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Sunday, 6 August 2023

SCHEIBENGERICHT 19: András Schiff: J.S. Bach – Clavichord

SCHEIBENGERICHT 19:

András Schiff spielt Bach auf dem Clavichord

András Schiff am Clavichord (Foto: Promo / ECM)


Wertung: 5 von 5 Sterne

Es ist ein leises, ja stilles Instrument. Johann Sebastian Bach hat darauf zuhause und auf Reisen geübt. In der Zeit, die noch kein Piano kannte, war das Clavichord viel in Gebrauch. Es war ein Kammerinstrument, auf dem man spielen konnte, ohne seinen Mitmenschen allzu sehr auf die Nerven zu gehen. Außerdem war es transportabel. Darüber hinaus war es für kleinere Konzerte im Wohnzimmer höchst geeignet. Doch wenn man zu weit von ihm wegsaß, war es kaum noch zu hören. 



Jetzt hat der hochdekorierte klassische Konzertpianist András Schiff sich des Clavichord angenommen und darauf die Musik gespielt, die einst Johann Sebastian Bach aus den Fingern perlte. Dabei ist ein wunderbares Doppelalbum entstanden mit einem Klang, der eigenartig schillert und leuchtet. Die superbe Aufnahme rückt das Ohr ganz nah an die Saiten heran. 1975 hat der englische Ambient-Musiker Brian Eno (ehemalig von der Band Roxy Music) ein Album aufgenommen, dem er den Titel „Discreet Music“ gab: diskrete Musik! Der Titel hätte auch für diese Einspielung gepasst. Musik der Andacht für stille Stunden. 

 

András Schiff: J.S. Bach – Clavichord (ECM)


Hörprobe: 

András Schiff – J.S. Bach: Musikalisches Opfer, BWV 1079 - Ricercar a 3




Tuesday, 7 September 2021

Nachruf auf Peter Zinovieff – Synthi-Pionier

Zukunftsklänge

 
Der Synthesizer-Pionier Peter Zinovieff (1933-2021) brachte mit seiner Firma EMS die elektronische Musikrevolution in Europa in Gang 

Peter Zinovieff, in seinem Büro in Cambridge, 2011 (Foto: C. Wagner) 

 cw. Als ich ihn vor einigen Jahren in Cambridge wegen eines Interviews besuchte, hatte er alles fein säuberlich vorbereitet: Auf dem Tisch lag ein Aktenkoffer, den er vor meinen Augen öffnete: Zum Vorschein kam ein Gerät, das mit unzähligen Knöpfen und Schaltern versehen war. Was da so silbermetallisch schimmerte, erklärte mir Peter Zinovieff, sei ein „Synthi A” – ein früher Synthesizer seiner Firma EMS aus London. Der Synthi-Pionier legte ein paar Regler um, drehte an den Knöpfen, und schon begann die Maschine zu piepsen und zu rauschen. Jetzt ist der Synthesizer-Pionier im Alter von 88 Jahren verstorben. 

Als der „Synthi A“ 1971 auf den Markt kam, galt er als Sensation: ein kleiner kompakter Koffersynthesizer mit fast unbegrenzten Möglichkeiten, dazu noch zu einem erschwinglichen Preis. Kein Wunder, dass viele Popmusiker die Wunderkiste haben wollten. Ob Pink Floyd, King Crimson, Roxy Music oder Hawkwind, ob Jean-Michel Jarre, Tangerine Dream oder Kraftwerk - der „Synthi A” stand Anfang der 1970er Jahre bei Musikern, die neuen Klängen auf der Spur waren, hoch im Kurs. Was Robert Moog für die USA, war Peter Zinovieff für Europa: der Geburtshelfer der elektronischen Musikrevolution. 


EMS-Stand auf der Frankfurter Musikmesse, 1971


 
Die „EMS Synthesizer Company“ war Ende der sechziger Jahre in London entstanden, als kommerzieller Arm von Peter Zinovieffs  „Electronic Music Studio” (EMS). Das Soundlabor war in einem Haus an der Themse untergebracht, in dem der Komponist, Tüftler und Elektroniker an ausgefallenen Klängen und Tönen bastelte. 
 
Bei der Avantgarde war damals das Verfremden und Schneiden von Tonbändern en vogue, die dann zu Klangcollagen zusammengeklebt wurden. Diese Methode kam Zinovieff umständlich und veraltet vor. Ihm spukten kühnere Ideen im Kopf herum. Der Komponist und Studiobetreiber – Nachfahre russischer Aristokraten – war wohlhabend genug, um einen der ersten privaten Computer zu erwerben, ein Monster von einem Apparat. Mit der Datenmaschine versuchte Zinovieff elektrische Schwingungen und Schallwellen von Tongeneratoren, Oszillatoren, Transistoren und Ringmodulatoren zu steuern und zu formen. Avantgarde-Komponisten wie Hans Werner Henze und Harrison Birtwistle besuchten das „Electronic Music Studio“ in London, um ihre futuristischen Klangvisionen zu realisieren. Der Studiochef unterstützte sie dabei, entwarf aber auch eigenen Kompositionen, die schon in den 1960er Jahren weit in die Zukunft horchten. 
 
Der Unterhalt des Experimentalstudios verschlang Unsummen und zwang Zinovieff, über zusätzliche Verdienstmöglichkeiten nachzudenken. Mit dem Verkauf von Synthesizern sollte der Studiobetrieb finanziert werden. Der „Synthi VCS 3”, der 1969 als erstes auf den Markt kam, war ein kompaktes Modell. Keine andere Firma konnte mit etwas Ähnlichem aufwarten. Über Nacht stand das Londoner Unternehmen an der Spitze der elektronischen Musikentwicklung. Bald kam mit dem Koffersynthesizer „Synthi A” ein noch handlicheres Modell auf den Markt.

 
Die Ausstellungsräume von EMS im Londoner Stadtteil Putney wurden nun zur Pilgerstädte von Musikern auf der Suche nach neuen Klängen. Jeder Rock- und Popstar, der „up to date” sein wollte und über das nötige Kleingeld verfügte, schaffte sich einen an. Mit der englischen Prog-Rock-Gruppe Curved Air nahm Zinovieff hier ein halbes Album auf. Musiker scheuten auch weite Anfahrtswege nicht. Mitglieder von Kraftwerk und Tangerine Dream reisten eigens von Deutschland an, um direkt vom Hersteller ein Instrument zu erwerben, was wesentlich billiger kam. 
 
Der Jazzpianist Wolfgang Dauner kratzte seine ganzen Ersparnisse zusammen und kaufte sich ein Küchenbuffet von einem Synthesizer, den größten, den EMS im Angebot hatte: Der große „Synthi 100“ wog sechseinhalb Zentner und kostete fast soviel wie ein kleines Einfamilienhaus. Doch Dauner war derart fasziniert von seinen Möglichkeiten, dass er sich die Kosten aufbürdete. Mit Geräuschen zu arbeiten, wurde damals zu Dauners Leidenschaft.
 
Ob in Jazz, Pop, Rock, Funk oder Soul – überall erlebten die EMS-Synthesizer einen Boom. Doch immer mehr drängten auch andere Firmen wie Roland, Yamaha, Korg und Casio auf den Markt, die EMS bald den Rang abliefen. Nicht lange und sie dominierten das Geschäft. 1979 meldete EMS Konkurs an. Zinovieff verließ die Firma, die von ein paar Mitarbeitern auf kleiner Flamme weitergeführt wurde. Damit ging ein wichtiges Kapitel der elektronischen Musikgeschichte zu Ende – doch nicht ganz: denn heute stehen die klassischen EMS-Modelle wieder hoch im Kurs. Sie sind zu gesuchten Sammlerobjekten junger Elektroniker aus Techno und Ambient geworden, in deren Szene die analogen Sounds von EMS ein unverhofftes Comeback erlebten. Peter Zinovieff hat das alles mitangeschoben.
 
Peter Zinovieff: Electronic Calendar - The EMS Tapes (Space Age Recordings)

 

Wednesday, 28 October 2020

RADIO RADIO RADIO: Pioniere elektronischer Musik – die Londoner Firma EMS

SWR2 Musik-Passagen

Sonntag, 13. Dezember 2020; 23:03 – 24:00

 

Pioniere elektronischer Musik

 

Die Londoner Firma EMS

 

von Christoph Wagner


 
1971 brachte die Londoner Firma EMS ein Musikinstrument auf den Markt, das wie eine Bombe einschlug: der kleine Koffersynthesizer Synthi A besaß nahezu unbegrenzte Möglichkeiten und war nicht einmal übermäßig teuer. Viele Popmusiker – immer auf der Suche nach neuen Sounds – schafften sich die Wundermaschine an. Von Pink Floyd und King Crimson über Roxy Music und Hawkwind bis zu Kraftwerk und Tangerine Dream – alle setzten nun den Synthi A ein, oder das etwas größere Modell VCS 3 bzw. den riesigen Synthi 100. Was die Firma Moog für die USA, war EMS für Europa: das Unternehmen, das die elektronische Musikrevolution in Gang brachte.

EMS-Gründer Peter Zinovieff bei der Arbeit.
Es kommen zu Wort: Peter Zinovieff (EMS-Gründer), Peter Cockerell (das technische Gehirn von EMS), Robin Wood (Verkaufsmanager), Ludwig Rehberg (deutscher Vertreter von EMS), Thomas Kessler, Wolfgang Dauner, Edgar Froese (Tangerine Dream).
 

SWR2 Musik-Passagen

Sonntag, 13. Dezember 2020; 23:03 – 24:00

Danach 7 Tage im Internet: www.swr.de/swr2




Tuesday, 2 July 2013

GLAM - eine Ausstellung in Frankfurt/M beleuchtet das Pop-Phänomen der 70er Jahre


Spiel mit der Uneigentlichkeit

Eine Ausstellung in Frankfurt/M widmet sich dem Phänomen “Glam”, das falsche Wimpern und Plateau-Schuhe in die Popmusik einführte

                                                                                                             The Sweet

cw. “Glam” kommt von “Glamour” und bezeichnet eine Strömung im Pop, die Anfang der siebziger Jahre “Love & Peace” durch Glanz und Glitzer ablöste. Wo einst die Blumenkinder auf Wahrheit und Authentizität aus waren, setzte der neue Trend auf Travestie, Maskerade und das Spiel mit der Uneigentlichkeit. Die glitzernde Fassade wurde zum Markenzeichen erklärt.

Obwohl sich “Glam” nicht als Protest gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse verstand, waren doch Spuren von Subversion in dem neuen Stil enthalten, wenn auch auf weniger offensichtliche Weise. Die glitzernde Warenwelt wurde so emphatisch verherrlicht und überhöht, dass sie sich ins Absurde verkehrte und zur Parodie verkam. “Glam” war ein exzentrischer Aufschrei gegen die Normalität des Alltags, ein frivoles Versteckspiel mit den traditionellen Geschlechterrollen. Mit “Glam” betrat die Exaltiertheit des Christopher-Street-Day die Arena der Rockmusik.
                                                                                                                                          David Bowie
Der Trend war ungefähr gleichzeitig auf beiden Seiten des Atlantiks entstanden. In England zählten Marc Bolan und T. Rex, David Bowie, Elton John und Roxy Music zu den Impulsgebern. Sie mischten zwischen 1971 und 1976 die Hitparaden auf und drückten der Mode ihren Stempel auf. In den USA verkörperten Iggy Pop, Lou Reed und die New York Dolls den “Glitter Rock”. Mit einer Bühnenshow, die Rock mit Travestie und billigem Horror verband, avancierte Alice Cooper zur Symbolfigur des Genres dort.

Glitzernde Sakkos, extravagante Smokings und silberne oder goldene Plateau-Stiefel bildeten die Grundausrüstung. Musiker schlüpften in Frauenkleider, hüllten sich in Federboas oder andere Fummel und trugen kräftig Make-Up auf. Exzentrische Brillen, toupierte Frisuren und gefärbte Haare befeuerten die Flucht aus der Wirklichkeit. “Glam” stand 1973 gerade hoch im Kurs, als Großbritannien in eine schwere Wirtschaftskrise sank.

“The Performance of Style” lautet der Untertitel der “Glam!”-Show, die nach einer ersten Station in der Tate-Gallery im nordenglischen Liverpool, jetzt in der Frankfurter Kunsthalle Schirn zu sehen ist. Trivia, Artefakte, Memorabilia und Kunst hängen hier einträchtig beisammen. Mit Schallplattenhüllen, Fotografien, Tourneeplakaten, Kleidungsstücken, Popzeitschriften, Konzertprogrammen, Gemälden, Filmen, Installationen und Modeassesoirs wird eine Fülle von Material ausgebreitet, das das Phänomen in seiner bunten Vielfalt aufblättert und seine transatlantischen Wechselwirkungen und Verzweigungen nachzeichnet. So wird nicht nur die Genese in England skizziert, sondern auch die Entwicklungen in New York, Los Angeles und Detroit einbezogen.

Roxy Music
Manche Exponate kommen direkt aus den Privatsammlungen der Pop-Prominenz. Roxy Music-Sänger Bryan Ferry hat seine Schatzkammer geöffnet und nicht nur ein glitzerndes Jacket herausgerückt, das mit Hunderten von winzigen polierten Metallplättchen übersät ist, sondern auch Design-Entwürfe zur Verfügung gestellt, die Aufschluß über das stringente visuell-musikalische Konzept von Roxy Music geben. Für Fans dürfte der Zylinder von Marc Bolan eine ähnliche Faszinationskraft besitzen, den der Sänger bei seinen Auftritten mit T. Rex trug.

                                                                                                                                              
Die bildende Kunst hatte den Kurs vorgegeben, als eine Dekade zuvor Künstler der “Pop-Art” Werbung, Mode und Kommerz als Inspirationsquellen entdeckten und sich dort kräftig bedienten. Andrew Logans Installationen spielten mit Kitsch und industriellem Abfall. Richard Hamilton machte Anleihen bei Massenmedien und Werbung. Gilbert & George kreierten den “Nice Style”, während Margaret Harrison frivole Bilder mit makellosen Oberflächen schuf und David Hockney mit unterkühlter Distanz malte. Sie alle sind in der Ausstellung zu sehen. Statt dem Ausdrucksfuror der abstrakten Expressionisten bestimmten nun oft Abgeklärtheit und eine blassierte “Coolness” die Ästhetik.

                                                                                                David Hockney + Andy Warhol  
Zum großen Stichwortgeber avancierte Andy Warhol. In seiner “Factory” in New York bezog er bereits Mitte der sechziger Jahre Motive aus der Werbung, den Massenmedien und der industriellen Warenwelt in seine Multimedia-Aktionen ein, während die Rockgruppe The Velvet Underground mit Lou Reed unter seiner Regie durch neue Sounds aufhorchen ließ. Kein Wunder, dass Warhol heute als Urvater, Katalysator und Stilguru der “Glam”-Bewegung gilt. Aus England stattete ihm David Bowie 1971 in der “Factory” einen Besuch ab, wobei Bowie damals die Haare noch schulterlang trug. Auf Film ist die Begegnung festgehalten.

Als Marc Bolan 1977 bei einem Autounfall ums Leben kam, hatte “Glam” den Höhepunkt bereits überschritten. Punk machte dann endgültig Schluß mit Glanz und Glitzer, gefiel sich wieder in rotzig-provokanter Auflehnungspose. Sicherheitsnadeln, Irokesenfrisur und zerfetzte T-Shirts traten an die Stelle von falschen Wimpern und Goldjackets. Der Kult des Hässlichen ließ in der Jugendkultur das Geschmackspendel erneut in die Gegenrichtung ausschlagen.

Ausstellung:
Glam! – The Performance of Style
Frankfurt/M, Kunsthalle Schirn: 14. Juni bis 22. September 2013 

Der Artikel erschien zuerst in der Neue Zürcher Zeitung (NZZ).