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Sunday, 13 July 2025

SCHEIBENGERICHT Nr. 45: Anna Sophia Defant s:e

Widerhaken im musikalischen Prozeß

Anna Sophia Defant

s:e

Unit Records



Freejazz kann recht eintönig sein! Doch wie der Falle entgehen, dass das freie Spiel sich fortwährend um die eigene Achse dreht? Das junge Quartett der österreichischen Pianistin Anna Sophia Defant namens s:e hat den Weg der Post-Production gewählt, was heißt: Zuerst wird frei improvisiert, dann die Improvisationen im Studio seziert und einzelne Sequenzen destilliert, die dann durch Nachbearbeitung mittels Cuts zu Stücken ausgearbeitet werden. Mit diesem Verfahren wird Gleichförmigkeit vermieden, indem jeder Titel einen eigenen Charakter erhält. Das ist nicht neu: Schon Teo Macero arbeitete mit Miles Davis in seiner elektrischen Phase nach 

demselben Prinzip. 


Was den Gruppensound des Defant-Quartetts betrifft, erinnert s:e gelegentlich an die Gruppe Last Exit von Brötzmann, Laswell, Shannon-Jackson und Sharrock, die Ende der 1980er Jahre den freien Jazz elektrifizierten. Das ist vor allem dem japanisch-österreichischen Gitarristen Kenji Herbert zu verdanken, der einmal nicht, wie viele seiner Altersgenossen, Kurt Rosenwinkel nacheifert, sondern eher in Richtung Sonny Sharrock tendiert und Widerhaken in den musikalischen Prozeß einbaut. Von brachialen Nummer bis zu meditativen Stücken reicht das Spektrum der Titel, die nie ausufern, sondern immer knapp gehalten sind, dazu immensen Formwillen beweisen, was dieses Debutalbum zu einer recht kurzweiligen Angelegenheit macht. 


Hörprobe (youtube)

Monday, 8 March 2021

Brötzmann@80

Von Altersmilde keine Spur

 

Er ist weltweit der bekannteste deutsche Jazzmusiker – jetzt wird Saxofonist Peter Brötzmann 80 Jahre

 



 cw. Peter Brötzmann ist einer der wenigen deutschen Jazzmusiker, die man auch im Ausland kennt. Ob Japan, Großbritannien oder die USA, wo immer der Saxofonist auftritt, sind die Säle voll. Vor allem in Amerika verehrt ihn eine ergebene Fangemeinde. Seit er Mitte der 1970er Jahre das erste Mal in New York auftrat, hat er mit einer Vielzahl von Musikern gespielt, darunter  Jazzgrößen wie Bill Laswell oder Cecil Taylor. 

 

Der Freejazzer aus Wuppertal gilt als Saxofon-Berserker, der alle musikalischen Barrieren niederriß und die Improvisation auf die Spitze trieb. Jetzt im Herbst seines Lebens – Brötzmann wird am 6. März 80 Jahre alt – treiben ihn andere Gedanken um. “Man stößt bei der totalen Improvisation an Grenzen, die sich nicht weiter hinausschieben lassen,” bringt er seine Erfahrungen auf den Punkt. Diese Erkenntnis hat Brötzmann für eine Kurskorrektur genutzt. Sowohl sein Soloalbum “I Surrender Dear”, als auch die letzte Einspielung mit der Pedal-Steel-Gitarristin Heather Leigh (Titel: “Sparrow Nights”) bieten anstelle von Freejazz-Tumult über weite Strecken Andacht und Versenkung. Ist Brötzmann altersmild geworden? 

 

Der Schwenk kam nicht über Nacht und auch nicht ganz freiwillig. Vielmehr hat eine Lungenerkrankung, die Brötzmann mehr und mehr den Atem raubt, ihn zur Kurskorrektur gezwungen. Darüber hinaus hat die Zusammenarbeit mit der amerikanischen Pedal-Steel-Gitarristin Heather Leigh die Tendenz noch verstärkt. “Die Pedal-Steel-Gitarre ist ein Instrument, das sehr gut schwebende und wolkige Töne erzeugen kann,” sagt Brötzmann. “Darauf musste ich reagieren, also anders spielen.” 

 

Seine Neuorientierung möchte Brötzmann keineswegs als Distanzierung von seiner Vergangenheit verstanden wissen – im Gegenteil: “Unsere Revolte in den 1960er Jahren war wichtig, um Dinge aufzubrechen, zu verändern,” bemerkt der einstige Bürgerschreck in Sachen Musik nicht ohne Stolz. “Doch heute stellt sich die Situation anders dar.”


Brötzmann mit Full Blast

 

Wenn jetzt die Pandemie Brötzmann eine musikalische Zwangspause verordnet, beschert sie ihm gleichzeitig mehr Zeit für seine andere Leidenschaft, die bildenden Kunst. Obwohl ihm die kalte Luft im Freien die Brust zuschnürt, geht der Wuppertaler fast täglich die zehn Meter von seiner Wohnung in sein Atelier im Hinterhaus, um sich in die Arbeit an Ölgemälden, Materialbildern, Objektkästen, Druckgraphiken oder kleinen Skulpturen zu stürzen. Ein Buch mit dem Titel “Brötzmann: Along The Way”, das zu seinem 80. Geburtstag erscheint, dokumentiert seine Arbeiten der letzten zehn Jahre.

 

Sein Handwerk hat der Graphikdesigner Ende der 1950er Jahre auf der Werkkunstschule in Wuppertal erlernt. Danach war er Assistent von Nam June Paik und nahm mit dem Multimedia-Avantgardisten an diversen Fluxus-Performances und Ausstellungen teil, die den Kunstbegriff auf den Kopf stellten. 

 

Mit der gleichen Radikalität warf Brötzmann ein paar Jahre später die Jazztradition über den Haufen und schockierte mit brachialen Improvisationen. Seitdem hat er seine Konzeption immer wieder variiert und modifiziert. Nun zwingt ihn die Pandemie zu einer Auszeit, die ihm gar nicht in die Planung passt. “Die Zeit, die mir bleibt, wird kürzer und kürzer. Doch würde ich gerne noch ein paar musikalische Projekte machen. Deshalb bin ich wütend auf den Virus, der mir die Arbeitszeit stiehlt,” echauffiert sich der Jazzveteran. Von Altersmilde keine Spur.

 


Wednesday, 14 January 2015

IKUE MORI und FRED FRITH in STUTTGART

Heimat der Avantgarde

Seit fünf Jahren dem musikalischen Experiment verpflichtet -  der “Stromraum” in Stuttgart feiert Jubiläum

Ikue Mori
cw. “Stromraum” nennt sich ein größeres Kellerstudio in einem Hinterhaus in Stuttgart-Cannstadt. In der König-Karl-Straße 27 ist die musikalische Avantgarde zuhause. Seit fünf Jahren finden hier regelmäßig Konzerte statt, ungefähr eins im Monat, oft gespielt auf elektronischen Klangerzeugern wie Synthesizer, Musikcomputer oder Laptop. Die Zuschauerzahl ist überschaubar, der Rahmen intim. Man ist zum Zuhören gekommen, vielleicht auch um neue Klangerfahrungen zu machen, denn darauf legt das Programm Wert. “Erwarte das Unerwartete” könnte sein Moto lauten. Wer musikalisch neugierig ist, befindet sich hier am richtigen Ort.

Jetzt ist dem Veranstalter, dem Verleger Eckhart Holzboog, ein echter Coup gelungen. Am Samstag, den 17. Januar (20 Uhr), ist im “Stromraum” ein hochkarätiges Duo zu Gast. Die Elektronikerin Ikue Mori aus New York und der Gitarrist Fred Frith aus Kalifornien sind Spitzenmusiker der internationalen Avantgarde. Zusammen werden sie die Zuhörer auf eine musikalische Abenteuerfahrt nehmen. Der Auftritt ist das einzige Konzert der beiden in Europa. Am 28. Februar geht es dann weiter auf ähnlich hohem Niveau. Dann hat der Vokalist und Maulwerker Phil Minton aus London sein Kommen zugesagt.

DNA
Vom Schlagzeug über die Drum-Maschine zum Laptop, auf diese Kurzformel könnte man die Karriere der in New York lebenden Japanerin Ikue Mori bringen. Ende der siebziger Jahre geriet sie bei einer Touristenreise in den Strudel der New Yorker New-Wave-Szene und tauchte als Schlagzeugerin des legendären Trios DNA wieder auf. Bis heute ist die gelernte Grafikdesignerin Profimusikerin geblieben und gilt seit Jahren als eine der interessantesten Elektronikerinnen der amerikanischen Experimental-Szene.

Wenn Ikue Mori ihre Klangmaschine anwirft, dann zirpt, knistert, blubbert und raschelt es. Auch einen knarzenden Elektro-Beat bringt sie manchmal hervor. Oder es dringen Sounds ans Ohr, wie man sie noch nie gehört hat: Klänge so buntschillernd wie eine Pfauenfeder oder ein exotischer Schmetterling.

Wenn sie nicht gerade auf Tournee ist, sitzt die Klangkünstlerin daheim am Bildschirm und bastelt an außergewöhnlichen Sounds. Das Klänge werden so lange bearbeitet, durch Filter geschickt, verzerrt, manipuliert und umgewandelt, bis sie ihren Vorstellungen entspricht. So entstehen das Klangmaterial, aus dem sie bei Auftritten schöpft.

Mori ist eine Virtuosin auf dem Laptop, der inzwischen zum Emblem des digitalen Musikzeitalters geworden ist und die E-Gitarre abgelöst hat, die für die Rock-Ära stand. Mit der Gitarre wurde Fred Frith groß. Der Engländer, der mit einer Stuttgarterin verheiratet ist und heute am renommierten Mills College in Kalifornien lehrt, wurde in den siebziger Jahren mit der experimentellen Rockgruppe Henry Cow bekannt, bevor er nach Amerika zog. Dort war er jahrelang auf der New Yorker Szene aktiv, wobei er in Gruppen von John Zorn und Bill Laswell spielte.

Improvisation und Komposition sind die beiden Pole, zwischen denen sich Frith bewegt. Er entgrenzt das Gitarrenspiel, geht weit über gängige Vorstellungen hinaus, welche Sounds einer Gitarre entlockt werden können. Wenn er Tischtennisbälle über die Saiten hüpfen lässt oder Metallfedern dazwischenklemmt, erklingen die abenteuerlichsten Klänge und Geräusche. Ikue Mori wird kein Problem haben, darauf eine adäquate Antwort zu finden.

Der Artikel erschien zuerst im Schwarzwälder Bote, große Tageszeitung in Südwestdeutschland.

Tuesday, 22 July 2014

DAVID ROSS & CLIVE BELL: Recovery Suite

Im Zen-Garten der Klänge: Shakuhachi und Elektronik

cw. Die japanische Bambusflöte Shakuhachi ist in der buddistischen Meditationspraxis das Medium, den Atem hörbar zu machen. Entsprechend aufgerauht und heißer klingt ihr Ton. Begleitet von starken Luftgeräuschen erinnert der Klang der Shakuhachi an das Heulen des Winds, der über einen kahlen Berghang streicht.

Clive Bell aus London ist einer der profiliertesten Shakuhachi-Spieler der westlichen Hemisphäre. Seine Referenzliste reicht von David Sylvian über Bill Laswell bis zu Jaki Liebezeit. Obwohl der Engländer zwei Jahre beim Meister Kohachiro Miyata in Tokyo studiert hat, ist er kein Solist der klassischen Tradition, sondern nutzt das alte Holzinstrument zum kreativen Improvisieren.

Mit dem Elektroniker David Ross bildet Bell ein fulminantes Duo, das sich in sicherer Entfernung zu jedem elektronischen Ethno-Kitsch bewegt. Ross setzt mit diversen analogen Oszillatoren und Effektgeräten ein Gezeitenspiel aus immer wiederkehrenden Klangwellen in Gang. Oft unterlegt er die “soundscapes” mit dem dezenten Beat einer alten russischen Drummaschine, läßt es blubbern, knistern und zischen, ab und zu sogar ziemlich harsch knarzen.

Clive Bell kann seine Flötentöne so gewaltig aufbrausen lassen, dass für einen kurzen Moment alle anderen Klänge dahinter verschwinden. Ein spannendes Verwirrspiel entfaltet sich um das Rätsel, welche Töne akustischer und welche synthetischer Natur sind oder ob es sich vielleicht um elektro-akustische Verfremdungen handelt? Dieser Zen-Garten der Klänge steckt voller Geheimnisse.


David Ross & Clive Bell: Recovery Suite (ini.itu)