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Sunday, 21 March 2021

BILL FRISELL@70

Der Freund von Ginger Baker (und der hat wenige Freunde)

 

Er gilt als der einflussreichste Gitarrist des modernen Jazz: Bill Frisell wurde am 18. März siebzig Jahre alt  


                                                                            Foto: Monica Jane Frisell 



 cw. Wenn Bill Frisell keinen so unverkennbaren Gitarrenstil hätte, könnte man ihn für ein musikalisches Chamäleon halten, so geschmeidig vermag er sich  jeder musikalischen Situation anzupassen. Ob Blues, Folk, Avantgarde, Gospel, Country, Pop oder Rock – der Gitarrist hat in seiner Karriere unzählige Male seine Jazzheimat verlassen, um mit Elvis Costello, Ginger Baker, Wilco oder Lucinda Williams zu spielen. Gleichzeitig hat Frisell immer seine eigenen Bandprojekte verfolgt, die ihn oft ebenfalls in jazzfernes Terrain führten. 

 

Ende der 1970er Jahre wagte Frisell den Sprung von der amerikanischen Provinz in die Welthauptstadt des Jazz. Doch in New York ließ der Durchbruch auf sich warten. „Ich spielte bei Hochzeiten und in Hotelbars, nur um über die Runden zu kommen,“ erinnert er sich. Zur Rettung kam der renommierte Schlagzeuger Paul Motian, der den Gitarristen 1981 in seine Band holte. Von da an ging es bergauf. Frisell nahm mit Elvin Jones, dem Schlagzeuger von Jazzgigant John Coltrane, ein Album auf, auch mit Cream-Drummer Ginger Baker. „Ich war supernervös, als ich das Studio betrat,“ erinnert er sich an seine Begegnung mit dem Rockstar, der als launisch und mürrisch galt. „Ginger Baker baute gerade sein Schlagzeug auf. Er hatte keine Ahnung, wer ich war. Ich sagte: „Hallo, ich bin Bill, der Gitarrenspieler.“ Er knurrte etwas und ich dachte: „Oh Scheiße!“ Doch kaum hatten wir mit dem Musizieren begonnen, hellte sich seine Stimmung auf. Das Zusammenspiel klappte vorzüglich. Danach waren wir Freunde.“ 

                                                                                Foto: Monica Jane Frisell 

 

Mit dem Album „Nashville“ begann Frisell 1997 seine Exkursionen in die traditionellen Stilformen der amerikanischen Musik. Die Session führte ihn in die Welthauptstadt der Countrymusik, um mit den besten Studiomusikern von Nashville aufzunehmen. „Die Burschen hatten Heimspiel, ich war der Außenseiter,“ erzählt er. „Das Spielniveau war extrem hoch. Ich hatte Noten dabei, doch sie kannten keine Noten. Ich musste ihnen jedes Stück vorspielen und in Nullkommanichts hatte sie es drauf. Es war unglaublich. Es gefiel ihnen, mit einen Musiker zu spielen, der nicht aus ihrem Stall kam.“ 

 

Über die Jahre hat Frisell einen ganz eigenen Stil entwickelt, der nicht auf Schnelligkeit oder kreischenden Sounds beruht, sondern die Töne sparsam und gezielt setzt, wobei der oft leicht verhangene Klang seiner Gitarre unverkennbar ist. Seine Spielweise hat unzählige Nachahmer gefunden, was Frisell vielleicht zum einflußreichsten Jazzgitarristen der letzten Jahrzehnte macht. „Ich versuche immer weniger die Fußpedale einzusetzen,“ erklärt der Meister. „Ich möchte, dass mein Sound meinen Händen entspringt und nicht einer elektronischer Box.“

 

Daheim in Brooklyn stapeln sich die Gitarren. Frisell ist ein leidenschaftlicher Sammler, der an keiner Musikalienhandlung verbeikommt, ohne hineinzugehen. „Ich mag Gitarren und habe viel zu viele,“ räumt er ein. Der Vorteil seiner Sammelleidenschaft ist jedoch, dass er für jedes Musikprojekt gleich das passende Instrument zur Hand hat. 

 

Seine neuste Einspielung namens „Tone Poem“ (bei Blue Note erschienen) hat er mit dem Altmeister des Jazzsaxofons, Charles Lloyd, gemacht, den Frisell mit der Gruppe The Marvels begleitet. In dieser Band spielt Greg Leisz Pedal-Steel-Gitarre, ein Spitzenkönner, der mit Eric Clapton, Bruce Springsteen und Joni Mitchell gearbeitet hat. „Charles Lloyd wollte unbedingt das Countrymusik-Instrument dabei haben, weil er in seiner Jugend in Memphis mit einem Pedal-Steel-Gitarristen gespielt hatte,“ erzählt Frisell. „Leisz fügte sich so ideal in unsere Jazzmusik ein, dass es fast schon an ein Wunder grenzt.“ 


https://www.youtube.com/watch?v=yO2CcGgIeOs&list=RDMM&start_radio=1=



 

Friday, 24 August 2018

Willisau Jazzfestival

Trommel-Eremit und Blaskapelle

Beim Willisauer Jazzfestival kann man seit 44 Jahren musikalische Entdeckungen machen. Dieses Jahr findet es vom 29. August bis zum 2. September statt


cw. Letztes Jahr wollte es Fredy Studer noch einmal wissen. Der Luzerner Schlagzeuger zog sich in seinen Übungsraum zurück und arbeitete wie besessen an einem Soloprogramm. „Ein Jahr lang habe ich fast nur gegessen, geschlafen und getrommelt,“ beschreibt er sein Eremiten-Dasein. Studer, der dieses Jahr siebzig geworden ist und seit Jahrzehnten zu den profiliertesten Drummern der Schweizer Szene gehört, tauchte noch einmal tief in der Welt der Trommeln, Becken und Gongs, der Rhythmen und Grooves ein und entwickelte ein Programm, das höchsten spieltechnischen Anforderungen genügt, sich aber doch nicht auf bloße Virtuosität beschränkt. „Ich hab Stücke entworfen, daran gearbeitet und gefeilt, bis sie meinen Vorstellungen entsprachen,“ beschreibt er den Destillationsprozeß. „Dann habe ich sie geübt, geübt und nochmals geübt: Stunden lang, Tage, Wochen. Erst wenn ein Stück völlig im Körper drin ist, kann man wieder die Freiheit finden, die fürs Musikmachen nötig ist. Denn letztlich geht es ja nicht um technische Bravourstücke, sondern um Musik!“ 

Am Samstag, den 1. September wird es wieder einsam um Fredy Studer werden, wenn er alleine auf der Hauptbühne des Willisauer Jazzfestivals an seinem Schlagzeug sitzt, um sein Soloprogramm zu präsentieren. Vielleicht denkt er dann einen kurzen Moment zurück an die Zeit, als er seine ersten Musizierversuche auf der Trommel machte. 1959 trat der Elfjährige in seiner Heimatstadt Luzern einer ”Basler Trommler“-Gruppe bei, die zusammen mit Pfeifern die Musik für den Fasnachtsumzug lieferte. Zwei Jahre trommelte der kleine Fredy die Schlagfiguren auf seinem Übungsbrett für sich alleine, bis er die Wirbel so gut konnte, dass er beim Umzug mitlaufen durfte. Das war der Ausgangspunkt für seine Profikarriere, die sich inzwischen über nahezu 50 Jahre spannt und Studer zu einem Drummer mit internationalem Renommee machte. Man muß nur einen Blick auf die Huldigungen von Koryphäen wie Jim Keltner oder Jack DeJohnette im Booklet seines gerade erschienenen Solo-Doppelalbums ”Now’s the time“ (Everest Records) werfen, um zu erkennen, welche Riesenreputation der Luzerner in der weltweiten Drummer-Szene genießt. 

Mit Trommel-Größen wie Pierre Favre oder Paul Motian spielte Studer zeitweise in reinen Perkussionsensembles oder Drum-Orchestern zusammen, wobei er sein Schlagzeugspiel mehr und mehr verfeinert hat. Dabei wurde der Grundstein gelegt, um sich nun an das Soloprojekt zu wagen. „Die Stücke frisch zu halten und nicht nur abzuspulen, ist die größte Herausforderung,“ sagt Studer. 

Mit orchestraler Opulenz gleicht das Willisau-Festival Studers solistische Askese aus. Als Kontrastmittel wirkt Fischermanns Orchestra, eine Bigband von 14 Musikern, die vor zehn Jahren gegründet wurde. Allein die Musik bringt die Mitglieder immer wieder zusammen. Denn Geld zu verdienen, ist mit solch einer Großformation reine Illusion. Doch das schreckt die Fischermänner nicht. Im Gegenteil: Bis heute lassen sie sich von den Möglichkeiten faszinieren, die eine Bigband bietet. Sie können großorchestrale Kompositionen entwerfen und sie sogar zu Gehör bringen. Was für eine Chance in einer Jazzwelt, in der eine Großformation heute eigentlich ökonomisches Harakiri bedeutet.

Befreit von jedem kommerziellen Druck ziehen die Musiker alle Register, scheren sich weder um Moden noch um Verkäuflichkeit, sondern loten in völlig unorthodoxer Manier das Großformat aus, wobei sie stark vom üblichen Brassband-Sound – ob Latin oder Balkan – abweichen. Da wirkt schon eher das Sun Ra Arkestra als Inspiration oder Straßenformationen aus New Orleans. 

In der Musik von Fischermanns Orchestra gibt es kosmische Keyboardklänge neben psychedelischen Gitarrensounds. Da heulen gelegentlich die Bläser in kollektiven Improvisationen um die Wette, um danach in ausgetüftelte Arrangements einzumünden, wo wuchtige Bläsersätze, Heavy-Metal-Blockakkorde und knackige Grooves die Szenerie bestimmen. „Wichtig ist, dass die Musik nicht stillsteht, sondern sich weiterentwickelt, dass wir uns immer wieder von Neuem herausfordern,“ sagt Drummer und Bandleader Thomas Reist. 

Bei der Gründung kam dem Willisauer Jazzfestival eine Schlüsselrolle zu. Mit anderen Jazzstudenten der Luzerner Musikhochschule war Reist 2007 in ein Brassband-Projekt des amerikanischen Schlagzeugers Kenny Wollesen involviert, der eine „Festival Street Band“ zusammenstellte. Das klappte so ausgezeichnet, klang so umwerfend und machte so ungeheuren Spaß, dass die Schweizer zusammenblieben und das Projekt seither unter dem Namen Fischermanns Orchestra weiterführten. Mittlerweile hat die Band ein halbes Dutzend Alben veröffentlicht, wobei „Tiefenrausch“ (Unit Records) gerade erst erschienen ist. Kein Geringerer als Niklaus Troxler, langjähriger Willisauer Festivalleiter und hochkarätiger Grafiker, hat das Cover entworfen. Manchmal kommt einem die Schweizer Jazzszene wie eine weitverzweigte Großfamilie vor, die sich einmal im Jahr für ein paar Tage in Willisau trifft: Fredy Studer war schon 26. Mal da.

Weitere Infos: 
www.jazzfestivalwillisau.ch

Der Text erschien zuerst in der WoZ, linke Wochenzeitung in der Schweiz.

Tuesday, 20 May 2014

25 Jahre Jazzclub Singen - 500 Mal hochkarätiger Jazz


Publikumsmagnet

Mit seinem 500. Konzert feiert der Jazzclub Singen 25jähriges Jubiläum


cw. Nicht nur in den Großstädten findet Kultur statt, auch die Provinz hat einiges zu bieten. Auf einer Landkarte der Jazzzentren in Deutschland würde nicht nur Berlin, München oder Köln auftauchen, sondern auch Moers, Neuburg/Donau sowie Singen am Hohentwiel, wo eine der rühigsten Jazzvereinigungen der Bundesrepublik aktiv ist. Dieses Jahr feiert der Jazzclub Singen seinen 25. Geburtstag mit seinem 500. Konzert. Am Freitag, den 23. Mai tritt in der Singener Stadthalle die südkoreanische Ausnahme-Sängerin Youn Sun Nah mit dem schwedischen Gitarristen Ulf Wakenius auf, der einst mit Oscar Peterson spielte. Karten für dieses exquisite Konzert sind noch im Vorverkauf erhältlich.


500 Konzerte in 25 Jahren - das bedeutet ganz konkret: 500 Mal Plakate kleben, Vorverkauf organisieren, Presseartikel schreiben, Rundmail verschicken, Musiker vom Bahnhof abholen, Verstärkeranlage beschaffen, den Konzertsaal bestuhlen und dann dafür sorgen, dass das Konzert reibungslos und zur Zufriedenheit der Künstler und des Publikum über die Bühne geht. Dazu kommt noch einiges mehr: Gagen aushandeln, Verträge aufsetzen, Anfragen von Musikern und Agenturen beantworten, jede Woche einen kleinen Stapel von CDs durchhören, bei Konzerten und Festivals neue Gruppe kennenlernen und sich nicht zuletzt mit Behörden wegen der Ausländersteuer herumärgern. Eine kolossale Arbeit und das alles ehrenamtlich! Der Mann, der dieses enorme Pensum in seiner Freizeit absolviert, heisst Rudolf Kolmstetter. Mit seinem Kompagnon Klaus Mühlherr ist er die treibende Kraft hinter dem Singener Jazzwunder. Mit einem kleinen Team von freiwilligen Helfern haben es die beiden geschafft, dass Singen unter Jazzfans in ganz Südwestdeutschland und dem schweizer Grenzgebiet mittlerweile als Magnet gilt. Der unermüdliche Einsatz wurde letztes Jahr vom Kulturstaatsministerium in Berlin mit dem mit 5000 Euro dotierten Spielstättenprogrammpreis ausgezeichnet.

Die Liste der Stars und Koryphäen, die in den letzten Vierteljahrhundert in Singen aufgetreten sind, ist beeindruckend und enthält zahlreiche Namen, die jeden Jazzfan mit Ehrfurcht erfüllen. Vom legendären Bassisten Ray Brown über den Bigband-Leiter Maynard Ferguson bis zum Schlagzeuger Paul Motian und dem Pianisten Don Pullen ist die Crème de la Crème des Jazz schon am Hohentwiel aufgetreten. Jedoch nicht nur die amerikanische Jazzelite setzte Glanzpunkte, mehr und mehr kamen auch europäische und deutsche Jazzmusiker zum Zuge. Außerdem verstand sich der Jazzclub Singen immer auch als ein Forum für junge Talente - als Starthilfe auf dem Weg nach oben. “Wir laden nur Künstler ein, die wir gut finden”, versichert Kolmstetter. “Zugeständnisse an den Massengeschmack machen wir nicht.” 
 
Ein solches Talent wuchs sogar in Singen auf und lebt heute als gefragter Jazzmusiker in New York: der Kontrabassist Pascal Niggenkemper. Als Teenager half der Musikenthusiast oft bei der Durchführung von Veranstaltungen in Singen mit. Die Konzerte regten Niggenkemper an, eine Karriere als professioneller Jazzmusiker ins Auge zu fassen.


 
Auf die Dauer zahlt sich zähe Kulturarbeit aus, wenn sie auf Qualität setzt und von Musikbegeisterten betrieben wird. Während Jazzmusiker in Großstädten oft vor leeren Reihen spielen, schafft es Kolmstetter und sein Team selbst bei unbekannten Gruppen den Saal im Kulturzentrum Gems zu füllen, wobei das jährliche Hauptkonzert in der Stadthalle auch schon mal 700 Zuhörer anziehen kann, wenn Schwergewichte wie Branford Marsalis oder Jan Garbarek auf dem Programm stehen.
 
Eine intensive Basisarbeit legt den Grundstein zum Erfolg: Mit über 400 Mitgliedern ist der Singener Jazzclub einer der größten in der Bundesrepublik. Darüber hinaus stimmt die Atmosphäre und das Ambiente bei den Konzerten. Entspannt und doch voller Aufmerksamkeit lauschen die Zuhörer der Musik, was jedes Konzert zu einem “very special event” macht, wie neulich ein Musiker aus den USA begeistert bemerkte, wo man in der Jazzszene längst die Stadt am Hohentwiel kennt.  

Der Artikel erschien zuerst im SCHWARZWÄLDER BOTE, große Tageszeitung in Südwestdeutschland