Monday, 21 February 2022

Wiederbelebung: Catalina Vicens und die mittelalterliche Orgel

Sie schnaufen, sie atmen

Als „organische Geschöpfe“ begreift Catalina Vicens mittelalterliche Orgelinstrumente

 


cw. Catalina Vicens ist eine Spezialistin für historische Tasteninstrumente. Besonders haben es ihr Organetti, Portative und frühe Kirchenorgeln angetan. Auf ihrem Doppelalbum „Organic Creatures – Medieval Organs Composed Decomposed Recomposed“ (Consouling Sounds) schlägt die Chilenin, die seit langem in Europa lebt, den Bogen von mittelalterlichen Werken von Perotin, Philip the Chancellor und Francesco Landini bis zu zeitgenössischen Kompositionen von Ivan Moody, Prach Boondiskulchok, Olli Virtaperko und Carson Cooman. Neben ihren Aktivitäten als Organetto-Solistin ist Vicens mit Ensembles der Alten Musik unterwegs.  

 

Wie haben Sie die historischen Orgelinstrumente für sich entdeckt?

 

Vicens: Ursprünglich hatte ich Klavier studiert und mich dann dem Cembalo zugewandt, das ich Jahre lang als Konzertsolistin und mit Ensembles spielte. Dann begann ich mich für die Musik der Renaissance zu interessieren, woraus ein Interesse an der Musik des Mittelalters erwuchs. Damals studierte ich Cembalo an der Schola Cantorum Basiliensis in Basel, wo es einen Studienzweig für mittelalterliche Musik gibt. Obwohl ich von den mittelalterlichen Vorgängerinstrumenten des Cembalos gehört hatte, blieb mir deren Musik doch verschlossen. In einem Seminar über mittelalterliche Musiktheorie wies mich der Dozent auf ein Tasteninstrument hin, das die Schola in den 1970er Jahren angeschafft hatte und das seither auf dem Dachboden verstaubte. Dieses Instrument war das Organetto, auf dem ich dann zu spielen begann. 

 

Wie funktioniert das Organetto? 

 

Das Instrument ist ein Paradox: Es ist eine Orgel und doch auch wiederum nicht, da es anders gespielt wird. Unter einer Orgel versteht man ja üblicherweise ein Tasteninstrument mit Pfeifen und einer konstanten Luftzufuhr. Das Organetto hat normalerweise keine kontinuierliche Luftzufuhr. Der Ton wird mit einem Blasbalg erzeugt, der normalerweise mit der linken Hand aufgezogen und zusammengedrückt wird. Die Ikonographie lehrt uns, dass das Instrument sitzend, 90 Grad gedreht,  auf dem Schoß gespielt wurde oder stehend mit einem Tragegurt über der Schulter. Die Tastatur wurde mit der rechten Hand bedient. Das Fehlen einer permanenten Luftzufuhr macht die Eigenart des Instruments aus. Es gibt Momente, wo das Instrument „atmen“ muß, der Balg also wieder mit Luft gefüllt werden muß, sonst stockt die Tonerzeugung. Daraus ergibt sich eine ganz spezielle Spielart, die der des Akkordeons nicht unähnlich ist.

 

Ist es eine Beschränkung, dass man nur mit einer Hand die Tasten bedienen kann?

 

Selbstverständlich! Doch man kann diese Limitierung auch als eine Herausforderung begreifen und ihr mit Kreativität begegnen. Dass die Zuhörer keine Erwartungen an das Organetto haben, hilft. Sie sind neugierig, welche Musik sich mit diesem außergewöhnlichen Instrument machen läßt und haben keine vorgefaßten Vorstellungen.


Wie sieht das Repertoire des Organettos aus?

 

Es gibt kein spezifisches Repertoire. Die mittelalterliche Musik, die ich auf dem Organetto spiele, ist ein- bzw. zweistimmig und war ursprünglich für Gesang bestimmt. Wenn die Komposition zweistimmig ist, kommt es darauf an, ob sie mit einer Hand gespielt werden kann, was gelegentliche Anpassungen erfordert. Theoretisch können sogar dreistimmige Kompositionen gespielt werden, da ich ja fünf Finger zur Verfügung habe. Ob das dann auch praktisch geht, gilt es herausfinden. Aus den nicht-existenten Erwartungen, dem Mangel einer spezifischen Literatur und dem Fehlen einer verbrieften Spieltechnik ergeben sich Freiheiten. Ich kann Entdeckungen machen und sehen, welche Möglichkeiten im Instrument schlummern. Von der Notwendigkeit des „Atmen holens“ hängt es z.B. ab, wie man eine Melodie spielt und phrasiert. Diese Charakteristik können zeitgenössische Komponisten nutzen. Der Blasbalg wird zur Lunge, die atmet. Im Umkehrschluß beeinflusst die Klangsprache der zeitgenössischen Kompositionen wiederum die Art, wie ich mittelalterliche Musik spiele.

 

Wieviele Freiheiten nehmen Sie sich?

 

Da wir kaum etwas über das Organetto wissen und ebenso wenig über die Musik, die darauf gespielt wurde, müssen wir uns von der Idee verabschieden, dass es die eine richtige Art gibt, diese Musik zu spielen. Dass keine solche Zwangsjacke existiert, bedeutet im Gegenzug: Freiheit! Freiheit zu erkunden und zu experimentieren. Die Freiheit muß aber mit einer intensiven Analyse der Musik einhergehen, damit sie nicht zur reinen Beliebigkeit wird. Die Tonstimmung, die Struktur, auch der Text der ursprünglichen Vokalstimme – all das fließt in mein Spiel ein. Diese Aspekte sind wichtig, weil sie einen tieferen Einblick in den Charakter der Musik erlauben. Zusammen mit meinem Wissen über die Klangquelle – ob ein Organetto oder eine frühe Orgel – ergibt sich daraus meine Interpretation. Dazu kommen Fragen: Wie phrasiere ich? Welches Tempo macht Sinn? In welchem Kontext steht das Stück, ist es weltlicher oder sakraler Natur? Für welchem Anlaß wurde es komponiert? Das sind alles wichtige Punkte für die Interpretation. Daneben braucht es viel Fantasie, Kreativität und Vorstellungskraft. 

 

Wie sind die zeitgenössischen Kompositionen zustande gekommen, die auf Ihrem Doppelalbum zu hören sind?

 

Auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Carson Cooman, ein amerikanischer Komponist und Organist, spielt selbst Organetto und schreibt Stücke für das Instrument, deren Notenbild wie mittelalterliche Kompositionen aussehen. Als er von mir hörte, schickte er mir ein paar seiner Stücke, die ich dann auf meine Art interpretierte. Auch das Werk „Lamento of Ananias“ von Olli Virtaperko gab es bereits. Es war ursprünglich für Solo-Gambe geschrieben worden, dann hat es der Autor für Organetto transkribiert. Weil es mit Bordunen arbeitet, funktionierte das. Wegen der Verzierungen erinnert mich diese Komposition an ein Stück von Guillaume De Machaut. Virtaperko forderte mich auf, damit improvisatorisch umzugehen, also zu ornamentieren. 

 

Haben Sie auch neue Stücke in Auftrag gegeben?

 

Das war bei Prach Boondiskulchok der Fall, einem thailändisch-britischen Komponisten. Er hat zwei Kompositionen für mich geschrieben. Ich habe ihm das Organetto ausführlich vorgeführt und seine Möglichkeiten erläutert: Etwa wie der Blasbalg funktioniert oder auch die Option, die Stimmung des Instruments zu verändern, was er mit einer südostasiatischen Stimmung nutzte.




 

Auf ihrem Doppelalbum spielen Sie die unterschiedlichsten Orgelinstrumente. Stehen die alle bei Ihnen zuhause?

 

Keineswegs. Es ist eher so: Ich reise viel und suche gezielt Kirchen auf, in denen sehr alte Orgeln stehen, etwa die St. Andreaskirche in Ostönnen in Nordrhein-Westfalen. Dort befindet sich ein Instrument aus dem frühen 16. Jahrhundert. Ein anderes gibt es in der Mariakerk in Krewerd in den Niederlanden. Ich fahre hin, spiele darauf und versuche ein Gefühl für seinen Klang und seinen Charakter zu bekommen. Abgesehen davon gibt es auch Orgelbauer, die solche frühen Instrumente nachbauen. Es ist ein Abenteuer, sich in ein solches Instrument zu vertiefen. Manchmal nehmen auch Leute Kontakt mit mir auf und erzählen mir von einer interessanten Orgel, die ich dann möglicherweise in Augenschein nehme. 

 

Welches Instrumentarium setzen Sie bei Auftritten ein? 

 

Konzerte bestreite ich allein mit dem Organetto. Zudem wurde mir eine Renaissance-Orgel in Obhut gegeben, die ich gelegentlich ebenfalls einsetze. Allerdings erfordert das einen Bus für den  Transport, während ich mit meinem Organetto mit der Bahn reisen kann.


Catalina Vicens:  Organic Creatures – Medieval Organs Composed Decomposed Recomposed (Consouling Sounds)


Das Interview erschien zuerst in NEUE ZEITSCHRIFT FÜR MUSIK 4-2021. Zu beziehen über:

https://de.schott-music.com/shop/series/index/index/id/1000037



Sunday, 16 January 2022

Embryo & Madlib

 Mit offenen Ohren

 

Mit einem neuen Album und in neuer Besetzung erlebt die Ethno-Jazzrock-Formation Embryo derzeit ein fulminantes Revival – selbst der amerikanische Hiphop-Star Madlib outet sich als Fan




Interview von Christoph Wagner

 

 

CW: Embryo gibt es 2022 seit 53 Jahren. Nach dem Tod von Bandleader Christian Burchard 2018 hat sich die Münchner Formation neu aufgestellt und ist seither unter der Führung von Burchards Tochter Marja unterwegs. Das neue Album „Auf Auf“ erscheint auf dem Label Madlib Invazion des amerikanischen Hiphop-Produzenten Madlib, einem „Mover and Shaker“ der Black-Music-Scene in den USA, der von
und  Kanye West mit allen gearbeitet hat. Wie kam die Verbindung zustande?

 

Marja Burchard: 2010 kam eine Anfrage aus heiterem Himmel, dass Madlib Interesse hätte, mit Embryo zusammenzuarbeiten. Madlib ist ein ungeheurer Musikliebhaber, der seit Jahren die Embryo-Schallplatten sammelt. Er hat ja eine der größten Plattensammlungen überhaupt, Tausende und Tausende von Vinyl-Scheiben. Sein musikalisches Interesse ist extrem weit gespannt. Als Madlib dann für Auftritte nach Europa kam, haben wir uns mit ihm getroffen hier in München im Schwabinger Keller. Mein Vater, als alter Hippie, dem Erfolg per se verdächtig war, hat ihn dann auf Herz und Nieren geprüft, ob er auch von Musik etwas versteht. Er hat ihn nach Dutzenden von Musikern befragt, und Madlib kannte sich vorzüglich aus. Das hat das Eis gebrochen. Wir haben gemerkt, das ist kein Scharlatan, der Typ kennt sich echt in der Musik aus.

 

CW: Gab es eine Session?

 

Marja Burchard: Ja, wir haben einfach unsere ganzen Instrumente aufgebaut dort unten im Keller und los gings. Er war mit Feuereifer dabei, wie so ein kleiner Junge, der sich einfach freut, mit uns hier Musik machen zu können. Er hat mal Schlagzeug gespielt, dann Keyboards. Das Marimba hatte es ihm besonders angetan. Wir hatten sofort einen direkten Draht, und das ging dann richtig ab. Er war total begeistert und wollte gar nicht mehr aufhören, immer noch ein weiteres Stück und noch eins improvisieren. Die Leidenschaft für die Musik war mit Händen zu greifen. 

 

CW: Kam es auch zu einem Live-Auftritt?

 

Marja Burchard: Das war alles bereits festgezurrt und angekündigt, doch musste er dann kurzfristig wegen einer Operation absagen. Das Konzert fand trotzdem statt, allerdings ohne ihn. Es ist auf Youtube zu sehen und heißt „Embryo without Madlib“, was humorvoll gemeint ist, weil ja alle Konzerte von Embryo „without Madlib“ sind.


Madlib-Jam mit Embyro, 2010 (Foto: Embryo)

 

CW: War eine Schallplatte geplant?

 

Marja Burchard: Ja, aber dann wurde mein Vater krank. Es wurde dann versucht, das nochmals in Angriff zu nehmen, auch meinem Vater zuliebe, kam aber nicht mehr zustande. Es ist weiterhin in der Pipeline, und möglicherweise wird noch irgendwann etwas daraus. Madlib ist einfach extrem ‚busy‘.

 

CW: Wie kam es dazu, dass euer neues Album auf seinem Madlib Invazion-Label erscheint?

 

Marja Burchard: Wir blieben in Kontakt, schrieben uns ab und zu eine Email. Er und sein ‚Right Hand Man‘ Eothen Alapatt, den alle nur unter dem Namen Egon kennen, waren interessiert zu wissen, was wir machen, und wir waren andersherum ebenfalls an deren Aktivitäten interessiert. Wir erzählten ihnen, dass wir im Studio sind, um eine neue Platte aufzunehmen, und sie sprangen sofort darauf an. Sie waren heiß darauf, die Aufnahmen zu hören. Egon war völlig begeistert und hat sie gleich an Madlib weitergeleitet, und zack! – schon hatten wir ein Label. Innerhalb von ein paar Stunden kam die Zusage, wogegen wir bei anderen Labels oft Wochen und Monate auf eine Antwort gewartet haben. Egon und Madlib kennen einfach die ganze Embryo-Geschichte in und auswendig und waren begeistert, wie sich das jetzt weiterentwickelt. Andere Labels haben diese Background nicht, wussten oft nicht, woher wir kommen und konnten uns irgendwie nicht so richtig einordnen. 

 

CW: Madlib und Egon sehen euch anders. Für die beiden seid ihr nicht die Hippie-Krautrockband, ein Image das Embryo ja in Deutschland noch immer anhaftet....

 

Marja Burchard: Genau. Madlib und Egon sehen das rein musikalisch. Sie wissen über die Geschichte der Band Bescheid. Sie wissen, dass Embryo mit schwarzen „Heavy Weights“ wie Mal Waldron, Jimmy Jackson und Monty Waters gespielt hat und deswegen verehren sie die Band.

 

CW: Was erwartet ihr von der Veröffentlichung?

 

Marja Burchard: Es ist natürlich toll bei Madlib die Platte herauszubringen, weil sein Label international aufgestellt ist, wodurch sich für uns hoffentlich neue Möglichkeiten eröffnen. Wir merken bereits, dass es in Hiphop-Kreisen plötzlich Interesse an Embryo gibt, weil wir mit Madlib zu tun haben. Das hat schon eine Wirkung, wobei Musiker aus dem Hiphop-Umfeld mir immer schon als die Neugierigsten vorkamen. Sie interessieren sich für jede Art von Musik – Jazz, Beat, Klassik, Ethno, Easy Listening. Diese musikalischen Fundsachen bauen sie später in ihren Mix ein.

 

Embryo: Auf Auf (Madlib Invazion)

 

Friday, 7 January 2022

Kretschmann's 'favourites'

In der NEUEn ZEITSCHRIFT FÜR MUSIK (gegründet 1834 von Robert Schumann) hat der baden-württembergische Ministerpräsident WINFRIED KRETSCHMANN einen Einblick in seine musikalischen Vorlieben gewährt, die er mit Internet-links versehen hat. Es geht kreuz und quer durch die musikalische Landschaft: von Beat zu Jazz und von Blasmusik zur Oper. Auch die Avantgarde darf nicht fehlen. Ich hab bei der "Geburt" des Beitrags ein bisschen die Finger im Spiel gehabt.

Einer von Kretschmanns 'Favourites' ist 'Take Five' vom Dave Brubeck Quartet.




Jetzt haben die Stuttgarter Nachrichten das Thema aufgegriffen:

https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.playlist-des-regierungschefs-von-baden-wuerttemberg-hochkultur-trifft-auf-underground-fuer-kretschmann-ein-hit.0be7b14c-4808-489c-ab53-6e12543f9bda.html



Links zur NEUEn ZEITSCHRIFT FÜR MUSIK. Das neue Heft (4-2021) trägt den Titel "Hyperorgel"

https://musikderzeit.de/ausgabe/hyperorgel/

www.facebook.com/neue.zeitschrift.fuer.musik


Sunday, 2 January 2022

Geoff Muldaur – Folkpionier mit Hang zur Klassik

Einmal Endstation und zurück

 

Er trat mit den Doors auf, und Janis Joplin spielte bei ihm im Vorprogramm – jetzt legt Geoff Muldaur ein neues Album vor

 

cw. Anfang der 1980er Jahre war Endstation: Geoff Muldaur stieg aus dem Popgeschäft aus. Er zog sich auf die kleine Insel Martha’s Vineyard vor der amerikanischen Ostküste zurück, rührte keinen Alkohol mehr an und ging stattdessen fischen und jagen. „Wenn ich mit meiner damaligen Lebensweise weitergemacht hätte, wäre es schlimm ausgegangen,“ sagt der 78jährige heute. 1984 zog er nach Detroit, nahm einen Job in der Autoindustrie an und programmierte von nun an Software für die Stahlproduktion. 

 

Bei seinem Abgang war Muldaur bereits 20 Jahre als Musikprofi im Geschäft. 1962 hatte er als 19jähriger mit seinem Kumpel Jim Kweskin in Boston die Kweskin Jug Band gegründet. Ein kometenhafter Aufstieg folgte: Die Gruppe trat mit Jim Morrison und den Doors auf, während bei einem anderen Konzert Janis Joplin im Vorprogramm spielte. Bei Festivals lernte die Band etliche Bluesveteranen kennen, von denen sie Lieder übernahm. „Die alten, schwarzen Bluessänger gingen bei mir ein und aus, wenn sie zu Auftritten in Boston waren,“ erinnert sich Muldaur. „Der Sänger Son House saß in meiner Küche und erläuterte, wie man illegalen Schnaps brennt.“


Geoff Muldaur (dritter von links) mit der Kweskin Jug Band


1969 geriet die Kweskin Jug Band in eine Schaffenskrise und löste sich auf. Ihr Manager Albert Grossman, der auch Bob Dylan vertrat und einer der mächtigsten Männer im Popgeschäft war, besorgte Muldaur ein Haus in der Ortschaft Woodstock, zwei Autostunden von New York entfernt, wo viele der damaligen Popstars lebten. Bob Dylan und The Band waren nur die bekanntesten von ihnen, auch Van Morrison und Jimi Hendrix wohnten zeitweise dort. „Bei Parties waren sie alle da und es ging ziemlich ausgelassen zu,“ schmunzelt Muldaur. 

 

Besonders gut verstand er sich mit dem Harmonikastar Paul Butterfield, und bald hoben die beiden die Bluesband Better Days aus der Taufe. „Wir reisten im Flugzeug zu Auftritten. Im Spiel waren jede Menge Alkohol und Drogen – der ganze Rockstar-Wahnsinn,“ so Muldaur. Die Exzesse ruinierten seine Ehe mit der Sängerin Maria Muldaur. Die Fahrt in den Untergang nahm Tempo auf, bis zu jenem Tag als er voll auf die Bremse trat und den Notausgang wählte.

 

Nach ein paar Jahren Einsiedlerdasein zog Muldaur nach Detroit, um als Software-Entwickler zu arbeiten: morgens mit Anzug und Krawatte ins Büro, abends nach Hause zur Familie. Musik spielte in seinem Alltag nur noch eine Nebenrolle. 




1996 schaute ein alter Kumpel vorbei. Gitarrist Bob Neuwirth war in Detroit, um mit der Rocksängerin Patti Smith Plattenaufnahmen zu machen. Außerdem hoffte er Muldaur für eine gemeinsame Tournee zu gewinnen. „Eigentlich wollte ich ablehnen, aber dann stimmte ich doch zu!“ Er hängte seinen hochbezahlten Job an den Nagel und stürzte sich erneut ins turbulente Musikerleben, wobei er mehr und mehr Spaß am Arrangieren fand. Er tauchte in die klassische Musik ein und vertiefte sich in Partituren von Beethoven, Schubert und Strawinsky. Eine Idee reifte: Warum nicht alte Blues-, Hillbilly- oder Jazznummern mit frischen Arrangements zu neuem Leben erwecken? Sein Huldigungs-Album für den Jazztrompeter Bix Beiderbecke von 2003 war ein erster Schritt in diese Richtung, nun legt Muldaur mit „His Last Letter“ nach. 

 

Das Doppelalbum enthält frühe Blues- und Hillbilly-Songs sowie ein paar alte Jazznummern, dazu eine Komposition von Muldaur selbst. Lange hat der Perfektionist an der Platte gefeilt, immer wieder neue Arrangements ausprobiert und wieder verworfen, bis er schließlich das Ganze mit einem Dutzend Spitzenmusikern in Amsterdam einspielte. Jeder Titel sieht sich derart gekonnt ins Szene gesetzt, dass sich die traditionellen Songs in delikate, kammermusikalische Miniaturen verwandeln, bei denen die Folkinstrumente Banjo, Gitarre, Mundharmonika mit den Orchesterinstrumenten Cello, Klarinette, Fagott und Horn in wunderbarer Weise zusammenklingen. Für ein solch exquisites Klanggemälde haben sich zehn Jahre Arbeit wohl gelohnt.


Geoff Muldaur: His Last Letter (Moon River Music)  

Friday, 17 December 2021

My personal Best of 2021

DAS WAR 2021 

 Borderland Trio


Bestes Konzert

Embryo & Brthr (Sigmaringen, Schlachthof)

Graindelavoix: Forget De Monte (Online-Konzert)

 

Meine persönlichen Favoriten

Michael Hurley: The Time of the Foxgloves (No Quarter)

Benoit Delbecq: The Weight of Light (Pyroclastic Records)

Kappeler / Zumthor: Herd (Intakt)

Borderland Trio (Stephan Crump, Kris Davis, Eric McPherson): Wandersphere (Intakt)

  

Aus fernen Zeiten und Weltgegenden

Graindelavoix: Josquin The Undead (Glossa / Platinum)

Geoff Muldaur: His Last Letter (Moon River Music)

 

Entdeckungen

Phantasm: Johann Sebastian Bach –The Weill-Tempered Consort Vol. 2 (Linn)

Les inAttendus: Johann Sebastian Bach – The Art of Fugue (Harmonia Mundi)

La Tempete / Simon-Pierre Bestion: Monteverdi Vespro  (Alpha Classics)

Friday, 10 December 2021

KRONOS spielt PETE SEEGER online

PROTESTSONGS als KAMMERMUSIK


Meine Sendung in den 'Musikpassagen' auf SWR2 über das KRONOS QUARTET SPIELT PETE SEEGER steht jetzt online und kann nachgehört werden:

https://www.swr.de/swr2/musik-jazz-und-pop/kronos-spielt-pete-seeger-protestsongs-als-kammermusik-swr2-musikpassagen-2021-12-09-100.html

Pete Seeger, der 2014 vierundneunzig-jährig verstarb, ist eine Ikone der amerikanischen Folkmusik. Als Hommage an den Protestsänger hat das Kronos Quartet 2020 Seegers eindrücklichste Lieder mit einer Reihe von jüngeren Folksängern und Folksängerinnen noch einmal aufgenommen. Mit von der Partie waren u. a. Sam Amidon, Nikky Finney, Meklit, Brian Carpenter und Aoife O' Donovan. Sie gaben Songs wie "If I had A Hammer" oder "Turn Turn Turn" und "We Shall Overcome", eingebettet in sanfte, manchmal auch dramatische Streichertöne, eine ganz neue Farbe.

Weitere Information: 

https://christophwagnermusic.blogspot.com/2021/02/kronos-spielt-pete-seeger.html


Tuesday, 30 November 2021

ZehnJahre Kappeler-Zumthor Duo

Im Fantasieraum der Klänge

 

Das Duo von Vera Kappeler und Peter Conradin Zumthor feiert mit einem neuen Album zehnjähriges Bestehen


Foto: Ralph Feiner


cw. Die Minimalbesetzung aus Klavier und Schlagzeug ist eine Besonderheit auf der aktuellen Jazzszene. Unbelastet von einer übermächtigen Tradition, bietet sie eine Vielzahl an Möglichkeiten. Vera Kappeler (Piano) und Peter Conradin Zumthor (Schlagwerk) bilden seit zehn Jahren ein solch ungewöhnliches Gespann, wobei es nicht hinderlich zu sein scheint, dass die beiden auch privat ein Paar sind. „Laß uns noch eine Stunde proben,“ ist ein Satz, der im gemeinsamen Haushalt häufig fällt und die Zusammenarbeit recht unkompliziert macht.

 

Trotzdem gibt es natürlich Vorgänger. Don Pullen und Milford Graves waren die ersten im Jazz, die 1966 als Klavier-Schlagzeug-Duo auftraten und damit einen Präzedenzfall schufen, auf den sich ein Jahrzehnt später in Europa Misha Mengelberg und Han Bennink sowie Alexander von Schlippenbach und Sven Ake Johannson bezogen. 1979 kam es zur Begegnung der Giganten, als Cecil Taylor und Max Roach mit einem Auftritt aufhorchen ließen. Damit war ein Modell etabliert, das bis heute in verschiedenen Spielarten freier Improvisation immer wieder auflebt. „Eine Partie Tischtennis“, nannten dann auch Mengelberg und Bennink eine ihrer Schallplatten. Ping-Pong als Metapher für Freejazz im Reiz-Reaktion-Modus? Dem können Kappeler und Zumthor schon lange nichts mehr abgewinnen. Das einzige Ping-Pong, das die beiden noch spielen, ist das an der Tischtennisplatte im Garten ihres Hauses in Haldenstein bei Chur. Musikalisch gingen sie von Anfang an andere Wege.

 

Seit Beginn basteln die beiden an einer Konzeption, die man sogar als Gegenentwurf zur freien Improvisation begreifen könnte: eine Musik, die weder spontan, noch ungebunden ist, sondern durchdacht und ausgeklügelt, dazu über Jahre gereift und auf das Allernotwendigste reduziert.  

 

Fixiertes und Vorgedachtes tritt an die Stelle des Stegreifspiels, anstatt exaltierter Verausgabung herrscht kontrollierte Disziplin. Was Struktur, Rhythmus, Tempo, Klangfarben und Schattierungen anbelangt, sind die meisten der Kompositionen auf dem neuen Album „Herd“ aufs Präziseste ausgearbeitet. Und sie sind kurz: Ohne Umschweife geht es zur Sache. Die Stücke zielen nicht ins Ungefähre, überlassen kaum etwas dem Zufall, sondern sind auf die Vermeidung von Planlosigkeit und Geschwätzigkeit bedacht. Das bedeutet keineswegs, dass die Musik keine Freiräume kennt, nur sind deren Vorgaben genauestens definiert. Mit „Disziplin und Präzision“ hat Sun Ra einmal die Merkmale seiner Musik auf den Punkt gebracht. Die Kurzformel könnte auch für das Duo aus Haldenstein gelten, „wobei das Musizieren immer auch Spaß machen muß“, so Zumthor. 

 

Viel Träumerisches, Verklärtes, auch Wehmütiges kommt in den kleinen Melodien zum Ausdruck, die sich durch die meisten der Kompositionen ziehen. Diese „Miniaturen“ (Vera Kappeler) können nach einer Spieldose oder einem Kinderkarusell klingen bzw. an Erik Saties „Gymnopedies“ bzw. die „Geistervariationen“ von Robert Schumann erinnern und werden allein durch das Schlagzeug in die Gegenwart geholt. Bezeichnenderweise nennt Peter Conradin Zumthor die späten Klavierwerke von Franz Liszt als Einfluß. Für die Entdeckung der Langsamkeit werden dagegen Bohren & der Club of Gore und Howe Gelbs Giant Sand haftbar gemacht, für die aufbrausende Heftigkeit Igor Strawinsky.

 

Neben einem Trauermarsch leuchtet einmal sogar die alpenländische Ländlertradition auf – in einem schleppenden Dreivierteltakt. Das ist ein sachter Hinweis darauf, dass die beiden in der Südostschweiz zuhause sind. Von Bergen, Fels und Stein umgeben, ist es kaum verwunderlich, dass sich ihre Musik durch eine gewisse Kargheit und Spröde auszeichnet.




 

Das Kontrastmittel zu Empfindsamkeit und Fragilität bilden Stücke, bei denen es handfester zur Sache geht, die unbändig daherkommen oder bei denen die Töne so dicht und kaskadenhaft wie in Conlon Nancorrows „Player Piano“-Stücken niederprasseln. Dazu gesellen sich Maskeraden und Verkleidungen: Das Vexierspiel mit klanglichen Täuschungen zieht die beiden in den Bann, fasziniert von Klängen, die ineinander verschwimmen und bei denen nicht klar ist, ob sie vom Klavier, von Metallstäben oder von leicht verstimmten Klangschalen stammen.

 

Als die Pandemie im März 2020 das Konzertgeschehen lahmlegte, beschlossen die beiden, die Auszeit zu nutzen und ein neues Album in Angriff zu nehmen, das eigentlich längst überfällig war, da die letzte Einspielung „Babylon-Suite“ sieben Jahre zurücklag. Zuerst ging es darum, das Repertoire zu durchforsten, um geeignete Stücke ausfindig zu machen, die im Kontext eines Albums Sinn machen würden. Gegebenenfalls galt es neue Kompositionen zu entwerfen, auszuarbeiten und einzustudieren. Das erfordert viel Zeit, da jedes neue Stück erst in den langen Stunden im Proberaum seine endgültige Form gewinnt. Da wird dann ausgiebig experimentiert, immer wieder neue Ideen und Klangkombinationen ausprobiert, die dann entweder verworfen oder für so gut empfunden werden, dass die Weiterarbeit lohnt, bis man schließlich zu einer befriedigenden Lösung findet.

 

Das Ergebnis von Monate langer Arbeit ist das Album „Herd“, in zweieinhalb Tagen in den Hardstudios in Winterthur eingespielt und mit einer Botschaft versehen, die stumm die Geschichte eines Alpendorfs in Graubünden erzählt, das 1955 einem Stausee weichen musste, was ein großes Fragezeichen hinter ein Phänomen macht, dass sich bis heute „Fortschritt“ nennt.

 

Vera Kappeler / Peter Conradin Zumthor: Herd (Intakt)


Der Text erschien zuerst im Musikmagazin JAZZTHETIK