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Monday, 13 June 2022

Trauer um ROMAN BUNKA (1951 - 2022)

Morgenlandfahrer

Zum Tod von Roman Bunka (2.12.1951 - 12.06.2022) – eine Würdigung



cw. Das trifft mich dann doch wie ein furchtbarer Schlag in die Magengrube: Durch facebook erfahre ich, dass Roman Bunka verstorben ist. Vor ein paar Monaten haben wir noch telefoniert, nachdem ich vom Tod von Hartmut Geerken gehört hatte. Roman war ein enger Freund von Hartmut und meinte damals: "Mit 82 Jahren im Schlaf an einem Herzinfarkt im Bett zu sterben – besser kanns einem nicht gehen!" Manchmal habe ich durch meine Telefonate Roman beim Üben gestört, denn er war ein konstanter Arbeiter an seiner Saitenkunst. Vor Jahren habe ich ihn einmal in seiner Schwabinger Wohnung besucht. Er spielte mir LPs seiner Lieblingsgruppe Patto vor, deren Gitarrist Ollie Halsall ein frühes Idol war und den er immer noch bewunderte. Beim Abschied schenkte er mir ein Buch über Sufismus. Ich werde es jetzt noch einmal lesen. 


Wir haben Roman immer wieder für Konzerte engagiert. Er trat in Sigmaringen beim Schlachthof-Festival auf und beim Klangbad in Scheer (mit John Tchicai und Pierre Favre). Er ist auf der CD enthalten, die wir am Tag nach dem Schlachthof-Festival im Faust-Studio aufnahmen. Dabei spielt er ein wunderbares Stück mit John Tchicai und Hans-Joachim Irmler. Vor einigen Jahren absolvierte ich zwei Gigs in Ostdeutschland mit ihm und seinem Embryo-Bandkollegen Christian Burchard, wobei sie meinen Vortrag zur Geschichte der Underground-Musik in Germany begleiteten, von dem sie selber ein Teil waren, und danach einen weiteren Set spielten. Wunderbare Musik zwischen Orient und Okzident – dafür stand Roman. 


Missus Beastly, 1970 mit Roman Bunka (Gitarre), erster von links.




Roman Bunka (Jahrgang 1951) hat als Rockgitarrist angefangen. Die Band Missus Beastly war seine erste Station. In den siebziger Jahren gehörte er zum enge Kreis der Münchner Rockjazzgruppe Embryo und galt als einer der besten Gitarristen der deutschen Rockszene. Durch die Reisen mit Embryo nach Nordafrika und Indien begann sich sein musikalischer Horizont zu weiten. Bunka fiel in den Bann orientalischer Musikkulturen: Türkei, Indien, Ägypten. Er versuchte, orientalische Saiteninstrumente zu erlernen wie das türkische Saz oder die südindische Veena. Schließlich landete er bei der Oud, der arabischen Laute, auf der er sich zu einem anerkannten Virtuosen entwickelt hat. Regelmäßig trat Bunka mit ägyptischen Musikern auf und war als Studiomusiker in Kairo ein gefragter Mann. Das Interview wurde 2009 geführt.


  

Wann und auf welche Weise kamst du zum ersten Mal in Kontakt mit arabischer Musik?


Roman Bunka: Wahrscheinlich als ich fünf war. Meine Eltern fuhren mit mir nach Andalusien in die Ferien, damals fast eine Weltreise. Wir hatten ein Transistor-Gerät dabei und jeden Abend, wenn ich ins Bett mußte, hörte ich Radio. Die arabischen Sender sind dort gut zu empfangen. Außerdem kamen Straßenmusiker an den Strand. Das Photo dieser Begegnung ist auf dem Cover meiner CD "Color me Cairo" abgebildet: ein Mädchen tanzt und ein Mann spielt auf einer Rahmentrommel, einer marrokanischen Bendir. Meine Mutter hörte gerne Flamenco. Überhaupt ist in Andalusien die maurischeVergangenheit doch lebendiger als irgendwo anders.


Danach kam lange nichts. Dann die ersten Aufnahmen von Popgruppen in den sechziger Jahren mit Sitar und indischem Einfluß: Traffic mit "Paper Sun", die Beatles, Ravi Shankar. Ich erinnere mich noch stark an das überwältigende Erlebnis, als ich auf einem LSD-Trip George Harrisons Platte "Wonderwall" hörte. Der Klang der indische Shenai darauf förderte besonders intensive visuelle Halluzinationen. Irgendwie ging die indische Musik "tiefer rein".Heute weiß ich warum. Damals war es eher eine Sehnsucht nach etwas Unbekanntem.Die indische Musik war sicherlich mein Einstieg in den Orient, obwohl mein erstes orientalisches Instrument eine türkische Saz war. 


Roman Bunka mit Embryo in der Balinger Eberthalle, ca. 1977 (Foto: Martin Wagner)





Wodurch oder durch wen wurde dein Interesse an der Oud geweckt?


RB: Ich fand meine erste Oud im Bazar von Istanbul und gab mein letztes Geld dafür aus. Hungrig im Zug nach Hause probierte ich dann verschiedene Stimmungen. Zurück in München traf ich den kanadischen Sarod-Spieler Kenneth Wells. Wir spielten zusammen und ich wurde  von seiner indischen Spieltechnik beeinflußt. Ich unternahm dann eine Reise nach Bombay und traf dort den Tabla-Virtuosen Trilok Gurtu. Ich versuchte mich an einem anderen orientalischen Saiteninstrument, der südindischen Veena. Mit Trilok Gurtu spielte ich meistens Gitarre, wir hatten einige Konzerte in Bombay. Schon damals träumte er davon, mit John McLaughlin zu spielen und er hat es ja dann später auch geschafft.


Für mich ging es mit der Gruppe Embryo erstmal nach Afghanistan, danach nach Süd-Indien. 

Es war also viel zu viel los, um sich mit dem Oud und seiner Musik zu beschäftigen. Ich setzte das Instrument ein, wo ich konnte. Es eignet sich ja für jede Art von Musik. Wie die Geige kennt der Oud keine Grenzen. Es gab ja nicht den Zwang der temperierten Stimmung. Man konnte das mit der Gitarre auch hinkriegen, siehe McLaughlin auf seinen fantastischen Aufnahmen mit indischen Musikern, oder die Blues-Gitarristen, die mich sehr beeinflußt hatten, bis hin zu Hendrix. Nur brauchte man ganz dünne Saiten, und dann klang die Gitarre nicht mehr. Es ging also nur verstärkt. Ich hatte aber das große Bedürfnis, auch ohne Steckdose Mikrotöne intonieren zu können, und auch bei unseren Reisen gab es oft Musiker, aber keinen Strom.


Die ersten Aufnahmen von Oud-Spielern, die ich gehört hatte, waren die Schallplatten von 

Hamza el-Din, Mounir Bechir und Sandy Bull gewesen. Hamza habe ich 20 Jahre später in Kairo getroffen. Wir sehen uns immer wieder einmal. Interessanterweise spiele ich heute noch mit nubischen Musikern, unter anderem mit Mohamed Mounir, einem der bekanntesten Sänger Ägyptens. Ich muß also irgendwann mal selbst Nubier gewesen sein, wer weiß? Mounir Bechir hat mich nie so begeistert, trotz seines Rufs als größter Virtuose auf diesem  Instrument. Sandy Bull war ein echter Pionier der Weltmusik. Er ist leider früh verstorben. Ich blieb also vorerst bei meiner indischen und improvisierten Musik, spielte mit Roland

Schaeffer und Paramashivam Pillai südindische Kirtanas und wäre ganz zufrieden gewesen.

Auf einer Spanien-Tournee hörte ich dann nachts in Andalusien wieder einmal Radio.Und da kam bei Radio Tanger ein Oud-Solo von Riad el-Soumbati, das mich wieder zur Oud und der arabischen Musik brachte.


Roman Bunka in der Embryo-Kommune, 1971(in der Mitte Edgar Hofmann, rechts Christian Burchard)



 

Wie war deine Reaktion? Konntest du begreifen, was du da hörtest oder war

es Musik wie von einem anderen Stern?


RB: Ich glaube inzwischen, daß die arabische Musik ein Teil der Wurzeln unserer europäischen

Musikkultur ist, so wie der Oud auch irgendwann zur Laute wurde, über die Troubadoure,

die Minnesänger, Protestsänger  - eine Kette von Perlen. In Andalusien, in Cordoba, hat Zyriab an seiner Theorie der arabischen Musik gefeilt und Intervalle vermessen. Ein paar Kilometer weiter, in Almeria, hat Torres die moderne Gitarre entwickelt. Es ist alles Mittelmeerkultur, nur ein paar hundert Jahre liegen dazwischen. Ich hatte ja schon durch die indische Musik offene Ohren bekommen, da war die Musik der Araber nicht so fremd, obwohl ich bis heute an den Vierteltönen arbeiten muß.


Wie bist du dann in diese Musik eingetaucht, unternahmst du Reisen, um vor Ort mit Musikern zu studieren?


RB: Ich hatte Riad el-Soumbati gehört, und erfuhr dann, daß er Ägypter gewesen war und sehr viel für Oum Kalsoum komponiert hatte. Ich ging also nach Ägypten.


Wie hast du dich der Oud  genähert?


RB: Die erste Oud habe ich zerstört. Ich wußte ja nicht, wie man ihn stimmt und wie dick die 

Saiten sein müßen. Ich habe natürlich viele Aufnahmen gehört. in Ägypten hatte ich dann Lehrer wie Machmut Kamel, der leider schon verstorben ist, und Abdo Dagir. Aber ich bin auch dankbar für die vielen Begegnungen mit anderen arabischen Musikern: Anfängern, Verrückten oder Virtuosen, man lernt immer was dazu.


Was war die besondere Schwierigkeit für dich als Europäer, dieses Instrument zu erlernen?


RB: Keine, es ist ein Instrument wie jedes andere. Schwierigkeiten tauchen auf, wenn man anders intonieren muß, Vierteltöne zum Beispiel.


Embryo mit Roman (sitzend mit Gitarre), 1978





Wie reagierten Musiker in Ägypten auf dein Interesse an der Oud? Wurdest du belächelt oder ernst genommen?


RB: Ich ging gleich in der ersten Woche in Kairo ganz frech zum Institut für arabische Musik und  wurde von der damaligen Direktorin Linda Fatallah mit Tee empfangen.Unglaublich! Diese Freude, diese unwahrscheinliche Gastfreundschaft. Ja, alle freuten sich, daß da einer kam und Oud lernen wollte.


Wie hast du dich stilistisch ausgerichtet? Wolltest du ein richtig "arabischer" Oud-Spieler 

werden oder hast du versucht, eine Synthese zwischen deinem eigenen modernen westlichen Stil und der arabischen Tradition zu erreichen? 


RB: Mir war immer bewußt, wie schwer es ist, neue Musik auf einem alten Instrument zu entwickeln. Natürlich wollte ich meine "eigene" Musik auf der Oud spielen. Dann gab es Phasen, wo ich am Boden zerstört war, ohne Hoffnung, auch nur annähernd ein  richtiger "arabischer" Oud-Spieler werden zu können. Aber das Leben geht über diese Begriffe hinaus, und so auch die Musik. Ich habe inzwischen zuviel Nil-Wasser getrunken, etwas hat abgefärbt, etwas wird immer bleiben.


Mit Embryo auf der Indien-Reise





Hat sich deine Sicht der arabischen Musik über die Jahre gewandelt und auf welche Weise?


RB: Wie in den meisten Dingen des Lebens kommt man von der naiven ersten Begegnung zu einem tieferen Verständnis, und sucht dann wieder doch den Anfang. Es tat mir gut einen arabischen Lehrer zu haben, der mir immer sagte: Musik ist Musik! Es sind die gleichen Spannungsbögen, in denen sich die Musik der Welt abspielt, auch wenn sie noch so verschieden klingen. Mein Oud-Lehrer Abdo Dagir, der ja hauptsächlich Geiger ist, hat mich lange Jahre begleitet. Mit einer unglaublichen orientalischen Freigiebigkeit hat er mir seine Musik und seine Musik-Kultur näher gebracht, als "Malik-al-taksim", Meister des Taksim. Und

wir haben viele Nächte miteinander musiziert. Er spricht nicht englisch, ich nicht arabisch. Das kann manchmal der Musik sehr zuträglich sein. 


Roman Bunka - Maryam and the Blues (youtube)





Du bist heute in den arabischen Welt auch als Studio- und Sessiongitarrist tätig - wie ist es dazu gekommen und was mögen die Musiker dort an deinem Spiel?


RB: Ich habe für einen der bekanntesten Sänger, Mohamed Mounir, im Studio gearbeitet. Ich habe seine Musik teilweise arrangiert und Gitarre und Oud gespielt. Durch meine Erfahrungen in Ägypten, ich gehe schließlich seit 20 Jahren dahin, verstehe ich ihn und das, was dort passiert ist. Ich kann einiges umsetzen, und kenne die Gerüche in der Altstadt ebenso wie im feinsten Restaurant. Er hat mir dafür alles, was er und seine Familie von ihrer Musikkultur wußten, gezeigt. Ich war auf nubischen Hochzeiten, auf den Dörfern, und liebe diese minimalistische, sehr afrikanische Musik.


Für einen Nubier ist die arabische Musik Kairos vielleicht ähnlich fremd wie für mich. Wir sind beide Vertriebene, Flüchtlinge, in einer Welt, in der manchmal nur noch die Musik uns ein Stück Heimat geben kann. Das alte Nubien liegt unter dem aufgestauten Wasser des Assuan-Damms. Meine Familie vertrieb der zweite Weltkrieg in alle Himmelsrichtungen.In Bagdad baut man die besten arabischen Lauten, was kümmert das die Bomben?


Auswahldiskografie:


- (mit Abdo Dagir) Malik-a-Taksim (Enja Records)


- Color me Cairo (Enja Records)


- Embryo 40 (Trikont)



Further information:


Vor zehn Jahren (2012) ließ uns Roman seine Jahres-Highlights wissen:


https://christophwagnermusic.blogspot.com/2012/12/review-2012-7-roman-bunkas-highlights.html



vlnr: Christian Burchard, Roman Bunka und CW (in Altenburg, 2014)






Thursday, 18 January 2018

Embryo-Bandleader Christian Burchard verstorben

VON MÜNCHEN NACH KALKUTTA

ZUM TOD VON CHRISTIAN BURCHARD (1946-2018)


Ich kannte Christian Burchard seit Mitte der 70er Jahre. Wir luden ihn mit der Gruppe Embryo ein paar Mal zu Gigs nach Balingen ein. Wir schätzten die Musik der Münchner Band, diesen Freerock mit viel Improvisation, außerdem die alternative Philosophie, für die die Gruppe stand und die sich gegen die kommerzielle Plattenindustrie richtete. Als Embryo mit anderen Musikern und Bands wie Julius Schittenhelm, Ton Steine Scherben, Missus Beastly und Munju das April-Label aus der Taufe hob (Motto: „Musik im Vertrieb der Musiker“), verkauften wir selbstverständlich das ganze Sortiment von April-LPs bei unseren Konzerten in der Balinger Eberthalle. Einmal fuhr ich extra nach Saarbrücken zu einem Festival aller Gruppen des April-Labels, das sich damals schon in Schneeball-Records umbenannt hatte. Christian Burchard war natürlich auch da, ziemlich angetörnt.

Melody Maker, 1972
Wir verfolgten die Aktivitäten der Schneeball-Gruppen, hörten von der großen Reise, die die Embryo-Kommune Ende der 70er Jahre nach Kalkutta unternahm und sahen uns später den Film darüber im SWF-Fernsehen an. Die Gruppe klang zunehmend orientalischer. 1992 hörte ich Embryo bei einem Konzert im Tübingen Sudhaus. Dabei war auch Amon Düül-Gitarrist Chris Karrer, der Oud spielte und den Christian Burchard noch aus alten Düül-Zeiten kannte. Ich machte ein längeres Interview für die Taz mit den beiden, was ich so spannend fand, dass ich von da ab weiter über den deutschen Underground recherchierte. Später wurde mein Buch 'Klang der Revolte' daraus, das 2013 erschien und ein längeres Kapitel über Embryos Weg zur Weltmusik beinhaltet.

Zum 40jährigen Jubiläum von Embryo im Jahr 2009 bat mich das Trikont-Label bei einer Doppel-CD mitzuhelfen, die die ganze Karriere der Band dokumentieren sollte. Christian Burchard schickte mir eine selbstgebrannte CD nach der anderen mit unveröffentlichten Aufnahmen aus seinem umfangreichen Archiv. Ich traf eine –hoffentlich – kohärente Auswahl, die seine Zustimmung fand. Ich glaube, „Embryo 40“ ist ein ganz passables Doppelalbum geworden. Seither hatte ich bei Christian einen Stein im Brett. Er schickte mir Neuveröffentlichungen, informierte mich über die Aktivitäten der Band oder wenn Musiker aus Marokko, Indien oder Afghanistan bei ihm in München zu Besuch waren. Embryo war nie eine starre Band mit fest fixierter Besetzung, sondern immer ziemlich durchlässig: Musiker kamen, Musiker gingen. Mehr als 400 sollen es im Laufe der heute fast 50jährigen Geschichte gewesen sein.

Ich traf Christian Burchard über die Jahre immer wieder, um ein Interview mit ihm zu machen oder auch nur auf einen Kaffee, gelegentlich bei Trikont, wo er den Fotokopierer benutzte, um seine collagenhaften Konzertankündigungsflyer zu fabrizieren. Oft gab es Neuigkeiten: Die No-Neck Blues Band aus den USA outeten sich als Fans und nahmen zusammen mit Embryo ein Album auf. Dann wurde Burchard vom amerikanischen Hiphop-Produzenten Madlib kontaktiert, der sich für Mal Waldron und die anderen schwarzen Jazzmusiker interessierte, die mit Embryo Aufnahmen gemacht hatten. Als Madlib nach Europa kam, spielte man ein paar Sessions zusammen. Als das Embryo-Mitglied Nick McCarthy von München nach Glasgow zog, teilte mir das Christian mit. Mit Verblüffung stellte ich etwas später fest, dass McCarthy mit Franz Ferdinand sich auf direktem Weg zu Weltruhm befand. Als ich McCarthy dazu in Manchester interviewte, wurde mir der rote Teppich ausgerollt: Ich kam ja auf Empfehlung von Christian, vor dem sie alle einen Riesenrespekt hatten. McCarthy nannte ihn den besten Musiker, dem er je begegnet war.

Als ich dann das Buch „Klang der Revolte“ in Angriff nahm, unterstützte mich Christian mit allen Kräften, schickte CDs voller historischer Embryo-Fotos und anderes Material. Nach der Buchveröffentlichung absolvierte Christian, Roman Bunka und ich zwei Auftritte in Ostdeutschland zum Thema, wobei die beiden Embryos eine famose Musik zu meinen Ausführungen improvisierten. Christian war damals ziemlich hager, ernährte sich wegen einer Zuckererkrankung äußerst vorsichtig und aß nicht arg viel. Doch auf seinem zerbeulten Vibrafon spielte er wie der Teufel.

Christian Burchard, Roman Bunka & Christoph Wagner, Altenburg 2014

Dann hörte ich von seinem Schlaganfall vor 1 ½ Jahren auf einer Embryo-Tour im Süden. Ich hoffte, dass er wieder zu Kräften kommen würde. Doch am Telefon wurde mir bewußt, wie schwer angeschlagen er war. Als ich letzten Sommer ein paar Wochen in der Nähe von München verbrachte, besuchte ich ihn ein paar Mal. Er lag in einem speziellen Krankenbett, war sehr schwach und schnell erschöpft. Das Sprechen fiel im schwer und mir das Verstehen. Aber geistig schien er völlig präsent zu sein. Jazz war die Begleitmusik zu seiner Krankheit. Er lag im Bett und hörte den ganzen Tag Sonny Rollins, Dizzy Gillespie oder wen auch immer. In der Sonderangebotskiste bei „Radio Beck“ in München fiel mir eine CD des amerikanischen Saxofonisten Monty Waters in die Hände, der zeitweise in München gewohnt und gelegentlich mit Embryo gespielt hatte und den Christian sehr schätzte. Ich kaufte sie ihm und er legte sie bei meinem Besuch gleich auf. Waters spielte ein wunderbares Saxofon auf der Platte. Christian mochte diese lose Improvisationsmusik.
                                                                                                     Marja & Christian Burchard
Letzten Herbst haben wir dann noch ein Embryo-Konzert im Atelier von Manuel Wagner (meinem Neffen) und David Späht in Stuttgart organisiert, was wunderbar verlief. Natürlich war Christian krankheitshalber nicht dabei, aber seine Tochter Marja führte die Band ausgesprochen kompetent und ganz im Sinne ihres Vaters – die Musik war exzellent!

Hier auf youtube:

https://www.youtube.com/watch?v=iTcM5WiCSWM

Heute morgen erreichte mich die Nachricht, dass Christian Burchard gestern, am 17. Januar 2018 nachmittags, 71jährig in München verstorben ist. Seine Frau Eva und seine Tochter Marja waren bei ihm, Abbey Lincoln sang aus dem CD-Player. Mit einem schwungvollen, ja fast immer etwas gehetzt wirkenden „ciao, ciao“ pflegte sich Christian normalerweise am Telefon zu verabschieden. Ich sags heute langsam: Ciao, ciao, Christian!

Roman Bunka & Christian Burchard, Altenburg 2014 (Foto: C. Wagner)

  
Zum einem ausführlichen Interview mit Christian Burchard:

http://christophwagnermusic.blogspot.co.uk/2012/08/embryo-krautrockurgestein-bandleader.html

Über EMBYRO (2nd Generation):

http://christophwagnermusic.blogspot.co.uk/2017/10/embryo-neu-formiert-in-stuttgart.html


Plattenempfehlung:

Embryo: 40. Do-CD, Trikont. 
(Hg.: Christian Burchard & Christoph Wagner / 28 zumeist unveröffentlichte Titel aus dem Archiv der Gruppe von 1969 bis 2009 mit u.a. Charlie Mariano, Mal Waldron, Sigi Schwab etc., plus reichbebildertem Booklet)

Monday, 10 November 2014

'KLANG DER REVOLTE' in Altenburg

'Revolte'-Lesung mit exotischen Klängen

                                                                                                                     Foto: Christoph Wagner

                                                                                                                     

                                                             Foto: Rainer Thieme



Am Samstag, den 8. November 2014 war ich mit Roman Bunka und Christian Burchard und unserer 'Klang der Revolte'-Revue in Altenburg / Thüringen. Die beiden Krautrock-Legenden von Embryo packten Vibrafon, Hackbrett, Oud und 12-saitige Gitarre aus und rahmten die Lesung mit den abenteuerlichsten Sounds ein - illustriert von rarem Bildmaterial.          

Der Auftritt fand im Naturkundemuseum Mauritianum statt, einem wunderbarem Ambiente aus Glasvitrinen voll ausgestopfter Tiere, einem gut gefülltem Saal und einem interessierten bis begeisterten Publikum. 

Nach einem erfolgreichen Gig beim Jazzclub Ilmenau im letzten Jahr war das unser zweiter gemeinsamer Auftritt und immer ein ungeheures Vergnügen und großes Privileg mit den beiden Kollegen aufzutreten, die mich jedes Mal erneut mit den wundersamsten Sounds überraschen. Ich hatte den Einfruck, wir schafften es ganz gut, ein plastisches Bild der 'magischen Jahre' der Woodstock-Ära zu entwerfen, als Rockmusik und Protest noch Hand in Hand gingen. Burchard und Bunka kommen direkt aus dieser musikalischen Gegenkultur.                                                                         

Burchard hat Ende der sechziger Jahre im Quartett des amerikanischen Pianisten Mal Waldron mit modernem Jazz begonnen, dann bei Amon Düül gespielt, bevor er 1969 Embryo gründete, die bis heute aktiv sind. Bunka kam von der Gruppe Missus Beastly zu Embryo und spielt heute E-Gitarrist bei den Dissidenten. Es ist zudem ein gesuchter Gitarrist in Ägypten, wo er mit Mohamed Mounir in großen Stadien auftritt.

                                                                                                                                                                                                                                        
                                                                                                                                  Foto: Christoph Wagner