Saturday, 25 November 2023

Buchbesprechung: George E. Lewis & Harald Kisiedu – Composing while black

Composing while black

 

George E. Lewis‘ und Harald Kisiedus Buch über die Geschichte einer systemischen Diskriminierung

 


 

cw. Das Thema dieses Buchs ist die Diskriminierung afro-diasporischer Komponisten und Komponistinnen in der zeitgenössischen Musik. George E. Lewis, Komponist, Improvisator und Autor, beschreibt mit Co-Herausgeber Harald Kisiedu die Geschichte dieser monumentale Ungerechtigkeit, wobei – im Gegenzug – von unterschiedlichen Autoren und Autorinnen verschiedene schwarze Komponisten und Komponistinnen portraitiert bzw. interviewt und ihre Werke analysiert werden. 

 

Die Veröffentlichung – zweisprachig in deutsch und englisch – beginnt mit der Society of Black Composers, zu der sich 1968 in New York ungefähr 50 afro-amerikanische Komponisten und Komponistinnen (unter ihnen Herbie Hancock, Ornette Coleman und Archie Shepp) zusammenschlossen. Das Ziel: die Institutionen des zeitgenössischen Musikbetriebs zu einer Öffnung zu bewegen und dauerhaft umzukrempeln. Allerdings waren die Beharrungskräfte so stark, dass erst ein halbes Jahrhundert später spürbar Bewegung in die Sache kam. Als Indiz dafür kann gelten, dass bei den Darmstädter Ferienkursen, dem heiligen Gral der zeitgenössischen Avantgarde, neben George E. Lewis, auch Anthony Braxton und Tyshawn Sorey als Dozenten wirkten, was zuvor nahezu undenkbar gewesen wäre.

 

Das Buch zeichnet in verschiedenen Essays das Leben und Werk afro-diasporischer Komponisten und Komponistinnen nach, so u.a. von Tania Léon, Andile Khumalos, Charles Uzor und Anthony Davis, beschreibt die Vorurteile, Schwierigkeiten und ethnischen Zuordnungen, mit denen sie sich konfrontiert sahen (und sehen). Ein langes Interview mit Alvin Singleton, dem ersten schwarzen Komponisten, der bei den Internationalen Ferienkursen in Darmstadt präsent war, bildet den Kern der Publikation.

 

Dabei wird überdeutlich, dass es bei dem Konflikt letztlich um Macht geht, was gleichbedeutend mit Geld ist, also um die Frage, wer öffentliche Mittel für Kompositionsaufträge, Stipendien, Konzert- und Festivalauftritte verteilt und nach welchen Kriterien dies geschieht. Dass hier lang-etablierte Seilschaften öffentlicher Institutionen und akademische Netzwerke die Strippen ziehen, kann nur Naive und Gutgläubige verwundern.



 

Die Herausgeber machen klar, dass sie ihre Mission nicht als Identitätspolitik (miß-)verstanden wissen wollen, obwohl in einzelnen Beiträgen „Wokeness“ die Perspektive bestimmt. Vielmehr geht es den beiden um die Erweiterung und Bereicherung der ästhetischen Erfahrung für den bis heute eurozentrischen E-Musikbetrieb, um vielleicht irgendwann in Zukunft einmal zu einer „farbenblinden“ Position zu gelangen, bei der nicht mehr „gender, race and identity“ das Urteil über Musik bestimmen, sondern allein Fragen der ästhetischen Qualität.  

 

George E. Lewis / Harald Kisiedu (Hg.): Composing While Black – Afrodiasporische Neue Musik Heute (Wolke Verlag, deutsch & englisch, 328 Seiten, mit wenige SW-Abbildungen; E 29.-)

 

Friday, 24 November 2023

AUGEundOHR 29: Auswanderer-Hochzeit in den USA mit Musikkapelle

Eine Hochzeit ohne Musik – unvorstellbar! Das historische Foto von ca. 1910 aus den USA zeigt ein Vermählungsfeier. Die Gäste, alle in Festkleidung, haben sich um das Brautpaar in der Mitte der zweiten Reihe (rechts und links die Eltern der Neuvermählten) plaziert. Fünf Musiker mit zwei Geigen, zwei Trompeten und einer Querflöte haben in der ersten Reihe Platz genommen und sich um den Korb an Bierflaschen herum gruppiert. Alkohol, Tanzmusik und Ausgelassenheit bildeten bei solcherart Festen eine unzertrennliche Einheit.
 

MUSIC JOKES 7: Mild Davis


 

Thursday, 16 November 2023

James Brandon Lewis in Singen

In den Fußstapfen von Riesen

Der neue Star des amerikanischen Jazz James Brandon Lewis in Singen zu Gast


James Brandon Lewis Quartet in Singen (Fotos: C. Wagner) 



 

cw. Der Pianist haut kräftig in die Tasten, während der Bassist wuchtig die Saiten anschlägt und der Schlagzeuger einer donnernden Rhythmus trommelt – und dann setzt mit mächtigem Ton wie ein Orkan das Saxofon ein. Voll und voluminös läßt der afro-amerikanische Jazzmusiker James Brandon Lewis sein Horn erklingen. 

 

In den letzten fünf Jahren hat sich der Saxofonist aus New York von einem Niemand in die erste Reihe des internationalen Jazz gespielt und zieht mittlerweile eine beachtliche Menge an Jazzfans an, wie das Konzert beim Jazzclub Singen zeigte. In seinen verschlungenen Melodielinien klingt das Echo der langen Geschichte des Jazzsaxofons wider, wobei Übervater John Coltrane alle überragt. James Brandon Lewis bewegt sich in den Fußstapfen von Riesen. 

 

Doch genauso stark wie der Einfluß von Coltrane ist die schwarze Gospelmusik. Sie verleiht Brandon Lewis‘ Spiel eine vokale Qualität, als würde er sein Instrument „sprechen“ lassen, ähnlich einem afro-amerikanischen Priester, der sich in Ekstase predigt. Ein Stück, das der Saxofonist völlig alleine spielt, gleicht dann auch in seiner ruhigen, hymnischen Kraft einer Gebetsandacht.


 

Seit 2012 ist James Brandon Lewis in New York daheim und hat ungefähr mit jedem Musiker gespielt, der im Jazz momentan Rang und Namen hat. All diese Bandprojekte zeugen von der enormen Bandbreite an Stilen, in denen sich der Tenorsaxofonist souverän zu bewegen weiß. Einerseits führt er das Erbe der schwarzen Jazztradition fort, andererseits taucht er immer wieder in moderne Klangwelten ein, ob „funky“ oder rockig.    

 

Das Repertoire, das er mit seinem Quartett präsentiert, reicht von druckvoll-expressivem Powerplay bis zu lyrisch-versunkenen Balladen und enthält rasante Tempostücke genauso wie Kompositionen gemächlicherer Gangart. Der Bandleader weiß, wie man Kontraste setzt, wobei ihm mit Aruan Ortiz (Klavier), Brad Jones am Bass und Schlagzeuger Chad Taylor drei absolute Könner zur Seite stehen. 


 

Oft gehen die Musiker mit ihren Stücken bis an die Grenzen von Harmonik und Rhythmus, um sich dann ins freie Spiel der schieren Ekstase zu stürzen. Bei solcher „Fire Music“ wird Brandon Lewis‘ Horn zu einem feuerspeienden Flammenwerfer, während seine Mitmusiker sich gleichfalls in vulkanartigen Ausbrüchen ergehen. Kaum ist der Klimax erreicht, schaltet der Bandleader drei Gänge zurück und haucht in sein Instrument ganz zart und fein. 

 

Was den Hörgenuss etwas störte, war die Unausgewogenheit des Gruppenklangs: Das Schlagzeug war zu laut und überdeckte oft die Feinheiten des Pianospiels. Auch hätte wohl ein einziges Schlagzeugsolo genügt, während drei Trommelorgien dann doch eindeutig des Guten zu viel waren.  

 

Saturday, 11 November 2023

AUGEundOHR 28: Cambodia, ca. 1910


Musiker aus Kambodscha mit kreisrunden und gebogenen Gongspielen sowie Trommeln in verschiedenen Größen, ca. 1910

Monday, 6 November 2023

SCHEIBENGERICHT 24: Anna Webber – Shimmer Wince

Abseits ausgetretener Pfade

Das bemerkenswerte neue Album der kanadischen Saxofonistin und Komponistin Anna Webber ­

(Intakt Records)

 

5 von 5


 

cw. Anna Webbers neues Album klingt anders – Klänge, wie von einem anderen Planeten. Die kanadische Komponistin und Saxofonistin, die seit längerem in Brooklyn lebt, hat sich in der Lockdown-Zeit intensiv mit dem Tonsystem der „reinen Stimmung“ (=just intonation) befaßt und daraus nebenbei eine Serie ungerader Rhythmen abgeleitet. Entlang diesen Vorgaben hat sie Stücke entworfen, die auf faszinierende Weise einen anderen Ton anschlagen. Mittels Klangschichtungen und Repetition entsteht über einem scharfkantigen Groove (am Schlagzeug: Lesley Mok) eine ausgeklügelte Architektur, deren Bauelemente sich in der Manier der Minimal Music loop-artig ineinanderschieben. Abseits aller Klischees klingen diese komplexen Kompositionen trotzdem so selbstverständlich, als wären sie die normalste Sache der Welt. 



 

Die außergewöhnliche Besetzung trägt ihren Teil zum ausgefallenen Klangbild bei. Am weitesten aus der vorgefassten Rolle seines Instruments fällt Elias Stemeseder, der mit dem Synthesizer meistens den Baßpart übernimmt, zusätzlich aber auch immer wieder schillernde Klangeinwürfe macht. In der Mittellage brilliert Mariel Roberts auf dem Cello mit eindringlich-vibratoreichem Spiel, während Saxofon und Trompete sich im Diskant filigran ineinander verschlingen. Manchmal bricht Adam O’Farrill mit eruptiven Trompeteneskapaden (auch mit Dämpfer) aus dem Gruppenklang aus, die von der Bandleaderin auf Tenorsaxofon oder Querflöte fantasievoll weitergesponnen werden. Eindrückliche und aufregende Musik, abseits der ausgetretenen Pfade!


Anna Webber: Shimmer Wince (Intakt)



Wednesday, 1 November 2023

Radio Radio Radio: American Folk Blues Festival – Wie der Blues im Südwesten Wurzeln schlug

Radio Radio Radio: 

SWR2 Musikpassagen: Do., 9.11.2023; 20:05–21:00 Uhr

Zum Nachhören:

American Folk Blues Festival – Wie der Blues im Südwesten Wurzeln schlug
von Christoph Wagner

 
1962 fand in Baden-Baden unter der Regie von "Jazzpapst" Joachim Ernst Berendt das erste American Folk Blues Festivals in Europa statt. Es ging weiter über Bern, Frankfurt und Berlin nach München. Am 11. Oktober gastierte die Bluestruppe mit der Sängerin Helen Humes und Berühmtheiten wie Willie Dixon, Memphis Slim, T-Bone Walker und John Lee Hooker in Heilbronn. Egal wie viel Publikum anwesend war, überall wurde die "erste Bluesdokumentation der Welt" begeistert aufgenommen.