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Monday, 9 October 2023

Die Harfe neu erfunden: Zeena Parkins

Ein Kosmos unentdeckter Klänge

 

Durch die Zusammenarbeit mit Björk, Yoko Ono und John Zorn ist Zeena Parkins zu einer zentralen Figur der experimentellen Szene geworden – in ihren Händen verwandelt sich die Harfe in ein Zauberinstrument


 

cw. Obwohl Zeena Parkins mehrere Instrumente spielt, ist ihr Name untrennbar mit einem einzigen Instrument verbunden, das in der experimentellen Musik bis in die 1980er Jahre hinein kaum eine Rolle spielte. Die Musikerin, die in Detroit aufwuchs, hat die Harfe zu einem angesehenen und vielbeachteten Klangerzeuger der Avantgarde gemacht und als elektrisches Instrument neu erfunden. Deshalb kann es kaum verwundern, wenn Zeena Parkins‘ Name mittlerweile als Synonym für Harfe gilt.

 

 

Mitte der 1980er Jahre wurde man in Europa erstmals auf Parkins aufmerksam. Mit der Gruppe Skeleton Crew (mit Fred Frith und Tom Cora) kam sie zu Tourneen und Festivalauftritten auf den alten Kontinent, um das Engelsinstrument auf eine Weise zu spielen, wie man es bis dato noch nicht gehört hatte: Sie präparierte die Saiten, klemmte Wäscheklammern fest und verfremdete die Töne mit elektronischen Gerätschaften. Kurz: Parkins erkundete die Harfe als einen Kosmos bislang unentdeckter Klänge.


Skeleton Crew mit Tom Cora (links) und Fred Frith (rechts)

 

Durch Frith und Cora kam die Harfenistin, die inzwischen nach New York gezogen war, mit John Zorn in Kontakt, der Ende der 1980er Jahre regelmäßig Proben in seinem Apartment auf der Lower East Side abhielt. Bei diesen Sessions kamen „Game“-Kompositionen zur Aufführung, die Zorn mit Schildern und Tafeln lenkte und die Parkins die Augen öffneten – so kühn und verwegen konnte Musik sein! Das gab ihr den Kick, bei ihren Erkundungen der Harfe noch mehr zu wagen.

 

Anfang der 1990er Jahre markierte das Album „Nightmare Alley“ einen Durchbruch, weil es auf vielfältige Art und Weise das noch ungehobene Klangreservoir der Harfe hörbar machte. Das Album war eine Offenbarung, weil Parkins dem unbegleiteten Instrument Sounds entlockte, die man ihm nicht zugetraut hätte. Seither hat sie ihre Klangpalette stetig erweitert und die Stationen der Entdeckungsreise auf fünf weiteren Soloalben dokumentiert.


 

Die Häutung zur radikalen Avantgardistin wirkte umso drastischer, weil Parkins ursprünglich aus der klassischen Klaviermusik kam. Als Teenager liebäugelte sie mit der Idee, Konzertpianistin zu werden. Doch auf der Musikhochschule wurde ihr irgendwann klar, dass die klassische Musik nicht der Weg war, den sie weiter beschreiten wollte.

 

Zuvor hatte ihr der Zufall eine Alternative zugespielt. Um neben dem Klavier noch ein zweites Instrument zu erlernen, wurde die Schülerin eines Tages in den hinteren Trakt des Schulgebäudes geführt, in ein dunkles Zimmer ohne Fenster. Als das Licht anging, stand sie acht großen Konzertpedalharfen gegenüber: „In Gold gefaßt, kamen sie mir wie märchenhafte Zauberinstrumente vor. Ich habe mich sofort in sie verliebt. In diesem einen Augenblick hat sich mein ganzes Leben entschieden.“

 

Parkins begann klassische Harfe zu erlernen und je mehr sie sich in das Instrument vertiefte, umso geringer wurde ihr Ehrgeiz, einmal in einem Klassik-Konzert aufzutreten. Ihre Interessen lagen anderswo.

 

Vom akustischen zum elektrischen Instrument war der Weg nicht weit, vor allem in einem Umfeld wie Manhattans Downtown-Szene, wo fortwährend mit unorthodoxen Spieltechniken experimentiert und der konventionelle Rahmen der Tonsprache erweitert und hinausgeschoben wurde.

 

Die früheste Version ihrer elektrischen Harfe wurde 1985 vom verstorbenen Cellisten und Skeleton-Crew-Bandkollegen Tom Cora und dem bildenden Künstler Julian Jackson entworfen. Im Jahr darauf baute sie der Gitarrenbauer Ken Parker in ein freistehendes Instrument um, das im Stehen gespielt werden konnte. Als nächstes nahm der Klangkünstler und Instrumententüftler Douglas Henderson noch ein paar Verbesserungen vor. „Das veränderte das Instrument grundlegend,“ erklärt Parkins. „Er schuf ein Griffbrett, wodurch es möglich wurde, unterschiedliche Spieltechniken zu entwickeln.“


 

Ob mit Skeleton Crew, dem „Conduction”-Ensemble von Butch Morris, John Zorns frühen “Cobra”-Gruppen, der Formation No Safety mit Chris Cochrane oder dem Duo Phantom Orchard mit Ikue Mori – Parkins, von quecksilberhaftem Temperament, entfaltete eine Vielzahl musikalischer Aktivitäten, die die Harfenistin über die engen Kreise der Avantgarde hinaus bekannt machten. Selbst Musiker der avancierten Popszene horchten auf, wie Sean Lennon der Parkins seiner Mutter Yoko Ono für Konzertauftritte empfahl, was zu einer Beteiligung an Onos „Live“-Album „Blueprint for a Sunrise“ führte.

 

Um die Jahrtausendwende erhielt Parkins eine Email, die ungefähr so lautete: „Ich bin eine Sängerin auf der Suche nach einer Harfenistin. Hätten Sie vielleicht Interesse?“ Unterschrieben war die Anfrage von Björk, der avantgardistischen Popsängerin, die Parkins dann in ihre Band holte, nicht ohne sie vorher rigoros im Vom-Blatt-Spielen sowie im Nach-Dem-Gehör-Spielen zu testen. Vier Jahre dauerte die Zusammenarbeit. Parkins ging mit Björk auf eine über einjährige Welttournee, um das „Vesperine“-Album zu promoten, wobei die beiden immer wieder gemeinsam an neuen Arrangements arbeiteten.


Zeena Parkins mit Björk – Generous Palmstroke; "Live" at the Royal Opera House (youtube)

 

Parallel dazu nahm Parkins vermehrt an intermedialen Projekten teil, ob im Tanz-, Film- oder Kunstbereich, bei denen sie mit Choreographen, Regisseuren, visuellen Künstlern, Designer und Bewegungsartisten kooperierte, ob mit Tanzguru Merce Cunningham oder Multimedia-Artist Christian Marclay.

 

Das aktuelle Album „Lace“ unterstreicht erneut Parkins außergewöhnliche musikalische Individualität. Der ursprüngliche Impuls für die Einspielung liegt 15 Jahre zurück, als die Komponistin vom Merce Cunningham Dance Studio zu einem Konzert der „Music Mondays“-Serie eingeladen wurde. Allerdings hatte die Sache einen Haken: Der Termin war so knapp bemessen, dass für Ensembleproben keine Zeit blieb und Parkins sich stattdessen für einen spontanen Ansatz entschied. Sie wählte ein paar graphisch interessante Beispiele von textilen Spitzenmustern aus ihrer Sammlung aus, die sie auf den Tourneen um die Welt zusammengetragen hatte. Die Spitzen sollten den Musikern und Musikerinnen des Ensembles als Partitur für jeweils ein bestimmtes Stück dienen, das improvisiert wurde, sich aber doch strukturell an dem Spitzenmuster orientieren sollte. Und – surprise, surprise! – es funktionierte!.

 

Auf das Motiv der Spitzen kam Parkins danach immer wieder zurück, was schließlich zum Album „Lace“ (=Spitzen) führte. Es enthält Kompositionen für Schlagwerk (William Winant) sowie für ein Ensemble aus Cello (Maggie Parkins), analogem Synthesizer (James Fei) und den Bläsern der Gruppe Tilt – von der Harfe keine Spur! Selbst nach einer Karriere von nahezu 40 Jahren ist Zeena Parkins immer noch für eine Überraschung gut.

 

Zeena Parkins ist am Samstag, den 2. Dezember 2023 auf dem Unerhört-Festival in Zürich zu hören.

Info: unerhoert.ch

 

Sunday, 21 March 2021

BILL FRISELL@70

Der Freund von Ginger Baker (und der hat wenige Freunde)

 

Er gilt als der einflussreichste Gitarrist des modernen Jazz: Bill Frisell wurde am 18. März siebzig Jahre alt  


                                                                            Foto: Monica Jane Frisell 



 cw. Wenn Bill Frisell keinen so unverkennbaren Gitarrenstil hätte, könnte man ihn für ein musikalisches Chamäleon halten, so geschmeidig vermag er sich  jeder musikalischen Situation anzupassen. Ob Blues, Folk, Avantgarde, Gospel, Country, Pop oder Rock – der Gitarrist hat in seiner Karriere unzählige Male seine Jazzheimat verlassen, um mit Elvis Costello, Ginger Baker, Wilco oder Lucinda Williams zu spielen. Gleichzeitig hat Frisell immer seine eigenen Bandprojekte verfolgt, die ihn oft ebenfalls in jazzfernes Terrain führten. 

 

Ende der 1970er Jahre wagte Frisell den Sprung von der amerikanischen Provinz in die Welthauptstadt des Jazz. Doch in New York ließ der Durchbruch auf sich warten. „Ich spielte bei Hochzeiten und in Hotelbars, nur um über die Runden zu kommen,“ erinnert er sich. Zur Rettung kam der renommierte Schlagzeuger Paul Motian, der den Gitarristen 1981 in seine Band holte. Von da an ging es bergauf. Frisell nahm mit Elvin Jones, dem Schlagzeuger von Jazzgigant John Coltrane, ein Album auf, auch mit Cream-Drummer Ginger Baker. „Ich war supernervös, als ich das Studio betrat,“ erinnert er sich an seine Begegnung mit dem Rockstar, der als launisch und mürrisch galt. „Ginger Baker baute gerade sein Schlagzeug auf. Er hatte keine Ahnung, wer ich war. Ich sagte: „Hallo, ich bin Bill, der Gitarrenspieler.“ Er knurrte etwas und ich dachte: „Oh Scheiße!“ Doch kaum hatten wir mit dem Musizieren begonnen, hellte sich seine Stimmung auf. Das Zusammenspiel klappte vorzüglich. Danach waren wir Freunde.“ 

                                                                                Foto: Monica Jane Frisell 

 

Mit dem Album „Nashville“ begann Frisell 1997 seine Exkursionen in die traditionellen Stilformen der amerikanischen Musik. Die Session führte ihn in die Welthauptstadt der Countrymusik, um mit den besten Studiomusikern von Nashville aufzunehmen. „Die Burschen hatten Heimspiel, ich war der Außenseiter,“ erzählt er. „Das Spielniveau war extrem hoch. Ich hatte Noten dabei, doch sie kannten keine Noten. Ich musste ihnen jedes Stück vorspielen und in Nullkommanichts hatte sie es drauf. Es war unglaublich. Es gefiel ihnen, mit einen Musiker zu spielen, der nicht aus ihrem Stall kam.“ 

 

Über die Jahre hat Frisell einen ganz eigenen Stil entwickelt, der nicht auf Schnelligkeit oder kreischenden Sounds beruht, sondern die Töne sparsam und gezielt setzt, wobei der oft leicht verhangene Klang seiner Gitarre unverkennbar ist. Seine Spielweise hat unzählige Nachahmer gefunden, was Frisell vielleicht zum einflußreichsten Jazzgitarristen der letzten Jahrzehnte macht. „Ich versuche immer weniger die Fußpedale einzusetzen,“ erklärt der Meister. „Ich möchte, dass mein Sound meinen Händen entspringt und nicht einer elektronischer Box.“

 

Daheim in Brooklyn stapeln sich die Gitarren. Frisell ist ein leidenschaftlicher Sammler, der an keiner Musikalienhandlung verbeikommt, ohne hineinzugehen. „Ich mag Gitarren und habe viel zu viele,“ räumt er ein. Der Vorteil seiner Sammelleidenschaft ist jedoch, dass er für jedes Musikprojekt gleich das passende Instrument zur Hand hat. 

 

Seine neuste Einspielung namens „Tone Poem“ (bei Blue Note erschienen) hat er mit dem Altmeister des Jazzsaxofons, Charles Lloyd, gemacht, den Frisell mit der Gruppe The Marvels begleitet. In dieser Band spielt Greg Leisz Pedal-Steel-Gitarre, ein Spitzenkönner, der mit Eric Clapton, Bruce Springsteen und Joni Mitchell gearbeitet hat. „Charles Lloyd wollte unbedingt das Countrymusik-Instrument dabei haben, weil er in seiner Jugend in Memphis mit einem Pedal-Steel-Gitarristen gespielt hatte,“ erzählt Frisell. „Leisz fügte sich so ideal in unsere Jazzmusik ein, dass es fast schon an ein Wunder grenzt.“ 


https://www.youtube.com/watch?v=yO2CcGgIeOs&list=RDMM&start_radio=1=



 

Tuesday, 29 September 2020

Radiophon – Musikcollagen im SWR2

RADIOPHON – MUSIKCOLLAGEN

Am Donnerstag, 1. Oktober 2020 (21:03 – 22:00) gestalte ich 'Radiophon – Musikcollagen' im SWR2. Es ist Musik zu hören von Matthaeus Pipelare (15. Jahrhundert), Hubl Greiner (ex-The Blech), John Zorn, Laurie Spiegel, Howard Skempton, Borah Bergman, Giovanni Paolo Colona, Samuel Rohrer und Ernst Molden (mit Ursula Strauss). 

Das Spektrum reicht von Minimal über Vokalmusik der Renaissance bis zu jüdischem Jazz, Wiener Lied und Elektronik.


Donnerstag, 1. Oktober 2020 (21:03 – 22:00) // SWR2, Radiophon

                                                Borah Bergman (1926 - 2012)








Tuesday, 3 May 2016

Kubanische Klezmermusik. John Zorns 'Book of Angals, Vol 23'

Verblüffende Synthese

Kubanische Klezmermusik mit Roberto Rodriguez beim Jazzclub Singen


cw. Let’s klez! Seit 40 Jahren erlebt die jüdische Klezmermusik ein Revival. In ihrer vormaligen osteuropäischen Heimat durch Holocaust und 2. Weltkrieg vernichtet, waren es vor allem Musiker aus den USA, die die traditionelle jüdische Festtagsmusik wiederentdeckten und ihr zu einer weltweiten Renaissance verhalfen. Wie Blues, Tango oder Salsa gibt es heute Klezmergruppen nahezu überall auf dem Globus. Dabei treten immer mehr auch etwas abgelegenere Traditionslinien zu Tage, wie etwa die Klezmermusik auf Kuba, wo eine beachtliche Exilgemeinde jüdischer Emigranten strandete, um sich vor der Verfolgung in Europa in Sicherheit zu bringen.

Der Schlagzeuger Roberto Rodriguez stammt aus diesen Milieu. Er ist in der jüdischen Gemeinde in Kuba groß geworden und hat seit seiner Jugend bei Festen und Feiern jüdische Musik gespielt und dabei schon früh Klezmermelodien mit kubanischen Rhythmen vermischt. In den 1990er Jahre wanderte Rodriguez in die USA aus, wo er sich in New York niederließ, um weiterhin seine musikalischen Wurzeln zu pflegen. In Downtown Manhattan traf Rodriguez den Saxofonisten, Komponisten und Labelbetreiber John Zorn, der ihn ermunterte, die jüdisch-kubanische Klezmertradition weiterzuentwickeln.

Zorn schrieb eine Reihe von Kompositionen für Rodriguez, die dieser zuerst mit einer größeren Besetzung aufnahm (CD: Book of Angels, Vol 23) und jetzt mit seinem Cuarteto Aguares auf einer ersten Europatournee vorstellte, wobei er neben Auftritten in Slowenien, Holland und Österreich auch beim Jazzclub Singen im Kulturzentrum Gems vor vollem Haus gastierte. Rodriguez’ Ensemble besteht aus vier Meistermusikern, die die Latin-Klezermusik mit traumhafter Sicherheit in Szene setzen. Jonathan Keren an der Violine entpuppte sich als unglaublich fingerfertiger Virtuose, der dem Bandleader am Schlagzeug an technischer Brillanz in nichts nachstand. Am Piano, manchmal  akustisch, dann wieder in elektrisch, brillierte der junge Alon Nechustan mit markanten Soli, wobei Bassist Bernie Minoso das Ganze mit federnd-elastischen Baßlinien zusammenhielt.

Komponist John Zorn hat eine Musik kreiert, die eine wunderbare Melanche zwischen der oft träumerischen Melancholie osteuropäischer Klezmermusik und dem Drive und der Lässigkeit lateinamerikanischer Rhythmen darstellt. Dabei ist es dem Cuarteto Aguares gelungen, die knappen Vorgaben des Komponisten mit originellen Arrangements und gekonnten Improvisationen zu epischen Stücken auszubauen, die dennoch keine Sekunde langweilig wirkten. Vielmehr war es faszinierend zu hören, zu welch spannendem Mix sich die jüdische Musik in der kubanischen Diaspora formte. Rumba und Klezmer gehen dabei ein überraschende Synthese ein, die verblüfft und trotzdem vollkommen organisch wirkt.

Wednesday, 14 January 2015

IKUE MORI und FRED FRITH in STUTTGART

Heimat der Avantgarde

Seit fünf Jahren dem musikalischen Experiment verpflichtet -  der “Stromraum” in Stuttgart feiert Jubiläum

Ikue Mori
cw. “Stromraum” nennt sich ein größeres Kellerstudio in einem Hinterhaus in Stuttgart-Cannstadt. In der König-Karl-Straße 27 ist die musikalische Avantgarde zuhause. Seit fünf Jahren finden hier regelmäßig Konzerte statt, ungefähr eins im Monat, oft gespielt auf elektronischen Klangerzeugern wie Synthesizer, Musikcomputer oder Laptop. Die Zuschauerzahl ist überschaubar, der Rahmen intim. Man ist zum Zuhören gekommen, vielleicht auch um neue Klangerfahrungen zu machen, denn darauf legt das Programm Wert. “Erwarte das Unerwartete” könnte sein Moto lauten. Wer musikalisch neugierig ist, befindet sich hier am richtigen Ort.

Jetzt ist dem Veranstalter, dem Verleger Eckhart Holzboog, ein echter Coup gelungen. Am Samstag, den 17. Januar (20 Uhr), ist im “Stromraum” ein hochkarätiges Duo zu Gast. Die Elektronikerin Ikue Mori aus New York und der Gitarrist Fred Frith aus Kalifornien sind Spitzenmusiker der internationalen Avantgarde. Zusammen werden sie die Zuhörer auf eine musikalische Abenteuerfahrt nehmen. Der Auftritt ist das einzige Konzert der beiden in Europa. Am 28. Februar geht es dann weiter auf ähnlich hohem Niveau. Dann hat der Vokalist und Maulwerker Phil Minton aus London sein Kommen zugesagt.

DNA
Vom Schlagzeug über die Drum-Maschine zum Laptop, auf diese Kurzformel könnte man die Karriere der in New York lebenden Japanerin Ikue Mori bringen. Ende der siebziger Jahre geriet sie bei einer Touristenreise in den Strudel der New Yorker New-Wave-Szene und tauchte als Schlagzeugerin des legendären Trios DNA wieder auf. Bis heute ist die gelernte Grafikdesignerin Profimusikerin geblieben und gilt seit Jahren als eine der interessantesten Elektronikerinnen der amerikanischen Experimental-Szene.

Wenn Ikue Mori ihre Klangmaschine anwirft, dann zirpt, knistert, blubbert und raschelt es. Auch einen knarzenden Elektro-Beat bringt sie manchmal hervor. Oder es dringen Sounds ans Ohr, wie man sie noch nie gehört hat: Klänge so buntschillernd wie eine Pfauenfeder oder ein exotischer Schmetterling.

Wenn sie nicht gerade auf Tournee ist, sitzt die Klangkünstlerin daheim am Bildschirm und bastelt an außergewöhnlichen Sounds. Das Klänge werden so lange bearbeitet, durch Filter geschickt, verzerrt, manipuliert und umgewandelt, bis sie ihren Vorstellungen entspricht. So entstehen das Klangmaterial, aus dem sie bei Auftritten schöpft.

Mori ist eine Virtuosin auf dem Laptop, der inzwischen zum Emblem des digitalen Musikzeitalters geworden ist und die E-Gitarre abgelöst hat, die für die Rock-Ära stand. Mit der Gitarre wurde Fred Frith groß. Der Engländer, der mit einer Stuttgarterin verheiratet ist und heute am renommierten Mills College in Kalifornien lehrt, wurde in den siebziger Jahren mit der experimentellen Rockgruppe Henry Cow bekannt, bevor er nach Amerika zog. Dort war er jahrelang auf der New Yorker Szene aktiv, wobei er in Gruppen von John Zorn und Bill Laswell spielte.

Improvisation und Komposition sind die beiden Pole, zwischen denen sich Frith bewegt. Er entgrenzt das Gitarrenspiel, geht weit über gängige Vorstellungen hinaus, welche Sounds einer Gitarre entlockt werden können. Wenn er Tischtennisbälle über die Saiten hüpfen lässt oder Metallfedern dazwischenklemmt, erklingen die abenteuerlichsten Klänge und Geräusche. Ikue Mori wird kein Problem haben, darauf eine adäquate Antwort zu finden.

Der Artikel erschien zuerst im Schwarzwälder Bote, große Tageszeitung in Südwestdeutschland.

Friday, 10 October 2014

RADIO RADIO RADIO: Jazz auf der Lower East Side

Deutschlandfunk, 23. Oktober 2014 / 21:05-22:00
Jazzfacts:
Klanglabor des modernen Jazz
 - Die Lower East Side von Manhattan

von Christoph Wagner

                                                                               Sam Rivers betrieb das Studio Rivbea

Die Lower East Side von Manhattan war ursprünglich ein Slum, in dem Einwanderer ihre erste Bleibe fanden. In den 50er-Jahren siedelten sich wegen der billigen Wohnungen viele Jazzmusiker dort an. Darüber hinaus entstanden Jazzclubs wie das Five Spot, das von Cecil Taylor 1957 eröffnet wurde und wo Thelonious Monk regelmäßig auftrat. In den 60er-Jahren wurde der New Yorker Stadtteil zum Zentrum der Freejazz-Revolution, die eine Dekade später von der Loft Szene abgelöst wurde, die eine kreative Explosion auslösten. Der Saxofonist Sam Rivers war einer ihrer 'movers and shakers', der das Studio 'Rivbea' betrieb, wo die atemberaubensten Konzerte stattfanden.

Die Gruppe Muntu im Studio Rivbea, 1978
Später siedelten sich dann die Cliquen um John Zorn und Elliott Sharp dort an, die in kleinen Galerien und Musikclubs wie der Knitting Factory auftraten. Inzwischen haben explodierende Mietpreise die alternative Jazzszene mehr und mehr aus dem südlichen Teil von Manhattan vertrieben. Heute halten nur noch ein paar wenige Konzertlokale wie The Stone die Erinnerung an die kreative Blütezeit dieser Gegend wach. Christoph Wagner zeichnet ein Bild von Geschichte und Gegenwart des Klanglabors Lower East Side. Es kommen zu Wort: Sam Charters, Barry Altschul, Juini Booth, Roswell Rudd, Jay Clayton, Peter Kowald und Bernard Stollman (ESP label).

Monday, 10 June 2013

Interview: LEE RANALDO (Sonic Youth)


Ich folge nur den Spuren

Der New Yorker Gitarrist Lee Ranaldo (Sonic Youth) über experimentelle Musik, die Kunst des Songwriting, die Faszination von Poesie und Malerei und seinen Auftritt beim 30. Taktlos-Festival am 16. Juni in der Roten Fabrik in Zürich



Ein Interview von Christoph Wagner

Sie sind als Mitglied der Indie-Rockgruppe Sonic Youth bekannt. Jetzt treten sie beim Taktlos-Festival in Zürich auf - einem Festival für experimentelle Klänge. Welche Beziehungen haben sie zu dieser Szene?

Lee Ranaldo: Die meisten Leute kennen mich als Gitarristen von Sonic Youth, obwohl ich auch immer schon experimentelle Musik gemacht habe. Ich spiele kontinuierlich freie Improvisationen mit den verschiedensten Leuten, ob mit dem Schlagzeuger William Hooker oder dem Saxofonisten Mats Gustafsson. Im Jahr 2000 war ich bereits einmal beim Taktlos-Festival zu Gast, damals mit dem Dudelsackspieler David Watson und dem Schweizer Schlagzeuger und Elektroniker Günter Müller - ein hochexperimentelles Konzert! Dieser Stil ist mir also alles andere als fremd. David Watson ist ein Dudelsackspieler aus Neuseeland, der ebenfalls in New York lebt. Wir spielen bis heute zusammen. Letztes Jahr haben wir ein Album mit dem Titel “Glacial” veröffentlicht, bei dem noch der australische Drummer Tony Buck mitwirkte. Zum “Taktlos” werde ich aber dieses Mal mit meiner Rockgruppe anreisen.

Wie verlief ihre musikalische Entwicklung? Sind sie von der experimentellen Musik zum Rock gekommen?

Lee Ranaldo: Nein, es war genau umgekehrt. Ich fing in meiner Jugend mit Rock ‘n’ Roll an, spielte in unzähligen Pop- und Rockbands. Erst später entdeckte ich die experimentelle Musik., was ganz organisch verlief. Ich tauchte dann tiefer und tiefer in dieses Genre ein. Ich folgte zuerst nur den Spuren, die Rockmusiker hinterließen. Auf dem Cover von Sgt. Pepper, dem bahnbrechenden Album der Beatles, war Karlheinz Stockhausen zu sehen. “Wer ist dieser Typ?” dachte ich und folgte der Fährte. So entdeckte ich die avantgardistische Konzertmusik.


Als ich dann 1979 nach New York kam, war das wie eine Explosion. Überall wurde an Neuem gebastelt. John Cage war aktiv, ebenso die Minimalisten Philip Glass und Steve Reich. Es gab die Gitarrenorchester von Glenn Branca und Rhys Chatham und die “Drones” von LaMonte Young. Die Clique um John Zorn bastelte an neuen Konzepten. Selbst die Rockszene war damals in New York äußerst experimentell. Die No-Wave-Gruppen dekonstruierten den Rock ‘n’ Roll. Ich kam von der Kunsthochschule und hatte dort Kunstbewegungen wie Fluxus, Dada oder Surrealismus studiert, die sich die Dekonstruktion der Kunst zur Aufgabe gemacht hatten. Das passte mit diesen neuen Tendenzen wunderbar zusammen. Ich spielte in Glenn Brancas frühem Gitarrenorchester – aufregende Jahre!

Die Musikszene von Downtown Manhattan schien Ende der 70er Jahre ein einziges riesiges Experimentierlabor gewesen zu sein. Haben sie das so erlebt?

Lee Ranaldo: Sicherlich! New York war immer schon ein Zentrum kreativer Energie, und die Downtown-Szene von Manhattan befand sich damals in einer äußerst fruchtbaren Phase. Überall passierten die fantastischsten und verrücktesten Dinge. Musiker kombinierten die unterschiedlichsten Stile auf völlig neue Weise. Die Energie der Punk-Revolution war eine entscheidende Kraft. Es gab Clubs wie das CBGB und Max’s, auch kleinere Auftrittsorte und Lofts. Dort ging die Post ab.Man konnte Teenage Jesus & The Jerks hören, oder Suicide oder die Contortions.  Lydia Lunch spielte bei Teenage Jesus die E-Gitarre mit Messern und James Chance blies auf dem Saxofon wie Albert Ayler. Die Band brachte Punk und Freejazz zusammen. Eine andere interessante Gruppe war Suicide, die die Elektronik auf revolutionäre Weise nutzte. Es war eine hochinteressante Zeit – inspirierend! 

Sie haben letztes Jahr das Soloalbum “Between the Times and the Tides” veröffentlicht, das mit einem Aufkleber versehen ist: “The first rock album from Lee Ranaldo’s Sonic Youth»…

Lee Ranaldo: Ich weiß, das ist lustig. Auf der anderen Seite ist es nicht ganz falsch, weil ich bis dahin kein volles Soloalbum mit Rocksongs veröffentlicht hatte. Als vor ein paar Jahren Sonic Youth eine Pause einlegte, fing ich an, diese Lieder zu schreiben. Das Label brachte den Aufkleber an, damit die Leute nicht meinen sollten, es wäre eine weitere meiner experimentellen Veröffentlichungen. Es sollte klar sein: Hier handelt es sich um Songs und Rockmusik! Ich arbeite bereits an der nächsten Veröffentlichung, die diese Entwicklung fortführt. Sie wird neue Songs enthalten. Darum dreht sich momentan mein Interesse: Ich arbeite intensiv an neuen Lieder, singe viel und beschäftige mich generell mit dem Songformat. Das Album wurde im Kern von der gleichen Band eingespielt, die nach Zürich kommen wird. Alan Licht spielt Gitarre, Steve Shelley von Sonic Youth sitzt am Schlagzeug. Ich wollte für mich und meine Songs eine feste Band haben, nicht nur ein loser Verbund von Musikern.

Sie waren nie nur Rockmusiker, sondern haben u.a. auch Gedichte geschrieben. Hat das neue Interesse am Songwriting damit zu tun?

Lee Ranaldo: Vielleicht. Ich schreibe weiterhin Gedichte. Ende des Jahres wird ein Buch mit Poesie und Texten von mir erscheinen. Ein Interesse an Wörtern kann nicht schaden, wenn man Songtexte schreibt. Ich bin mir aber bewußt, dass Songtexte und Lyrik zwei unterschiedliche Disziplinen sind. Liedtexte funktionieren anders als Poesie. Gedichte werden für die Buchseite geschrieben, können still gelesen werden oder laut rezitiert, sind also vom Wesen her etwas anderes als Songs.

Ursprünglich kommen sie von der bildenden Kunst…

Lee Ranaldo: Das ist richtig! Musik und Poesie sind nur ein Teil meines kreativen Schaffens. Ich habe ursprünglich Malerei und Kunstdruck studiert. Im Moment findet gerade eine Ausstellung meiner Gemälde in Portugal statt. Die Bilderserie heißt “Highway Drawing” und ist auf dem Beifahrersitz unseres Tourbuses entstanden. Ich habe in der Vergangenheit auch viel mit Film gearbeitet. Mit meiner Frau Leah Singer absolviere ich Auftritte, die Musik, Film und Elemente von Performance Art verbinden. Filme und Zeichnungen mache ich beinahe schon länger als Musik. Ich begreife mich als Künstler, der mit verschiedenen Medien arbeitet. Im Bereich der Musik bin ich nur am bekanntesten, obwohl ich immer schon in mehreren Kunstsparten tätig war.

Das Taktlos-Festival findet in der Roten Fabrik in Zürich statt? Verbinden sie mit dem Ort bestimmte Erinnerungen?

Lee Ranaldo: Zur Roten Fabrik habe ich eine ganz spezielle Beziehung, die weit zurückreicht. Als wir Anfang der 80er Jahre mit Sonic Youth die ersten paar Male nach Europa kamen, hatten wir einen Touragenten aus Zürich. Deshalb nahmen unsere Tournee oft von hier ihren Ausgang. Die Rote Fabrik war einer der ersten Orte in Europa, wo Sonic Youth auftrat und mit dem wir mit der Zeit vertraut wurden. Heute ist es einer der wenigen Auftrittsorte aus dieser Zeit, die noch bestehen. Wir haben dort über die Jahre einige sehr coole Gigs gespielt und eine gewisse emotionale Beziehung zu dem Ort entwickelt. Er ist Teil unserer Geschichte.

Haben sie besondere Erwartungen an ihrem Auftritt beim “Taktlos”?

Lee Ranaldo: Wir sind gerade dabei ein neues Album fertig zu stellen und werden deshalb einige Songs der vorigen Platte und einige neue Songs präsentieren. Ich bin gerne in Zürich. Wenn ich Zeit habe, gehe ich ins Kunsthaus, wo ich schon öfters war. Wann immer ich kann, besuche ich Museen und Kunstgalerien, wenn ich auf Tour bin. Ich habe einen lange Liste von interessanten Orten, wo Kunst zu sehen ist, die ständig wächst. Die arbeite ich ab!

Lee Ranaldo: Between the Times and the Tides (Matador Records)

Lee Ranaldo & The Dust treten am Wochenende beim Taktlos-Festival in Zürich auf: 14. - 16. Juni / Infos: http://www.taktlos.com