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Wednesday, 6 August 2025

DIE ERSTEN POPFESTIVALS IN DEUTSCHLAND

Nur Muddy Waters fiel aus

Das 1. Rockfestival in Deutschland 1969

Im Anschluß an Woodstock und das Popfestival auf der Isle of Wight, brach in Westdeutschland 1969/1970 das Festivalfieber aus. Junge Impressarios, die nicht selten auf das schnelle Geld hofften, zogen allerorten Popfestivals auf, meistens Open-Air. Dabei arbeiteten sie mit englischen Agenturen zusammen, die ihnen die Bands vermittelten. Nach den Internationalen Essener Songtagen 1968, einem Festival der Gegenkultur, finanziert durch das Jugendamt der Stadt Essen, fand 1969 wiederum in der Essener Grugahalle das erste "kommerzielle" Rockfestival statt, das Konrad Mallison in Zusammenarbeit mit der Londonder Agentur Planned Entertainments durchführte. Das Programm des dreitägigen Events stand sogar in der britischen Musikzeitschrift Melody Maker, wobei nur Muddy Waters nicht auftrat.



Abgewickelt wurde solche Festivals oft so, dass die Musiker der verschiedenen Bands mit einer Chartermaschine von London an den jeweiligen Ort in Germany geflogen wurden. Die Roadies waren hingegen mit den Sattelschleppern voller Epuipment schon zuvor zu den Auftrittsorten unterwegs, weil ja damals noch jede Bands ihre eigenen Verstärker, Lautsprecher, Licht und Instrumente mitbrachte. Hier die britischen Rockmusiker, die 1970 von London aus zum Popfestival nach München flogen. (Melody Maker, 18.Juli 1970)




Sunday, 9 April 2023

Wie der Blues nach Südwestdeutschland kam

Bluesmetropole Urach

 

Vor 50 Jahren begann eine Konzertreihe, die Urach für fünf Jahre zu einer Blues-Metropole machte – Stars wie John Lee Hooker und Memphis Slim gaben sich ein Stelldichein

 



 

cw. In den 1960er und 1970er Jahren begeisterte Blues die Jugend. Rockbands wie die Rolling Stones oder Fleetwood Mac gaben den Anstoß. Sie ahmten schwarze Bluesmusiker wie B. B. King, John Lee Hooker oder Muddy Waters nach und brachten den Sound von den Baumwollfeldern aus dem amerikanischen Süden oder den Nachtclubs von Chicago in jede Teenager-Bude.

 

Auch in Bad Urach hatte der Blues seine Anhänger. Der größte Fan war Walter Gassner. Der Vorsitzende des Stadtjugendrings war von den Klängen aus dem amerikanischen Süden so begeistert, dass er deren Protagonisten unbedingt in Bad Urach präsentieren wollte.

 

Und ihm gelang das Kunststück. Zwischen 1973 und 1978 holte er eine beachtliche Riege afro-amerikanischer Sänger, Gitarristen und Pianospieler zu Konzertauftritten nach Urach: von akustischem Countryblues über Boogie Woogie bis zu elektrischem Rhythm & Blues, und von Blind John Davis über Willie Mabon bis zu Big Joe Williams, nicht zu vergessen Bukka White, der einst B. B. King das Gitarrenspiel beigebracht hatte. 

 

Gassner hatte den Ehrgeiz, internationale Bluesstars, die sonst nur in Großstädten wie Berlin, Hamburg oder Frankfurt gastierten, den Fans in der schwäbische Provinz vorzustellen. Manche der Konzerte wurden zu Riesenereignissen und lockten – wie im Fall von Memphis Slim –  800 Zuhörer aus nah und fern an. Blues war in Urach Stadtgespräch. „In dem über zweistündigen Konzert, in dessen Pause der AFN Stuttgart Memphis Slim interviewte, muß man dem sehr sachverständigen Publikum wieder wie in all den vorhergehenden Blues-Veranstaltungen ein großen Kompliment machen. Es nahm das Gebotene voll auf, ging mit und machte am Ende des jeweiligen Vortrags seiner Begeisterung mit viel Applaus Luft,“ lobte die Lokalzeitung. 


Sonny Terry & Brownie McGhee, Urach 7.6.1975 (Photo: Sammlung C. Wagner)



 

Alle paar Monate fand zwischen 1973 und 1978 ein Blueskonzert statt, was den Name Urach bald in der Chicagoer Bluesszene zu einem Begriff machte. Dort im fernen Germany gäbe es eine begeisterte Fangemeinde, die vom Blues nicht genug bekommen könnte, erzählten sich die Musiker nach ihrer Rückkehr. Während sie daheim in verlotterten Kneipen vor kleinem Publikum spielten, wurde ihnen in Urach ein königlicher Empfang bereitet: Sie wohnten in adretten Hotels, wurden gut verköstigt und als Stars gefeiert. 

 

Zu einem besonderen Höhepunkt avancierte der Auftritt von John Lee Hooker am Sonntag, 20. Juni 1976 – als „Blues Super Knaller” und „größter Spitzenknüller” angekündigt. „Dem Stadtjugendring Urach ist mit der Verpflichtung von John Lee Hooker ein großer Wurf gelungen. Es liegt nun mit bei den Bluesfans, dieses Risiko zu honorieren,” wurde in der Lokalpresse die Werbetrommel gerührt.

 

Wegen des vermuteten großen Andrangs war man vorsorglich in die neu errichtete Ermstalhalle gezogen. Dort musste der Fußboden allerdings mit einer Plastikplane abgedeckt werden aus Angst vor einer Beeinträchtigung des Belags. „Außerdem bittet die Stadtverwaltung alle Besucher, möglichst mit Turnschuhen zu kommen und vor allem das Rauchverbot in der Halle zu beachten. Gleichzeitig hofft die Stadtverwaltung wie der Veranstalter, daß die Besucher des Konzerts nicht irgendwelche mutwilligen Beschädigungen verursachen, damit es der Stadt möglich ist, auch in Zukunft Großveranstaltungen in der Ermstalhalle durchzuführen,” lautete ein Appell an die Bluesfans in der Lokalpresse.

 

Allerdings stand der Auftritt von John Lee Hooker unter keinem guten Stern. Nach Freiburg, Köln und Frankfurt sollte der Bluesgigant am 20. Juni 1976 in Urach gastieren, was sich als Tag des Endspiels der Fußball-Europameisterschaften herausstellte. Um einen Flop zu vermeiden, wurde der Beginn des Konzerts von 20 Uhr abends auf 16 Uhr nachmittags vorverlegt, was sich für die vielbeschworene Bluesatmosphäre als nicht günstig erwies. Unter den nur etwa 500 Fans – man hatte eigentlich Tausend erwartet – wollte in der kahlen Sporthalle kein richtiges Blues-Feeling aufkommen. Das konnte kaum verwundern, war doch der Saal von sommerlichem Sonnenlicht durchflutet, welches durch die mächtige Fensterfront einfiel, vor der die Bühne aufgebaut worden war. Von schummrigem Bluesambiente keine Spur, Lichtjahre entfernt von einem rauchigen Bluesclub irgendwo an einer staubigen Landstraße im Süden der USA oder auf der Southside von Chicago. 


Volle Säle beim Blues in Urach, 1975 (Sammlung C. Wagner)



 

Doch das war nicht die einzige Enttäuschung. Auch der Blues von John Lee Hooker klang anders als die Klänge, die man erwartet hatte. Hooker spielte weder den akustischen Countryblues, noch den elektrischen Rhythm & Blues, sondern einen Blues moderneren Zuschnitts, der Stilelemente aus Soul, Rock und Funk aufgenommen hatte, was den jugendlichen Besuchern gar nicht passte. Das Publikum wollte „unverfälschten“ Blues hören: „Gemessen an seinen Schallplatten erfüllte John Lee Hooker die in ihn gesetzten Erwartungen als Bluesmusiker keineswegs, zumal viele Teile eher als „Soul“ zu bezeichnen waren“, kritisierte die Lokalzeitung. 


 

Der jugendliche Konzertveranstalter Walter Gassner ließ sich von der Kritik nicht entmutigen und organisierte auch nach dem Flop weitere Bluesauftritte. 1978 fuhr er sein Engagement beim Stadtjugendring allerdings zurück, was das Ende der Konzertreihe bedeutete. Fünf Jahre lang hatte Bad Urach als Bluesmetropole geglänzt.


Der Artikel erschien zuerst im GEA - Reutlinger Generalanzeiger

 

Wednesday, 5 April 2023

B.B. King Biographie

Der König des Blues

Eine dickleibige Biographie beleuchtet das Leben von B. B. King, ist jedoch nicht ohne Mängel


B.B. King (Promofoto by Glen Craig)



 

cw. Aus ärmlichsten Verhältnissen stieg er zum Superstar des Blues auf, gefeiert von einer Legion von zumeist weißen Popgrößen, die ihn bewunderten und nachahmten. Das machte B. B. King zu einem der einflußreichsten schwarzen Musiker im 20. Jahrhundert und zum Vorbild einer ganzen Generation von Rockgitarristen.

 

Seine Kindheit erscheint als undurchdringliches Gestrüpp widersprüchlicher „Wahrheiten“. Fest steht, dass Riley King, wie B. B. King eigentlich hieß, 1925 im Mississippi Delta in eine arme Familie von Baumwollfarmern hineingeboren wurde und nach der Trennung der Eltern und dem Tod der Mutter größtenteils bei Verwandten aufwuchs. Bretterhütten ohne fließendes Wasser und elektrisches Licht waren sein Zuhause, eine Zahnbrüste unerschwinglicher Luxus. Als King zum ersten Mal einer Toilette aufsuchte, wusste er nicht, wie die Wasserspülung funktioniert.

 

Riley Kings Welt war der Blues. Er kannte die „Field Holler“, mit denen auf den Baumwollfeldern Nachrichten übermittelt wurden. Der Priester in der Kirche griff im Gottesdienst ekstatisch zur Gitarre, dazu kam Bukka White, ein älterer Cousin und Bluesmusiker, dessen gelegentliche Besuche Kings Interesse an der Gitarre weckten. Auf dem Grammophon spielte die Tante Schellackplatten von Blind Lemon Jefferson und Bessie Smith, wobei dem kleinen Riley besonders das flüssige Bluesjazz-Gitarrenspiel von Lonnie Johnston gefiel. 

 

Im Alter von elf Jahren bekam er von einem Onkel eine Gitarre geschenkt, auf der er intensiv nach der Feldarbeit übte. Mit 14 trommelte King seine erste Band zusammen, eine Vokalgruppe nach dem Vorbild des Golden Gate Quartets. Eine zweite Gruppe, die Famous St. John Gospel Singers, folgte ein paar Jahre später, wobei er jetzt mit seiner Gitarre die Sänger begleitete. Der Radius ihrer Auftritte vergrößerte sich, dazu kamen gelegentliche Solo-Darbietungen auf der Straße, was mehr einbrachte als die Feldarbeit. 

 

Nach einem Traktorunfall floh der junge Mann aus Angst vor Schadenersatz nach Memphis. Tagsüber arbeitete er als Schweißer, abends machten er mit seinem Vetter Bukka White Musik. Gelegentlich traten die beiden bei Wettbewerben auf. 1949 landete B. B. King – wie jetzt der „Blues Boy“ genannt wurde – einen täglichen „Slot“ im Radio. 

 

Schritt um Schritt arbeitete er sich nach oben. Bald zählten B. B. & His Blues Boys zu den Matadoren der Musikszene von Memphis. Im neueröffneten Studio von Sam Phillips nahm der Gitarrist eine erste Platte auf, ein paar Jahre bevor Elvis dort seine Karriere begann. Schon Kings nächste Einspielung schaffte es in die Rhythm & Blues-Charts. Touragenten klopften an und offerierten Gagen, die Appetit aufs Showgeschäft machten. Doch Geld war ein Problem. King gab es mit vollen Händen aus. Bald stand ein teurer Cadillac vor der Tür, und Unsummen wurden beim Glücksspiel verzockt. An die 40 Millionen Dollar sollen es im Laufe seines Lebens gewesen sein, weshalb der Bluessänger oft vor der Pleite stand, obwohl er gut verdiente.


B.B. King "live" at Sing Sing Prison, 1972 (youtube)



 

King ließ die Spelunken hinter sich und trat in Theatern und größeren Auditorien auf. Doch auf Gastspielreise ein Hotel zu finden, war für schwarze Musiker in Zeiten der Segregation nahezu unmöglich, weshalb die Band meistens im Tourbus schlief. Die Dauertourneen wurden zum Alltag, mit all den Wirrnissen aus zuviel Alkohol, Frauengeschichten und Querelen mit betrügerischen Promotern.

 

Als die schwarze Bürgerrechtsbewegung gegen den alltäglichen Rassismus auf die Barrikaden gingen, hielt sich B. B. King bedeckt. Politisch war er ein Leisetreter. Lieber überwies er heimlich Geld zur Finanzierung von Demonstrationen und Kampagnen, als öffentlich für eine Sache einzutreten. 

 

B.B. Kings Gitarrenspiel wurde ungestümer, sein Sound lauter und klarer. Wenn King sein Instrument, das er liebevoll „Lucille“ nannte, mit markanter Tremelo-Technik singen ließ, drang aus den Lautsprechern ein warmer Sound, der seinen Stil unverkennbar machte. „Butterfly“ nannte er diese Technik, bei der seine Finger beim Vibrato-Spiel wie die Flügel eines Schmetterlings flatterten. 


v.ln.r: Mick Jagger, Keith Richards, B.B. King (Promofoto by Glen Craig)



 

Mitte der 1950er Jahre wurde der Blues vom „Rock ‘n‘ Roll“ überrollt. B. B. Kings Erfolgssträhne erhielt eine erste Delle. Er verkleinerte seine Band und steigerte sein Pensum auf 300 Auftritten pro Jahr. Erfolge weißer Rockgruppen wie der Rolling Stones oder Cream entfachten in den 1960er Jahren neues Interesse am schwarzen Blues und machten B. B. King einem weißen Publikum bekannt. Im Hippietempel Filmore West in San Francisco wurde er von den Blumenkindern gefeiert.

 

Im Vorprogramm der Rolling Stones tourte King 1969 durch Amerika und festigte seinen Ruf, der wohl beste Gitarrist im Blues zu sein, bewundert von Keith Richards, Jeff Beck und Eric Clapton. Mit „The Thrill Is Gone“ gelang ihm ein Hit. Jetzt stieg seine Erfolgskurve so hoch wie nie zuvor. Unterstützt von Popstars nahm er 1971 das Album „B. B. King in London“ auf mit Beatle Ringo Starr am Schlagzeug.

 

Der Höhenflug hielt nicht all zu lange an, und seine Flirts mit den jeweils neusten Moden im Pop klangen wenig überzeugend. Ehrungen glichen die Flops aus. Gitarrenmodelle erhielten seinen Namen, eine erste Biographie erschien, Grammys und die Aufnahme in die Rock ‘n‘ Roll Hall of Fame trugen zur Nobilitierung bei. In seiner einstigen Heimatstadt Indianola wurde ein B. B. King-Museum eröffnet.




 

Sein Manager fädelte Plattenaufnahmen mit Popgrößen wie U2 ein, um dem künstlerischen Stillstand und kommerziellen Sinkflug zu entgehen. Kings Musik wurde mehr und mehr zum Relikt der Vergangenheit, versinnbildlicht durch den von Krankheit gezeichneten Gitarristen, der jetzt seine Konzerte nur noch mühsam sitzend auf einem Stuhl bestritt. 2015 verstarb B. B. King im Alter von 89 Jahren. 

 

Der amerikanische Autor Daniel De Visé zeichnet den Lebensweg des Königs der Bluesgitarristen mit detailversessener Akribik nach, wobei er die Geschichte des Blues gleich mitliefert, mit zahllosen Anekdoten garniert. Selbst Trivialitäten bis hin zu abgeschmackten Witzen des Meisters wird Platz eingeräumt, was das Buch um einiges zu umfangreich geraten läßt. Auch werden sexistische Prahlereien und ein peinliches Frauenbild vom Autor völlig unkritisch kolportiert, als sei die „Me-Too“-Kampagne am Rockjournalismus spurlos vorübergegangen.

 

 

Daniel De Visé: King of the Blues – Aufstieg und Regentschaft des B. B. King. (Aus dem amerikanischen Englisch von Holger Hanowell). Reclam Verlag; 697 Seiten mit ein paar Fotographien. 36.– Euro

 

Thursday, 14 April 2022

Edgar Winter und "Brother Johnny"

Missionar des Blues

 

Mit einem Tributalbum verneigen sich Popstars posthum vor dem Ausnahmegitarristen Johnny Winter




 

cw. Seine Konzerte begannen oft mit einem markerschütternden Schrei: „Allright – Rock ‘n‘ Rrrrrrrollll!“ lautete der Schlachtruf, mit dem sich Johnny Winter in die Auftritte stürzte. Seit Ende der 1960er Jahre war der amerikanische Gitarrist unermüdlich auf Tour und machte dabei auch häufig in der Bundesrepublik Station. Besonders sein Auftritt 1979 im „Rockpalast“ hinterließ einen starken Eindruck. Gelegentlich trat er mit seinem jüngeren Bruder auf, dem Tastenmusiker und Saxofonisten Edgar Winter, der es mit der Instrumentalnummer „Frankenstein“ 1973 sogar zu Hitparadenruhm brachte. 


In die Charts hat es Johnny Winter nie geschafft, was seiner Reputation allerdings keinen Abbruch tat: Sein Ruf beruhte ausschließlich auf seinem musikalischen Können, wobei er auf der Gitarre als Ausnahmebegabung galt. Der 1944 in Texas geborene, spindeldürre Albino mit strähnig blondem Haar und bunten Tattoos, war ein begnadeter Saitenvirtuose, dessen Kreativität bei Blues- und Rock ‘n‘ Roll-Nummern am besten zur Geltung kam. Gelegentlich als „Schnellfinger“ abgetan, konnte Winter in langsamen Nummern seine Gitarre gleichwohl mit viel Einfühlungsvermögen zum Singen bringen, wobei sein Spiel durch einen schneidenden Ton bestach. Und dieser Sound war einer außergewöhnlichen Spieltechnik geschuldet: Winter riß die Saiten nicht mit einem gewöhnlichen Plektrum an, sondern mit einem stählernen Plektrumring am rechten Daumen.


Edgar & Johnny Winter, 1955





Als begeisterter Hobbymusiker hatte der Vater dafür sorgte, dass der kleine Johnny Klarinette lernte, bald kam die Ukulele dazu. Der Knirps trat zusammen mit seinem jüngeren Bruder Edgar in Talentshows im Lokalfernsehen seiner Heimatstadt Beaumont in Texas auf. An den Wochenenden schleppten die beiden ihre Instrumente und selbstgebauten Verstärker zu Parties, Kirchen- und Schulfesten. „Wir spielten überall, wo sie uns ließen“, erinnert sich Winter. Eingerahmt von tanzenden Go-Go-Girls stand der 15jährige in Anzug und Krawatte mit seiner Band Johnny & The Jammers bald auch in den lokalen Nachtclubs auf der Bühne. „Es dauerte lange, bis meine Eltern das akzeptierten“, so Winter. 


Johnny Winter besaß ein Faible für den Blues, sowohl für die akustische Urform aus dem Mississippi Delta, als auch für die elektrische Großstadt-Variante. Schallplatten von Howlin‘ Wolf und Muddy Waters hatten früh seine Begeisterung geweckt. Einen örtlichen Bluesmusiker nervte er so lange, bis er ihm ein paar Griffe und Kniffe auf der Gitarre zeigte. Als Profi suchte Winter später die Zusammenarbeit mit den Großmeistern des Genres. Ob er mit B.B. King, Sonny Terry oder Willie Dixon jammte – immer bestach sein untrügliches Feeling. Ab 1976 spielte er fünf Jahre lang in der Band von Muddy Waters, dessen Alben er auch produzierte, was ihm viel Lob aus Kennerkreisen und eine Anzahl von Grammys einbrachte. „Mit Muddy zu arbeiten, sah er als Höhepunkt seines Musikerlebens an“, erinnert sich Bruder Edgar.


Acht Jahre nach Johnny Winters Tod – er war 2014 im Alter von 70 Jahren in einem Hotel am Zürcher Flughafen verstorben –  veröffentlicht nun Edgar Winter ein Album, auf dem eine Starbesetzung der Gitarrenlegende die Ehre erweist. Mit unterschiedlichen Songs verneigen sich musikalische „Schwergewichte“ wie Billy Gibbons von ZZ Top, Joe Walsh von der Eagles, Phil X (Bon Jovi), John McFee von den Doobie Brothers und Steve Lukather (Toto) vor „Brother Johnny“, so der Titel der Platte. Selbst ein Veteran wie der Beatle Ringo Starr ließ es sich nicht nehmen, auf einem Track die Trommelstöcke zu schwingen. Bei einem anderen Stück sorgte der kürzlich verstorbene Taylor Hawkins von den Foo Fighters für den rockigen Beat. 


Johnny Winter war nicht nur ein ungestümer Powergitarrist, der die Verstärker erzittern ließ, sondern auch für leise Töne gut. Dann holte er die blecherne „National Steel“ aus dem Gitarrenkoffer, stülpte sich ein „Bottleneck“-Stahlröhrchen über den kleinen Finger der linken Hand, um das akustische Instrument wimmern und schluchzen zu lassen, eine Spielweise, die auf dem Tributalbum von Keb‘ Mo‘ im Stück „Lone Star Blues“ und von Doyle Bramhall in „When You Got A Good Friend“ – einer Robert-Johnson-Nummer – meisterhaft praktiziert wird.


Edgar Winter's White Trash – I've got news for you, 1971 (youtube)


 

Die Studiosessions für das Tributalbum erforderten viel Fingerspitzengefühl. Edgar Winter erwies sich dabei als der richtige Mann. Bereits 1971 hatte er ein superbes Album mit dem Titel „Edgar Winter's White Trash“ eingespielt, das von Blues über Gospel und Boogie-Woogie bis zu Soul die ganze Vielfalt der Stile des amerikanischen Südens auf höchst kompetente Art durchbuchstabierte. Diese profunden Kenntnisse der Traditionen "of the deep South" kommen ihm erneut bei dieser aktuellen Produktion zugute und erlauben es ihm, auf einem Stück das Klavier in wilder Barrelhouse-Manier zu bearbeiten, während er bei anderen Tracks die Orgel gospelmäßig singen läßt oder das E-Piano à la Ray Charles spielt. Geschmacksicher findet er jeweils den richtigen Ton, ohne sich eitel in den Vordergrund zu drängen. Ja selbst mit dem Saxofon versteht es Edgar Winter originelle Akzente zu setzen.


Edgar Winter & Keb' Mo' – Lone Star Blues vom Album "Brother Johnny", 2022 (youtube)


Was Johnny Winters Repertoire anbelangt, hatte er für Klassiker aus Rock und Blues ein besonderes Faible. Bei Auftritten bildeten sie den Kern seiner „tracklist“. Ob „Jumpin‘ Jack Flash“ von den Rolling Stones oder „Got My Mojo Working” von Muddy Waters – bei solchen Titeln war der Gitarrist ganz in seinem Element und drückte den Evergreens seinen persönlichen Stempel auf. Zur eigentlichen Trumpfkarte avancierte jedoch Chuck Berrys „Johnny B. Goode“, das zu Winters Erkennungsmelodie und Paradenummer wurde, bei der er seine Fingerfertigkeit voll ausspielen konnte. Auf dem aktuelle Tributalbum braucht es dazu gleich zwei ausgesprochene Gitarrenkönner – Joe Walsh und David Grissom –,  um einen ähnlichen musikalischen Feuersturm zu entfachen. Doch dann biegt das Stück nach dem Gitarrensolo völlig unerwartet in Richtung Jump-Jive ab, indem das Saxofon für acht Takte die Führung übernimmt und Edgar Winter sich die Seele aus dem Leib bläst. Derlei originelle Einfälle, gepaart mit einer unbändigen Spielfreude und großem handwerklichen Können, machen das Album zu einem Meisterkurs in Sachen „Good Old Rock ‘n‘ Roll“. So gekonnt in Szene gesetzt, erweist sich Johnny Winters Musik auch heute noch als „Still Alive And Well“, wie einer seiner bekanntesten Titel lautete.

 

Edgar Winter: Brother Johnny (Quarto Valley Records)