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Thursday, 18 January 2018

Embryo-Bandleader Christian Burchard verstorben

VON MÜNCHEN NACH KALKUTTA

ZUM TOD VON CHRISTIAN BURCHARD (1946-2018)


Ich kannte Christian Burchard seit Mitte der 70er Jahre. Wir luden ihn mit der Gruppe Embryo ein paar Mal zu Gigs nach Balingen ein. Wir schätzten die Musik der Münchner Band, diesen Freerock mit viel Improvisation, außerdem die alternative Philosophie, für die die Gruppe stand und die sich gegen die kommerzielle Plattenindustrie richtete. Als Embryo mit anderen Musikern und Bands wie Julius Schittenhelm, Ton Steine Scherben, Missus Beastly und Munju das April-Label aus der Taufe hob (Motto: „Musik im Vertrieb der Musiker“), verkauften wir selbstverständlich das ganze Sortiment von April-LPs bei unseren Konzerten in der Balinger Eberthalle. Einmal fuhr ich extra nach Saarbrücken zu einem Festival aller Gruppen des April-Labels, das sich damals schon in Schneeball-Records umbenannt hatte. Christian Burchard war natürlich auch da, ziemlich angetörnt.

Melody Maker, 1972
Wir verfolgten die Aktivitäten der Schneeball-Gruppen, hörten von der großen Reise, die die Embryo-Kommune Ende der 70er Jahre nach Kalkutta unternahm und sahen uns später den Film darüber im SWF-Fernsehen an. Die Gruppe klang zunehmend orientalischer. 1992 hörte ich Embryo bei einem Konzert im Tübingen Sudhaus. Dabei war auch Amon Düül-Gitarrist Chris Karrer, der Oud spielte und den Christian Burchard noch aus alten Düül-Zeiten kannte. Ich machte ein längeres Interview für die Taz mit den beiden, was ich so spannend fand, dass ich von da ab weiter über den deutschen Underground recherchierte. Später wurde mein Buch 'Klang der Revolte' daraus, das 2013 erschien und ein längeres Kapitel über Embryos Weg zur Weltmusik beinhaltet.

Zum 40jährigen Jubiläum von Embryo im Jahr 2009 bat mich das Trikont-Label bei einer Doppel-CD mitzuhelfen, die die ganze Karriere der Band dokumentieren sollte. Christian Burchard schickte mir eine selbstgebrannte CD nach der anderen mit unveröffentlichten Aufnahmen aus seinem umfangreichen Archiv. Ich traf eine –hoffentlich – kohärente Auswahl, die seine Zustimmung fand. Ich glaube, „Embryo 40“ ist ein ganz passables Doppelalbum geworden. Seither hatte ich bei Christian einen Stein im Brett. Er schickte mir Neuveröffentlichungen, informierte mich über die Aktivitäten der Band oder wenn Musiker aus Marokko, Indien oder Afghanistan bei ihm in München zu Besuch waren. Embryo war nie eine starre Band mit fest fixierter Besetzung, sondern immer ziemlich durchlässig: Musiker kamen, Musiker gingen. Mehr als 400 sollen es im Laufe der heute fast 50jährigen Geschichte gewesen sein.

Ich traf Christian Burchard über die Jahre immer wieder, um ein Interview mit ihm zu machen oder auch nur auf einen Kaffee, gelegentlich bei Trikont, wo er den Fotokopierer benutzte, um seine collagenhaften Konzertankündigungsflyer zu fabrizieren. Oft gab es Neuigkeiten: Die No-Neck Blues Band aus den USA outeten sich als Fans und nahmen zusammen mit Embryo ein Album auf. Dann wurde Burchard vom amerikanischen Hiphop-Produzenten Madlib kontaktiert, der sich für Mal Waldron und die anderen schwarzen Jazzmusiker interessierte, die mit Embryo Aufnahmen gemacht hatten. Als Madlib nach Europa kam, spielte man ein paar Sessions zusammen. Als das Embryo-Mitglied Nick McCarthy von München nach Glasgow zog, teilte mir das Christian mit. Mit Verblüffung stellte ich etwas später fest, dass McCarthy mit Franz Ferdinand sich auf direktem Weg zu Weltruhm befand. Als ich McCarthy dazu in Manchester interviewte, wurde mir der rote Teppich ausgerollt: Ich kam ja auf Empfehlung von Christian, vor dem sie alle einen Riesenrespekt hatten. McCarthy nannte ihn den besten Musiker, dem er je begegnet war.

Als ich dann das Buch „Klang der Revolte“ in Angriff nahm, unterstützte mich Christian mit allen Kräften, schickte CDs voller historischer Embryo-Fotos und anderes Material. Nach der Buchveröffentlichung absolvierte Christian, Roman Bunka und ich zwei Auftritte in Ostdeutschland zum Thema, wobei die beiden Embryos eine famose Musik zu meinen Ausführungen improvisierten. Christian war damals ziemlich hager, ernährte sich wegen einer Zuckererkrankung äußerst vorsichtig und aß nicht arg viel. Doch auf seinem zerbeulten Vibrafon spielte er wie der Teufel.

Christian Burchard, Roman Bunka & Christoph Wagner, Altenburg 2014

Dann hörte ich von seinem Schlaganfall vor 1 ½ Jahren auf einer Embryo-Tour im Süden. Ich hoffte, dass er wieder zu Kräften kommen würde. Doch am Telefon wurde mir bewußt, wie schwer angeschlagen er war. Als ich letzten Sommer ein paar Wochen in der Nähe von München verbrachte, besuchte ich ihn ein paar Mal. Er lag in einem speziellen Krankenbett, war sehr schwach und schnell erschöpft. Das Sprechen fiel im schwer und mir das Verstehen. Aber geistig schien er völlig präsent zu sein. Jazz war die Begleitmusik zu seiner Krankheit. Er lag im Bett und hörte den ganzen Tag Sonny Rollins, Dizzy Gillespie oder wen auch immer. In der Sonderangebotskiste bei „Radio Beck“ in München fiel mir eine CD des amerikanischen Saxofonisten Monty Waters in die Hände, der zeitweise in München gewohnt und gelegentlich mit Embryo gespielt hatte und den Christian sehr schätzte. Ich kaufte sie ihm und er legte sie bei meinem Besuch gleich auf. Waters spielte ein wunderbares Saxofon auf der Platte. Christian mochte diese lose Improvisationsmusik.
                                                                                                     Marja & Christian Burchard
Letzten Herbst haben wir dann noch ein Embryo-Konzert im Atelier von Manuel Wagner (meinem Neffen) und David Späht in Stuttgart organisiert, was wunderbar verlief. Natürlich war Christian krankheitshalber nicht dabei, aber seine Tochter Marja führte die Band ausgesprochen kompetent und ganz im Sinne ihres Vaters – die Musik war exzellent!

Hier auf youtube:

https://www.youtube.com/watch?v=iTcM5WiCSWM

Heute morgen erreichte mich die Nachricht, dass Christian Burchard gestern, am 17. Januar 2018 nachmittags, 71jährig in München verstorben ist. Seine Frau Eva und seine Tochter Marja waren bei ihm, Abbey Lincoln sang aus dem CD-Player. Mit einem schwungvollen, ja fast immer etwas gehetzt wirkenden „ciao, ciao“ pflegte sich Christian normalerweise am Telefon zu verabschieden. Ich sags heute langsam: Ciao, ciao, Christian!

Roman Bunka & Christian Burchard, Altenburg 2014 (Foto: C. Wagner)

  
Zum einem ausführlichen Interview mit Christian Burchard:

http://christophwagnermusic.blogspot.co.uk/2012/08/embryo-krautrockurgestein-bandleader.html

Über EMBYRO (2nd Generation):

http://christophwagnermusic.blogspot.co.uk/2017/10/embryo-neu-formiert-in-stuttgart.html


Plattenempfehlung:

Embryo: 40. Do-CD, Trikont. 
(Hg.: Christian Burchard & Christoph Wagner / 28 zumeist unveröffentlichte Titel aus dem Archiv der Gruppe von 1969 bis 2009 mit u.a. Charlie Mariano, Mal Waldron, Sigi Schwab etc., plus reichbebildertem Booklet)

Sunday, 16 June 2013

Hans-Jürgen Linke über "DER KLANG DER REVOLTE"


Neue Musikzeitung (nmz)

Die wichtigsten Fragen aus dem Untergrund

Christoph Wagners große reflektierende Erzählung vom Klang der Revolte



nmz. Wie konnte es passieren, dass Musik so wichtig wurde? Wenn man Chris­toph Wagners Buch über die Achtundsechziger-Revolte liest, liegt plötzlich der Gedanke nahe, dass es nicht der politische Diskurs der Zeit war, sondern die vielstimmige, multiidiomatische Musik, die den Geist der Revolte ab Mitte der Sechzigerjahre am genauesten und radikalsten auszudrücken vermochte. Das kann damit zusammenhängen, dass Wagner die so genannte Studentenbewegungszeit aus der Perspektive eines Menschen sieht, der in den Siebzigern  tief verstrickt war in die aufregenden musikalisch geprägten Subkulturen jener Zeit. Es kann aber auch damit zusammenhängen, dass die innere Debatten-, Streit- und Abgrenzungskultur der Bewegung im Laufe weniger Jahre ein
enorm zersetzendes, blockierendes Potenzial entfaltet hat, während der kulturelle Dissenz mit der älteren Generation, das Neue und der Aufbruch in der Musik und ihren sozialen Rahmenbedingungen am kompromisslosesten abgebildet waren.
                                                                                                            Popfestival, 1972

Christoph Wagners Buch ist in einem überaus angenehmen Sinn ein Geschichtsbuch. Es hat starke erzählerische Anteile und ist durchzogen von einer intensiven und kenntnisreichen Anteilnahme sowie einer empathischen Wärme, aus der das Anliegen des Buches heraus scheint. Es besteht nicht allein in Quellenstudium und Chronisten-Selbstverpflichtung. Wagner will alles noch einmal rückblickend durchlebbar machen, verknüpft mit der nach all den Jahren umso erstaunter gestellten Frage, was da eigentlich alles passiert ist und wie das passieren konnte.

Seine Berichte aus der Zeit des großen Urknalls der Rock-und-Pop-Revolte in der westlichen Hemisphäre und ganz besonders in Deutschland nehmen stets ihren Ausgang von musikalischen Phänomenen und behandeln nebenbei deren subkulturelle Verlaufsformen, ihre politischen Beimengungen und Auswirkungen. Er macht das so geschickt, dass man nach einiger Lesezeit nicht mehr weiß, was die Beimengung oder Auswirkung wovon war. Ursachen und Wirkungen, Politik und Musik, Ökonomie und Verblendung finden von Kapitel zu Kapitel näher zueinander. Das lässt dem Gegenstand seine Fülle und seine nach wie vor schwer entwirrbare Komplexität.


















                                                        Ton Steine Scherben                                                           
Es ist also im engeren Sinne keine Chronik und auch keine soziologische Bestandsaufnahme, was Wagner leistet, es ist eine Art gewissenhafter Nacherzählung, eine postume Behandlung von Fragen, die damals mitten im Raum standen – in jenem Raum, in dem Rockmusik oder freier Jazz oder psychedelische Klanggebilde oder endlos minimalistisches Getrommele zu hören war und Haschischwolken dufteten. Fragen wie die: warum das Englische zwangsläufig die Sprache der Revolte war und über welche Umwege deutsche Sprache schließlich doch hier und da relevant wurde. Wie es zur Entwicklung des zeitgenössischen Popfestivals kam und wie schwierig diese Entwicklung in Deutschland verlief. Warum und für wen plötzlich das Tonstudio ein mythischer Ort der populären Musik wurde. Wie die Verhältnisse von Deutschrockern, Freejazzern, Straßenmusikern sich gestalteten. Ob Drogen wirklich so enorm wichtig waren. Worin die unverwechselbaren Eigenständigkeiten der bundesdeutschen Szene bestanden, warum die Revolte also merkwürdigerweise durchaus eine nationale Angelegenheit war, obwohl Internationalismus eine geradezu unverzichtbare Forderung in all den parallel verlaufenden nationalen Revolten war. Es sind nach wie vor die eigentlich spannenden Fragen, die aus dieser Zeit übrig geblieben sind.
Spannend ist auch die verdichtete Zusammenstellung des Materials. Wagner schreibt in porträthaft abgeschlossenen und darüber hinaus eng miteinander zusammenhängenden Kapiteln die Geschichte der Essener Songtage, des Waldeck-Festivals sowie der deutschen Popfestivals, auf denen es Anfang der siebziger Jahre Mode wurde, dass ein Teil des Publikums sich im Sturm gratis den Eintritt verschaffte. Er zeichnet die Entwicklung alternativer Lebens- und Musikkonzepte anhand so divergierender Gruppen wie Ton Steine Scherben, Embryo, Kraan, Can oder Paul und Limpe Fuchs nach. Er vergisst nie die tiefgreifenden sozialen Ablösungsprozesse, die in Deutschland am Ende der sechziger Jahre die jüngere Generation miteinander verbanden, und er richtet reflektierende Seitenblicke auf die politischen Spaltungsprozesse der Szene nach Minimaldifferenzen und ideologischen Bornierungsmerkmalen.
Christoph Wagners Buch über die Revolte der sechziger und siebziger Jahre und ihre Klangwelten lässt ahnen und nachvollziehen, wie das alles passieren konnte.

Christoph Wagner: Der Klang der Revolte. Die magischen Jahre des westdeutschen Musik-Underground (edition neue zeitschrift für musik), Schott, Mainz 2013, Hg: Haus der Geschichte Baden-Württemberg; 388 S., Abb., € 24,95, ISBN 978-3-7957-0842-9


Friday, 19 October 2012

Der Indie-Vertrieb INDIGO




Spezialist für Weltmusik

Weniger ist mehr – der Independent-Vertrieb Indigo


Adele, Wilco, LaBrassBanda und der Buena Vista Social Club sind seine Bestseller. Vor 20 Jahren wurde der Hamburger Vertrieb gegründet – klein, aber fein! Mittlerweile ist ein ausgewachsener mittelständischer Betrieb daraus geworden mit 70 Mitarbeitern und 20 Millionen Umsatz. Bis heute trotzt Indigo der Krise in einer arg gebeutelten Plattenindustrie.


                                                                                                                 
von Christoph Wagner

Nikel Pallat zählt zum Urgestein der deutschen Musikszene. Er war schon ganz früh als Band- und Label-Organisator von Ton Steine Scherben dabei. 1971 machte ihn eine spektakuläre Tat berühmt: Bei einer Fernsehdiskussion beim WDR über Popmusik und Kommerz zückte er plötzlich mitten in der Debatte vor laufender Kamera ein Beil und zertrümmerte den Tisch, an dem die Diskutanten Platz genommen hatten, aus Wut und Ärger, und als Protest gegen die kapitalistisch-öffentlich-rechtliche Vereinnahmung.

Inzwischen ist Pallat ruhiger geworden. Er sieht die Dinge gelassener und weniger holzschnittartig. Heute sitzt er in der Geschäftsleitung von Indigo, einem der größten Independent-Vertriebe im deutschen Musikgeschäft. Dort hat man sich von den Prinzipien eines alternativen Wirtschaftens nicht gänzlich verabschiedet, versucht sie aber mit den Erfordernissen eines erfolgreichen Geschäftsmodells in Einklang zu bringen. Indigo vertreibt Dutzende von Labels. Sein Spezialgebiet ist Weltmusik, Roots-Reggae, Singer-Songwriter und alternative Rockmusik.


“Wir haben 1970/71 mit der David Volksmund-Produktion begonnen, um die Alben von Ton Steine Scherben auf den Markt zu bringen. Mit der kapitalistischen Plattenindustrie wollten wir nichts zu tun haben.” erinnert sich Pallat. “Das hat zum Glück  funktioniert, sodass sich uns bald ein paar befreundete Bands  anschließen wollten.”

Aus diesen Anfängen entstand 1976 das April-Label. Wegen namensrechtlicher Probleme benannte sich der Alternativvertrieb kurze Zeit später in Schneeball-Records um. Mit von der Partie waren Gruppen wie Embryo, Missus Beastly und Sparifankal. Man wirtschaftete nach dem Motto: Musik im Vertrieb der Musiker!

Die Gründung von April bzw. Schneeball Records war in den bewegten 70er Jahren keine Ausnahmeerscheinung. Überall in Europa gab es Tendenzen im Musikbusiness, alternative Strukturen gegen die Major-Companies aufzubauen. Dieser Trend bekam Ende der 70er Jahre in Deutschland  einen erneuten Schub durch die Neue Deutsche Welle und den Punkrock. Labels wie No Fun Records mit Hans-A-Plast oder Tritt-Records mit  den Straßenjungs entstanden. Und in München gab es das Trikont-Label, das sich den Regionalismus auf die Fahnen geschrieben hatte und ebenfalls einen eigenen Vertrieb besaß.

Anfang der 80er Jahre wurde der Versuch unternommen, alle diese Kleinstlabels in einem einzigen Vetrieb zusammenzuführen. Die Firma “Energie für Alle” war geboren. Efa began als kleines unabhängiges Netzwerk von Einzelkämpfern, das 1986 in der EFA Medien GmbH aufging. “Das bekam damals zum ersten Mal eine professionellere Ausrichtung,” erinnert sich Pallat. “Wir arbeiteten mit Recommended Records (RecRec) in der Schweiz zusammen, mit Materiali Sonori in Italien, mit der englischen Anarcho-Punkband Crass und ihrem Label und mit ‘Rock in Opposition’.”

1992 kam es zum Split. Wegen Meinungsverschiedenheiten über die künstlerische Ausrichtungen und anderer Streitpunkte verließen Pallat und drei zwei weitere Gesellschafter EFA und machten unter dem Namen Indigo weiter. Ein großer Teil der deutschen Labels ging zur neuen Firma mit. “Unser Konzept war, nicht so viele Veröffentlichungen zu machen. Wir wollten uns auf weniger Labels konzentrieren, diese aber intensiver betreuen, “ erklärt Pallat. “’Weniger ist mehr!’ lautete unser Motto.”

Indigo streckte die Fühler weiter aus. Man begann  zu exportieren. Gleichzeitig klopften ausländische Labels in Hamburg an auf der Suche nach einem deutschen Vertrieb. Eines davon war Cooking Vinyl aus England, das Tom Robinson, Jackie Leven und Billy Bragg unter Vertrag hatte. “Das paste alles gut zu den Sachen, die wir schon betreuten,” meint Pallat.

Indigo expandierte. Weitere internationale Labels mit interessanten Katalogen kamen dazu. Gleichzeitig mussten viele Anfragen abschlägig beantwortet werden. “Unser Markenkern war am Anfang, Musik, die von deutschen Labels produziert wurde,” stellt Pallat fest. “Labels - wie Trikont - hatten ja zum Teil bereits internationale Linzenzen. Die hatten nicht nur Schroeder Roadshow, Klaus der Geiger und Walter Mossmann im Programm, sondern auch Künstler wie Floyd Westerman und Willie Dunn, amerikanische Singer-Songwriter indianischer Abstammung. Es gab dort griechische Rembetika-Musik, lateinamerikanische und afrikanische Klänge.”

Jenseits von Schlager und volkstümlicher Musik war das deutsche Musikgeschäft völlig auf die anglo-amerikanische Szene fixiert. Deutschsprachige Musik galt als Tabu – nach dem Motto: Je englischer, je besser! Indigo kannte keine solche Berühungsängste, “wenn bestimmte politische Schmerzgrenzen nicht überschritten wurden.” (Pallat) Schlager und Marschmusik lehnte man ab, auch am Pop-Mainstream und Metal hatte man kein Interesse.

In den 90er Jahren schwappte die “Weltmusik”-Welle nach Deutschland und sorgte für eine weitere stilistische Verbreiterung. “Wir fühlten uns dieser Musik durchaus nahe. Wir hatte ja Embryo im Programm, die Dissidenten waren bei uns, aber auch viele andere Musiker dieser Richtung,” erklärt Pallat. Mit dem Hannibal-Label von Joe Boyd wurde ein exzellentes Weltmusik-Label an Land gezogen. Dann gelang Indigo mit World Circuit ein erneuter Coup, als deren Album des Buena Vista Social Club mit Ry Cooder zum Megaseller wurde.

Seit einem Jahrzehnt verdunkeln sich die Wolken über der Phonoindustrie.  Die digitale Revolution stürzte eine ganze Branche in die Krise. Vertriebe wie Efa EFA gingen Pleite. Von deren Labels kamen einige bei Indigo unter. Doch mehr und mehr wird mit dem Rücken zur Wand gekämpft. “Der Phonomarkt ist seit Jahren rückläufig. Das fing mit den illegalen Downloads an. Die Musikversorgung des Einzelnen hat sich dadurch komplett verlagert. Die Plattenkäufer werden weniger,” stellt Pallat fest. ”Leute holen sich Raubkopien aus dem Netz. Dadurch hat die Tonträgerbranche einen brutalen Umsatzeinbruch erlitten. Das schlägt bei uns direkt durch. Die Auflagen haben sich halbiert. Ganze Jahrgänge von Käufern sind weggebrochen. Unter den Leuten zwischen 15 und 35 Jahren gibt es nur noch wenige, die CDs kaufen. Unsere Käufer sind die älteren Semester.”

Um die Umsatzrückgänge zu kompensieren und dem Verschwinden der Schallplattenläden entgegen zu wirken, legt Indigo heute Wert darauf, dass seine Künstler ‘live’ präsent sind, d.h. in den Konzerten ihre CDs direkt an die Fans verkaufen. “Die Nachfrage nach Musik und interessanter Musik ist ungebrochen,” stellt Pallat fest. “Tatsache ist aber auch, dass seit ein paar Jahren die großen musikalischen Innovationen ausgeblieben sind. Die Entwicklung stagniert. Die Szenen verästeln sich mehr und mehr. In der Weltmusik z.B. sind alle nur erdenklichen musikalischen Kombinationen bereits ausgereizt.”
Auf Umsatzrückgang folgte Stellenabbau. Nicht so bei Indigo – dort kam man um Entlassungen bisher herum dank einer klugen Geschäftspolitik und einer gehörigen Portion Glück, wie Pallat mit einem Grinsen unumwunden zugibt: “Wir haben seit zwei Jahren eine Schutzheilige: die Heilige Adele! Deren Erfolg sorgte dafür, dass bei uns bis jetzt keine Arbeitsplätze gestrichen werden mussten.”


Wie jede Firma der Branche lebt Indigo von ein paar Künstlern, die sich gut verkaufen und die anderen mitziehen. Neben Adele waren LaBrassBanda, Wilco eher Tom Waits und The White Stripes die Zugpferde der letzten Jahre. “Diese Erfolge kann man nicht bestellen, dazu braucht man Glück,” meint Pallat. “Die Branche lebt von Überraschungen. Musik ist ja zum Teil eine Modesache. Entweder man erwischt den nächsten Trend und ist vorne mit dabei oder er zieht an einem vorbei. Das kann man nicht am Reissbrett entwerfen, was ja auch das Schöne daran ist.” Bisher ist die Glücksfee Indigo treu geblieben.