Kit Downes ist einer der profiliertesten Tastenmusiker der britischen Jazzszene. Ob Flügel, E-Piano oder Synthesizer – der Engländer, der mittlerweile neben London auch in Berlin lebt, ist auf jedem Tasteninstrument ein äußerst kreativer Virtuose. Vor Jahren hat sich Downes abermals der barocken Pfeifenorgel zugewandt, die ursprünglich sein erstes Musikinstrument war. Er unternahm eine kleine Tour durch englische Kirchen, um deren Orgeln zu erkunden. Auch in der Kirche St. Luke In The Fields in Greenwich Village in Manhattan steht ein solches Monster mit 27 Registern und 1.670 Pfeifen.
Zu einer zweitägigen Aufnahmesession kamen hier im Mai 2022 Downes, der Gitarrist Bill Frisell und der Schlagzeuger Andrew Cyrille zusammen, um frei zu improvisieren, aber auch ein paar ausnotierte Kompositionen einzuspielen. Ein knappes Dutzend Titel schafften es auf das Album. Die Musik wirkt am interessantesten, wenn die drei sich in klangmalerisches Terrain begeben, d.h. den Vorgaben der Orgel folgen, die in anderen Zusammenhängen schwerfällig und bombastisch klingen kann. In solch freien Explorationen lotet Downes das Klangpotential des Pfeifeninstruments aus, läßt es atmen und entlockt ihm perlige Läufe sowie mächtige Akkorde, während Frisell in die Trickkiste seiner Klangmanipulatoren greift und Cyrille auf dem Schlagzeug sparsam Akzente setzt.
Bill Frisell / Kit Downes / Andrew Cyrille: Breaking The Shell (Red Hook Records)
Keine Idee war zu abwegig, um sie nicht auszuprobieren
Gitarrist Bill Frisell über seine Studiosession mit Robert Plant (Led Zeppelin) und Alison Krauss (Union Station) für das Album „Raise the Roof“
Bill Frisell
Interview von Christoph Wagner
Sie sind auf dem neuen Album von Robert Plant und Alison Krauss mit von der Partie. Wie kam es dazu?
Bill Frisell: Ich kenne Alison Krauss schon lange. Als ich das erste Mal 1995 für Plattenaufnahmen in Nashville war, lernte ich sie kennen, weil einige der Musiker, mit denen ich aufnahm, in ihrer Band spielten. Damals traf ich auch Victor Krauss, ihren Bruder, der jetzt auch wieder dabei war und mit dem ich über die Jahre viel zusammengearbeitet habe. Ich spielte auf seinen Alben und er auf meinen. Alison kannte ich dagegen nicht so gut, obwohl ich immer schon ein Fan von ihr war. Bei den Aufnahmen zum neuen Album bot sich für mich das erste Mal die Gelegenheit, mit ihr enger zusammenzuarbeiten. Robert Plant habe ich vor ein paar Jahren einmal kurz getroffen, als er zu einem meiner Gigs ins Village Vanguard kam. Er war so freundlich und nett. Musikalisch ist er an einer Vielzahl von Musikstilen interessiert. Er ist offen für Neues. Aber wahrscheinlich war es T-Bone Burnett, der Produzent, der mich ins Boot holte, weil ich über die Jahre mit ihm immer wieder zusammengearbeitet habe. Das erste Mal beim Soundtrack für den Johnny Cash-Film „Walk the Line“.
Wie entstand die Platte? Wurde im Studio „live“ gespielt oder mit Overdubs gearbeitet?
BF: Alles wurde „live“ gespielt. Wir hatten eine Liste von Songs, die wir aufnahmen. David Hidalgo von Los Lobos war dabei, der einfach ein unglaublicher Musiker ist. Jay Bellerose war der Drummer, Dennis Crouch der Bassist, Pedal-Steel-Gitarre spielte Russ Pahl, dann waren da noch Victor Krauss und natürlich Alison und Robert – das war die Band der Sessions, an denen ich teilnahm. Es wurde richtig Musik gemacht, gesungen, so daß ich nie das Gefühl hatte, zu einer toten Tonspur zu spielen. Es war eine Session, wie man früher Platten aufgenommen hat. Keine Tricks, keine Studiozauberei, sondern einfach nur in einem Raum gemeinsam Musik machen. Man hört den Liedtext und die Melodie, und reagiert auf die Atmosphäre und die Stimmung. So entsteht Musik, die atmet und lebt.
Alison Krauss & Robert Plant
Wurden sie eingeladen, um ungewöhnliche Ideen einzubringen?
BF: Sicher nicht. Jeder dieser Musiker ist ein größerer Exzentriker als ich. Ich war fast der konservativste. Wir lernten gemeinsam jeden einzelnen Song. Wir fingen bei Null an, probten, probierten, bis das Lied zusammenkam. Jeder Song wurde am Schluß ein paar Mal eingespielt. Dann machten wir uns an den nächsten. Manchmal schafften wir drei Songs pro Tag.
Fanden Sie gleich ihre Rolle?
BF: Ja, es geschah alles völlig organisch. David Hidalgo war phänomenal – wie er den innersten Kern eines Lieds erfasst, ob rhythmisch, klanglich oder
harmonisch, und ihn dann zum Leuchten bringt. Wie seine Gitarre sich mit dem Schlagzeug verzahnt. Das machte es für mich einfach, meinen Platz zu finden. Es gab nie irgendwelche Spannungen, alles lief völlig locker ab. Es kann im Studio passieren, dass man in eine falsche Richtung geht und sich immer weiter verirrt. Hier passte alles zusammen.
Robert Plant & Alison Krauss: It's over (youtube)
Die Platte wurde im Sound Emporium in Nashville aufgenommen. Kannten Sie das Studio?
BF. Es war das gleiche Studio, in dem ich einst mein „Nashville“-Album aufgenommen hatte. Ein tolles Studio – urgemütlich.
Wie war die Atmosphäre?
BF: Entspannt! Keine unterschiedlichen Vorstellungen, kein Gerangel, kein Hader. Alles lief völlig harmonisch ab. Es war das reinste Vergnügen. Wenn man Hunger hatte – schon kam das Essen! Dann saß man zusammen, redete und aß. Am Abend gingen alle in die Bar, ich dagegen ins Hotel, um mich auszuruhen. Vor dreißig Jahren wäre ich nach einem Tag im Studio auch noch in die Bar gegangen.
T-Bone Burnett
Welche Rolle spielte T-Bone Burnett als Produzent?
BF: Er ist wie der Regisseur bei einem Film, und spielt dazu noch Gitarre. Zu Beginn sitzen alle um ihn herum und er singt und spielt uns den Song vor, zum ersten Mal, und erklärt, wie er ihn haben möchte. Dann versucht jeder, seinen Teil dazu beizusteuern. „Vielleicht kann ich das so spielen oder so?“ T-Bone macht sich im voraus Gedanken zu jedem einzelnen Song, entwickelt Ideen. Ein paar der Titel würde ich einem bestimmten Stil zuordnen. Er sagt dann aber: „Nein, wir machen das ganz anders. Wir behalten nur den Liedtext und die Melodie bei, gehen das aber stilistisch anders an.“ Wenn uns T-Bone etwas verdeutlichen wollte, schnappte er sich einfach eine Gitarre und spielte uns vor, was ihm vorschwebte, etwa einen Sound oder einen Groove. Aber der wichtigste Aspekt ist natürlich die Auswahl der Musiker. Das ist wie bei einem Film. Wer spielt wen! Der Drummer Jay Bellerose ist eine Klasse für sich. Niemand spielt Schlagzeug wie er. Als ich vor Jahren das erste Mal mit ihm im Studio war, dachte ich: „Was macht der Bursche da eigentlich? So kann man doch nicht Schlagzeug spielen!“ Wie er die Trommeln stimmt, wie er einen Rhythmus auffasst, ist einfach so etwas von abgefahren. So einen Drummer bei den Aufnahmen dabei zu haben, gibt bereits die Richtung vor. Das hat Auswirkungen darauf, wie die ganze Band klingt. Ansonsten läßt einem T-Bone Burnett jede Freiheit. Keine Idee ist zu abwegig, um sie nicht auszuprobieren.
Robert Plant & Alison Krauss: Raise the Roof (Warner Music)
Das Interview erschien zuerst im hoch respektierten MusikMagazin JAZZTETHIK (jazzthetik.de)
Der Freund von Ginger Baker (und der hat wenige Freunde)
Er gilt als der einflussreichste Gitarrist des modernen Jazz: Bill Frisell wurde am 18. März siebzig Jahre alt
Foto: Monica Jane Frisell
cw. Wenn Bill Frisell keinen so unverkennbaren Gitarrenstil hätte, könnte man ihn für ein musikalisches Chamäleon halten, so geschmeidig vermag er sichjeder musikalischen Situation anzupassen. Ob Blues, Folk, Avantgarde, Gospel, Country, Pop oder Rock – der Gitarrist hat in seiner Karriere unzählige Male seine Jazzheimat verlassen, um mit Elvis Costello, Ginger Baker, Wilco oder Lucinda Williams zu spielen. Gleichzeitig hat Frisell immer seine eigenen Bandprojekte verfolgt, die ihn oft ebenfalls in jazzfernes Terrain führten.
Ende der 1970er Jahre wagte Frisell den Sprung von der amerikanischen Provinz in die Welthauptstadt des Jazz. Doch in New York ließ der Durchbruch auf sich warten. „Ich spielte bei Hochzeiten und in Hotelbars, nur um über die Runden zu kommen,“ erinnert er sich. Zur Rettung kam der renommierte Schlagzeuger Paul Motian, der den Gitarristen 1981 in seine Band holte. Von da an ging es bergauf. Frisell nahm mit Elvin Jones, dem Schlagzeuger von Jazzgigant John Coltrane, ein Album auf, auch mit Cream-Drummer Ginger Baker. „Ich war supernervös, als ich das Studio betrat,“ erinnert er sich an seine Begegnung mit dem Rockstar, der als launisch und mürrisch galt. „Ginger Baker baute gerade sein Schlagzeug auf. Er hatte keine Ahnung, wer ich war. Ich sagte: „Hallo, ich bin Bill, der Gitarrenspieler.“ Er knurrte etwas und ich dachte: „Oh Scheiße!“ Doch kaum hatten wir mit dem Musizieren begonnen, hellte sich seine Stimmung auf. Das Zusammenspiel klappte vorzüglich. Danach waren wir Freunde.“
Foto: Monica Jane Frisell
Mit dem Album „Nashville“ begann Frisell 1997 seine Exkursionen in die traditionellen Stilformen der amerikanischen Musik. Die Session führte ihn in die Welthauptstadt der Countrymusik, um mit den besten Studiomusikern von Nashville aufzunehmen. „Die Burschen hatten Heimspiel, ich war der Außenseiter,“ erzählt er. „Das Spielniveau war extrem hoch. Ich hatte Noten dabei, doch sie kannten keine Noten. Ich musste ihnen jedes Stück vorspielen und in Nullkommanichts hatte sie es drauf. Es war unglaublich. Es gefiel ihnen, mit einen Musiker zu spielen, der nicht aus ihrem Stall kam.“
Über die Jahre hat Frisell einen ganz eigenen Stil entwickelt, der nicht auf Schnelligkeit oder kreischenden Sounds beruht, sondern die Töne sparsam und gezielt setzt, wobei der oft leicht verhangene Klang seiner Gitarre unverkennbar ist. Seine Spielweise hat unzählige Nachahmer gefunden, was Frisell vielleicht zum einflußreichsten Jazzgitarristen der letzten Jahrzehnte macht. „Ich versuche immer weniger die Fußpedale einzusetzen,“ erklärt der Meister. „Ich möchte, dass mein Sound meinen Händen entspringt und nicht einer elektronischer Box.“
Daheim in Brooklyn stapeln sich die Gitarren. Frisell ist ein leidenschaftlicher Sammler, der an keiner Musikalienhandlung verbeikommt, ohne hineinzugehen. „Ich mag Gitarren und habe viel zu viele,“ räumt er ein. Der Vorteil seiner Sammelleidenschaft ist jedoch, dass er für jedes Musikprojekt gleich das passende Instrument zur Hand hat.
Seine neuste Einspielung namens „Tone Poem“ (bei Blue Note erschienen) hat er mit dem Altmeister des Jazzsaxofons, Charles Lloyd, gemacht, den Frisell mit der Gruppe The Marvels begleitet. In dieser Band spielt Greg Leisz Pedal-Steel-Gitarre, ein Spitzenkönner, der mit Eric Clapton, Bruce Springsteen und Joni Mitchell gearbeitet hat. „Charles Lloyd wollte unbedingt das Countrymusik-Instrument dabei haben, weil er in seiner Jugend in Memphis mit einem Pedal-Steel-Gitarristen gespielt hatte,“ erzählt Frisell. „Leisz fügte sich so ideal in unsere Jazzmusik ein, dass es fast schon an ein Wunder grenzt.“
In den Augenblick hineinhören Der amerikanische Jazzcellist Hank Roberts
Hank Roberts (Jahrgang 1954) hat
das Cello im modernen Jazz etabliert in Gruppen von Bill Frisell oder dem
Arcado String Trio. Das Spiel auf dem Streichinstrument empfindet er als
Therapie, als Tanz oder als Yoga-Übung. Jetzt legt der amerikanische
Saitenvirtuose ein Album vor, das das stilistische Spektrum weit auffächert
Christoph Wagner: Sie spielen in
der Band Buffalo Collison mit dem Saxofonisten Tim Berne sowie dem Pianisten
Ethan Iverson und dem Schlagzeuger Dave King von The Bad Plus zusammen - zwei
verschiedene Generationen von Musikern, die aus unterschiedlichen Traditionen
kommen. Wie funktioniert das?Hank Roberts: Bei dieser Gruppe
ist keine Musik vornotiert. Wir musizieren spontan. Die Musik entwickelt sich
von einem Moment zum nächsten. Wir sprechen uns nicht ab, sondern einer fängt
an und die anderen reagieren darauf. Da jeder von uns auch Komponist ist,
hoffen wir, das eine kompositorische Logik entsteht. Je mehr wir zusammenspielen,
umso besser verstehen wir unsere unterschiedlichen Ausdrucksweisen. Es ist sehr
offen - ein idealer Rahmen für Experimente. Wie kam die
Band zustande?Hank Roberts: Mit Tim Berne
spiele ich seit 1977 zusammen. Ethan Iverson und Dave King traf ich vor ein
paar Jahren in Chicago, als sie mit The Bad Plus im gleichen Konzert auftraten,
in dem ich mit Bill Frisell spielte.Freejazz ist
nicht ohne Verbotsschilder. Groovende Rhythmen oder Harmonien sind für manche
Musiker Tabu. Wie geht Buffalo Collision damit um?Hank Roberts: Bei uns ist alles
möglich. Es gibt keine Regeln. Wir kennen uns inzwischen so gut, um zu wissen,
was jedes andere Mitglied mag. Es geht darum, dass wir uns gegenseitig
inspirieren. Wichtig ist, dass wir in den Augenblick hineinhören und dann die
richtigen musikalischen Entscheidungen treffen, um der Improvisation auf die
Sprünge zu helfen.Was ist der
Geheimnis der freien improvisation?Hank Roberts: Wenn man sich
nicht auf komplizierte Partituren konzentrieren muss wie in der klassischen
Musik oder auf schwierige Akkordfolgen und harmonische Strukturen wie im
klassischen Jazz, eröffnet das
Möglichkeiten, sich auf die Gefühle des jeweiligen Augenblicks einzulassen und
von diesem Feeling aus zu agieren, um dort hinzugehen, wohin einen der innere
Kompass führt. Es geht um das Gefühl, das sich einstellt, wenn man etwas
Aufregendes erzeugt und die Inspiration, die manchmal fast einer Erleuchtung
gleichkommt. Hat sich ihre
Spielweise über die Jahre verändert?Hank Roberts: Jede Lebensphase
hat ihre Eigenheiten. Wenn ich mich an
meine Anfänge als Improvisator zurückerinnere, entdecke ich Eigenschaften, von
denen ich heute noch profitieren könnte, etwa den jugendlichen Optimismus, die
Energie und die Begeisterung, die geistige Frische, die Offenheit und
Aufnahmebereitschaft - alles Qualitäten, die junge Improvisatoren mitbringen.
Die Qualitäten eines erfahrenen Musikers sind andere. Man ist gelassener, entspannter,
kann besser atmen. Ich bin mir sicherer, wer ich bin und habe Frieden mit mir
selbst geschlossen. Ich bin nicht so verwirrt wie damals. Ich weiß, wie man
wartet, wie man geduldig ist, wie man sich zurücknimmt und bescheidener und
demütiger sein kann. Man empfindet besser, was im jeweiligen Moment passend
ist. Ich verstehe, wenn einer meiner Mitmusiker etwas Wichtiges zu sagen hat
und kann mich dann besser zurücknehmen, wenn es sein muss für ein ganzes
Konzert. Es ist wichtig, die musikalischen Fähigkeiten zu entwickeln, die
nichts mit dem Instrument, mit der Spieltechnik und dem harmonisches Wissen zu
tun haben, sondern damit, der zu sein, der man ist und das zum Ausdruck bringen
zu können.Wie wichtig
ist es, sein Instrument zu beherrschen?Hank Roberts: Ich versuche immer
noch, meine musikalischen Fähigkeiten zu steigern. Mein Hören, meine Handhabung
des Instruments, meine technischen Möglichkeiten. Ich übe, bis ich nicht mehr
kann. Ich habe ein Pflichtbewusstsein als Musiker. Ich sage mir: ‘Musikmachen
ist mein Job. Deshalb sollte ich jeden Tag ein paar Stunden darauf verwenden.’
Das Cellospiel ist aber darüber hinaus auch eine Art Therapie. Wenn es mir
schlecht geht, spiele ich Cello und das hilft. Es bereitet mir Vergnügen, das Instrument
zu spielen und ich spüre, dass ich auch in meinem Alter noch ein besserer
Musiker werden kann. Das Üben kommt mir manchmal wie ein Tanz vor oder eine
Yoga-Übung, wobei ich mir mehr meines Leibes bewußt werde. Abgesehen davon
macht es einfach Spaß, das Instrument zu spielen.Neben freiem
Jazz spielen sie traditionelle Country-Music. Wie passt das zusammen?Hank Roberts: In der Stadt
Ithaca im Bundestaat New York, in der ich lebe, spiele ich in einem Trio namens
Ti Ti Chickapea mit Banjo und Fiddle. Wir spielen Old Time Music, alte
Hillbilly-Melodien. Darüber hinaus schreiben wir eigene Songs, die wir singen.
Ich komme ursprünglich aus Süd-Indiana, weshalb die Musik aus dem Süden zu
meinen Wurzeln gehört. Ich mag die frühen Hillbilly-Klänge. Mein älterer Bruder
hat mich, als er vom College zurückkam, auf Hank Williams und solche Leute
aufmerksam gemacht. In Ithaca gibt es etliche
Musiker, die Folkmusik machen. Das hat mich inspiriert. Mit der Gruppe Ti Ti
Chickapea spielen wir Old Time Music, die wie der Jazz im Blues wurzelt, was es
erlaubt, sehr kreativ mit dem Material umzugehen. Ich bin mir bewußt, dass es
vielerlei Vorurteile in Jazzkreisen gegenüber der Hillbilly-Musik gibt. Doch
darüber sollte man langsam hinweg sein. Entscheidend ist, was man aus der Musik
macht. Es gibt eine Million Möglichkeiten. Wenn man sich mit diesem Stil
auseinandersetzt, merkt man, dass dort eine ungeheure Vielfalt existiert und es
unglaublich gute Musiker gibt.Sie waren einer der ersten Cellisten im modernen Jazz. Gab es Vorbilder? Hank Roberts: Ich ließ mich von
jeder Art von Jazz anregen, von allem, was ich zu hören bekam. Ich las die
Zeitschrift Down Beat, hörte von John Coltrane, ging in den örtlichen
Plattenladen und kaufte mir eine LP von Trane, dann von Miles Davis. Später
stieß ich auf Platten des Art Ensemble of Chicago und kam in Berühung mit der
freien Improvisationsszene. Ich entdeckte Derek Bailey, Dave Holland, LPs von
ECM.Wie sind sie
überhaupt zum Cello gekommen? Hank Roberts: Nicht ohne Umwege.
Als ich neun Jahre alt war, wollte ich Jazzdrummer werden, aber an meiner
Schule gab es keine Perkussioninstrumente, nur Saiteninstrumente. Da ich ein
hochgewachsener Junge war, wählte ich das Cello. Es fühlte sich gut an. Dann
hörte ich einen Jazzposaunisten, und fing neben dem klassischen Cello an,
Jazzposaune zu spielen - Standards. Gleichzeitig begeisterte ich mich für
Blues, kaufte mir einen Gitarre, wollte ungedingt Bluesgitarrist werden. Ich betrieb
das Musikmachen sehr ernsthaft, übte 5 Stunden am Tag Jazzposaune auf der
Highschool. Weil ich zu viel übte, beschädigte ich ein paar Muskeln der Lippen
und musste eine Weile pausieren. In dieser Zeit trat wieder das Cello in den
Vordergrund. Ich spielte die selben Sachen, die ich zuvor auf der Posaune
gespielt hatte. Und es ging leichter, ohne derart große Anstrengung. Ein ganz
neuer Horizont tat sich auf, weshalb ich mich von da an aufs Cello
konzentrierte. Ich erkundigte mich nach anderen Cellisten im modernen Jazz,
aber es gab keine. Andere Musiker wie der Vibrafonist Gary Burton wurden zu
einem Einfluss, bei dem ich studierte. 1975 traf ich Bill Frisell, auch Marty
Ehrlich. Es war also nur logisch, mit dem Cellospiel fortzufahren.Der Cellist
Abdul Wadud veröffentlichte 1977 ein Soloalbum. War das ein Anstoß?Hank Roberts: Ich hörte nicht
viel von Waduds Musik. Allerdings wiesen mich viele Kollegen auf ihn hin. Sie
sagten: ‘Den muss du dir einmal anhören!’ Ich hörte ihn dann auf einer LP von
Julius Hemphill, aber nie solo. Trotzdem war es gut zu wissen, dass ich nicht
der einzige war, der neuen Jazz auf dem Cello zu spielen versuchte - allein das
war schon ein Ansporn.Nach ein paar
vielbeachtete Alben wurde es in den 90er Jahren etwas ruhiger um sie. Warum die
Auszeit?Hank Roberts: Ich legte für etwa
zehn Jahre eine Tourneepause ein. Meine Kinder waren sehr klein und ich wollte
nicht immer weg sein. Ich gab Unterricht, spielte mit Gruppen aus der Region.
Geld war natürlich ein Problem, aber wir kamen über die Runden. Das jüngste
meiner vier Kinder ist jetzt 15 Jahre alt, was mir wieder mehr Spielraum gibt.
Sie machen Musik, allerdings nur als Hobby, was in Ordnung ist. Ich wollte sie
nicht zum Musikmachen zwingen, sondern ermutigen, selbst herauszufinden, wo
ihre Interessen liegen.Jazz ist bei
der Jugend nicht unbedingt angesagt. Schätzen ihre Kinder die Musik, die sie
machen?Hank Roberts: Ja, sie finden es
cool, weil ich etwas Erfolg damit habe. Sie sind stolz auf ihren Dad. Meine
Aktien stiegen beträchtlich, als ich vor ein paar Jahren in der Carnegie Hall
in einem Konzert mit U2 und Lady Gaga auftrat.Die Gruppe auf
ihrem neuen Album ist, wenn man vom Schlagzeug absieht, ein Saitenensemble. Wie
kam es zustande?Hank Roberts: Mit Bill Frisell
habe ich in den letzten Jahren viel gearbeitet. Deswegen war es naheliegend,
ihn in die Band zu holen. Die anderen beiden Musiker, Jerome Harris an der
akustischen Baßgitarre und Kenny Wollesen am Schlagzeug, habe ich sehr
sorgfältig ausgewählt. Sie stellen eine ideale Plattform dar, um Kompositionen
zu schreiben. Stücke zu komponieren, bereitet mir viel Vergnügen. Es ist toll,
wenn man von den Medien anerkannt wird, aber ich merke immer mehr, dass die
Freude an der Arbeit das Wichtigste für mich ist. Es macht einfach Spaß, eine
interessante Band mit interessanten Musikern zusammenzustellen und dann zu
überlegen: ‘Was kann man mit diesen Musikern realisieren? Wie kann man ihre Talente am Besten nutzen?’ Sie sind seit
längerem beim Label Winter & Winter (vormals JMT Records) unter Vertrag.Hank Roberts: Das bedeutet mir
sehr viel. Stefan Winter ist ein Freund, wie ein Bruder, eine echte Stütze. Man
kann sich wirklich auf ihn verlassen. Diese kontinuierliche Zusammenarbeit ist
mir äußerst wichtig.Welche
Bedeutung kommt ihrem Solospiel auf dem Cello zu?Hank Roberts: Ich arbeite
kontinuierlich an meinem Solorepertoire und habe 1997 in einem Kloster eine
Soloplatte für ein kleines Label in den USA aufgenommen. Zehn bis zwölf
Soloauftritte absolviere ich pro Jahr, viele hier am Ort. Ich bin interessiert,
was andere Cellisten machen, wenn sie alleine auftreten, Ernst Reijseger etwa,
der ein fantastischer Musiker ist. Ich schau mir auf Youtube an, was sie
machen. Natürlich höre ich mir auch die großen alten Meister des Cellos an:
Pablo Casals hat mit seinen Bach-Interpretationen Maßstäbe gesetzt. Er brachte
so viel von seiner Persönlichkeit ein. Anner Bylsma ist gleichfalls ein
ungeheurer Virtuose. Seine Instrumentbeherrschung und sein Klang sind
phänomenal. Ich würde gerne mehr Zeit aufs Musikhören verwenden. Doch läßt mir
meine Arbeit nicht viel Raum. Ich nehme viel Musik selber auf, oft Konzerte,
die ich dann sehr genau studiere. Da bleibt nicht viel Zeit, sich noch andere
Musik anzuhören. Was aktuell geschieht, das erfahre ich durch meine Kinder.
Mein Sohn hört viel Rap und Hiphop. Also werde ich damit konfrontiert und mir
gefällt viel davon. Was mir daran nicht
behagt, ist, dass kaum noch etwas von echten Musikern gespielt wird, alles
kommt von der Software. Da geht etwas verloren, was ich schade finde: die
Individualität richtiger Musiker. Einige dieser Künster machen das dadurch
wett, dass sie die Sprache auf sehr kreative Weise verwenden.Aktuelles Album:Hank Roberts: Everything is
alive (Winter & Winter) Das Interview erschien ursprünglich in der Zeitschrift JAZZTHETIK (www.jazzthetik.de)
Erik Friedlander’s Bonebridge schwelgt in Singen in träumerischen Klängen
Foto: Claudia Casanova
CW.John Cage hatte es vorgemacht. Zum 200. Jubiläum der amerikanischen
Verfassung entwarf der Avantgarde-Komponist 1976 ein Werk, das alte Kirchenhymnen,
Spirituals und Folksongs per Zufallsverfahren neu zusammensetzte, um den Geist
der frühen amerikanischen Volksmusik auf moderne Weise einzufangen.
35 Jahre später versucht sich der New Yorker Cellist Erik Friedlander an
einem ähnlichen Projekt. “Bonebridge”
heißt das Unterfangen, das vom Jazz ausgehend eine Musik erträumt, die in
organischer Manier die Vielfalt der amerikanischen Folkstile zu einem Sound
verschmelzt, in dem alles enthalten ist: Country, Blues, Gospel und Folk, ja
selbst New Yorker Latin-Traditionen wie Rumba und Mambo klingen an und
verbinden sich zu einer wunderbaren Melanche.
Die Musik ist eine Zeitreise ins Jahr 1971, als die Friedlander-Familie das "Galax Fiddlers' Festival" in der Stadt Galax in Virginia besuchte. Man campte mit Hunderten anderer Bluegrass-Fans, und der junge Erik, damals elf Jahre alt, zog durch das Zeltlager, wo überall spontane Bluegrass-Sessions stattfanden. Er sperrte mächtig die Ohren auf. "Zupfst Du?" war normalerweise die Frage, die eine Spontansession auf den Weg brachte.
Foto: Nathan Rosborough
Schon die Besetzung des Bonebridge-Quartetts ist für eine Jazzcombo
außergewöhnlich. Friedlander ist ein Meister des Cellos, das im Jazz relativ
selten zum Einsatz kommt. Der New Yorker gehört zu nur einer Handvoll von
Cellisten, die das Instrument in der improvisierten Musik mit Autorität zu
spielen vermögen. Sein Gegenüber ist der E-Gitarrist Doug Wamble, der am
liebsten Slide-Gitarre mit einem Metallröhrchen um den Zeigefinger spielt.
Damit erzeugt er die gleitenden Töne, die Blues und Countrymusik prägen.
Kontrabassist Trevor Dunn passt ausgezeichnet in dieses Kabinett der
Exzentriker, da er eigentlich aus der Rockmusik kommt und es jahrelang in der Rockband
Mr. Bungle mit Mike Patton von Faith No More ordentlich krachen ließ. Am
Schlagzeug sitzt Michael Sarin, dessen Erfahrungsschatz vom Jazz bis zur
experimentellen Improvisation reicht.
Der Auftritt der Gruppe im Singener Kulturzentrum Gems bildete das Debut
einer mehrwöchigen Europa-Tournee. Das Auftaktkonzert machte deutlich, dass die
Band noch Zeit braucht, richtig zusammenzuwachsen, vor allem auch weil sie
etliche Stücke einbezog, die erst kürzlich entstanden sind und auf Hurrikan
“Sandy” zurückgehen.
Der Orkan kappte für vier Tage den Strom von Erik Friedlanders
Appartment, so dass er Zeit hatte abends bei Kerzenschein neue Stücke zu
ersinnen. Häufig zupft er ein Cellosolo zur Einleitung, wobei er sich als
souveräner, fingerflinker und hochmusikalischer Turbovirtuose erweist. Die
Kompositionen münden meistens in einen entspannten Beat, über den Slide-Gitarre
und Cello träumerische Melodien legen, um sich danach in den Soli die
improvisatorischen Bälle zuzuwerfen. Eine Rumba wird so schräg angegangen, dass
man meint, gleich würde Tom Waits die Bühne betreten, um eine seiner verbeulten
Blues-Arien zu heulen.
Insgesamt erinnerte die Musik an Klänge, wie sie in den letzten Jahren
auch vom Jazzgitarrenstar Bill Frisell zu hören waren, der ebenfalls Exkursionen
in musikalische Traditionen wie Bluegrass und Gospel unternahm und sie
zeitgemäß aufzuarbeiten versuchte. Genau das glückt Erik Friedlander mit
Bavour. Die vier verwandeln Jazz in eine imaginäre Folkmusik des 21.
Jahrhunderts. Prädikat: äußerst süffig!
Erik Friedlander Bonebridge: Beaufair Street (SkipStone Records)