Thursday, 17 November 2022

Solistischer Jazz mit Émile Parisien

Transatlantischer Brückenschlag

 

Hochkarätiger Jazz mit dem Émile Parisien Ensemble beim Jazzclub Singen

 

Fotos: C. Wagner



 

cw. Émile Parisien ist einer der Musiker, der in den letzten Jahren dem französischen Jazz wieder zu Achtung auf dem internationalen Parkett verholfen hat. Der 40-jährige Sopransaxofonist aus Paris hat es zu einer derartige Reputation gebracht, dass er die hochkarätigsten Musiker aus dem Mutterland des Jazz für sein aktuelles „Louise“-Sextett gewinnen konnte. Neben dem Schlagzeuger Nasheet Waits, dessen Vater Freddie Waits schon ein renommierterJazzdrummer war, und dem Kontrabassisten Joe Martin ist es vor allem der Trompeter Theo Croker, der den Ton im Ensemble von Parisien bestimmt. Dass etliche der 200 Konzertbesucher im vollen Saal der Gems nur wegen Croker zum Auftritt kamen, kann nur vermutet werden.

 

Zusammen mit dem Italiener Roberto Negro am Piano und Parisiens Landsmann Manu Codjia an der E-Gitarre entwirft der Bandleader einen solistischen Jazz, der mit Kraft, Dynamik und Intensität daherkommt und trotzdem voller Komplexität ist, aber auch Momente subtiler Versonnenheit kennt. 




 

Der Auftritt begann lyrisch, ja fast meditativ, wobei Parisiens weiche Saxofontöne sich über einem Klangteppich aus schillernden Gitarrenakkorden erhoben. Mehr und mehr nahm die Musik an Fahrt auf, wobei das Muster, sich von einer ruhigen Elegie zu einem kraftvollen Power-Play zu steigern, mehrfach während des Abends zum Tragen kam. 

 

In beeindruckenden Solos demonstrierten die Musiker immer wieder ihre Klasse, wobei vor allem das Drumsolo durch eine atemberaubende Virtuosität beeindruckte, während sich der Pianist in Wilhelm-Busch-Manier absolut vorausgabte. Die Zugabe, eine Komposition von Theo Croker, entpuppte sich als modernstes Stück des Abends, das den Jazz in eine „Drone“-Musik minimalistischer Art verwandelte: Über einem konstante Dröhnen von Gitarrensounds, legten die Bläser ihre langen Töne, wobei die Gruppe in diesem Stück von einem Ensemble von Solisten zu einer einzigen Klangeinheit verschmolz.   






KULTURGESCHICHTE: LICHTWÄRTS im Fernsehen

Erkundungen ums Haus am Grünen Weg

Im SWR Fernsehen in der Sendung "Kunscht" lief ein fünfminütiger Beitrag über mein neues Buch, das die Lebensreformbewegung um 1900 im Südwesten zum Inhalt hat. Der Beitrag steht jetzt einen Monat in der Mediathek.

Hier der link:

https://www.swr.de/swr2/literatur/lichtwaerts-lebensreform-jugendbewegung-und-wandervogel-die-ersten-oekos-im-suedwesten-das-neue-buch-von-christoph-wagner-100.html


 


Wednesday, 9 November 2022

KULTURGESCHICHTE: Lichtwärts! im Radio – Gesprächssendung

Aus Anlaß meiner Buchneuerscheinung 'Lichtwärts! Lebensreform, Jugendbewegung und Wandervogel – die ersten Ökos im Südwesten (1880 – 1940)' wurde ich vom SWR2 zu einer Gesprächssendung eingeladen, die sich mehr auf die Musik konzentrierte, die im Umfeld dieser historischen Bewegungen praktiziert wurde. Die Sendung lief am Donnerstag, der 10. November 2022 (20:03 – 21:00 Uhr) in den 'Musikpassagen' und kann jetzt online gehört werden.

Hier der link:

https://www.swr.de/swr2/musik-jazz-und-pop/lebensreform-und-jugendbewegung-die-ersten-oekos-im-suedwesten-swr2-musikpassagen-2022-11-10-100.html



Sunday, 6 November 2022

Mimi Parker (1967 -2022) verstorben

Ein Nachruf auf Mimi Parker, Songwriterin, Schlagzeugerin und Sängerin der amerikanischen Rockgruppe Low. 

Ich habe Mimi Parker und ihren Ehemann Alan Sparhawk zweimal länger interviewt, einmal im nordenglischen Halifax, wo sie im Münster auftraten, und ein andermal ein paar Jahre davor, das muß so um 1996 gewesen sein, in Sheffield. Damals traten sie in einem Programm zusammen mit Mercury Rev auf, und hatten ihre beiden kleinen Kids auf der Tour dabei. Sie waren ausgesprochen anregende Gesprächspartner, weil sie sich über Musik ungewöhnliche Gedanken machten und auch Komponisten wie Morton Feldman auf dem Radar hatten.


Der Artikel erschien vor 10 Jahren zum 20-jährigen Bandjubiläum: 


Die Entdeckung der Langsamkeit

 
Mit ihrem 10. Album feiert die Rockgruppe Low ihr 20-jähriges Bandjubiläum – produziert von Jeff Tweedy (Wilco) wirkt ihre alternative Popmusik immer noch wie ein Vademecum gegen Hektik und Streß 
 


 
cw. Der Bandname Low steht für “low speed” und “low volume”: Langsamkeit und Stille. Vor genau zwanzig Jahren gegründet, hat sich die alternative Rockband aus den USA einem Stil verschrieben, der wie ein Anachronismus in einer Welt des Überschalls wirken muss. Low machen Pop in Zeitlupe, Songs im Schneckentempo – Rockminimalismus! „Slow-Core“ sagt die Presse dazu, was als Gegensatz zu “Speed-Metal” zu verstehen ist. 
 
“Unser Sound stellt sich heute von selbst ein, wenn wir spielen. Früher war das anders: Da traten wir häufig bei Band-Wettbewerben zwischen einer Punk- und einer Grungeband auf. Es fühlte sich an, als ob wir gegen die Stimmung der Leute anspielten,“ erzählt Mimi Parker, Schlagzeugerin und Sängerin von Low. „Wir bekamen Panik-Attacken, weil wir leise und minimalistisch musizierten. Ich hatte oft das Gefühl, als ob jeder Knochen im meinem Leib zerplatzen würde. Am liebsten wäre ich davongelaufen. Doch gelegentlich gab es eine magische Verwandlung. Die Zuhörer ließen sich auf unsere Musik ein.“
 
Mit der Zeit fanden Low ihr eigenes Publikum, das die ruhige Popmusik der Band als Vademecum gegen Hektik und Streß schätzen lernte. Denn Low nehmen sich bewußt zurück. Die Beschränkung auf das Allernotwendigste verwandelt ihre Songs in Miniaturen von fragiler Einfachheit. Ein anderes Zeitmaß wird etabliert. Durch die Entschleunigung nimmt der Zuhörer die Musik anders wahr, einzelne Worte und Töne gewinnen mehr Bedeutung. „Langsame Musik klingt leise am besten,“ weiß Mimi Parker. Und leise Musik bewirkt, daß das Publikum aufmerksamer zuhört. Die Stille funktioniert paradoxerweise wie eine Verstärkeranlage: Wenn man die Lautstärke zurückdreht, fangen die Ohren der Zuhörer zu wachsen an. “Als wir anfingen, wollten wir ganz bewußt minimalistische Musik machen. Wir spielten Nummern, die monolitisch und meditativ waren,“ erinnert sich Gitarrist Alan Sparhawk, Mimi Parkers Ehemann. „Ich war immer schon von dieser Ästhetik fasziniert. Das Geheimnis des Minimalismus ist: Je einfacher und leichter die Musik beim ersten Hören erscheint, desto mehr Tiefe entdeckt man, je vertrauter sie einem wird. Als Zuhörer wird man in das entsprechende Stück hineingezogen, was komplexere Kompositionen oft nicht schaffen. Der Minimalismus macht die kleinste Bewegung sehr groß.“ 



 
Mit ihrer sachten Rockmusik setzen Low einen Kontrapunkt gegen die Zeitkrankheit des “immer mehr und immer schneller”.  Hyperaktivität und Hysterie sind aus ihrer Musik verbannt, die eher wie ein Plädoyer für Muße und Kontemplation wirkt. Dabei fliehen sie jedoch nicht in eine schwülstige New Age-Esoterik. Vielmehr geben Bedächtigkeit und eine Ästhetik der Einfachheit die Richtung vor. Kargheit und Simplizität werden zum Ideal, der Wert des Weglassens neu entdeckt. Low macht Popmusik der gemächlichen Art.
 
Als wichtige Einflüsse nennen Low zwei Komponisten der E-Musik-Avantgarde. Der eine ist LaMonte Young - Urvater des Minimalismus. In den frühen Stücken seines Ensemble ‚Theatre of Eternal Music’, das u.a. von Terry Riley, John Cale und Tony Conrad gebildet wurde, waren schon Mitte der 60er Jahre langanhaltende bordunhafte Klänge bestimmend, sogenannte „Drones“, wie sie heute bei jungen Elektronikern wieder groß in Mode sind. 


Die andere Inspirationsquelle war Morton Feldman. Vor allem die frühe Piano-Stücke des 1987 verstorbenen Freunds von John Cage haben es den Musikern von Low angetan. Sie dehnen die Zeit. Zwischen den Tönen und Akkorden entfaltet sich eine wunderbare Spannung.  Dazu kommen Vorbilder aus der Popmusik. The Velvet Underground und die Beatles werden als erste genannt, wenn es um die Kunst des ‚Songwriting’ geht. Beide Bands verstanden es, ihre kleinen Songs in große Kunstwerke verwandeln, in denen die Gleichzeitigkeit von Einfachheit und Komplexität nicht als Widerspruch empfunden wurde.
 
Jetzt ist zum 20jährigen Bandjubiläum das zehnte Album von Low erschienen. Sein Titel: The Invisible Way. Produziert von Jeff Tweedy von Wilco, gehen Low ihren vor Jahren eingeschlagenen Weg konsequent weiter. Elf Songs enthält das Album, die alle voller Poesie sind und Texte mit Tiefgang besitzen, wobei die Melodien von einem einfühlsamen Harmoniegesang getragen werden. Eine gedämpfte Stimmung durchzieht die Musik. Nur gelegentlich wird etwas handfester zugepackt. Dann greift Alan Sparhawk kurz kräftig in die Saiten und läßt seine Gitarre aufheulen und kreischen, um wenige Takte später bereits wieder in ruhigeres Fahrwasser einzubiegen. Diszipliniertes Musizieren ist bei Low Trumpf.
 

Allerdings ist diese Sorte von Pop-Minimalismus nicht ohne Tücken. „Der Minimalismus gibt einem die Möglichkeit, mit sehr wenig auszukommen, vielleicht nur mit ein paar klugen und bedeutsamen Versen und einer starken Melodie,“ sagt Alan Sparhawk. „Doch müssen diese paar Zeilen dann auch wirklich gut sein und alles sagen.” Dem Wenigen wirklich Gewicht zu verleihen, das ist die Aufgabe, der sich Low verschrieben haben. „Man muß nicht alles sagen, um das zu sagen, was es zu sagen gibt,“ meint Alan Sparhawk.

 

Low: The Invisible Way (Sub Pop)


Monday, 10 October 2022

Scheibengericht: Zwei neue Album von Günter Baby Sommer

SCHEIBENGERICHT 8:


Günter Baby Sommer plus




Günter Baby Sommer & The Lucaciu 3

Karawane

(Intakt Records)


Wertung: 4 von 5

 


Baby Sommer Kiecktett

Quiétude Fragile

(Neos Music)


Wertung: 4 von 5 

 

Die erste Platteneinspielung, an der er beteiligt war, stammt von 1965. Günter „Baby“ Sommer hat sich in seiner Karriere von den Radebeuler Tanzrhythmikern zu einem der profiliertesten Schlagzeuger des modernen Jazz entwickelt. Nächstes Jahr wird der Trommelveteran aus Dresden achtzig Jahre alt. 

 

Sommer ist ein klangbewußter Schlagzeuger mit einem Gespür für die melodischen Seiten des Instruments. Der Dresdener spielt kein Schlagzeug von der Stange, sondern eine höchstindividuelle Zusammenstellung spezieller Trommeln, Pauken, Becken und Gongs, auf denen er eine ganz eigene Diktion entwickelt hat. Vielleicht sollten man ihn eher als Perkussionisten betrachten, der mit Timbres, Klanggeweben und Akzenten arbeitet, die bis ins Geräuschhafte gehen können. 


Günter Baby Sommer & The Lucaciu 3 (Promo)


Für das Album „Karawane“ hat sich Sommer mit den Brüdern Antonio, Simon und Robert Lucaciu aus Leipzig zusammengetan und einen melodiestarken Jazz mit starkem rhythmischen Fundament entworfen, der manchmal fast hymnisch gerät und mit kurzen Abstechern in die Welt der Dur-Tonalität an das klassische Quartett von Keith Jarrett mit dem Saxofonisten Dewey Redman aus den 1970er Jahre erinnert. Ein Dutzend Titel enthält das Album, die von Sommer, aber auch von zwei der Lucaciu-Brüder stammen und ein weites stilistisches Feld abstecken, das von packenden Groove-Nummern im Shuffle-Beat über träumerische Balladen und raffinert verschachtelten Jazzminimalismus bis zu Ausflügen in Samba und Calypso reicht. Oft bilden Sommers Schlagmuster die Ausgangsbasis der Titel, über die Antonio Lucaciu mit seinem Altsaxofon ekstatische Linien bläst. Sein Bruder Simon antwortet mit luftigen Klavierakkorden und originellen Dissonanzen, während Robert Lucaciu am Baß für die nötige Erdung sorgt. Auf einem Stück verwandelt sich der Drummer in einem Oberdada, der selbstgestrickte Lautgedichte à la Hugo Ball oder Kurt Schwitters Ursonate rezitiert.


Günter Baby Sommer & Uli Kieckbusch (Promo)


Im Unterschied zu dieser „Boy Band“ ist Sommer‘s Kiecktett ein paritätisch besetztes Ensemble, in welchem Uli Kieckbusch Piano, Katharina Sommer Querflöte und Laura Strobl Bratsche spielt. „Comprovisationen“ nennen die vier ihr musikalisches Konzept, was bedeutet: Hier kann Auskomponiertes für sich alleine stehen, aber auch als Wegweiser fungieren, um dem freien Spiel eine Richtung zu geben und so Redundanzen zu vermeiden. Stimmungen und Atmosphären variieren. Die Kombination der Instrumente wird vielfältig genutzt, wobei manchmal nur zwei, manchmal drei der Beteiligten miteinander interagieren, dann aber auch wieder das ganze Ensemble zum Einsatz kommt. Mit der chinesischen Hulusi-Mundorgel, einem Instrument mit Messingzunge, gespielt von Katharina Sommer, kommt ein ganz anderer Klang ins Spiel, den Uli Kieckbusch mit der Mundharmonika flankiert, während Günter Sommer auf einer Marimbafon ein komplexes Schlagmuster unterlegt, was für weitere Abwechslung in dieser an Vielfalt und Originalität nicht armen Musik sorgt.  



 

 

Tuesday, 4 October 2022

Country-Rebellin Loretta Lynn (1932 – 2022) verstorben

Gegen den Strom

 

Zum Tod der Countrymusik-Legende Loretta Lynn, "The Hillbilly Feminist" 



 

cw. Jack White von den White Stripes war es, der sie 2004 ins Rampenlicht zurückbrachte. „Van Lear Rose“ hieß das Album, vom amerikanischen Rockstar produziert, das Loretta Lynn erstmals einem Poppublikum bekannt machte, welches sich möglicherweise nicht einmal bewußt war, in der älteren Dame von 72 Jahren die Königin der Countrymusik vor sich zu haben. Denn nichts weniger war Lynn: neben Dolly Pardon die bekannteste Countrysängerin der Welt. Ihr letztes Album, das 60ste, erschien vor einem Jahr und enthielt noch einmal, mit erstaunlich fester Stimme intoniert, viele der Songs, die sie einst berühmt gemacht hatten. Jetzt ist Loretta Lynn im Alter von 90 Jahren im Schlaf auf ihrer Ranch in Tennessee verstorben. 

 

Lynn musste sich nicht wie andere Countrysängerinnen (etwa Patsy Montana) eine Biographie zusammendichten. Sie kam wirklich aus dem amerikanischen Süden und zwar aus der kleinen Bergarbeitersiedlung Butcher Hollow in Kentucky, im Herzen der Appalachen gelegen, und war wirklich in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen. Ihr Vater war Minenarbeiter und hatte Mühe die vielköpfige Familie durchzubringen, weshalb er nebenher noch eine kleine Landwirtschaft betrieb, wobei es selbstverständlich war, dass die Kinder mitarbeiteten. Das Holzhaus der Familie war ohne Strom und fließendes Wasser mit Ziehbrunnen im Garten. 



 

Noch keine sechzehn Jahre alt, heiratete Lynn und zog – hochschwanger – mit ihrem 22jährigen Ehemann 4000 Kilometer nach Nordwesten in ein kleines Holzfäller-Kaff im Bundestaat Washington. Hier kam das erste von sechs Kindern zur Welt. Nach drei weiteren Geburten kaufte die 21jährige eine Gitarre und begann mit der Band The Trailblazers in den Bars und Tavernen der Umgebung aufzutreten, meistens nur für den Applaus und ein paar Drinks. Ihr Ehemann, der sich als ihr Manager versuchte, überzeugte den Countrystar Buck Owens sie in seiner Fernseh-Show auftreten zu lassen, was zum Durchbruch führte. Loretta Lynn bekam einen festen Platz in der samstäglichen Talentshow und jede Woche eine Gage von 5 Dollar. 

 

Ein Geschäftsmann, der sie im Fernsehen sah, finanzierte 1960 ihre erste Studioaufnahme und brachte die Single auf seinem eigens dafür gegründeten Label heraus. Der Song war im modernen Honky-Tonk-Stil gehalten, verwendete elektrische Gitarren und Schlagzeug, und wurde zum Erfolg. 

 

Um nahe am Geschehen zu sein, zog Lynn nach Nashville, Tennessee, der Hauptstadt der Countrymusik, wo sie 1962 in die legendären Radioshow „The Grand Ole Opry“ aufgenommen wurde. Eine lange Reihe von Hits folgte, die sie selbst schrieb und in den 1970er Jahren im Duo mit Conway Twitty sang.

 

Loretta Lynn ließ sich nicht vom männlichen Musikgeschäft herumschubsen. Mit etlichen ihrer Songs schlug sie einen neuen Ton an, vor allem was die Texte betraf, die sich kritisch mit der Männerwelt und deren Macho-Eskapaden auseinandersetzten. Lieder wie „The Squaw is on the Warpath“ und “I wanna be free” gaben inhaltlich die Richtung vor. Mit dem Song „The Pill“ schockierte die Rebellin dann die konservative Fangemeinde vollends, da das Lied zum ersten Mal das Tabu der Geburtenkontrolle anpackte, was etliche Radiostationen veranlaßte, den Song aus dem Programm zu kippen.



 

Die Verfilmung ihrer Autobiographie „Coal Miner‘s Daughter“ mit Oscar-Auszeichnung machte Loretta Lynn endgültig zur Legende und gleichzeitig zum Vorbild einer jüngeren Generation von Countrysängerinnen, die sie als Pionierin verehrten, wobei es sich Reba McEntire, Carrie Underwood, Tanya Tucker und Margo Price nicht nehmen ließen, auf dem letzten Album mit ihrem Idol im Duett zu singen – als Verneigung vor einer ganz Großen der Countrymusik.


Loretta Lynn & Jack White 'live', 28. Januar 2015 (youtube)


 


Monday, 3 October 2022

'In C' von Terry Riley elektronisch interpretiert von The Young Gods

Elektronische Abenteurer

 

The Young Gods spielen die Ursonate der Minimalmusik

 

The Young Gods (Promo / Charlotte Walker)

 

cw. Als Popband sind sie eine Institution: The Young Gods aus Fribourg sind vielleicht die international einflussreichste Schweizer Rockgruppe. Pop-Größen wie David Bowie, Mike Patton (Faith No More) oder The Edge von U2 haben sich von ihrer Musik inspirieren lassen. Seit 37 Jahren befindet sich die Band auf einer musikalischen Odyssee, die sie von Post-Punk und Industrial Rock über akustische Klänge und Ambient-Sounds zu den Songs von Kurt Weill und des Woodstock-Festivals führte. Solche Abstecher wurden meistens durch Impulse von außen angestoßen, von Personen, denen die Musiker begegneten, oder durch Musik, die ihnen gefiel. „Dadurch hat sich unsere Fahrtrichtung immer wieder geändert,“ stellt Bandleader Franz Treichler fest.

 

The Young Gods wurden seit Ende der 1980er Jahre vor allem durch ihre Arbeit mit Samplern berühmt. Die Instrumente, die auf ihren Platten zu hören sind, wurden nicht wirklich gespielt, sondern aufgenommen, um sie mittels Keyboard abzurufen. Auch wenn die Band zu Beginn noch nicht durch und durch elektronisch klang, kamen doch alle Sounds vom Sampler, egal ob Natur- oder Umweltgeräusche, Gitarre, Geige oder Baß. „The Young Gods entstanden wegen der Technologie, davor habe ich in einer anderen Band Gitarre gespielt,“ erklärt Treichler. „Als der erste erschwinglicher Sampler auf den Markt kam, veränderte das vollkommen meine musikalische Praxis. Mit den Young Gods begann mein elektronisches Abenteuer.“  

 

Die kreative Arbeit mit dem Sampler, der inzwischen vom Laptop abgelöst wurde, ist ein sehr persönlicher Prozeß: Ideen werden gesammelt, Klänge und Geräusche aufgenommen und bearbeitet. Dann treffen sich die drei Bandmitglieder im Proberaum zu Jam-Sessions, bei denen improvisiert und mit dem Klangmaterial gespielt wird, bis sich Strukturen, Melodien oder Riffs herausschälen. „Jeder bringt Ideen ein,“ beschreibt Schlagzeuger Bernard Trontin die Arbeitsweise. „Ich steuere nicht nur Drum-Beats bei, sondern komme auch mit Sounds daher, die ich gesampelt habe, oder elektronischen Loops, die mir interessant erscheinen.“ Während der Jam-Sessions entwickeln sich die Arrangements, wobei Trontin versucht, jeder Nummer einen speziellen Rhythmus maßgerecht auf den Leib zu schneidern.




Gerade haben The Young Gods ein Album eingespielt, das von dieser bewährten Praxis abweicht. Sie haben die Komposition „In C“ von Terry Riley aufgenommen, das Stück, das als Initialzündung der amerikanischen Minimalmusik gilt. Die Ursonate des Minimalismus erlebte im November 1964 in San Francisco ihre Uraufführung, bei der viele, der später tonangebenden Minimalisten und Elektroniker als Musiker mitwirkten, von Steve Reich über Pauline Oliveros bis zu Morton Subotnick. Phil Lesh, der Bassist der psychedelischen Rockband The Grateful Dead, schaute öfters bei den Proben vorbei. 


„In C“ wurde als Sensation gefeiert und machte Terry Riley über Nacht zu einem Star der Subkultur. The Who widmete ihm das Stück „Baba O’Riley“ und die progressive Rockgruppe Curved Air benannte sich nach seiner Komposition „A Rainbow in Curved Air“. Bis heute erfreut sich „In C“ anhaltender Beliebtheit in der Popszene. In London waren Musiker von Stereolab vor ein paar Jahren an einer Aufführung beteiligt, wofür sie eigens das Notenlesen lernten. Der Gitarrist von Portishead Adrian Utley präsentierte das Stück 2013 mit einen „Guitar Orchestra“, während Blur-Sänger Damon Albarn ein Jahr später nach Mali reiste, um mit der Gruppe Africa Express eine Version mit Balafonen, Kalimbas, Koras und Djembe-Trommeln einzustudieren.

 

Und jetzt The Young Gods. Gekonnt verwandeln sie „In C” in ein elektronisches Wunderwerk, bei dem Beats und Loops in aufregender Manier ineinandergreifen. Wieder kam der Anstoß von außen und von ungewöhnlicher Seite. Benedikt Hayoz, der junge Dirigent des hochkarätigen Fribourger Blasorchesters Landwehr, dessen Geschichte mehr als 200 Jahren zurückreicht, brachte die Young Gods auf die Idee. Treichler kannte das Stück, hatte aber nie in Betracht gezogen, es selber einmal zu spielen. „Als uns Benedikt Hayoz eine Kooperation vorschlug, stellte ich mir das Stück gespielt von hundert Bläsern und den Young Gods vor,“ so Treichler. „Eine reizvolle Vision.“ 

 

Proben wurden anberaumt, die Spielregeln der Partitur erläutert und einstudiert. Langsam nahm das Projekt Gestalt an. Dann präsentierten die Young Gods mit dem Landwehr-Blasorchester das Stück etliche Male „live“. „Es gefiel uns so gut, dass wir Lust bekamen, die Komposition als elektronisches Powertrio aufzunehmen,“ erinnert sich Treichler. Nach etlichen weiteren Aufführungen mit einem Tanzensemble, ging es ins Studio, wo ein halbes Dutzend Versionen aufgezeichnet wurden und dann die beste ausgewählt. „Nie ist es das gleiche Stück, obwohl es Vorgaben gibt, die aber so flexibel sind, dass es jedesmal anders klingt,“ erklärt Drummer Bernard Trontin.


The Young Gods play Terry Riley 'In C' / part 1 (youtube) 


 

Für ihn stellte die Komposition eine besondere Herausforderung dar. Weil in der Partitur kein Schlagzeug vermerkt ist, musste Trontin seinen eigenen Part erfinden. Aus den 53 vorgegebenen musikalischen Modulen, von denen manche nur aus drei Noten bestehen, entwickelte er individuelle Trommelrhythmen. „Ich übersetzte jede Sektion in ein spezielles Schlagmuster,“ erzählt der Drummer. „Dann musste ich äußerst genau hören, was zwischen den beiden elektronischen Instrumenten passierte, um schnell darauf reagieren zu können.“ 

 

Das Ergebnis ist eine knapp 60minütige, vor Spannung und Elektrizität knisternde Version des Ursprungswerk der Minimalmusik, knapp 60 Jahre nach seiner Geburt. Jetzt sind die Young Gods gespannt, was Komponist Terry Riley dazu sagen wird.

 

The Young God play Terry Riley In C (Two Gentlemen Records)


Dazu meine Radio-Sendung auf SWR Kultur:

https://www.swr.de/swrkultur/musik-jazz-und-pop/die-ursonate-der-minimal-music-in-c-von-terry-riley-100.html