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Friday, 28 July 2023

Post-Jazz mit WEIRD BEARD

Jazz als Pop denken

Florian Egli, Bandleader und Saxofonist, gibt Einblicke in die Ideenwelt von Weird Beard  

Das kurze, prägnante Synthesizer-Riff zum Einstieg hätte in den 1980er Jahren Gruppen wie Depeche Mode oder The Human League gut zu Gesicht gestanden. Das Synthi-Pop-Ostinato bildet den Auftakt zum neuen Album „Vertigo“ von Weird Beard, einer Schweizer Gruppe, die eigentlich aus dem Jazz kommt. Allerdings ist Weird Beard kein konventionelles Jazzensemble, sondern mischt eine Vielzahl von Stilen zu einer höchst individuellen Ausdrucksweise. Neben Elementen aus Pop, Rock, Disco, Dub und Electronica findet sich Einflüssen aus Cool- und Electric Jazz. Das macht Weird Beard zu Protagonisten einer aktuellen Strömung, die im Jazz wurzelt, aber gleichzeitig darüber hinausweist. Post-Jazz wäre vielleicht der passende Stilbegriff. 

 

„Vertigo“ ist das vierte Album von Weird Beard. Wie ist die Gruppe entstanden und wie hat sie sich entwickelt?

 

Florian Egli: Die Anfänge von Weird Beard reichen bis in meine Studienzeit an der Musikhochschule in Zürich zurück. Ich habe damals – 2007 und 2008 – sehr intensiv mit dem Bassgitarristen Valentin Dietrich im Duo gespielt. Wie probten viel, haben diskutiert und philosophiert und sind dadurch gute Freunde geworden. Dieses Duo war der Kern, aus dem Weird Beard hervorging. Rico Baumann kam als Schlagzeuger hinzu und für kurze Zeit der Gitarrist Urs Vögeli, dessen Platz dann von Dave Gisler eingenommen wurde. Nach ein paar Jahren verließ Valentin Dietrich die Band und wurde von der Bassistin Martina Berther ersetzt. Berther hat einen starken experimentellen und popmäßigen Background und brachte viele frische Ideen ein. Für „Vertigo“ haben wir zusätzlich noch den Synthesizerspieler Luzius Schuler ins Boot geholt. Uns war wichtig, nicht stehen zu bleiben, sondern Neues zu wagen. Die Band muß in Bewegung bleiben, sich verändern, neue Impulse aufnehmen, sonst droht Routine und Stillstand. 

 

Was war zu Beginn die musikalische Vision?

 

FE: Wir hatte einigermaßen genaue Vorstellungen, in welche Richtung wir gehen wollten. Ich war damals sehr von der Musik der Band Alas No Axis des amerikanischen Schlagzeugers Jim Black angetan, die Lyrisches mit Elektronik und Hardcore-Jazz verband, und wollte einen ähnlichen Stil erkunden. Die anderen hatte andere Einflüsse, die aber alle auf eine Mischung von Pop, Rock und Jazz hinausliefen.



Was fasziniert einen Jazzmusiker an Rock und Pop?

 

FE: Was ich am Jazz mag, ist der Augenblick, also das Spontane und das Vergängliche, das sich in jeder Improvisation manifestiert, die ja immer anders ist. Was mich dagegen an Pop interessiert, ist die Dimension der Ewigkeit. Im Pop wird das Tonstudio als eigenständiges Medium begriffen, in welchem Musik für die Nachwelt produziert wird. Die Schallplatte ist ein Statement, von dem man hofft, dass es lange Bestand hat. Im Jazz war es bis vor noch nicht allzu langer Zeit üblich, ins Studio zu gehen, um den „Live“-Auftritt einer Band unter optimalen Bedingungen aufzunehmen. Das war das Ziel einer Schallplattenaufnahme. Dagegen begreifen wir die Plattenproduktion wie im Pop als etwas grundsätzlich Anderes als den „Live“-Auftritt. Das Studio bietet ganz andere Möglichkeiten, die es auszuschöpfen gilt.

 

Wie arbeitet Weird Beard im Studio?

 

FE: Das Material wird „live“ eingespielt. Also jedes Stück wird in einem Bogen aufgenommen, um die Energie, die Spannung, die Dynamik, die Stimmung und Atmosphäre einzufangen. Danach werden – falls erforderlich – Overdubs gemacht. Beim Stück „Cinema“ hat unser Schlagzeuger Rico Baumann z.B. noch eine zweite Drumspur draufgemacht, und beim Titel „Vertigo“ hat Luzius Schuler mit dem Synthesizer im Nachhinein noch eine Sternenhimmelmelodie hinzugefügt. 

 

Wie vertraut war euch das musikalische Material zu Beginn der Aufnahmen?

 

FE: Es war ziemlich frisch. Die generelle Idee war, dass die Stücke so einfach sein sollten, dass sie ohne intensive Proben funktionieren. Wir wollten keine Stücke spielen, die in eine bestimmte Form gepresst sind, wo der Ablauf vorgegeben ist oder ein dynamisches Schema. Die Kompositionen sollten so angelegt sein, dass sie offen sind und viele Möglichkeiten bieten.

 

Das Album wurde in Frankreich aufgenommen. Warum?

 

FE: Wir arbeiteten lange mit dem irischen Toningenieur und Produzenten David Odlum zusammen, der damals in der Bretagne das Blackbox-Studio betrieb, seither aber wieder nach Irland zurückgekehrt ist. „Vertigo“ ist das dritte Album, dass Weird Beard mit Odlum produziert hat, der bei den Aufnahmen zu einem vollwertigen Mitglied der Band wurde.


Florian Egli (Promo)



 Wie lief die Arbeit im Studio konkret ab?

 

FE: Odlum ließ uns zuerst ein Stück spielen, hörte es sich genau an und fing dann bereits an, das Studio-Equipment einzurichten. Er entwickelte Ideen für den Klang der jeweiligen Instrumente, vor allem was den Baß und das Schlagzeug betrifft. Soll es härter klingen oder weicher? Fetter oder schlanker? Solche Fragen wurden diskutiert. Das hat Einfluß auf die Mikrofonierung, also wie die Instrumente abgenommen werden und wo man Mikrofone platziert. Wie nah dran bzw. wie weit weg? In dieser ersten Phase geht es darum, den Sound bereits richtig einzufangen. Das braucht Zeit. Odlum schickte uns weg und meinte: “Kommt in einer Stunde wieder.“ Dann spielten wir das betreffende Stück erneut, und er werkelte weiter am Sound. Er schickte uns möglicherweise ein zweites Mal fort, um weiter an den Einstellungen zu basteln. Wir hörten uns das Ergebnis der Aufnahme an und diskutierten, wie der Sound noch verbessert werden könnte. Entspricht er unseren Vorstellungen? Meistens waren wir einer Meinung. David Odlum verstand, welcher Sound uns vorschwebte und versuchte diesem Klangbild so nahe wie möglich zu kommen. 

 

Wenn die Aufnahmen im Kasten sind, ist die Studiotätigkeit abgeschlossen oder beginnt dann die Nachbearbeitung?

 

FE: Die sogenannte „Post-Production“ ist absolut wesentlich. Im Dialog mit der Band träufelte David Odlum noch einmal seine Klangkunst über die Aufnahmen. Wie dumpf soll die Baßtrommel klingen? Wieviel Nachhall gebe ich einem Randschlag der Snare? Wieviel Baß braucht die Aufnahme?

 

Weird Beard stellt viele Gepflogenheiten des Jazz auf den Kopf. Die übliche Unterteilung von Führungsstimme und Rhythmusgruppe ist aufgehoben. Auch gibt es keine Solos im herkömmlichen Sinne mehr, eher wird mit Klängen über einem festen Rhythmusfundament improvisiert. Was ist die Konzeption?

 

FE: Es geht nicht mehr um Vorder- und Hintergrund, nicht mehr um Solisten und Begleiter, sondern was alleine zählt, ist der Gesamtsound: Das einheitliche Klangbild der Gruppe. Selbst meine Saxofonstimme ist in den Gruppenklang eingebettet, fungiert nur noch bedingt als Melodiestimme. Ich spiele zurückgenommen und sehr reduziert, sozusagen mit angezogener Handbremse, lege größten Wert auf den Klang und die Platzierung jedes einzelnen Tons. Auf diese Weise Saxophon zu spielen, ist ein Kraftakt der Zurückhaltung, weil das Instrument ja eigentlich für das Gegenteil gemacht ist, nämlich virtuos und schnell viele Töne zu spielen. Bei den Aufnahmen für „Vertigo“ hatte ich das Gefühl, an einem Punkt angelangt zu sein, wo ich das Saxofon nur noch als eine Art Soundpad benutze.


Florian Egli Weird Beard: Meditation (Youtube)

 

Die meisten Stücke von „Vertigo“ sind in gemächlichem Tempo gehalten. Kann diese Entschleunigung als Kontrast zur Hektik der Gegenwart verstanden werden? Warum dehnt ihr die Zeit?

 

FE: Das Langsame war von Anfang an ein Thema bei Weird Beard, auch wenn es zu Beginn noch nicht so deutlich durchdrang. Früher glaubte ich, die langsamen Tempi seien eine Art Konterbewegung zur Hast des Lebens von heute. Das mag auch unterbewußt der Fall sein. Doch inzwischen bin ich der Ansicht, dass es vor allem eine Mentalitätssache ist. Wir mögen einfach langsame Musik. Daraus erwächst ein Problem: Es ist nicht einfach, beim Musizieren genügend Geduld aufzubringen, um das Momentum der Kreativität abzuwarten. Doch wenn man den richtigen Augenblick erwischt, geschieht etwas Wunderbares: Dann entsteht die Musik wie von selbst, sie geschieht einfach und macht Sinn. Für uns funktioniert das bei langsamen Tempi besser als bei schnellen.


Das neue Album besteht aus sieben Titeln, vier Eigenkompositionen und drei Covers. Wie kam die Auswahl zustande?

 

FE: Meine ursprüngliche Vision war, dass wir nur drei Stücke aufnehmen, die so gespielt werden sollten, als könnten sie ewig dauern. Am Jazz stört mich, dass er normalerweise auf einen Höhepunkt aus ist. Das wollte ich vermeiden. Ein Stück sollte theoretisch zwei Stunden fließen können und immer noch interessant sein, obwohl dynamisch nicht viel passiert. Es geht darum, in die Weite zu schauen und nicht den schnelle Klimax zu suchen. Wir haben dann festgestellt, dass meine Kompositionen „Meditation“, „Eternity“, „Phoenix“ und „Vertigo“ dafür nicht ausreichten. Sie trugen sieben oder acht Minuten und kamen dann zu einem natürlichen Ende. Wir haben das akzeptiert, wollten die Ursprungsidee nicht dogmatisch erzwingen und haben deshalb noch drei Fremdkompositionen dazugenommen: den Jazzstandard „Lush Live“ von Billy Strayhorn, den Titel „Adia“ der rätoromanischen Sängerin Ursina und „Cinema“, ein Stück der Indieband East Sister aus Basel. Ich hatte diesen Titel vor ein paar Jahren durch Zufall auf einer Party gehört und war verblüfft, wie genau er meine Vorstellungen von Musik traf. 

 

Die Musik von „Vertigo“ springt einem nicht ins Gedicht. Sie will keine Räume beherrschen, ist eher zurückgenommen. Zudem strahlt sie eine gewisse Gelassenheit aus, wirkt manchmal fast beiläufig )

 

FE: Genau – und trotzdem passiert immer etwas! Man kann unsere Musik konzentriert hören, aber sie stört auch nicht, wenn sie nur im Hintergrund läuft – und trotzdem ist es keine Backgroundmusik. „Vertigo“ ist der Versuch, dieses Paradox zu lösen. Die Musik drängt sich nicht in den Vordergrund, sondern will so subtil sein, dass man auch bei mehrfachem Zuhören immer noch Neues entdecken kann. 

 

 FLORIAN EGLI WEIRD BEARD: VERTIGO (INTUITION)

 

Wednesday, 6 December 2017

Jahresrückblick 2017: MUSIK

Ein kleiner musikalischer Jahresrückblick 2017 (so far)

Die beiden Künstler, die mich dieses Jahr am längsten begleitet haben, waren:

Natalie Merchant: The Natalie Merchant Collection (Nonesuch)

Hier besonders, die beiden Titel, die in einem wunderbaren Youtube-Video zu sehen sind:

https://www.youtube.com/watch?v=8GosZG882QM

und Aimee Mann und ihr Album 'Mental Illness' (Superego Records)

Ich empfehle die Youtube-Videos:

https://www.youtube.com/watch?v=n0Ry5EmcoNM

https://www.youtube.com/watch?v=RrWuNUkSzI4

zum Entspannen und Tagträumen:

wunderbar relaxed Gitarrenmusik mit dem Keyboard-Wizzard der New Yorker Downtown-Szene Jamie Saft (ja er spielt auch eine fantastische Slidegitarre): Bill Brovold & Jamie Saft - Serenity Knolls (Rare Noise)

https://www.youtube.com/watch?v=wxxJ7rkg-zk


An Jazzalbum haben mich beeindruckt:                              

                                                                                                                                                                       Chris Speed Trio
wegen seines Erfindungsreichtums:  Borderlands Trio - Asteroidea (Intakt)

wegen seiner melodischen Qualität: Chris Speed Trio - Platinum on Tap (Intakt)

so locker und relaxed: Tom Rainey Obligato - Float Upstream (Intakt)

„mein Freund Tony“ mit einem Jazzalbum, dass seine „Jazz Roots“ offenlegt: Tony Allen - A Tribut to Art Blakey & Thr Jazz Messengers (Blue Note)

Nachswuchsband mit Potential: Weird Beard - Orientation (Intakt)

Weltmusik: 

Afrobeat at its best: Tony Allen - The Source (Blue Note)

Frühe Musik:

Gallicantus (dir. Gabriel Crouch) - Lassus / Lacrime di San Petro (Signum)

Meine besten Live-Gigs waren:

Tinariwen in der Manufaktur in Schorndorf
                                                                                                                              Frederic Rabold Trio (Foto: Jörg Becker)
Das Frederic Rabold Trio bei der Buchtaufe der 'Träume aus dem Untergrund' im Theaterhaus in Stuttgart

https://www.youtube.com/watch?v=pGBb5mDt8uw

Embryo (2nd Generation) bei einem Konzert im Büro von Manuel Wagner & David Spaeth in Stuttgart

https://www.youtube.com/watch?v=iTcM5WiCSWM

Zeitkratzer mit ihrem 'Kraftwerk'-Programm in Huddersfield

Entdeckungen waren außerdem:

das Trio Wild Flower (Idris Rahman / Leon Brichard / Tom Skinner)
                                                                                                                                                                  Kokoroko Afrobeat Collective
das Afrobeat Collective Kokoroko

https://www.youtube.com/watch?v=zUnKDK1iklo

Exzellente Bücher, die mich beschäftigt haben:

- Stephen Petrus & Ronald D. Cohen: Folk City – New York and the American Folk Music Revival (Oxford University Press)

- Thomas Kaufmann: Erlöste und Verdammte – eine Geschichte der Reformation (C.H. Beck)

- Stefan Bollmann: Monte Verità: 1900 – der Traum vom alternativen Leben beginnt (DVA)

Vorschau:

In SWR2 in 'Radiophon - Musikcollagen' am Donnerstag, 15. März 2018 werde ich einige Titel aus diesen Alben und noch anderes Interessantes spielen (21:03 -22:00)

Am 21. Juli 2018 findet das nächste Schlachthof-Festival in Sigmaringen statt, mit u.a. Embryo

  Embryo (2nd Generation)                                                        




Friday, 28 April 2017

JAZZTRENDS: Intakt Festival in London

Alte und junge Wilde

Intakt Records aus Zürich zu Gast in London

 Drummer Louis Moholo-Moholo (Foto: David Laskowski)

cw. So ehrt London seine Jazzmusiker: Der Platz vor dem Dalston Culture House, einem modernistischen Flachdach-Bau im Stadtteil Dalston, ist nach Derek Bailey (1930 – 2005) benannt. Das macht Sinn, beherbergt das Gebäude doch eines der Zentren für zeitgenössischen Jazz in der englischen Hauptstadt: den Vortex Jazzclub, wo der Freejazzgitarrist häufig aufgetreten ist.

Von Ostern an hätte der Club eigentlich die Schweizer Fahne hissen können, denn zwölf Tage lang gestaltete das Zürcher Schallplattenlabel Intakt Records das Programm. Es präsentierte eine hochkarätige Liste eidgenössischer Jazzmusiker häufig in Kombination mit englischen Kollegen, dazu Improvisatoren aus Deutschland, Japan, den USA, Südafrika und der Elfenbeinküste, die alle zum Stall von Intakt gehören. 

Vor vollem Haus eröffnete der Bassist und Komponist Barry Guy aus Anlaß seines 70. Geburtstags die Konzertreihe. In mehreren knappen Sets präsentierte sich der Engländer, der seit längerem in der Schweiz lebt, mit verschiedenen Partnern, wie dem Saxofonisten Evan Parker, der Barockviolinistin Maya Homburger oder einem Trio mit dem Schweizer Schlagzeuger Lucas Niggli und dem Engländer Howard Riley. Mit dem Pianisten spielte Guy bereits vor 50 Jahren zusammen, als beide noch zur Clique der jungen Wilden gehörten, die in der Themsestadt die Freejazz-Revolution ausriefen.

Zwei Abende später abermals ein Treffen großer Namen: Aus Zürich war die Pianistin Irène Schweizer angereist und hatte den südafrikanischen Schlagzeuger Louis Moholo-Moholo zum Tête-à-Tête geladen. Die beiden kennen sich seit den 1960er Jahren aus dem Zürcher Africana-Jazzclub. Über die Jahre haben sie immer wieder miteinander musiziert, was eine große Vertrautheit wachsen ließ: Mit blindem Verständnis zauberten sie eine dicht gesponnene Improvisationsmusik voller Dynamik und Intensität.

Bei aller Hochachtung vor den Pionieren kam die junge Generation dennoch nicht zu kurz. Vom coolen Elektrojazz von Weird Beard über die explosive Perkussion von Julian Sartorius (der mit dem englischen Tastenmann Steve Beresford auftrat) bis zu den spannungsreichen Songs von Sarah Buechi & Shadow Garden wurde das Terrain des aktuellen Jazz immer wieder neu vermessen.

Pianist Stefan Aeby, der sich schon mit Sarah Buechi bestens eingeführt hatte, schlug mit seinem Trio anfangs eher poetische Töne an, die sich dann allmählich zu einem ekstatischen Furioso steigerten. Bassist André Pousaz, in der Bühnenmitte positioniert, sorgte mit federndem Pizzicato für ein tragfähiges Fundament. Das nutzten Drummer Michi Stulz und Stefan Aeby, um sich in virtuoser Manier die Bälle zuzuspielen, wobei der aktustische Pianoklang sich mittels Laptop gelegentlich in bunt schillernde Elektroniksounds verwandelte.

Mit dem Festival in London hat Intakt Records nicht nur sein Profil als eines der wichtigen europäischen Jazzlabels schärfen können, sondern insgesamt das Ansehen des Schweizer Jazz gehoben. Der große Zuspruch von Seiten des englischen Publikums und der Medien belegte mit Nachdruck, dass auf internationaler Ebene auch mit dieser Sparte Schweizer Kultur zu punkten ist.

Tuesday, 27 December 2016

WEIRD BEARD: Schweizer Szene

Cooljazz im digitalen Zeitalter

Die Schweizer Indie-Jazz-Formation Weird Beard bewegt sich gekonnt zwischen schwebenden Saxofontönen und bunt schillernder Elektronik



cw.Epochale Stilumbrüche stehen heute im Jazz kaum mehr auf der Tagesordnung. Das radikal-innovative Potenzial der einstigen “Fire Music” scheint aufgebraucht. Die Revolution ist der Evolution gewichen. Heute ist es eher die kreative Kombination bekannter Elemente und Formen, aus der junge Musiker und Musikerinnen Funken schlagen, wobei in den digitalen Sounds noch zahllose ungenutzte Möglichkeiten schlummern. Neuerungen kommen auf leisen Sohlen daher und gehen subtil vonstatten. Behutsamer Umbau statt Totalumwälzung, heißt das Gebot der Stunde. “Everything Moves” hat die Schweizer Formation Weird Beard ihr zweites Album genannt, was keine schlechte Zustandsbeschreibung der aktuellen Situation ist.



Weird Beard bewegen sich geschickt in dieser neuen Jazzgegenwart. Bandleader Florian Egli, der alle Kompositionen schreibt und Altsaxofon spielt, wirft einen frischen Blick auf vergangene Epochen, klopft sie nach brauchbaren Ideen ab, die dann mit Bausteinen aus Indie-Rock, Minimal Music oder Elektronik vermischt werden. “Eigentlich komme ich aus der klassischen Musik,” räumt Egli ein, was fast wie eine Entschuldigung klingt. “Deshalb sind mir Form, Entwicklung, Harmonik und Kontrapunkt als kompositorische Elemente wichtig. Wenn ich ein neues Stück entworfen habe, bringe ich es in ausgedünnter Form in den Proberaum, wo es eine moderne Gestalt erhält. Ich akzeptiere, dass eine Nummer am Ende anders klingt, als ich mir das ursprünglich vorgestellt habe, nämlich viel besser, weil meine Mitmusiker Experten auf ihren Instrumenten sind und Ideen einbringen, von denen ich nicht einmal geträumt hätte. Man muss ihnen nur die nötige Freiheit geben und schon brüten sie die fantastischsten Sounds und Grooves aus.”  

Florian Egli pflegt einen gedämpften Saxofonton, wie er im Cool Jazz der 1950er kultiviert wurde und der immer auch das Atemgeräusch einbezog. Doch sind seine Einflüsse breiter gestreut. “Ich habe vor zwei Jahren eine CD namens “Bird eingespielt in Bebop-Manier – eine Hommage an Charlie Parker. Cannonball Adderley fand ich schon immer cool, aber am stärksten in den Bann zogen mich die Westcoast-Saxofonisten: Paul Desmond, Lee Konitz und vor allem Warne Marsh,” umreißt Egli die Bandbreite an Vorbildern. “Doch bedeuten diese Einflüsse garnichts in Bezug auf Weird Beard. Ausschlaggebend war, dass die Westcoast-Spielweise optimal in unser Konzept passte. Nur deshalb spiele ich ‘cool’! Unser moderner Sound samt Elektronik verlangt geradezu nach diesen schwebenden abgeklärten Saxofontönen.”

Eglis gehauchte Melodien sehen sich von Gitarrist Dave Gisler in Texturen aus schillernden Akkorden gehüllt, die mit Halleffekten noch verfremdet werden. Martina Berthner sorgt mit wuchtige Bassläufe für Dampf und steuert zusätzliche elektronische Sounds bei – immer fein dosiert. “Die Gegenwart steht im Zeichen der Elektronik, weshalb es keinen Sinn macht, auf diese Möglichkeiten zu verzichten,” erklärt Bandleader Egli. “Wir haben viel experimentiert, bis wir am Ende zu dem Schluß gekommen sind, die Elektronik dezent einzusetzen. Dave Gisler produziert diese Collagen, speist Fremdeinspielung ein und erzeugt synthetische Sounds mit Ringmodulatoren. Und Martina Berthner hat noch mehr von diesen Klänge in petto. Letztlich geht es um Farben, um eine reichhaltigere Palette, nicht um Effekthascherei. Ich habe zuerst auch mein Saxofon elektrifiziert und über Effektgeräte gespielt, aber dann haben wir bemerkt, dass der gehauchte Saxofonton eigentlich einen viel reizvolleren Kontrast zur bunt schillernden Elektronik darstellt.”

Für die Grooves ist Schlagzeuger Rico Baumann zuständig, den Egli schon kannte, bevor es Weird Beard überhaupt gab. Als der Saxofonist dann 2007 die Gruppe aus der Taufe hob, um an der Musikhochschule in Zürich sein Master-Abschlußkonzert zu bestreiten, war klar, dass Baumann hinter den Trommeln sitzen würde. Die Rhythmen, die er entwirft, klingen oft nach Indie-Rock, folgen aber keinen gängigen Schema. “Creative Grooves” nennt Baumann seine Herangehensweise, die versucht, nicht statisch immer wieder die gleichen Schlagmuster zu reproduzieren, sondern bei jedem Stück jedes Mal wieder einen etwas anderen Rhythmus zu (er)finden.

Gelegentlich erzeugen Weird Beard fast lyrische Stimmungen, schwelgen in romantischen Klangträumereien. Doch nicht lange, und schon geht es wieder handfester zur Sache. Dann greifen die Musiker abermals mächtig in die Saiten und treten in ihre Soundpedale bis Splitterklänge und verzerrte Sounds das Feld bestimmen. Ein kompakter Beat kombiniert mit einem treibender Baß sorgen mächtig für Drive, über dem sich ein röhrendes Saxofon erhebt. Egli kann auch “Brötzmann”! Von Cooljazz über Rockjazz zu Freejazz, von Pop über Ambient zu Indie – bei Weird Beard ist alles in Bewegung: Everything moves!


Florian Egli Weird Beard: Everything Moves (Intakt)  

Tuesday, 5 April 2016

Schlacht(hof)-Fest(ival) 2016 mit IRMLER & LIEBEZEIT



Irmler & Liebezeit (G), Weird Beard (CH), Isabel Ettenauer (A), Bruno Kliegl (G), Lefta (G)

Schlacht(hof)-Fest(ival) 2016

Samstag, 23. Juli 2016 / Beginn: 17 Uhr / Sigmaringen, Alter Schlachthof

Weird Beard aus Zürich



Nach einer Pause von ein paar Jahren findet dieses Jahr wieder das Schlacht(hof)-Fest(ival) in Sigmaringen statt. Am Samstag, den 23. Juli 2016 wird ab 17 Uhr ein exquisiter Kreis von Musikern und Bands im Alten Schlachthof zu hören sein.


Die Nachmittagskonzerte finden wie bewährt in den kleinen Atelierräumen statt, die sich dafür in ein Museum der vergessenen Klänge verwandeln. Dort ist dann Isabel Ettenauer aus St. Pölten zu hören, eine Tastenmusikerin, die sich auf das Toypiano spezialisiert hat. Das Kinderklavier wurde 1872 vom Göppinger Auswanderer Albert Schoenhut in den USA erfunden. Die Österreicherin spielt auf den Kinderklavieren zeitgenössische Kompositionen, bei denen der glockenhellen Klang des Instruments elektronisch reizvoll verfremdet wird.

Ein anderes nicht weniger rares Instrument spielt Bruno Kliegl: die Glasharmonika! Das Instrument ist aus dem Weingläser-Spiel hervorgegangen und wurde 1761 von Benjamin Franklin erfunden. Rotierende Glasschalen, mit feuchten Finger berührt, geben wundersam ätherische Klänge von sich. Schon Mozart hat für das Instrument komponiert.

Die Gruppe Lefta widmet sich der alten griechischen Rembetika-Musik, gespielt von Instrumenten wie Baglama, Bouzouki und Klarinette. Rembetika ist der alte ägäische Blues, der ursprünglich von Gauner, Streuner und Taschendieben in den Spelunken der griechischen Hafenstädte gespielt wurde.

Ab 20 Uhr geht es dann auf der Hauptbühne weiter, wo zuerst die Zürcher Gruppe Weird Beard ihren mitreißenden Mix aus Jazz, Rock und psychedelischen Klängen präsentieren wird. Das Quartett aus den besten jungen Musikern und Musikerinnen der Schweiz wird vom Saxofonisten Florian Egli angeführt. Zwei Krautrocklegenden bilden den Abschluß. Hans Joachim Irmler (Faust) und Jaki Liebezeit (Can) sind musikalisch nicht stehengeblieben. Liebezeits hypnotische Trommel-Grooves verbinden sich mit Irmlers schillernden Keyboard-Sounds zu einem reißenden Klangstrom. Das Gespann gab vor drei Jahren sein Debut im Sigmaringer Schlachthof und hat seither mit einem Album und Konzertauftritten im In- und Ausland Fans und Kritiker gleichermaßen begeistert.

Vorverkauf ab Juni: www.schlachthof-sigmaringen.de