Wednesday, 9 December 2020

Simon Steiner: Das kosmopolitische Smyrna und seine Musik


Gastbeitrag von Simon Steiner


Das kosmopolitische Cafe Aman und die Amanes aus Smyrna (Izmir)

 

"Griechenland war und ist musikalisch ein Teil des sog. Orients". (Joannis Zelepos)

 

 


Mit der Zeitmaschine nach Smyrna (Izmir) um 1860

 

Der springende Punkt ist das Kommen und Gehen, das Austauschen von Sprachen und Dialekten, verschiedene Menschen strömen von überall ins Kaffeehaus des Ostens, ins Cafe Aman. Griechen und Türken, Serben und Bulgaren, Armenier, Araber und Italiener, alle tummeln sich im Cafe Aman (Aman: arab.-türkisch = Barmherzigkeit, Mitgefühl oder aus dem Türkischen man = Vierzeiler) und zelebrieren Klagelieder, die Amanes. 

 

Anis - und Walnuss-Säcke lehnen an der Wand, es duftet nach Ouzo und Mokka und qualmende Wasserpfeifen hüllen die Kneipe in Rauch. Manche spielen Karten oder treiben es im Separee frivol. Schurken, Seeleute, Fischer, Marktarbeiter und Händler sitzen zusammen und warten auf den Zauber von Tanz und Musik. Wenn ein Wandermusiker aus Neapel Mandoline spielt, schwingen in ihm die Kantaten seiner Heimat mit, er lauschte Romanzen, Serenaden oder schnappte ein paar Walzertakte auf und er hat kein Problem, sich auf die osmanischen Klänge eines Oud-Spielers einzulassen, der mit einer ganzen Horde türkischer Nomaden herum hängt. Er sitzt hier mit Fez und Fustanella, er riecht nach Kamel und Esel und wartet auf den Einsatz eines Violinisten oder eines Kanun (Zither) - oder Santur (Hackbrett) - Spielers. Ein Gyftos (Gipsy) befeuchtet das Mundstück seiner Klarinette, ein Serbe schleppt eine gigantische Davul-Trommel über den Mosaikboden und ein Grieche spielt Lyra. Eine Gruppe Derwische hat es aus einem Kloster in die Stadt verschlagen und sie warten auf Klänge, die sie in Ekstase treiben. Ein Armenier spielt eine alte Volksweise auf einer Duduk (Holzrohr) und ein Freiheitskämpfer, ein Klefte berauscht sich erst einmal mit Wein. Vornehme Oper und Operette waren keine Fremdwörter, denn nicht Wenige hatten den Zeitgeist und die Musik, die sich nicht aufhalten lässt mitbekommen, egal ob Habanera, rumänische Manea oder Horo aus dem Balkan.... . Im Cafe Aman trifft sich Gott und die Welt, ein buntes Treiben: Araber, Levantiner, Juden mit ihren Klezmer-Songs, Türken, Griechen. Frauen singen und begleiten sich mit Tamburin, Holzlöffel oder Finger-Zimbeln und erregen diese Art Ballroom mit ihrem erotischen Bauchtanz Tsifteteli. Dagegen wirkt der herrische Zeybekiko der Freischärler und Partisanen furchterregend aber die Paar-Tänze Karsilamas, der Metzgertanz Hasapiko und der Kreistanz Kalamatianos fühlen sich geschmeidig an. Die Koexistenz aus Mentalitäten, Religionen, Schichten, Kulturen, Instrumenten und Stile sollte später zur Keimzelle des Rembetiko werden.

 

Ein weltoffener Mix

 

Jeder Wandermusiker steht für eine Tradition: Westeuropäische Weisen la franka, osmanische Klänge ala turka, griechische Verse ala greca und Balkanmusik vermischten sich. Südosteuropa und der Vordere Orient bildeten musikalisch  einen Großraum. "Griechenland war und ist musikalisch ein Teil des sog. Orients". (Joannis Zelepos). Die Cafe Aman als stilvolle Kaffeehäuser entstanden nicht von heute auf morgen: Im Laufe der Zeit entwickelten sich Bretterbuden, Kneipen, Spelunken oder Tavernen zu schicken Salons. Es wurde angebaut, vergrößert und aufgestockt, Bühne und Zuschauerränge wurden gezimmert, reich geschmückt mit Teppichen, Vorhängen, Säulen und Kacheln. Ein Musiktheater in großem Stil, in dem die Kompanias, die ersten Bands dieser Art und später Orchester live auftraten und ein neues Musik Genre entfalteten.

 

                                                         Das Cafe AMAN



 

Amanes beginnen meist mit einem Taximi, einer (kontrolliert) improvisierten Reise auf Viola und anderen Streichinstrumenten oder Santur. Grundlage sind die Straßen oder Wege (gr. dhromoi), wie u.a. Chitzas, Ousak oder Rast. Es wird immer nur eine Melodielinie oder Skala verwendet. Das besondere Merkmal eines Amanes ist der Ausruf "aman aman!" (Gnade), der mit musikalischen Verzierungen anfangs ohne, später mit rhythmischer Begleitung umspielt wird. Die Ausrufe können auch verzweifelte "ach", "och" oder nur ein schmerzhaft in die Länge gedehntes "A", "aaahhh" sein. Verzweifelte Bemerkungen oder Aufmunterungen, teils auf arabisch ("tsimi rimbi giala") können auch von einer zweiten Stimme eingestreut werden, die der Seele befreienden Trost spenden soll. Der eigentliche Melodiebogen, der Makam (arab.-persisch, türk.) enthält per Gesang oder Streichinstrument gezogene Viertelnoten oder Mikronoten und klingt deshalb für nicht wenige West-Europäer "orientalisch", als wäre das Instrument verstimmt. Für Instrumente ohne Bünde, Streichinstrumente wie Geige, Gambe, Cello oder Oud kein Problem. Die angewandten Melismen (griech. melos: Lied, Weise, Gesang) bezeichnen Tonfolgen oder Melodien, die auf einer Silbe oder einem Vokal gesungen werden. Der Musikwissenschaftler Niko Ordoulidis beschäftigt sich mit der Unterscheidung von Makam und dhromoi. Erstaunlich: Ein immer wiederkehrendes Schema, das aus dieser Zeit stammt, wird im Rembetiko bis heute gespielt und fungiert als Widmung und Wiedererkennung. Wie ein Weckruf aus alten Zeiten, der sich für jeden Griechen selbstverständlich anhört (vgl. Musikbeispiel Glykeria ab 0:38). Das Wort Aman ist heute noch alltäglich: "Ach Mann" oder "Oh jeh" oder "Oh Gott!"wären in etwa geeignete Übersetzungen. Für kleinasiatische Amanes gibt es mehrere inhaltliche Kategorien, z.B. erotische Amanes, Gute Nacht Amanes, Gefängnis Amanes, Sultan Amanes, Amanes zu den dhromoi/Makams, Amanes der Hirten und Reisenden, Amanes für Feierlichkeiten, Freude und Tänze, militärische Amanes aber auch Amanes aus der Athener Ära  ... . Verkürzt könnte man vielleicht sagen: Amanes sind griechische Texte in türkischer Musik; gemeinsames kleinasiatisches Gedächtnis von Türken und Griechen, mit  Farbtupfer anderer Kulturen.

Empfindungen wie Verzweiflung und Qual, Elend und Schmerz, Schicksal, Untreue, existentielle Nöte wie Armut, Trunkenheit, Drogenabhängigkeit, Verluste und die allgemeine Ungerechtigkeit des Lebens bilden den inhaltlichen emotionalen Themenkreis der Amanes. Politische Ereignisse wie Krieg und Unterdrückung durch die Osmanische Besatzung, Macht und Herrschaft, Migration, Staatsbankrott, Balkankriege und die Trauer um das Exil stimmen ohnmächtig und finden durch  Amanes Erleichterung.


Quay von Smyrna

 

 

 

Smyrna zwischen 1870 und 1922                                           


Karawanen, Schiffe fränkischer Kaufleute und die Eisenbahn verbanden die Handelsmetropole Smyrna seit dem 17. Jahrhundert mit Europa. Das wohlhabende Smyrna der Belle Epoque hatte sich herausgeputzt, Geschäfte und Handel florierten und ermöglichten ein Dolce Vita! Die alten Postkarten in Pastelltönen wirken heiter. Der Quai bildete Smyrnas europäische Fassade: An der Promenade stand das berühmte Cafe de Paris, das Cafe de Boston, das Cafe John Bull, der griechischen Club Cercle levantin und Brauereigaststätten. Orchester mit Absolventen europäischer Konservatorien, Chöre, Buchverlage, Clubs und Casinos, die Vereine Panionios und Apollo, das Theater Efterpi, in dem französische und italienische Melodramatruppen auftraten, 11 Zeitungen (3 türkische, 3 griechische, 4 französische, 1 spanische) und zwei Magazine (griechisch, armenisch) hüllten Smyrna in eine kosmopolitische Atmosphäre.

Vor der Kleinasiatischen Katastrophe 1922 hatte Smyrna ca. 350 000 Einwohner, die Hälfte waren Griechen, ca. 80 000 waren Osmanen, ca. 55 000 Juden, ca. 40 000 waren Armenier und 6 000 Levantes, d.h. Europäer, die sich niedergelassen hatten, wie z.B. Italiener, die die Oper und neapolitanische Lieder und Kantaten mitbrachten. Die sog. Franken lebten in einem Viertel unmittelbar am Hafen, orthodoxe Griechen und Armenier siedelten in eigenen Quartieren ebenfalls in der Unterstadt und die steilen Hänge hinauf zog sich der jüdische und der von Türken bewohnte muslimische Stadtteil. Die Nichtmuslime stellten die Mehrheit der Bevölkerung, weshalb die Türken vom ungläubigen Smyrna sprachen. Während Musik die Menschen verbinden konnte, wurden im Alltag viele Levantiner als Halborientale verunglimpft. Ihre mit französischen, italienischen und türkischen Worten durchsetzte Sprache wurde als Bastard-Sprache benannt. Eine weitere Barriere: Griechen und Türken standen sich seit dem griechischen Aufstand von 1821 mit Misstrauen gegenüber, die aber von gemeinsamen Geschäftsinteressen überlagert wurden. 

 

 

Einflüsse aus Spanien und Italien

 

Das Estudiantina Ensemble bestand aus spanischen Universitätsstudenten. Sie stellten ihr Programm 1886 in Konstantinopel Sultan Abdülhamid II. vor. Das kleine Orchester weilte einige Zeit in Konstantinopel und Smyrna und beeinflusste die dortige Musikszene. Die typische Zusammensetzung der spanischen Estudiantinas bestand vorrangig aus Gitarren, italienischen Mandolinen und manchmal auch Bläsern. Die erste bekannte griechischsprachige Estudiantina wurde von Aristidis Peristeris und Vasilios Sideris gegründet. Sie nannten ihr Orchester Ta politakia, die Jungs aus Konstantinopel. Im Geiste der alten Orchester wurde das Estoudiantina Neas Ionias 1999 von einer Gruppe von 20 jungen Musikern in Volos gegründet.

 





Ta politakia

 

 

Amanes und das Cafe Aman in Athen

 

Fahrende Musikanten, auch als orientalische Musiktruppen aus Kleinasien bezeichnet, brachten die Klagegesänge nach Griechenland. Jeden Sommer wanderten sie vom östlichen Mittelmeer nach Athen und Piräus und lagerten auf Plätzen. Die langsamen und traurigen Weisen kamen nicht überall gut an. Dem kultivierten Athener Establishment, das raffinierte westeuropäische Musik bevorzugte und von einem dem Westen zugewandten griechischen Nationalstaat träumte, waren diese Klänge zu orientalisch. Trotzdem eröffneten Ende des 19. Jahrhunderts auch in Athen Cafe Aman, denn die Wandermusiker brachten nicht nur türkische, arabische, jüdische oder armenische Weisen mit, sondern auch griechische Volkslieder wie Gianniotika, Kleftika und Moraitika. Amanes waren überall zu hören: In den Bergen, am Meer, in Villen, in der Kirche oder in Theatern. Zeitungen meldeten Auftritte von Musikgruppen aus Kleinasien: Im Panathon, im Odiki, in der Höhle der Nymphen, im Cafe Santour, im Garten der Musen und am 27.5.1898 spielte auch die "Erste Geige des Ostens", Giovanikas aus Smyrna in Begleitung einer Santur.

Die AKROPOLIS ZEITUNG meldet am 25.8.1891, dass sich Piräus vulgär orientalisiert und der Massenmob den Nachttau bei östlichen Lieder und Tänze in glücklichster Faulheit genießt. Die Seufzer hallen durch die Straßen und die Passanten klagen mit: "Ah, aman!" Enttäuschte Athener beklagen mit gebrochenem Herzen die hasserfüllten Seufzer der türkischen Lieder. "Es inspiriert dich nicht aber es erniedrigt dich und macht dich zum Sklaven abscheulicher Leidenschaften", ist in der Zeitungsmeldung zu lesen.

 

 

Schallplattengesellschaften stürzen sich auf Amanes


Aus subkultureller Sicht entwickelten sich aus spontanen Underground-Sessions einstudierte Amanes Kompositionen. Sie wurden unterschiedlich arrangiert und von Solisten oder Formationen interpretiert. Schließlich wurden sie von internationalen Schallplattengesellschaften vermarktet. Wie fast immer entwickelte sich ein neues, populär gewordenes Genre aus Gehegen und Verflechtungen der Subkultur, denn die eigentliche Entstehung basierte aller Wahrscheinlichkeit nach auf dem Zusammenspiel von Wandermusiker aus vielerlei Territorien. Einzelne Melodieteile und Schemen tauchen immer wieder auf und sind Ergebnis stundenlanger interkultureller Sessions. Aus der Underground-Ära liegen keine Quellen vor, da es weder Live-Mitschnitte noch Fotos gibt. Übrig bleibt eine Schallplatten-Elite.

Ab 1905 erscheinen in Smyrna die "sprechenden Maschinen", die Grammophone und in Istanbul öffnen die Plattenfirmen Zonophone, Gramophone, Odeon und Favorite. Masterkopien wurden im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts mit mobilen Crews in Theater, Kinos und Hotelzimmer in Smyrna, Konstantinopel und Thessaloniki und danach in Athen von besuchenden Ingenieuren aufgenommen, die Discs in England und Deutschland hergestellt und dann in den Nahen und Mittleren Osten exportiert. Die Aufnahmen in Griechenland begannen erst um 1920 in temporären Studios, darunter im Hotel "Tourist" und  im "German Club" in Athen und die Tonmeister wurden zur endgültigen Herstellung nach Europa geschickt. Bereits 1896 werden die ersten Aufnahmen mit griechischen Amanes in Amerika gemacht. Die zweite Welle erfolgte nach der Kleinasiatischen Katastrophe 1922, der gewaltsamen Ausbürgerung und der Flucht nach Griechenland und Amerika.

 

  

Nach der megali idea und der Katastrophe 1922

 

Nach der gescheiterten Idee eines Groß-griechischen Reiches und der Kleinasiatischen Katastrophe, dem Massaker von Smyrna und dem organisierten Bevölkerungsaustausch nach religiöser Zugehörigkeit flüchteten 1,5 Millionen Griechen aus Kleinasien nach Griechenland. Unter den Geflüchteten befanden sich viele Musiker und Sängerinnen des Cafe Aman Genres. Die 20er Jahre waren in Athen und anderen Städten, in die die Geflüchteten zogen, vom Smyrna-Stil, den Smyrneika geprägt und viele geflüchtete Musiker waren auch in den folgenden Jahren erfolgreich. In den 30er Jahren dominierte allerdings das Piräotische Quartett (aus Piräus) mit Markos Vamvakaris, genannt "der Franke", aus Smyrna kam "Artemis" Anestis Delias,  "O Magkas" Giorgos Batis aus Methana und "Faulpelz" Stratos Pagioumtzis kam aus Ayvalik, Kleinasien. Hauptinstrumente waren die Bouzouki und der griechische Baglamas. Gespielt wurde seltener in den ala turka dhromoi (Tonleitern), die eigene Piräotischen Tonleiter wurde bevorzugt. Die Musiker würdigten die kleinasiatischen Wurzeln und nannten sich neckisch "ach mein Mechmet" oder nahmen die alten Zwischenrufe "aman aman" "och, ach" wieder auf. Der historische Ort der 30er Jahre war nicht mehr das Cafe Aman sondern der Tekes, eine Haschisch-Höhle, in der sich die Magkes, die Vagabunden, Knast-Brüder und Szene-Kerle herumtrieben. Subkultur wurde frenetisch gefeiert und vom Mainstream aufgesaugt und vermarktet. Gefängnis-Lieder, das Schäbige und Verruchte gehörte zum guten Geschmack, denn das Establishment wollte nichts verpassen. Es entstand eine neue musikalische Epoche, in der das orientalische Flair aus Kleinasien in den Hintergrund rückte.

Roza Eskenazi, geboren in Konstantinopel, begann ihre Karriere als Tänzerin im Cafe Aman. Sie und Rita Abatzi, geboren in Smyrna, sangen, wie alle Sängerinnen des Smyrna-Stils, Smyrneika und Amanes und wurden in Griechenland die Stars der 30er Jahre.

Die wichtigsten männlichen Cafe-Aman Vertreter sind Andonis Diamandidis, Spyros Peristeris, Stellakis Perpiniadis, Kostas Roukounas, Lefteris Menemenlis und Giannis Tsanakas. Bekannte Cafe-Aman-Instrumentalisten sind der Oud-Spieler Agapios Tomboulis, der Lyra-Spieler Lambros Leondaridis und der bekannteste griechische Geiger ala turka, Dimitrios Semsis. 

 

Griechische Einwanderer aus Kleinasien und Griechenland nahmen in Amerika zahlreiche Schallplatten auf. Dazu gehörte Marika Papagika. Sie war Inhaberin und Sängerin des ersten Cafe Aman, das 1925 in New York eröffnete. Eine sehr beliebte Sängerin im Cafe Aman Stil in Amerika war Mrs. Koula oder Kyriaki Giortzi Antonopoulou (ca. 1880-1954). Die wichtigsten männlichen Musiker des amerikanischen Cafe Aman Stils waren Achilles Poulos aus Istanbul, der Kreter Charilaos Piperakis, der armenische Oudist Marko Melkon Alemsherian und der Gitarrist und Sänger Georgios Katsaros.

                                                Marika Papagika 


Quellen und Beispiele

 

Auf den Seiten des Griechisches Musikarchiv Εικονικο Μουσειο Αρχειου Κουναδη findet man u.a. Amanes, Postkarten und traditionelle Lieder aus Smyrna.

Ein typisches Aman-Stück von Giannis Tsanakas, Smyrna, 1910, in der Tonfolge Usak Gazel: https://www.vmrebetiko.gr/item/?id=5041

Die 12-seitige Sammlung der Αμανές:

https://www.vmrebetiko.gr/item/?id=5040

mit Lefteris Menemenlis und einer typischen Aman-Begleitung, die sich durch Hunderte Amanes zieht.

 

Eines der bekanntesten Lieder ist das kleinasiatische Tha spaso koupes - Ich werde Becher zerschlagen. (Paradosiako = Traditionell)

https://www.vmrebetiko.gr/item/?id=9399

oder

https://www.youtube.com/watch?v=tSERTUuG2Yw

 

1984 katapultierte die Griechin Eleftheria Arvanitaki diese uralte Weise zum Hit, der seitdem von vielen griechischen Sängerinnen, wie z.B. Glykeria interpretiert wurde und auf youtube in Pop-Versionen millionenfach angeklickt wird.  Beeindruckend: Das griechische Phänomen, Lieder mit  traurigem Inhalt zu feiern, tanzen und mitzusingen!

Hier ein sensationelles Live Beispiel der Arvanitaki:

https://www.youtube.com/watch?v=RlXyudzXLmA

und die Popversion: Μαρίνα Σάττι - Κούπες | (Θα Σπάσω Κούπες)

https://www.youtube.com/watch?v=l55LUEfnbX8

Die Version von Glykeria: Ab Minute 0:38 hören wir das typische Begleitschema der Smyrneika!

https://www.youtube.com/watch?v=2he5c1W8eTA

 

 

ICH WERDE BECHER ZERSCHLAGEN


Ich werde Becher zerschlagen für deine Worte
und Gläschen für die bitteren Wörtchen
αμάν αμάν - mein Gott, hör endlich auf zu weinen, Kleines
αμάν αμάν - mein Gott, du hast, was du willst

Ich zerschlage Teller

für deine beiden schwarzen Augen

Gestern Abend sah ich im Traum,
dass du deine Haare um meinen Hals gelegt hast
αμάν αμάν  - mein Gott, hör endlich auf zu weinen, Kleines
αμάν αμάν - mein Gott, du hast, was du willst

Ich zerschlage Teller

für deine beiden schwarzen Augen

 

The Eastern Piano Project

http://www.eastern-piano.com/

 

 

Ein Schwerpunkt der Forschung und spielerischen Anwendung des Eastern Piano Projektes ist, neben vielen anderen Exkursen, die Erinnerung an Smyrna, die historische Entstehung und Entwicklung der Amanes im entsprechenden Ort, dem Cafe Aman in Kleinasien, bzw. der Quellen. Das Eastern Piano Project konzentriert sich auf urbane populäre und volkstümliche Repertoires und pendelt zwischen Ost und West. Der Schöpfer des Eastern Piano Project, Nikos Ordoulidis spielt eine zweifache Rolle: als Performer / Künstler sowie als Musikwissenschaftler / Forscher (siehe auch www.ordoulidis.gr ). Das Klavier, ein Instrument, das für den Westen von wesentlicher Bedeutung ist, dient ihm als Dreh - und Angelpunkt für beide Pole: Ost und West. Ordoulidis entdeckt Melodien, die in verschiedenen Kulturkreisen gespielt werden, z.B. in jüdischen, griechischen, türkischen. Er sammelt historische Fotos und  Klaviermusik aus östlichen Ländern, die er mit verschiedenen Künstlern aufführt. Originalstücke werden zitiert aber auch weitgehend dekonstruiert. So erfahren manchmal melancholische Kompositionen luftig-leichte Ausflüge in eigenwillige Improvisationen und individuelle Gestaltungen, deren hohes Niveau über beliebige Pop-Spielereien der Postmoderne hinaus gehen. 



                             The Eastern Piano Project



 

Dankeschön:

Persönlicher Kontakt mit Dora Spetsioti und Niko Ordoulidis vom Eastern Piano Project, Rembetiko-Foren (rebetiko.sealabs.net, rebetiko.gr, rembetiko.gr  u.a.) und die gängige Rembetiko-Literatur, Roderick Conway Morris, George Kokkonis, Herbert Höffer und Vasilis Alexiadis.

Film: Smyrna - the destruction of a cosmopolitan city, by Maria Iliou, Athen, 2012

 


Tuesday, 17 November 2020

Neues Studioalbum des Sun Ra Arkestra: Swirling

 Die älteste Band der Welt

 

Nach mehr als zwanzig Jahren erscheint ein neues Studioalbum des Sun Ra Arkestra

 

 

cw. Verglichen mit dem Sun Ra Arkestra sind selbst die Rolling Stones Jünglinge. Seit fast 70 Jahren gibt es das Arkestra, das zu den profiliertesten Gruppen des modernen Jazz zählt. Anfang der 1950er Jahre vom charismatischen Bandleader und Pianisten Sun Ra in Chicago gegründet, wird die Gruppe seit dem Ableben ihres Leiters 1993 vom inzwischen 96jährigen Saxofonisten Marshall Allen geleitet, dem letzten Urmitglied. Doch nicht alle Musiker der Formation sind so betagt: Seit Jahren hat die Band junge Talente aufgenommen und so ihren Sound auf die Höhe der Zeit gebracht. Gerade ist ein neues Studioalbum mit dem Titel «Swirling» bei Strut Records erschienen, das erste seit mehr als zwanzig Jahren.

 

Früher glich die Band eher einem Mönchsorden. Im Gemeinschaftshaus, in dem die Musiker zusammenlebten, herrschte äußerste Disziplin. Der Tagesablauf war streng geregelt, in dessen Mittelpunkt die Musik als spirituelle Praxis stand. Denn für Sun Ra, bürgerlich Herman Poole Blount(1914 – 1993),waren Klänge das Medium, um mit den höheren Sphären in Verbindung zu treten: Musik öffnete das Tor zum Kosmos. Ansonsten bestimmte Askese den Alltag. Alhokol und andere Drogen waren verboten, Mädchen verpönt. 

 

Und der Bandleader führte ein strenges Regime. Wer bei Vergehen ertappt wurde, aufbegehrte oder herumnörgelte, wurde mit vier Wochen Küchendienst bestraft, wenn man ihm nicht gleich den Koffer vor die Tür stellte. Trotz der rigiden Ordnung bewarben sich kontinuierlich neue Musiker um Aufnahme in die Gemeinschaft, von der eine enorme Faszinationskraft ausging. 

 

Das hatte vor allem mit der exzellenten Musik zu tun. Sun Ra spannte den Bogen von der Jazztradition bis zur Avantgarde, wobei sein bunter Mix aus Swing und Freejazz auch elektronische Klangnebel einschloß. «In der Schule lernt man alles zu wissen. Bei mir lernt man, dass man noch nicht alles weiß,» lautete ein Leitspruch, dem er unbeirrt folgte. Die Arrangements seiner Kompositionen, von denen er täglich neue schrieb, wurden mit Akribie einstudiert und mit Präzision in Szene gesetzt, die Improvisationen sprühten vor Feuer. 

 

Seit 25 Jahren führt nun Marshall Allen das Arkestra. Unter seiner Regie wurden die Verhaltensregeln gelockert, nicht aber die musikalischen Standards. Beim Soundcheck staucht der Senior seine Musiker gelegentlich ordentlich zusammen, wenn sie zu lasch und ohne Druck die Arrangements herunterleiern. Denn wie noch zu Sun Ras Zeiten gelten Disziplin und Präzision als oberste Prinzipien. 

 

Früher probte Sun Ra mit dem Arkestra nicht selten acht Stunden am Stück, wobei es nur ein Entkommen gab, wenn der Bandleader am E-Piano einschlief und die Musiker sich dann leise aus dem Staub machten. Statt wie einst täglich am Repertoire zu feilen, wird mittlerweile nur noch ein oder zwei Mal die Woche geprobt. Da alle mit Feuereifer bei der Sache sind, verwandeln sich «Live»-Auftritte in ein Spektakel, besonders dann, wenn die Musiker in ihren glitzernden, fantasievollen Astronauten-Kostüme von der Bühne heruntersteigen und improvisierend durchs Auditorium schreiten.

 

Das neue Studioalbum wirkt gegenüber den «Live»-Auftritten kontrollierter, und endlich einmal ist der Sound des Arkestras tontechnisch optimal aufgenommen. Mit Verve breitet die 15köpfige Formation ihren musikalischen Afro-Futurismus aus, der zwischen Jazz, Elektronik und Groove pendelt und mit Parolen gewürzt ist, die wie Urformen von Rap klingen. Das Arkestra hat es geschafft, auch Jahre nach dem Tod seines Anstifters frisch und aktuell zu klingen. Für eine fast 70 Jahre alte Band ist das keine geringe Leistung.

 

 

Friday, 30 October 2020

Buchbesprechung: Klangmaschinen

 Klangmaschinenträume

 

Über Visionäre elektronischer Klänge und die Musik der Zukunft



                                                      Leon Theremin an seinem Instrument, ca. 1920

cw. Musikinstrumente-Erfindungen kommen in Schüben, und zwar immer dann wenn technische Innovationen neue Möglichkeiten zur Tonerzeugung bieten. Die 1920er Jahre waren so eine Ära, in der die neue Runkfunktechnik die elektronische Tonerzeugung auf die Tagesordnung setzte. Neue Instrumente wie Theremin, Trautonium, Sphärophon oder Ondes Martenot sowie diverse elektronische Orgeln entstanden, die sich allerdings oft als Eintagsfliegen erwiesen und bald wieder verschwanden oder sich bestenfalls als Außenseiter im Musikbetrieb halten konnten. In seinem Buch „Musikmaschinen“ zeichnet Peter Donhauser „die Geschichte der Elektromusik“ nach.

 

Oft waren es Techniker, die mit Leidenschaft an neuen Verfahren der Tonerzeugung bastelten, welche sich häufig später musikalisch als völlig unbrauchbar erwiesen. Despoten erkannten in den neuen Klangerzeugern ein Mittel zum Machterhalt. Das Theremin, vom russischen Physiker Leon Theremin Anfang der 1920er Jahre entwickelt, erregte das Interesse von Revolutionsführer Lenin, der das Instrument und seinen Erfinder zu Propagandazwecken in den Westen schickte, um aller Welt die techologischen Errungenschaften der Revolution vor Augen zu führen.  


                                            Sphärophon, 1924

 

Ähnlich erging es den neuen Musikmaschinen aus der Weimarer Zeit (Trautonium, Neo-Bechstein-Flügel, Großtonorgel etc.), die von den Nationalsozialisten ab 1933 für ihre Zwecke instrumentalisiert wurden. Anfangs als „entartete Musik“ mit Verbot bedroht, drehte sich der Wind, als das NS-Regime deren Potential zur Beschallung von Aufmärschen und Kundgebungen erkannte. Manche Erfinder und Musiker dienten sich den Nazis an, andere versuchten irgendwie durchzukommen, wobei der Vorwurf des „Musikbolschewismus“ wie ein Damoklesschwert immer über ihnen hing. Donhauser gelingt es, die Wirrnisse der NS-Musikpolitik auf differenzierte Weise nachzuzeichnen und zwischen glühenden NS-Anhängern, willfährigen Dienern, Opportunisten und Gegner zu unterscheiden, wobei die
Gemengelage nicht immer eindeutig ist. 


                                                             Ondes Martenot 

 


Erst das Ende des Nazi-Regimes verhalf den musiktechnologischen Innovationen abermals zur Blüte. Während in den neueingerichteten elektronischen Musikstudios, wie etwa das beim WDR in Köln oder beim Pariser Rundfunk, in der Nachkriegszeit Kompositionsverfahren mit Tonbändern im Vorderpunkt standen (Schneiden, Verfremden, Neuordnen und Kleben), wurde in den USA an neuen Klangerzeugern getüftelt, die u.a. in der Erfindung der Hammond-Orgel, des Fender-Rhodes-E-Pianos, aber vor allem des Synthesizers mündeten. Den Visionären de Synthesizers schwebte anfangs eine „Klangfarbenmusik“ vor, die jenseits der wohltemperierten Stimmung die Musik in andere Sphären katapulieren sollte. Allerdings zwang kommerzieller Druck die Hersteller zur Tastatur und ins konventionelle Notensystem zurück. Die Digitalisierung verwandelte dann das Laptop in ein Musikinstrument, das heute in der elektronischen Clubmusik (Techno, Drum ‘n’ Bass etc.) den Ton angibt und zum konstituierenden Element geworden ist. Mit seiner Publikation ist Donhauser ein kompetentes, detailreiches und übersichtliches Werk gelungen, das auch für bereits Sachkundige, noch so manches unbekannte Details enthält.

 

 

Peter Donhauser: Klangmaschinen – Die Geschichte der Elektromusik. Vergangenheitsverlag; Berlin 2019; mit zahlreichen Abbildungen. E 19,99. 

 

Wednesday, 28 October 2020

RADIO RADIO RADIO: Pioniere elektronischer Musik – die Londoner Firma EMS

SWR2 Musik-Passagen

Sonntag, 13. Dezember 2020; 23:03 – 24:00

 

Pioniere elektronischer Musik

 

Die Londoner Firma EMS

 

von Christoph Wagner


 
1971 brachte die Londoner Firma EMS ein Musikinstrument auf den Markt, das wie eine Bombe einschlug: der kleine Koffersynthesizer Synthi A besaß nahezu unbegrenzte Möglichkeiten und war nicht einmal übermäßig teuer. Viele Popmusiker – immer auf der Suche nach neuen Sounds – schafften sich die Wundermaschine an. Von Pink Floyd und King Crimson über Roxy Music und Hawkwind bis zu Kraftwerk und Tangerine Dream – alle setzten nun den Synthi A ein, oder das etwas größere Modell VCS 3 bzw. den riesigen Synthi 100. Was die Firma Moog für die USA, war EMS für Europa: das Unternehmen, das die elektronische Musikrevolution in Gang brachte.

EMS-Gründer Peter Zinovieff bei der Arbeit.
Es kommen zu Wort: Peter Zinovieff (EMS-Gründer), Peter Cockerell (das technische Gehirn von EMS), Robin Wood (Verkaufsmanager), Ludwig Rehberg (deutscher Vertreter von EMS), Thomas Kessler, Wolfgang Dauner, Edgar Froese (Tangerine Dream).
 

SWR2 Musik-Passagen

Sonntag, 13. Dezember 2020; 23:03 – 24:00

Danach 7 Tage im Internet: www.swr.de/swr2




Friday, 16 October 2020

MARTIN MALLAUN: ZITHERVIRTUOSE

Zwischen Dissonanzen und Wohlklang

Der Zithervirtuose Martin Mallaun präsentierte im Alten Schlachthof in Sigmaringen eine Klangwelt der Gegensätze

                                           Foto: C. Wagner



Wer weiß heute noch, was eine Zither ist? Das einst so populäre Musikinstrument sieht sich in einer Gegenwart, in der Keyboards, E-Gitarren und Laptops den Sound der Zeit bestimmen, längst an den Rand gedrängt. Martin Mallaun will diesen Trend umkehren. Der Zithervirtuose aus St. Johann in Tirol bringt das Saiteninstrument ins Rampenlicht zurück mit einem Programm, das sich über mehr als 400 Jahre Musikgeschichte spannt und die vielfältigen Möglichkeiten des Zupfinstrument eindrucksvoll demonstriert. Der Auftritt von Mallaun im Alten Schlachthof in Sigmaringen entpuppte sich als eindrucksvoller Beleg für die Behauptung, dass die Zeit der Zither noch längst nicht abgelaufen ist.


Das Konzert zog seinen Reiz aus einer Gegenüberstellung: Auf der einen Seite präsentierte Mallaun Musik aus Renaissance und Barock, die er mit ultramodernen Kompositionen kontrastierte, die oft ins Atonale ausgriffen. Mit unglaublicher Fingerfertigkeit schaffte es der Österreicher die verschlungenen kontrapunktischen Melodien in den Stücken von John Dowland, Jan Pieterszoon Sweelinck und Sylvius Leopold Weiss aus dem 16. bis 18. Jahrhundert zu neuem Leben zu erwecken. Ursprünglich waren diese Tänze, Fantasien und Psalme für Laute geschrieben worden, doch schaffte es Mallaun, sie so überzeugend in Szene zu setzen, dass man hätte schwören können, authentischer Zithermusik zu lauschen.

 

Der ebenmäßige Fluß der melodischen Linien dieser frühen Musik kontrastierte Martin Mallaun mit avantgardistischen Werken, die junge Komponisten für ihn geschrieben haben und die einen ganz anderen Ton anschlagen. Hier geht es darum, das Klangspektrum der Zither zu erweitern, unkonventionelle Saitenstimmungen und Spieltechniken zu erkunden, die bis ins Geräuschhafte gehen können. Kurz: Die Absicht ist, dem Zupfinstrument neue musikalische Sphären zu eröffnen. 

                                  Foto: Joachim Schneider

 

Der Komponist Leopold Hurt hat mit „Logbuch“ ein Werk in vierteltöniger Mikrotonalität geschaffen, das mit Flageoletts sowie Clustern arbeitet, die entstehen, wenn man mit der flachen Hand auf die Saiten der Zither schlägt, eine Technik, die klassischen Zitherspielern die Haare zu Berge stehen lassen. 

 

In der Komposition „Traum im Traum“ des Amerikaners William Dougherty kommen dagegen alle möglichen Hilfsmittel zum Einsatz – ob Gitarren-Bottleneck oder Geigenbogen –, mit denen der Zither bislang unbekannte Klänge entlockt werden, die sich dann zusammen mit den Zuspieltönen vom Laptop zu einem komplexen Klanggeschehen verbinden. Martin Mallaun spielte diese zeitgenössischen Kompositionen auf zwei Spezialinstrumenten, die er sich nach seinen eigenen Vorgaben bauen ließ und die jeweils eine besondere Klangqualität besitzen. 

 

Zum Abschluß kam in einer Komposition von Marco Döttlinger noch die E-Zither zum Einsatz, die wie die E-Gitarre auf elektrische Verstärkung angewiesen ist, weil sie sonst nahezu stumm bleibt. Anfangs bestimmen in diesem Stück einzelne Dissonanzen mit langen Pausen dazwischen das Geschehen, die sich mit der Zeit rhythmisch ordnen und immer mehr verdichten, bis Mallaun zu einem Metallstück greift und heulende Sounds über das pulsierende Fundament legt, welche die Gleittöne der Hawaiigitarre oder der Pedal-Steel-Guitar der Countrymusik in Erinnerung rufen. Das zahlreiche Publikum wurde von dieser faszinierenden Klangwelt derart in den Bann gezogen, dass Martin Mallaun erst nach einer Zugabe seinen Heimweg nach Tirol wieder antreten durfte. 


Der Artikel erschien zuerst in der SCHWÄBISCHEN ZEITUNG

Friday, 9 October 2020

RADIO RADIO RADIO: Das erste Popfestival im Südwesten

Radiosendung: 

SWR2 Musikpassagen:

Sonntag, 11.OKTOBER 2020 23:03 - 24:00 Uhr



Das erste Popfestival im Südwesten
Die "Greatest Show at Bodensee" 1970

von Christoph Wagner

Swegas aus England in Konstanz 1970
Im August 1970 fand das erste große Rockfestival in Südwestdeutschland statt: "The Greatest Show at Bodensee" in Konstanz. Die Veranstalter waren Novizen und hatten keinerlei Erfahrung mit der Durchführung eines solchen Open Airs. Es regnete in Strömen, die Organisation geriet total aus den Fugen, die Bühne musste zweitweise wegen Schlamm stabilisiert werden, Nässe löste die Gefahr von Stromschlägen aus. Lange Umbaupausen waren die Folgen. Mit stoiischem Fatalismus saß das Publikum alle Misslichkeiten aus und ließ sich die Begeisterung für die Musik nicht nehmen.
Sonntag, 11.10.2020 23:03 - 24:00 Uhr, SWR2 Musikpassagen, SWR2
Danach eine Woche im Internet:

Drei Wochen nach dem Festival ereignete sich der 'Konstanzer Gammlermord' – rechte Hetze und ihr Resultat!

Monday, 5 October 2020

Museum der vergessenen Klänge: DIE ZITHER

 Aufregender Neutöner

 

Von Barockmusik zur Avantgarde: Martin Mallaun spielt die Zither wie nie zuvor

 




Als “Museum der vergessenen Klänge“ bezeichnet sich eine Konzertreihe, die das Kulturzentrum im Alten Schlachthof in Sigmaringen veranstaltet. Dort werden von renommierten Solisten in Konzerten Musikinstrumente vorgestellt, die entweder aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden sind oder es nie zu größerer Popularität gebracht haben, also randständig geblieben sind. Bisher standen die Glasharmonika und das Trautonium im Zentrum eines Konzerts. Am Donnerstag, den 15. Oktober 2020 (Beginn: 20 Uhr), wird nun der österreichische Saitenvirtuose Martin Mallaun die Zither in einem Programm vorstellen, das von Musik der Renaissance bis zu elektronischen Sounds der Gegenwart reicht.


 

Im 19. Jahrhundert war die Zither aus der Volksmusik nicht wegzudenken. Sie war das bei weitem beliebteste Instrument weit und breit. Keine Trachtenkapelle, keine Varietégruppe und keine Tanzkapelle kamen ohne sie aus. Auch für die Gesangsbegleitung war das Zupfinstrument unerläßlich. Darüber hinaus gab es beinahe in jeder kleineren Stadt ein Zitherorchester, in dem oft zwei Dutzend Hobbymusikanten (oder mehr) zusammenspielten. Unangefochten stand das Instrument über mehr als ein Jahrhundert im Zentrum der populären Unterhaltung. 

 

In den 1950er Jahren hat der Soundtrack zum Film “Der Dritte Mann” der Zither noch einmal ein Comeback beschert und wenigstens für Filmfans unsterblich gemacht. Wenn heute von dem Instrument die Rede ist, denkt jeder sofort an den mit einem Oscar prämierten Streifen mit Orson Welles in der Hauptrolle und der einprägsamen Titelmelodie, gespielt auf der Zither: dem “Harry Lime Theme”.

 

Von diesem Ruhm hat die Zither lange gezehrt. Heute ist davon nicht mehr viel übrig. Das Instrument hat in den letzten Jahrzehnten einen eklatanten Bedeutungsverlust erfahren und ist aus der populären Musik fast völlig verschwunden. Selbst im volkstümlichen Musikantenstadl dominieren heute elektronische Keyboards den Sound. 

 

Dagegen erlebt die Zither an den Musikhochschulen im Alpenraum ein fulminantes Comeback. Doch wird dort kaum noch die traditionelle Zitherliteratur gepflegt, sondern neue Möglichkeiten des Instruments erkundet: Zum einen werden im Rückgriff auf die Vergangenheit Renaissance- und Barockkompositionen für Zither transkribiert, andererseits avantgardistische Klänge und experimentelle Möglichkeiten ausgelotet, was die Zither in einen aufregenden Neutöner verwandelt. 



 

Aus dieser Szene kommt Martin Mallaun. Der junge Österreicher hat sich in den letzten Jahren mit der Interpretation kühner Kompositionen zu einem der wichtigsten Erneuerer der Zither gemausert. Dabei schlägt Mallaun einen weiten Bogen, der vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht und selbst noch einen Blick in die Zukunft wagt. Mallaun hat Renaissancemusik von John Dowland auf die Zither übertragen, auch Barockstücke von Jan Sweelinck, die er mit gewagten Improvisationen, Klangerkundungen und elektronischen Sounds kontrastiert, wodurch eine faszinierende, ganz eigene Klangwelt entsteht. Mallaun hat bei modernen Komponisten eigens Werke in Auftrag gegeben, wobei der Tiroler manche dieser Stücke auf einer speziellen Zither präsentiert, die er eigens zu diesem Zweck nach seinen Vorgaben anfertigen ließ. Musikalische Feinschmecker dürften an diesem außergewöhnliche Konzert ihre Freude haben – Neuentdeckungen eingeschlossen! 


Weitere Infos und Kartenreservierungen: www.schlachthof-sigmaringen.de