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Tuesday, 13 February 2018
Tuesday, 4 June 2013
Low, Feldman, Wolfarth, To Rococo Rot etc.: Strategien der Reduktion
Die Dehnung der Zeit
Morton Feldman und John Cage
Morton Feldman war eng mit John Cage befreundet. Mit seiner Komposition “4’33” entwarf Cage 1952 das ultimative Stück des Reduktionismus. Es besteht aus nichts anderem als vier Minuten und 33 Sekunden Stille. Cage ging es darum, das Nichts sinnlich erfahrbar zu machen, das für ihn eine Imagination von Ewigkeit war. Der Interpret ist gehalten, ganz ruhig an seinem Instrument zu sitzen und keinen Ton hervorzubringen. Durch die Stille nimmt das Publikum plötzlich die Geräusche der Umgebung wahr, deren Poesie Cage herausheben wollte. “Musik der Realität” war seine Bezeichnung dafür. "Was mir wirklich an dem stillen Stück gefällt, ist, dass es jederzeit gespielt werden kann," meinte er schelmisch.
Christian Wolfarth Cages „4’33“ wurde in den 90er Jahren zum Fluchtpunkt einer internationalen Bewegung von Avantgarde-Musikern, die sich einem radikalen Reduktionismus verschrieben und in Wien, Berlin und London ihre Hauptquartiere hatten. Ihre asketische Musik neigte zur Ereignislosigkeit und war manchmal noch leiser als leise. In letzter Konsequenz verschwand sie vollkommen in der Stille. Der Schweizer Schlagwerker Christian Wolfarth ist mit dieser Szene lose verbunden. Er hat sein Schlagzeug mehr und mehr ausgedünnt und verkleinert und spielt heute oft nur noch auf ein paar ausgesuchten Metallbecken, die er mit Geigenbögen streicht, um sie leise summen und brummen zu lassen. Monochromen Klänge, die oft wie elektronische Sounds klingen, ebben auf und ab und schimmern in vielen Farben.
Nur wenige Elemente prägen die elektronische Loopmusik der Formation To Rococo Rot, deren Mitglieder aus Düsseldorf und Berlin kommen. Meistens steht der Rhythmus im Vordergrund, getragen von einem wuchtigen Baßriff. Melodie und Harmonik sorgen als dezente Klangfarben für Koloratur. Mit den Loops und der stetigen Wiederholung kommt ein trancehaftes Moment ins Spiel. Die Mitglieder des Trios sind Meister im Weglassen. “Wenn man in kompletter Dunkelheit sitzt, entwickelt das Gehirn von selbst Bilder, weil es keine Sinneswahrnehmung mehr gibt,“ erläutert Elektroniker Robert Lippok die Idee. „Unsere Musik funktioniert so ähnlich. Oft haben uns Konzertbesucher erzählt, dass sie Melodien hören, die gar nicht in den Stücken sind. Dadurch wird der Hörer zum Mitmusikanten und zum Teil der Band.”
To Rococo Rot: Rocket Road (3er CD Box / City
Slang)
Fifty-Fifty: Let’s Count (Klangbad)
Nik Bärtsch’s Ronin: Live (ECM)Der Artikel erschien zuerst in der WoZ (Die Wochenzeitung / Zürich)
Wednesday, 13 March 2013
JAZZTRENDS: Fifty-Fifty - Strategien der Reduktion
Komplexe
Einfachheit
Das
Stuttgarter Duo Fifty-Fifty von Manfred Kniel und Ekkehard Rössle bastelt an
Strategien der Reduktion
Foto: Manuel Wagner
30
Jahre lang hatte der Stuttgarter Schlagzeuger Manfred Kniel moderne Jazzmusik
gespielt, dabei mit so renommierten Namen wie dem Trompeter Frederic Rabold,
der Vokalistin Lauren Newton und dem Vibrafonisten David Friedman gearbeitet,
bis in ihm mit der Zeit eine andere Vision reifte: Ihm schwebte ein
komprimierter Jazz vor, der sich aufs Wesentliche beschränkt und jede
Geschwätzigkeit vermeidet. Kniel dachte über die Vorteile der Einfachheit nach
und bastelte an Strategien der Reduktion. Er nennt es “Jazz der mittleren
Dichte”.
Foto: Manuel Wagner
Mit
dem Saxofonisten Ekkehard Rössle gründete Kniel das Duo Fifty-Fifty, um das
Konzept musikalisch umzusetzen. Kompositionen entstanden, die sich
baukastenartig und doch völlig organisch aus raffinierten Grooves entwickeln -
mit knappen Melodielinien, pfiffigen Arrangements und prägnanten
Kurzimprovisationen versehen. Die instrumentale Beschränkung auf nur zwei
Instrumente führt die Musik auf ihre Ur-Elemente zurück: Melodie und Rhythmus.
Das schafft Tranzparenz und Raum.
Mit
der Saxofon-Schlagzeug-Kombination reiht sich Fifty-Fifty in eine Tradition
ein, die 1967 mit einem Paukenschlag begann, als John Coltrane mit Schlagzeuger
Rashied Ali das bahnbrechende Album “Interstellar Space” aufnahm. Zur gleichen
Zeit entwarfen in Europa Willem Breuker (Saxofon) und Han Bennink (Schlagzeug)
ihren “New Acoustic Swing”. Seither gab es immer wieder Musiker, die sich von
dieser speziellen Besetzung faszinieren ließen: Lee Konitz und Matt Wilson,
John Zorn und Milford Graves, Ernst-Ludwig Petrowsky und Michael Griener. Sie
alle wählten die freie Improvisation als Ausgangspunkt, im Gegensatz zu Kniel
und Rössle, die eine genau abgesteckte Konzeption aus Komposition und
Improvisation verfolgen.
Wenig
zu spielen, kann eine Herausforderung sein. “Das Problem besteht darin, dem
Erwartungsdruck der Zuhörer nicht nachzugeben und seine Virtuosität und
Spieltechnik im Zaum zu halten. Man braucht nicht alles zu zeigen, was man
kann,” erklärt Ekkehard Rössle. “Man muss der Angst vor der Stille widerstehen
und nicht alles mit Tönen und Klängen zukleistern.”
Als
Drummer verwandelt sich Kniel in eine Präzisionsmaschine, die polymetrische
Grooves in akustische Loops verwandelt. Aus einer Zen-artigen Versunkenheit
schlägt er rhythmische Pattern, die hochkomplex und einfach zugleich sind und
manchmal an die Beats aktueller elektronischer Clubmusik erinnern, nur eben
akustisch erzeugt. Rössles Saxofon besticht durch einen warmen Ton - er hat
beim Cooljazz-Saxofonisten Hans Koller gelernt. Dazu bläst er Linien, die
Geschichten zu erzählen scheinen und voller Poesie sind.
Auf
ihrem neuen Album haben die beiden die australische Vokalistin Rebecca Harris
vom Experimental-Ensemble Nista Nije
Nista ins
Boot geholt, die die verknappte Verse gekonnt intoniert. Harris gibt nicht dem
Drang nach, sich als Jazzdiva profilieren zu müssen, sondern reiht sich perfekt
in das Gruppenkonzept ein. Manchmal singt sie nur ein paar Töne oder rezitiert
Worte in repetitiver Manier, wobei ein minimalistischer kammermusikalischer Jazz
entsteht, der den Charme einer Spieluhr versprüht - auf jeden Fall verzaubert.
Neuerscheinung:
Fifty-Fifty
(Manfred Kniel / Ekkehard Rössle / Rebecca Harris): Let’s Count
(Klangbad/Broken Silence)
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