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Thursday, 21 April 2022

SCHEIBENGERICHT: PETER CONRADIN ZUMTHOR – THINGS ARE GOING DOWN

SCHEIBENGERICHT 3

PETER CONRADIN ZUMTHOR –  THINGS ARE GOING DOWN

for piano player and piano tuner (Edition Wandelweiser Records EWR 2119)




Wertung: 4 von 5

 

cw. Was heute in der Welt der Musik als „Minimalismus“ bezeichnet wird, kommt in zweierlei Spielarten vor. Da ist zum einen die auf einem „Drone“ – einem lang angehaltenem Ton – basierende „Minimal Music“, als deren Urvater LaMonte Young und sein Theatre of Eternal Music gilt. Dem gegenüber steht ein Minimalismus, der auf einem kleinteiligen Motiv beruht, das fortwährend wiederholt wird und sich im Zuge der Repetition ganz allmählich und nahezu unmerklich verändert, wofür Steve Reichs „Piano Phase“ das klassische Beispiel ist.

 

Peter Conradin Zumthors Komposition „things are going down“ für Klavierspieler und Klavierstimmer, die jetzt in der Edition Wandelweiser Records als CD erschienen ist, fällt in die zweite Kategorie. Der Schweizer, der eigentlich Drummer und Perkussionist ist, agiert hier als Pianist. Als Grundmaterial des Stücks hat er ein mehrtöniges Tremolo als Ausgangspunkt gewählt, das mehr als 46 Minuten lang kontinuierlich angeschlagen wird, dabei wellenartig an- und abschwellt, währenddessen der Klavierstimmer René Waldhausen mit dem Stimmschlüssel die Stimmung sachte und fast unbemerkt immer tiefer und tiefer nach unten dreht: „things are going down“!

 

Das mächtige Schwirren und Flirren der Töne verdichtet sich zu irisierenden Klangnebeln, wobei spannende Oberton-Phänomene und Klangballungen entstehen, die am Ende in das metallische Scheppern der vollkommen erschlafften Klaviersaiten münden. Das Stück erweist sich als minitiös und mit großer Akuratesse, zäher Ausdauer und ungeheurer Präzision durchexerzierte Idee mit absolut verblüffendem Effekt!


Peter Conradin Zumthor & René Waldhausen: things are going down Nr. 1, Bern 2020 (Youtube)



Mehr Info:


Tuesday, 30 November 2021

ZehnJahre Kappeler-Zumthor Duo

Im Fantasieraum der Klänge

 

Das Duo von Vera Kappeler und Peter Conradin Zumthor feiert mit einem neuen Album zehnjähriges Bestehen


Foto: Ralph Feiner


cw. Die Minimalbesetzung aus Klavier und Schlagzeug ist eine Besonderheit auf der aktuellen Jazzszene. Unbelastet von einer übermächtigen Tradition, bietet sie eine Vielzahl an Möglichkeiten. Vera Kappeler (Piano) und Peter Conradin Zumthor (Schlagwerk) bilden seit zehn Jahren ein solch ungewöhnliches Gespann, wobei es nicht hinderlich zu sein scheint, dass die beiden auch privat ein Paar sind. „Laß uns noch eine Stunde proben,“ ist ein Satz, der im gemeinsamen Haushalt häufig fällt und die Zusammenarbeit recht unkompliziert macht.

 

Trotzdem gibt es natürlich Vorgänger. Don Pullen und Milford Graves waren die ersten im Jazz, die 1966 als Klavier-Schlagzeug-Duo auftraten und damit einen Präzedenzfall schufen, auf den sich ein Jahrzehnt später in Europa Misha Mengelberg und Han Bennink sowie Alexander von Schlippenbach und Sven Ake Johannson bezogen. 1979 kam es zur Begegnung der Giganten, als Cecil Taylor und Max Roach mit einem Auftritt aufhorchen ließen. Damit war ein Modell etabliert, das bis heute in verschiedenen Spielarten freier Improvisation immer wieder auflebt. „Eine Partie Tischtennis“, nannten dann auch Mengelberg und Bennink eine ihrer Schallplatten. Ping-Pong als Metapher für Freejazz im Reiz-Reaktion-Modus? Dem können Kappeler und Zumthor schon lange nichts mehr abgewinnen. Das einzige Ping-Pong, das die beiden noch spielen, ist das an der Tischtennisplatte im Garten ihres Hauses in Haldenstein bei Chur. Musikalisch gingen sie von Anfang an andere Wege.

 

Seit Beginn basteln die beiden an einer Konzeption, die man sogar als Gegenentwurf zur freien Improvisation begreifen könnte: eine Musik, die weder spontan, noch ungebunden ist, sondern durchdacht und ausgeklügelt, dazu über Jahre gereift und auf das Allernotwendigste reduziert.  

 

Fixiertes und Vorgedachtes tritt an die Stelle des Stegreifspiels, anstatt exaltierter Verausgabung herrscht kontrollierte Disziplin. Was Struktur, Rhythmus, Tempo, Klangfarben und Schattierungen anbelangt, sind die meisten der Kompositionen auf dem neuen Album „Herd“ aufs Präziseste ausgearbeitet. Und sie sind kurz: Ohne Umschweife geht es zur Sache. Die Stücke zielen nicht ins Ungefähre, überlassen kaum etwas dem Zufall, sondern sind auf die Vermeidung von Planlosigkeit und Geschwätzigkeit bedacht. Das bedeutet keineswegs, dass die Musik keine Freiräume kennt, nur sind deren Vorgaben genauestens definiert. Mit „Disziplin und Präzision“ hat Sun Ra einmal die Merkmale seiner Musik auf den Punkt gebracht. Die Kurzformel könnte auch für das Duo aus Haldenstein gelten, „wobei das Musizieren immer auch Spaß machen muß“, so Zumthor. 

 

Viel Träumerisches, Verklärtes, auch Wehmütiges kommt in den kleinen Melodien zum Ausdruck, die sich durch die meisten der Kompositionen ziehen. Diese „Miniaturen“ (Vera Kappeler) können nach einer Spieldose oder einem Kinderkarusell klingen bzw. an Erik Saties „Gymnopedies“ bzw. die „Geistervariationen“ von Robert Schumann erinnern und werden allein durch das Schlagzeug in die Gegenwart geholt. Bezeichnenderweise nennt Peter Conradin Zumthor die späten Klavierwerke von Franz Liszt als Einfluß. Für die Entdeckung der Langsamkeit werden dagegen Bohren & der Club of Gore und Howe Gelbs Giant Sand haftbar gemacht, für die aufbrausende Heftigkeit Igor Strawinsky.

 

Neben einem Trauermarsch leuchtet einmal sogar die alpenländische Ländlertradition auf – in einem schleppenden Dreivierteltakt. Das ist ein sachter Hinweis darauf, dass die beiden in der Südostschweiz zuhause sind. Von Bergen, Fels und Stein umgeben, ist es kaum verwunderlich, dass sich ihre Musik durch eine gewisse Kargheit und Spröde auszeichnet.




 

Das Kontrastmittel zu Empfindsamkeit und Fragilität bilden Stücke, bei denen es handfester zur Sache geht, die unbändig daherkommen oder bei denen die Töne so dicht und kaskadenhaft wie in Conlon Nancorrows „Player Piano“-Stücken niederprasseln. Dazu gesellen sich Maskeraden und Verkleidungen: Das Vexierspiel mit klanglichen Täuschungen zieht die beiden in den Bann, fasziniert von Klängen, die ineinander verschwimmen und bei denen nicht klar ist, ob sie vom Klavier, von Metallstäben oder von leicht verstimmten Klangschalen stammen.

 

Als die Pandemie im März 2020 das Konzertgeschehen lahmlegte, beschlossen die beiden, die Auszeit zu nutzen und ein neues Album in Angriff zu nehmen, das eigentlich längst überfällig war, da die letzte Einspielung „Babylon-Suite“ sieben Jahre zurücklag. Zuerst ging es darum, das Repertoire zu durchforsten, um geeignete Stücke ausfindig zu machen, die im Kontext eines Albums Sinn machen würden. Gegebenenfalls galt es neue Kompositionen zu entwerfen, auszuarbeiten und einzustudieren. Das erfordert viel Zeit, da jedes neue Stück erst in den langen Stunden im Proberaum seine endgültige Form gewinnt. Da wird dann ausgiebig experimentiert, immer wieder neue Ideen und Klangkombinationen ausprobiert, die dann entweder verworfen oder für so gut empfunden werden, dass die Weiterarbeit lohnt, bis man schließlich zu einer befriedigenden Lösung findet.

 

Das Ergebnis von Monate langer Arbeit ist das Album „Herd“, in zweieinhalb Tagen in den Hardstudios in Winterthur eingespielt und mit einer Botschaft versehen, die stumm die Geschichte eines Alpendorfs in Graubünden erzählt, das 1955 einem Stausee weichen musste, was ein großes Fragezeichen hinter ein Phänomen macht, dass sich bis heute „Fortschritt“ nennt.

 

Vera Kappeler / Peter Conradin Zumthor: Herd (Intakt)


Der Text erschien zuerst im Musikmagazin JAZZTHETIK

Thursday, 30 November 2017

'Schoenhut'-Ausstellung in Göppingen + Nacht der Toy Pianos

Vom Spielzeug zum Musikinstrument: das Toy Piano

Albert Schoenhut ist der Erfinder des Toy Pianos. Er wurde in Göppingen geboren, emigrierte dann 1866 nach Amerika, wo er seine höchst erfolgreiche Spielzeug- und Kinderklavierfabrik eröffnete. Jetzt widmet ihm das städtische Museum in Göppingen eine Sonderausstellung. Am 24. Februar 2018 findet als Rahmenprogramm eine 'Nacht der Toy Pianos' statt, mit Kappeler/Zumthor, Isabel Ettenauer und Fifty-Fifty.


A. Schoenhut Company
Manufacturers of Toys and Novelties
 




Die A. Schoenhut Company war vor 100 Jahren eine bedeutende Spielwarenfabrik in Amerika. Gegründet hat das Unternehmen der Göppinger Holzdrechsler Albert Schoenhut, der 1866 als junger Mann nach Philadelphia ausgewandert war. Das Geschäftsfeld war ihm nicht fremd: Bereits sein Vater und Großvater stellten in Göppingen Holzspielwaren her.
Zunächst reparierte der junge Einwanderer in einem Spielwarengeschäft Kinderklaviere. 1872 machte er sich selbstständig. Albert Schoenhut verwirklichte für sich den amerikanischen Traum – den Aufstieg aus kleinen Anfängen zum Großindustriellen und Millionär. In seiner Fabrik in Philadelphia, eine der größten Amerikas, wurden Puppen, Boote, Schwerter, Gewehre und Musikinstrumente für Kinder hergestellt. Zum erfolgreichsten Artikel im Sortiment entwickelte sich der 1903 vorgestellte Humpty Dumpty Circus. Mit seinen gelenkigen Clowns, Akrobaten und Tieren ließen sich – wie die Firma warb – „10001 erstaunliche Kunststücke“ vollführen.
Nach dem Tod des Firmengründers 1912 führten seine Söhne die Firma weiter, die als eine von wenigen unter den amerikanischen Spielwarenfabriken auch europäische Läden belieferte. In den wirtschaftlichen Krisenzeiten der 1930er Jahre ging das Unternehmen unter, lediglich die Herstellung der Toy Pianos wurde unter neuer Regie weitergeführt. Sie werden bis heute in Florida produziert. Das Kinderklavier – ursprünglich ausschließlich ein Spielzeug – ist heute auch ein anerkanntes Konzertinstrument. 1948 schrieb der US-amerikanische Komponist John Cage als Erster eine „Suite for Toy piano“.
Die Ausstellung zeigt einen Ausschnitt aus der Spielwarenproduktion der A. Schoenhut Company. Das Museum im Storchen unterstützten dabei mit Leihgaben und Dokumenten Angelika und Hermann Strauss, Igensdorf, Suzy Vincent, Milford/UK, der Schoenhut Collectors Club, die Historical Society of Pennsylvania/USA sowie die Schoenhut Piano Company LLC, St. Augustine/USA.

   
Begleitprogramm
  
Vortrag
Dienstag, 30.01.2018, 19:30 Uhr
Von Göppingen nach Amerika.
 Auswanderung im 19. Jahrhundert
Dr. Karl-Heinz Rueß, Melanie Köhler-Pfaffendorf
Museum im Storchen
Eintritt: 5 Euro (bis 18 Jahre frei)

Konzert
Samstag, 24.02.2018, 19:30 Uhr
Schoenhuts Traum – Nacht der Toy Pianos

Konzert mit Kappeler/Zumthor (Schweiz), Isabel Ettenauer (Österreich) und Fifty-Fifty: Manfred Kniel & Ekkehard Rössle (Deutschland)
Moderation: Musikjournalist Christoph Wagner, Hebden Bridge/UK
Zimmertheater im Haus Illig, Friedrich-Ebert-Straße 2
Eintritt: 24 Euro, Karten im Vorverkauf im Museum im Storchen zu 20 Euro

Matinee  
Sonntag, 25.02.2018,11 Uhr
The Joy of Toy

Isabel Ettenauer spielt Toy Pianos von Schoenhut und Michelsonne
Anschließend Führung durch die Ausstellung
Museum im Storchen
Eintritt für Konzert und Führung: 10 Euro


https://www.goeppingen.de/,Lde/start/Kultur/Ausstellungen.html


Monday, 29 October 2012

RADIO RADIO RADIO: Radiophon im SWR2 am 8.Nov.2012



RADIO RADIO RADIO

SWR 2

Donnerstag, 8. November 2012 (21:03 – 22:00)

Radiophon - Collagen aus Klassik, Jazz, Rock 
und Grenzgebieten


von Christoph Wagner

                                             Steve Lehman, Saxofon, New York

mit den Isarspatzen (Foto rechts),  Renaissance-Musik von John Dowland, Elektro-Pop mit Lund, Ambient-Sounds von Hans-Joachim Irmler & Christian Wolfarth, einer Saxofonimprovisation von Steve Lehman, englische Consort-Musik aus dem 17. Jahrhundert, Handglockengeläut aus Estland, A-Capella-Gesang aus Marseille, Perkussionsmusik von Lucas Niggli & Peter Conradin Zumthor, Electronica von Knuckleduster und einer Improvisation von Mike Svoboda auf einer Südseemuschel.

Die Sendung kann auch über das Internet gehört warden: http://www.swr.de/swr2/

Saturday, 29 September 2012

HÖREMPFEHLUNG 5: Lucas Niggli & Peter Conradin Zumthor


TROMMELN IM FELSBAD

Lucas Niggli und Peter Conradin Zumthor in der Therme in Vals (Schweiz)
                                                                                                                                                                                   Foto: Daniel Rohner
von Christoph Wagner
Der Schweizer Peter Zumthor ist einer der berühmtesten Architekten der Welt. 2009 hat er den Pritzker-Preis erhalten - den Nobelpreis für Architekten. Neben dem Kunsthaus in Bregenz – ganz in Glas - und dem Schweizer Pavillon bei der Expo 2000 in Hannover - ganz aus Holz -, ist die Therme in Vals Zumthors bekanntester Bau. Das Thermalbad, direkt in den Fels der Alpen gehauen, ist ein Labyrinth aus Wasserkammern- und –becken. Es macht aus einem harmlosen Schwimmvergnügen einen fast erhabenen Akt: ein Ritual des Badens, wie man es aus dem Orient kennt.
An diesem Ort aus Wasser und Stein, wo sich sonst die Badegäste tummeln, hat jetzt sein Sohn, der Schlagzeuger Peter Conradin Zumthor, ein Album aufgenommen, das durch die nachhallreiche Akustik des Felsbads eine ganz besondere Atmosphäre erhält.
Zumthor kooperiert dabei mit Lucas Niggli, in dessen Schlagwerkquartett Beat Bag Bohemia er von Beginn an dabei war. Während zweier Nächte bauten die beiden Perkussionisten, einander gegenüber sitzend, direkt am Beckenrand ihre umfangreichen Schlagwerke auf, die aus einer Vielzahl von Trommeln, einem Wald von Metallbecken und etlichen anderen Perkussionsinstrumenten wie Gongs und Glocken bestehen.
Fünf Stücke wurden aufgenommen, von denen zwei von Niggli stammten und eines von Zumthor. Den Auftakt macht allerdings eine Komposition von Barry Guy, der auf reizvolle Weise die rohen Klänge von Metallbecken, Gongs, Glocken, Trommelfellen, Rasseln, Tempelblocks und Klanghölzern mit fragmentarischen Einblendungen von Renaissance-Musik von Claudio Monteverdi collagiert.
Die sich daran anschließende Komposition des Basler Perkussionisten Fritz Hauser, die dem ganzen Album seinen Titel gab, ist minimalistisch gehalten: Ein einfaches Schlagmuster wird so lange wiederholt, bis sich ganz allmählich seine Farbefarben verändern und es durch Überlagerungen, minimale Verschiebungen und Schlagzahlverdopplung mehr und mehr an Dichte gewinnt, bis am Ende die Schläge nur so prasseln.
Für Lucas Nigglis Komposition “Bubble Ballad” ging es ins Wasser. Auf schwimmenden Waterdrums, bei denen es sich um afrikanische Kalebassen-Halbschalen handelt, wird in der Mitte des Schwimmbeckens ein langsamer monotone Rhythmus geschlagen. Durch krasse Betonung fallen einzelne Schläge heraus, die der Nachhall des Raums in Blitz und Donner verwandelt.
Peter Conradin Zumthors Komposition “Joch” ist für zwölf Röhrenglocken konzipiert. Sie werden paarweise dicht geklöppelt, dabei ins Wasser des Schwimmbads getaucht. Wenn dann die metallenen Hohlstäbe wieder aus dem Wasser gezogen werden, ergeben sich faszinierende Klangeffekte. Mehr und mehr steigert sich das Stück zu einem fulminanten Höhepunkt empor, wobei allein die physische Belastbarkeit der beiden Musiker sein Ende bestimmt.
Der Komponist Edgard Varèse war 1929 einer der ersten, der mit “Ionisation” ein Werk nur für Perkussionsinstrumente schuf, die damals nicht wirklich als Musikinstrumente galten. Seither ist auf diesem Sektor viel passiert und die Rezeption der Schlagwerke hat sich geändert, wenn auch nicht grundsätzlich. Niggli und Zumthor machen deutlich, welch unendliche Möglichkeiten in der Beschränkung noch steckt. 
Lucas Niggli – Peter Conradin Zumthor: Spiegel (Edition Vals)