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Tuesday, 8 September 2026

SCHEIBENGERICHT Nr. 67: Claudia Solal / Benoit Delbecq

LIEDGEDICHTE

Claudia Solal / Benoit Delbecq: Honour Oxygen!

Bureau De Son / dStream





Benoit Delbecq zählt zu den interessantesten Jazzpianisten der Gegenwart. Der 60 Jahre alte Franzose hat das Spiel auf den 88 Tasten revolutioniert, indem er John Cages Idee des präparierten Klaviers optimiert und perfektioniert hat. Diese Technik gibt ihm eine enorme Palette von Klangfarben an die Hand, die sich während des Spiels verändern lassen und sich wie ein afrikanisches Ballaphon anhören können oder als ob Regen auf ein Blechdach tropft. In einem Duo mit der Vokalistin Claudia Solal knüpft Delbecq an das Urstück des „prepared pianos“ – John Cages „Sonatas and Interludes“ – improvisatorisch an, indem er dem Gesang die wundersamsten Töne und Klänge unterlegt.


Die französische Vokalistin Claudia Solal ist die Tochter des Jazzpianisten Martial Solal und steht in der Tradition des modernen Jazzgesangs einer Norma Winston, Lauren Newton oder Jeanne Lee. Sie singt keine Songs mit Strophen und Refrain, sondern präsentiert neun Liedgedichte, die behutsam Worte und Sätze in Bewegung setzen, um spezielle Atmosphären und Stimmungen zu erzeugen. Dabei benutzt sie keine Guturallaute, sondern bliebt im Bereich der Sprache, wobei sie so reibungs- und übergangslos von englisch zu französisch übergeht wie Delbecq von den manipulierten Tönen zum konventionellen Pianoklang. Mit Honour Oxygen! ist den beiden ein bemerkenswertes Album gelungen, das voller Emotionen und Überraschungen steckt. 


Hörprobe:





Thursday, 1 November 2018

Jazztrends: Manfred Kniels neuster Streich

Magische Beschwörung

Der Stuttgarter Schlagzeuger Manfred Kniel geht im Jazz neue Wege

Foto: Manuel Wagner

cw. Manfred Kniel ist das Enfant terrible der südwestdeutschen Jazzszene. Der Komponist und Schlagzeuger bürstet den Jazz gegen den Strich. Seit Jahren brütet der ehemalige Dozent an der Stuttgarter Musikhochschule immer wieder neue Projekte aus, die über die improvisierte Musik hinausgehen und trotzdem darin verwurzelt sind. Mit dem Schlagwort „Post-Jazz“ hat die Kritik diesen innovativen Trend auf den Punkt gebracht. Gerade ist ein neues Album von Kniel erschienen, das ebenfalls in diese Richtung weist. Kniel bricht nicht zum ersten Mal in seiner Karriere in musikalisches Neuland auf.
                                                                                                                           Foto: Martin Wagner
Seine Sporen verdiente Manfred Kniel in den 1970er Jahren bei der Frederic Rabold Crew und später beim Jazz Inspiration Orchestra, die beide damals zu den profiliertesten Jazzensembles der bundesdeutschen Szene zählten. Danach saß er im Quartett der Sängerin Lauren Newton auf dem Schlagzeug-Stuhl, wo er mit dem amerikanischen Vibrafonisten David Friedman zusammenspielte. Schon damals zeichnete sich Kniel durch große Virtuosität und eine humorvolle Exzentrik aus, Eigenschaften, die er bis heute beibehalten hat. 

Als Komponist wie auch als Drummer ist Kniel ein Meister der Verknappung. Von der Vielspielerei, der gedankenlosen Erzeugung einer Masse von Tönen, hält er nichts. „Reduktion!” lautet die Devise. Anstatt einen Wust an Noten zu spielen, orientiert er sich lieber am Motto „weniger ist mehr“. Kniel nimmt sich zurück, agiert mit Klarheit und Überblick. Sein jüngstes Werk namens „S.O.S.-Suite“ (erschienen bei Nytingale Records) ist ganz nach diesem Muster gestrickt. Transparente Kompositionen, stringent-logisch konstruiert, bestimmen das Album. Die Stücke wirken dennoch nicht überladen, obwohl fünf Musiker an der Einspielung beteiligt waren. 

Als Ausgangspunkt wählte Kniel ein paar wenige Bausteine, die auf dem S.O.S.-Morsecode beruhen: dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz! Aus dieser Formel formte der Drummer einen 5/4-Takt, der als rhythmische Basis die Grundlage für jede der fünf Kompositionen bildet. Die Stücke strotzen vor Originalität und sind bis ins letzte Detail durchdacht und ausnotiert. Nur an genau ausgewiesenen Stellen wird der Improvisation Raum gegeben, die Ekkehard Rössle auf dem Saxofon und Keyboarder Hans Joachim Irmler in expressiver Weise nutzen. Während Rössle mit schlanken, singbaren Linien die Melodiekürzel der jeweiligen Komposition aufgreift und weiterspinnt, bringt Irmler – ehemaliger Keyboarder der Krautrock-Gruppe Faust – mit harschen Sounds Spurenelemente von Noise und Industrial ins Spiel. Die Sängerin Denise Taylor belebt mit dadaistischer Lautsprache das Geschehen, fügt den Kompositionen mit vokaler Finesse eine zusätzliche Klangfarbe hinzu. Dabei klingen die Liedverse manchmal wie Zaubersprüche einer magischen Beschwörung. 
Kniels musikalisches Universum ist Lichtjahre von den Gepflogenheiten des konventionellen Jazz entfernt, weil der Schlagzeuger auf beeindruckende Weise das macht, von dem viele Musiker nur reden. Kniel hat über die Jahre einen völlig eigenständigen Personalstil entwickelt, der all die Routinen und Klichees umgeht, die heute den Jazz gelegentlich etwas verbraucht erscheinen lassen. Sein Konzept könnte als Frischzellenkur für die improvisierte Musik taugen! 

Manfred Kniel: S.O.S.-Suite (Nytingale Records)

Bezug über: records@nytingalemusic.de

Mehr Infos:
http://christophwagnermusic.blogspot.com/2013/03/jazztrends-fifty-fifty-strategien-der.html

Auf SWR2 in der Sendung RADIOPHON – MUSIKCOLLAGEN am Donnerstag, 29. November 2018 (21:03 - 22:00) ist ein Titel aus der S.O.S.-Suite von Manfred Kniel zu hören.

Tuesday, 29 May 2018

Die Frédéric Rabold Crew wird fünfzig

Von höchster Qualität

Eine der besten Jazzgruppen im Südwesten feiert Geburtstag: die Frédéric Rabold Crew wird fünfzig


cw. Mit einem Konzert vor großem Auditorium feierte die Frédéric Rabold Crew unlängst Geburtstagsparty im Theaterhaus in Stuttgart: Seit genau 50 Jahren gibt es die Formation, die als eine der profiliertesten Jazzgruppen Südwestdeutschlands gilt. 1968 gegründet, haben in der „Crew“ über die Jahre etliche der bekanntesten Jazzmusiker Baden-Württembergs gespielt, ob Eberhard Weber (Baß), Herbert Joos (Flügelhorn) oder die amerikanische Sängerin Lauren Newton. 

Für sein Ensemble schreibt Bandleader Rabold bis heute unermüdlich neue Kompositionen, deren Zahl inzwischen in die Hunderte geht. Zum 50. Jubiläum ist ein neues Album der Gruppe mit dem Titel „Northern Lights“ (Nytingale Records) erschienen. Es enthält sieben längere Stücke, die alle von Rabold stammen.

Das Jazz-Handwerk erlernte der Trompeter und Flügelhornspieler in der Band seines Vaters, mit der er schon in jungen Jahren in den “Ami-Clubs” um Heidelberg und Karlsruhe auftrat. “Schwarze GIs wollte Jazz hören,“ erinnert sich Rabold, „und den konnten wir bieten.“ Nach einem klassischen Trompetenstudium und zwei Jahren Dienst beim Bundeswehr-Musikcorps in Bad Cannstadt, rief er 1968 die FrédéricRabold Crew ins Leben, eine mittelgroße Formation aus acht bis zehn Mitgliedern, die einen eigenen Weg im modernen Jazz einschlug. Die Crew verband buntschillernde Arrangements und freie Improvisationen mit groovenden Rockrhythmen und elektrische Sounds von E-Piano und E-Gitarre. 

In den 1970er Jahren hatte die Band ihre ganz große Zeit. Mit hochkarätigen Talenten wie dem Schlagzeuger Manfred Kniel, dem Pianisten Uli Bühl, dem Saxofonisten und dem Bassisten Fritz Heieck machte die Gruppe in ganz Deutschland Furore. „Mal swingte die Musik, mal war sie ‘funky’. Es gab Balladen und dann wieder total freie Sequenzen,“ erinnert sich Rabold. „Diese Mischung machte uns interessant. Die Kompositionen bildeten den Rahmen, in dem dann viel improvisiert wurde.“

Wenn es rund lief, absolvierte die Band 25 Konzerte im Monat – von Kellerclubs bis zu großen Festivals. „In Stuttgart haben wir manchmal unser Equipment nach einem Konzert gleich in den nächsten Club getragen, wo wir am nächsten Tag gebucht waren, so voll war unser Terminkalender,“ erzählt Bassist Fritz Heieck. „Jazzpapst“ Joachim Ernst Berendt produzierte eine Schallplatte der Crew und sorgte für Rundfunkauftritte, auch für eine Veröffentlichung beim renommierten MPS-Label in Villingen. 1974 stieß die amerikanische Vokalistin Lauren Newton zur Gruppe und sorgte mit ihrer exaltierten Vokalistik für frische Impulse. „Wir spielten Musik zwischen Jazz und Rock und waren eine der wenigen Bands damals, die stark in diese Richtung gingen,“ erinnert sich Newton, die heute Jazzgesang an einer Schweizer Hochschule unterrrichtet. „Ausgangspunkt waren immer relativ einfache Themen mit viel Raum für Improvisation.“ 
                                     Foto: Martin Wagner
Doch obwohl es damals richtig rund lief, blieb das große Geld aus, weil die Gagen immer durch 8 bis 10 Mitglieder geteilt werden mussten. „Das war nicht so schlimm,“ meint Newton. „Wichtig war, daß wir spielen konnten und so unsere Musik zu den Leuten brachten.“ Manchmal stiegen “Guest-Stars” wie Albert Mangelsdorff oder Manfred Schoof ein. 

Nach 15 Jahren war der kreative Aku leergelaufen. Rabold legte eine längere Verschnaufspause ein, um danach mit verjüngter Besetzung wieder auf die Szene zurückzukehren. Neben dem Bandleader ist heute von der ursprünglichen Formation nur noch Bassist Fritz Heieck mit von der Partie, wobei es die Gruppe geschafft hat, nahtlos an die Klasse und Qualität von früher anzuknüpfen. Immer noch steht die Crew für einen modernen Jazz, der es in sich hat und mit Drive und Dynamik sowie ausgefeilten Arrangements und exzellenten Soli das Publikum in Begeisterung versetzt, wie der Geburtstagsauftritt im Stuttgarter Theaterhaus zeigte.

Der Artikel erschien zuerst im Schwarzwälder Boten, große Tageszeitung im Südwesten

Sunday, 27 November 2016

Jazz im Südwesten: KRISCH TRIO mit LAUREN NEWTON

Atemberaubende Leichtigkeit

Das Dizzy Krisch Trio plus Lauren Newton im SWR-Landesstudio Tübingen


Jazzmusiker haben es schwer: überschaubares Publikum, magere Gagen, wenige Auftrittsmöglichkeiten. Da springt der Südwestdrundfunk als Unterstützer ein: Seit 16 Jahren veranstaltet das Landesstudio Tübingen einmal im Monat ein Jazzkonzert, das mitgeschnitten wird. Die Aufnahmen werden den Musikern kostenlos zur Verfügung gestellt, um daraus – falls geeignet -  eine CD-Veröffentlichung zu machen. Diese Kulturförderung eines öffentlich-rechtlichen Senders hat über die Jahre zu erstaunlichen Ergebnissen geführt. Eine ganze Reihe exzellenter CD-Produktionen sind entstanden, die die vitale Jazzszene Südwestdeutschlands seit der Jahrtausendwende dokumentieren.

Der Tübinger Vibrafonist Dizzy Krisch und seine Musiker haben die Möglichkeit beim Schopfe gepackt: Ein Auftritt vor zwei Jahren im Tübinger SWR-Studio ist jetzt als Tonträger erschienen. Am Freitag fand vor ausverkauftem Saal die CD-Taufe statt. “Lonely Woman” heißt das Album, das beim Kölner Label JazzHausMusik erschienen ist.

Krisch hat sein Quartett hochkarätig besetzt. Für ein federndes Fundament sorgt die Stuttgarter Bassistin Caroline Höfler. Am Schlagzeug setzt der seit Jahren in Ulm lebende Amerikaner Billy Elgart Akzente, und eine enorme Palette an vokalen Farben bringt die Stimmkünstlerin Lauren Newton ein, die ebenfalls Amerikanerin ist, aber seit längerem in Tübingen lebt. Zusammen ergibt das ein Ensemble, das aus der Crème der Jazzmusiker aus dem Südwesten besteht.


Den ersten Teil des Konzerts bestritt die Gruppe als Instrumentaltrio, wobei jeder der drei Musiker in den Kompositionen von Dizzy Krisch, plus einem Titel von George Gershwin, glänzen konnte. Vor allem der Bandleader ließ die Klöppel mit atemberaubender Leichtigkeit auf die Tonstäbe seines Vibrafons prasseln, angetrieben von einer famosen Rhythmusgruppe, die jeden Hackenschlag mitging. Nach der Pause komplettierte dann Lauren Newton das Ensemble und führte die Musik noch weiter über den Horizont des Mainstream-Jazz hinaus. Ob textloser Scat-Gesang oder fantasievolle Lautmalerei, ob dadaistische Wortspiele oder einfühlsame Lyrik-Interpretationen – Newton bewieß zum wiederholten Mal, dass sie zur Spitzenklasse des zeitgenössischen Jazzgesangs gehört. 

Die Konzertbesprechung erschien zuerst im Schwarzwälder Bote, große Tageszeitung im Südwesten

Thursday, 17 October 2013

JAZZTRENDS: LAUREN NEWTON - Maulwerke


Exzentrische Stimmkunst

Lauren Newton bei den Tübinger Jazz & Klassik-Tagen


cw. Die Amerikanerin Lauren Newton ist die einzige Tübinger Jazzmusikerin von internationalem Rang. Einst machte sie mit ihrer exzentrischen Gesangskunst im Vienna Art Orchestra Furore und war neben Bobby McFerrin eine der Beteiligtem beim Vocal Summit. Daneben ließ sie immer wieder mit eigenen Gruppen und Projekten aufhorchen. Seit die Stimmakrobatin jedoch an der Musikhochschule in Luzern Jazzgesang unterrichtet, hat sie sich auf der Konzertszene rar gemacht. Einen ihrer seltenen Auftritte absolvierte sie jetzt als Heimspiel bei den Tübinger Jazz & Klassik-Tagen und stellte dabei erneut ihre Extraklasse unter Beweis.

Im Trio mit Karoline Höfler am Kontrabass
und dem Rezitator Hartmut Andres stellte Newton eines der Hauptwerke des Dadaismus ins Zentrum ihres Konzerts: die “Ursonate” von Kurt Schwitters - entstanden in den 1920er Jahren. Die Dadaisten waren wilde Gesellen, die die Kunst so radikal zerlegten, dass kein Stein auf dem anderen blieb. Und die “Ursonate”
macht da keine Ausnahme. Es ist ein Lautgedicht, das in einer Fantasiesprache gehalten ist, also neuerfundene Wortgebilde und Satzkonstruktionen ohne Sinn in expressiv-poetischer Manier verbindet. Mit Verve trug Hartmut Andres den Originaltext von Kurt Schwitters vor, der in seiner Radikalität heute noch verblüfft, während Newton und Höfler darauf mit kurzen Improvisationseinwürfen antworteten.

Angeregt durch die Exzentrik des Ausgangsmaterials ließ Newton sich zu vokalistischen Höhenflügen inspirieren. Sie zog alle Register der Gesangskunst und lotete den Rachenraum als Experimentierlabor für ihre “Maulwerke” aus. Zwischen opernhaftem Koloraturgesang und jazzmäßiger Scat-Vokalistik war da von röcheln, hecheln und stöhnen bis zu grunzen, glucksen und zischen alles an archaischen Urlauten zu vernehmen. Karoline Höfner unterlegte das Ganze mit nicht minder ausgefallenen Kontrabassklängen, die etwa dadurch erzeugt wurden, dass die Stuttgarter Bassvirtuosin Wäscheklammern an die Saiten klemmte, die sie vibrieren und schnarren ließ.

Im zweiten Teil des ausverkauften Konzerts, das im SWR-Studio auf dem Tübinger Österberg stattfand, knüpften die drei nahtlos an Kurt Schwitters Klassiker an. Eigene Stücken kamen nun zur Aufführung, die nicht weniger ausgefallen wirkten und Elemente von konkreter Poesie à la Ernst Jandl mit kreativen Jazzexperimenten kombinierten. Obwohl diese Welt aus Klängen, Lauten und Geräuschen oft nicht einfach zu verdauen war, gerieten die musikalischen Darbietungen dennoch manchmal so witzig, skurril und vergnügt, das die Zuhörer in spontanes Gelächter ausbrachen und die Künstler nicht ohne Zugabe von der Bühne ließen.

Wednesday, 13 March 2013

JAZZTRENDS: Fifty-Fifty - Strategien der Reduktion


Komplexe Einfachheit

Das Stuttgarter Duo Fifty-Fifty von Manfred Kniel und Ekkehard Rössle bastelt an Strategien der Reduktion 

                                                                                                                                       Foto: Manuel Wagner                             
                          
cw. Jazzmusiker geizen normalerweise nicht mit Tönen. Der ökonomische Umgang mit den musikalischen Mitteln zählt nicht zu den Tugenden des Stils – im Gegenteil: die Improvisationen bieten den Solisten die Möglichkeit, ihre Virtuosität und Fingerfertigkeit ausgiebigst unter Beweis zu stellen. Von diesem Musizierideal weicht die Gruppe Fifty-Fifty ab. Ihr Motto lautet: “Weniger ist mehr!”

30 Jahre lang hatte der Stuttgarter Schlagzeuger Manfred Kniel moderne Jazzmusik gespielt, dabei mit so renommierten Namen wie dem Trompeter Frederic Rabold, der Vokalistin Lauren Newton und dem Vibrafonisten David Friedman gearbeitet, bis in ihm mit der Zeit eine andere Vision reifte: Ihm schwebte ein komprimierter Jazz vor, der sich aufs Wesentliche beschränkt und jede Geschwätzigkeit vermeidet. Kniel dachte über die Vorteile der Einfachheit nach und bastelte an Strategien der Reduktion. Er nennt es “Jazz der mittleren Dichte”.
                                                                                                                                                                            Foto: Manuel Wagner
Mit dem Saxofonisten Ekkehard Rössle gründete Kniel das Duo Fifty-Fifty, um das Konzept musikalisch umzusetzen. Kompositionen entstanden, die sich baukastenartig und doch völlig organisch aus raffinierten Grooves entwickeln - mit knappen Melodielinien, pfiffigen Arrangements und prägnanten Kurzimprovisationen versehen. Die instrumentale Beschränkung auf nur zwei Instrumente führt die Musik auf ihre Ur-Elemente zurück: Melodie und Rhythmus. Das schafft Tranzparenz und Raum.

Mit der Saxofon-Schlagzeug-Kombination reiht sich Fifty-Fifty in eine Tradition ein, die 1967 mit einem Paukenschlag begann, als John Coltrane mit Schlagzeuger Rashied Ali das bahnbrechende Album “Interstellar Space” aufnahm. Zur gleichen Zeit entwarfen in Europa Willem Breuker (Saxofon) und Han Bennink (Schlagzeug) ihren “New Acoustic Swing”. Seither gab es immer wieder Musiker, die sich von dieser speziellen Besetzung faszinieren ließen: Lee Konitz und Matt Wilson, John Zorn und Milford Graves, Ernst-Ludwig Petrowsky und Michael Griener. Sie alle wählten die freie Improvisation als Ausgangspunkt, im Gegensatz zu Kniel und Rössle, die eine genau abgesteckte Konzeption aus Komposition und Improvisation verfolgen.

Wenig zu spielen, kann eine Herausforderung sein. “Das Problem besteht darin, dem Erwartungsdruck der Zuhörer nicht nachzugeben und seine Virtuosität und Spieltechnik im Zaum zu halten. Man braucht nicht alles zu zeigen, was man kann,” erklärt Ekkehard Rössle. “Man muss der Angst vor der Stille widerstehen und nicht alles mit Tönen und Klängen zukleistern.”
                                                            
Wochenlang brütet Kniel über einem einzigen Rhythmus, variiert, verfeinert und komplettiert ihn, um jedem Beat einen eigenständigen Charakter zu geben. Mit Zangen und Hämmern bearbeitet er Metallbecken, bis sie seinen Klangvorstellungen entsprechen. Trommeln werden abgedämpft für den richtigen Sound.  “Von zehn Rhythmen, an denen ich feile, kommt am Ende vielleicht nur einer zum Einsatz,” beschreibt er den rigorosen Auswahlprozeß. “Die anderen werden verworfen, weil sie noch nicht meinen Ansprüchen genügen.”
  Foto: Manuel Wagner
 
Als Drummer verwandelt sich Kniel in eine Präzisionsmaschine, die polymetrische Grooves in akustische Loops verwandelt. Aus einer Zen-artigen Versunkenheit schlägt er rhythmische Pattern, die hochkomplex und einfach zugleich sind und manchmal an die Beats aktueller elektronischer Clubmusik erinnern, nur eben akustisch erzeugt. Rössles Saxofon besticht durch einen warmen Ton - er hat beim Cooljazz-Saxofonisten Hans Koller gelernt. Dazu bläst er Linien, die Geschichten zu erzählen scheinen und voller Poesie sind.

Auf ihrem neuen Album haben die beiden die australische Vokalistin Rebecca Harris vom Experimental-Ensemble Nista Nije Nista ins Boot geholt, die die verknappte Verse gekonnt intoniert. Harris gibt nicht dem Drang nach, sich als Jazzdiva profilieren zu müssen, sondern reiht sich perfekt in das Gruppenkonzept ein. Manchmal singt sie nur ein paar Töne oder rezitiert Worte in repetitiver Manier, wobei ein minimalistischer kammermusikalischer Jazz entsteht, der den Charme einer Spieluhr versprüht - auf jeden Fall verzaubert.

Neuerscheinung:
Fifty-Fifty (Manfred Kniel / Ekkehard Rössle / Rebecca Harris): Let’s Count (Klangbad/Broken Silence)