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Sunday, 2 April 2023

Ryuichi Sakamoto (1952-2023)

Musik wie ein Schaumbad

Zum Tod des Synthipop-Pioniers, Filmkomponisten und Ambient-Pianisten Ryuichi Sakamoto

 






Im Dezember vorigen Jahres machte eine Hiobsbotschaft die Runde: Ryuichi Sakamoto kündigte sein letztes Konzert an, da er ein zweites Mal an Krebs erkrankt sei. Wie er seinen Fans mitteilte, könne er keinen 90 minütigen Auftritt mehr absolvieren, dafür sei er schon zu schwach, weshalb er jeweils immer nur ein einziges Stück aufgezeichnet und jetzt alle Titel zu einem Online-Konzert zusammengefügt hätte. Mit dem Wunsch „Enjoy!“ endete die Nachricht. Im Januar diesen Jahres veröffentlichte Sakamoto dann noch ein neues Album mit dem Titel „12“, was sein letztes sein sollte. Am 28. März ist der Musiker 71jährig seiner Krankheit erlegen. 


Es waren vor allem Filmmusiken, die Sakamoto bekannt machten, wobei er 1983 in „Furyo – Merry Christmas, Mr. Lawrence“ neben David Bowie auch als Schauspieler zu sehen war. Ob in Filmen wie „Himmel über der Wüste“, „Little Buddha“ oder „Der letzte Kaiser“, für dessen Soundtrack er einen Oscar erhielt, immer gelang es Sakamoto sich atmosphärisch voll auf das jeweilige Werk einzulassen, was den Regisseur Alejandro González Iñárritu zu dem Kompliment veranlaßte: „Ich brauchte einen Komponisten, der Stille versteht. Da war Ryuichi Sakamoto erste Wahl.“ 


 

Mit Stille kannte sich Sakamoto aus. Als Solokünstler war er ein Spezialist für ruhig dahinfließende Sounds, inspiriert von Claude Debussy. Oft breitete er weite Klangflächen aus, in die man versinken konnte, und die er mit sparsam hingetupften Pianotönen garnierte, was ihn neben Brian Eno und Harold Budd zu einem führenden Vertreter der Ambient-Musik machte. Die isländische Filmkomponistin Hildur Guðnadóttir empfand seine Musik schlicht als „zeitlos“.

 

Allerdings besaß Sakamoto viele Gesichter. International gestartet war er Ende der 1970er Jahren mit dem Yellow Magic Orchestra (YMO), das zum asiatischen Äquivalent der Elektropopgruppe Kraftwerk wurde. Das YMO setzte alles ein, was digitale Geräusche von sich gab von piepsendem Kinderspielzeug bis zu den Sounds der Computerspiele. Zwischen Musik und Geräuschen machte Sakamoto keinen Unterschied. Für ihn war alles Material, aus dem man Songs formen konnte, wobei er sich mit dem YMO auch nicht fürchtete, sich in die Nähe des Banalen und Profanen zu begeben.  


 

„Cosmic Surfin‘“ hieß ein Titel des Yellow Magic Orchestras, was die ästhetische Vision der Gruppe umriß und auf eine Synthese zwischen Weltraumklängen und Surf-Beat hinauslief. Als „Synthipop“ wurde der Stil etikettiert, der in Japan wahre Begeisterungsstürme auslöste. Aus dem Yellow Magic Orchestra, das als Studioprojekt begonnen hatte, wurde mit der Zeit eine äußerst populäre „Live“-Band und Sakamoto zu einem gefragten Kooperationspartner der internationalen Popelite, bewundert u.a. von David Sylvian, David Byrne und Flying Lotus.

 

Ein starkes Interesse an elektronischem Instrumentarium hatte der 18jährige bereits während seines Studiums an der Kunsthochschule von Tokio entwickelt. Fasziniert von den Möglichkeiten synthetischer Sounds experimentierte Sakamoto ab 1970 mit frühen Synthesizer-Modellen, eine Leidenschaft für technologische Neuerungen, die sein ganzes Leben lang anhielt.

 

Mit dem Alter wurde Sakamoto immer leiser. Sein aktuelles Album, das 23ste, enthält ein Dutzend Kompositionen – eine versunkener als die andere. Die Stücke tragen jeweils das Entstehungsdatum als Titel, das letzte „20220404“ war fast genau vor einem Jahr entstanden. Manchmal bildet nur ein Meeresrauschen den Background für die fast schwerelosen Klaviermelodien, die Sakamoto so spärlich setzt, als käme es auf jede Note an. Und genau darum ging es ihm, um die Wertschätzung eines jeden einzelnen Tons.


Ryuichi Sakamoto: 20220304 vom Album "12" (youtube)

 



 

 

 

Sunday, 15 January 2023

SCHEIBENGERICHT 12: Twinkle3 featuring David Sylvian

Haikus als Zauberformeln 

Twinkle3 mit David Sylvian


Twinkle3


Wertung: 4 von 5 

 

cw. Es kommt nicht häufig vor, dass Popstars zu Avantgardisten werden: Scott Walker war so ein Fall. David Sylvian ist ein anderes Beispiel. Seit der Sänger 1983 die Popgruppe Japan verließ, folgte er seiner künstlerischen Intuition, die ihn mehr und mehr in experimentelle Breitengrade führte. Für seine Alben zog er Musiker wie Holger Czukay, John Tilbury, Arve Henriksen, Evan Parker und Keith Rowe heran, die unter seiner Regie Klanglandschaften zwischen Ambient, Experiment und freier Improvisation kreierten. 

 

Jetzt leiht Sylvian einem Album des englischen Trios Twinkle3 seine Stimme, das aus den Elektronikern Richard Scott und Dave Ross sowie dem Spezialisten für asiatische Blasinstrumente, Clive Bell, besteht. Die drei erzeugen abstrakte „Soundscapes“, die vor Elektrizität nur so brickeln und knarzen. Da tickt es geigenzählermäßig, danach heben sturmartige Turbulenzen an, während in einem anderen Stück mächtige Soundwellen an eine imaginäre Küste schlagen.


David Sylian (SAMADHISOUND)


Die mit Bedacht gesetzten, angerauhte Langtöne, die Clive Bell der japanischen Bambusflöte Shakuhachi entlockt, geben den Improvisationen eine dramatische Note. Mit der thailändischen Mundorgel Khene wechselt Bell zeitweise zu einem rhythmischen Spiel mit Intervallen und Akkorden, wobei er bei einem anderen Titel verhangene Töne auf einem Blasinstrument namens Pi Saw aus Laos bläst. 

 

Im freien Interagieren entfaltet sich dabei ein faszinierendes Vexierspiel zwischen akustischen und elektronischen Instrumenten. Dass die Blastöne zusätzlich noch verfremdet und mit Hall und Echo verändert werden, trägt zur zusätzlichen Verrätselung bei. 

  

Überraschenderweise tritt David Sylvian nicht als Sänger auf, sondern agiert ausschließlich als Rezitator mittelalterlicher Gedichte, die um Tod, Abschied und Vergänglichkeit kreisen. Im Kontrast dazu rezitiert die ehemalige Vokalistin der Frank Chickens , Kazuko Hohki, Haikus sowie japanische Verse aus dem 16. Jahrhundert, die für westliche Ohren wie geheimnisvolle Zauberformeln klingen. 


Twinkle3 featuring David Sylvian & Kazuko Hohki: I Borrow Moonlight (Youtube)


Die Worte werden äußerst sparsam gesetzt, was ihnen umso größeres Gewicht verleiht, doch machen sie auch ohne Bedeutungsgehalt als reine Lautphänomene Sinn. Sylvian und Hohkiverzichten beim Sprechen auf jedes Pathos, tragen ruhig, ja fast nüchtern vor. Im Zusammenspiel entsteht so eine in vielen Farben schillernde Musik, die ein ureigenes Gepräge besitzt und in wahrhaft wundersame Welten aus Klängen und Worten entführt. 


Twinkle3 featuring David Sylvian & Kazuko Hohki: Upon This Fleeting Dream (Cortizona)

 

Tuesday, 22 July 2014

DAVID ROSS & CLIVE BELL: Recovery Suite

Im Zen-Garten der Klänge: Shakuhachi und Elektronik

cw. Die japanische Bambusflöte Shakuhachi ist in der buddistischen Meditationspraxis das Medium, den Atem hörbar zu machen. Entsprechend aufgerauht und heißer klingt ihr Ton. Begleitet von starken Luftgeräuschen erinnert der Klang der Shakuhachi an das Heulen des Winds, der über einen kahlen Berghang streicht.

Clive Bell aus London ist einer der profiliertesten Shakuhachi-Spieler der westlichen Hemisphäre. Seine Referenzliste reicht von David Sylvian über Bill Laswell bis zu Jaki Liebezeit. Obwohl der Engländer zwei Jahre beim Meister Kohachiro Miyata in Tokyo studiert hat, ist er kein Solist der klassischen Tradition, sondern nutzt das alte Holzinstrument zum kreativen Improvisieren.

Mit dem Elektroniker David Ross bildet Bell ein fulminantes Duo, das sich in sicherer Entfernung zu jedem elektronischen Ethno-Kitsch bewegt. Ross setzt mit diversen analogen Oszillatoren und Effektgeräten ein Gezeitenspiel aus immer wiederkehrenden Klangwellen in Gang. Oft unterlegt er die “soundscapes” mit dem dezenten Beat einer alten russischen Drummaschine, läßt es blubbern, knistern und zischen, ab und zu sogar ziemlich harsch knarzen.

Clive Bell kann seine Flötentöne so gewaltig aufbrausen lassen, dass für einen kurzen Moment alle anderen Klänge dahinter verschwinden. Ein spannendes Verwirrspiel entfaltet sich um das Rätsel, welche Töne akustischer und welche synthetischer Natur sind oder ob es sich vielleicht um elektro-akustische Verfremdungen handelt? Dieser Zen-Garten der Klänge steckt voller Geheimnisse.


David Ross & Clive Bell: Recovery Suite (ini.itu)