent und auf leisen Sohlen hat mittlerweile die Elektronik Einzug gehalten. War Parisiens Jazzmusik zu Beginn seiner Karriere noch rein akustisch gehalten, kommen jetzt gelegentlich synthetische Klangfarben ins Spiel. Der Bandleader hat neben sich auf der Bühne ein kleines Tischchen aufgebaut, übersät mit Knöpfen und Reglern, mit denen er sein Sopransaxofon zu einem riesigen Saxofonchor aufblasen oder einen enormen Nachhall erzeugen kann. 

 

Der zweite Elektroniker in der Band ist Schlagzeuger Julien Loutelier, der gleichfalls neben seinem exzellenten Trommelspiel ein kleines Mischpult bedient, auf dem er vorgefertigte elektronische Rhythmen abrufen kann. „Tiktik“ hieß eine der originellsten Kompositionen des Abends, deren Rückgrat ein konstantes Klickgeräusch bildete, um das die Musiker ein hochkomplexes Arrangement flochten mit überraschenden Wendungen und Pausen, die nicht ohne Witz und Humor waren. Das Publikum geriet angesichts einer solch exzellenten Jazzmusik richtiggehend aus dem Häuschen, so daß Parisien und seine Mannen erst nach einer längeren Zugabe von der Bühne gelassen wurden. 

Wednesday, 8 May 2024

Kühn mit 80

Eine Nummer für sich – Joachim Kühn zum 80sten

Joachim Kühn, 1970 


Joachim Kühn, der deutsche Jazzpianist mit internationalem Renommee (er hat immerhin mit Ornette Coleman ein Album eingespielt), ist diesen März 80 Jahre alt geworden. Um seinen Geburtstag öffentlich zu feiern, gibt er gerade ein paar Konzerte, bei denen er mit seinem Trio (Eric Schäfer, Drums & Chris Jennings, Baß) zu hören ist, und sich zudem den jüngeren Pianokollegen Michael Wollny ins Boot geholt hat. Im Stuttgarter Theaterhaus eröffneten die beiden an zwei Flügeln den Abend.

Mit zehn Fingern kann ein Virtuose am Klavier alleine wie ein vielstimmiges Ensemble klingen, zwei Pianisten beinahe wie ein ganzes Orchester. Diese Möglichkeiten nutzten Kühn und Wollny, indem sie streckenweise Cecil-Taylor-artig voll in die Tasten griffen und einen brausenden Strom aus Tönen erzeugten, der an- und abschwoll, sich ausdünnte und wieder verdichtete, um sich im Crescendo in dynamischen Eruptionen zu entladen. Wie bei einem ausdauernden Regenguß ließen die beiden die Töne und Noten nur so purzeln und prasselten und arbeiteten sich mit längeren Improvisationen von einer kurzen, kantigen Unisono-Passage zur nächsten vor. Mehr Raum, mehr Pausen hätten der Musik gut getan. In diesem Fall kann man die generelle Kritik von Brian Eno am Jazz nachvollziehen: Zu viele Töne!

In der zweiten Halbzeit des Abends spielte sich dann Altmeister Kühn durch Stücke seiner drei letzten Alben mit seinem aktuellen Trio, was deutlich jazzigere Züge trug als die neo-klassische Pianomusik der ersten Halbzeit. Eric Schäfer am Schlagzeug und Chris Jennings am Baß gaben die kongenialen Partner, die einfühlsam die Improvisationen ihres Chefs zu begleiten wußten, aber auch selbstbewußt eigene Akzente setzen. Hier verlief die Reise gelegentlich in eher impressionistisches, besinnliches Terrain – es wurde eine Balladenmelodie angestimmt und in feinen Linien weitergesponnen. Erwähnenswert, weil auffällig: die superbe Lichtregie des Abends, die so dezent wie abwechslungsreich der Musik eine zusätzliche Dimension gab.

Das Joachim Kühn Trio, Theaterhaus 2024 (Foto: Jane Revitt)


Für meinen Teil hätte ich gerne auf das obligatorische Schlagzeug- bzw. Baß-Solo verzichtet, das ja normalerweise nichts mit der jeweiligen Komposition zu tun hat, sondern allein die technischen Fertigkeiten des jeweiligen Musikers zur Schau stellt und ausschließlich der demokratischen Attitüde geschuldet ist, dass auch die beiden Begleiter – die Wasserträger des Solisten – es verdienen, einmal im Vordergrund zu stehen. Geschenkt!  Die Qualität eines Begleiters offenbart sich in der Begleitung.

Im letzten Stück des Abends verstärkte dann Michael Wollny einmal mehr die pianistische Wucht, wobei Geburtstagskind Kühn die Zugabe als Solist bestritt. Ob er seinen 85sten Geburtstag wieder hier feiern würde? "Wir werden sehen", war die sybillinische Antwort des vitalen Oldies, der in seiner Person 60 Jahre deutsche Jazzgeschichte verkörpert. Mir war er das erste Mal 1973 beim Flute Summit der Donaueschinger Musiktage begegnet, wo er mit John Lee (Kontrabaß) und Aldo Romano (Drums) eine derart superbe Rhythmusgruppe bildete, dass sie mir bis heute in Erinnerung geblieben ist. Schon damals war Kühn eine Nummer für sich – wagemutig, hochvirtuos und doch einfühlsam: kühn eben im wahrsten Sinne des Wortes!


Friday, 22 February 2013

Jazztrends: MICHAEL WOLLNY mit [em] 'in the UK'



Ein Hit von Kraftwerk als Zugabe

Der deutscher Spitzenjazzer Michael Wollny mit seinem Trio [em] in England unterwegs

                                                                                               Foto: Grosse-Geldermann

cw. Michael Wollny ist der bekannteste deutsche Jazzmusiker der jüngeren Generation. Der 35jährige Pianist sorgt als Solist und mit seinem Trio [em] seit ein paar Jahren mit spektakulären ‘Live’-Auftritten und Platteneinspielungen für Furore und feiert daneben mit Altmeistern wie Joachim Kühn und Heinz Sauer Triumphe. 2011 wurde Wollnys Gruppe [em] zur besten deutschen Jazzcombo gekürt und mit dem ECHO Jazz Award ausgezeichnet, sein letztes Album “Wasted & Wanted” von der Kritik mit Begeisterung aufgenommen.

Viel zu Wollnys Erfolg trug seine Plattenfirma bei. Der Tastenkünstler aus Berlin ist beim rührigen Münchner Act-Label unter Vertrag, das vom ehemaligen Warner-Manager Siggi Loch geleitet wird. Loch hat es in den letzten Jahren immer wieder geschafft, Künstler seines Labels international durchzusetzen, wie den 2008 verstorbenen Pianisten Esbjörn Svensson. Mit seiner Gruppe E.S.T. wurde Svensson zu einem weltweit gefeierten Star. Das mag ein Ansporn für Michael Wollny gewesen sein, mit seinem Trio [em] jetzt zu einer ersten Tournee nach Großbritannien überzusetzen für Auftritte in London, Birmingham, Barnstaple und Manchester.
                                                                                                                                         Foto: Anna Meuer
Für ausländische Musiker ist England ein hartes Pflaster. Die britische Jazzszene leidet an chronischem Geldmangel und Inselmentalität, weswegen nur wenigen Gruppen den Sprung über den Kanal schaffen. Allerdings hat Wollny einen Trumpf: Er ist auf der Insel längst kein Unbekannter mehr. Seine Alben wurden derart positiv von der Presse besprochen, dass er letztes Jahr mit ein paar gefeierten Solokonzerten den Boden für die Tour mit seinem Trio bereiten konnte. Die britischen Medien geizten dann auch nicht mit Vorschußlorbeeren. Nur Freejazz-Altmeister Peter Brötzmann kann in England mit ähnlicher Beachtung rechnen.

In Manchester trat [em] im Club “Band on The Wall” auf, dem gediegensten Konzertort der nordenglischen Industriemetropole für Klänge jenseits des Mainstreams. In dieser Lokalität, die von der Stadt Manchester betrieben wird, wechseln sich sieben Tage die Woche Soul-, Jazz-, Folk-, Reggae- und Weltmusik-Auftritte ab. Mit ihrem abwechslungsreichen Jazz gelang es den drei Musikern aus “Germany”, das Publikum rasch auf ihre Seite zu ziehen, und bald brach sich Begeisterung Bahn. Links auf der Bühne ließ Wollny seine Finger flink über die Tasten des schwarzen Flügels tanzen, während gegenüber Drummer Eric Schäfer für komplexe Rhythmen und dynamisches Feuer sorgte. In der Mitte der Bühne bildete Eva Kruse mit ihrem Kontrabaß den Ruhepol. Sie gab der Musik selbst in den turbulentesten Passagen Halt. Beeindruckend war die große Bandbreite an Klängen und Stilen, die die Combo auf ihrem rasanten Parforce-Ritt durchquerte und die von Rock über Jazz bis zu radikalen Avantgarde-Sounds reichten. Am Ende gab es den Kraftwerk-Hit “Das Modell” als Zugabe.

Indem Wollny und Mitstreiter alle Register zogen, gelang es ihnen, das sonst als eher unterkühlt geltende englische Publikum aus der Reserve zu locken. Um allerdings in Großbritannien größere Konzerthallen zu füllen, wird noch viel harte Promotion-Arbeit nötig sein. Diese erste Stippvisite kann nur ein Auftakt gewesen sein.