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Sunday, 6 August 2023

Zum Tod von Tristan Honsinger (1949 - 2023)

Nachruf:

Tristan Honsinger (23. Oktober 1949 –  5. August 2023)

Mit Freejazz ist kein Geld zu verdienen – Honsinger mit Cello und zwei Kollegen 1975 in Antibes (Foto: Hans Kumpf)

Wenn man auf der europäischen Freejazzszene unterwegs war, lief man ihm zwangsläufig irgendwann über den Weg: Der Cellist Tristan Honsinger war in vielen Ensembles und Kombinationen präsent, ob mit Derek Bailey bzw. Cevil Taylor oder Steve Beresford und Toshinori Kondo, vor allem aber in den Niederlanden im Umfeld von Han Bennink und Misha Mengelberg und dem ICP-Orchestra. Der amerikanische Musiker aus Vermont, der in seiner Kindheit als Cello-Wunderkind galt, war 1974 nach Europa gekommen, hatte sich in Amsterdam niedergelassen und von dort seine vielfältigen Aktivitäten entfaltet. Etliche Alben für die Free Music Production (FMP) und andere Labels – darunter auch diverse Soloeinspielungen – zeugen von seinem Talent und großer Musikalität. 

Honsinger war seit längerem schwer krank und konnte nicht mehr auftreten. Mit Spendeaktionen versuchten Freunde Geld für ihn zu sammeln. Sein Erscheinungsbild glich immer mehr dem eines Clochards, wobei sein Leben auf drastische Weise die Tragik eines Künstlers widerspiegelte, der ohne Netz aufs Ganze ging. Jetzt ist der Cellist, der auch gerne Dada-Absurditäten in sein Spiel einbezog, im Alter von 73 Jahren am 5. August 2023 verstorben.

Tristan Honsinger beim Barbier (youtube)



Wednesday, 11 May 2022

Über das Altern als Musiker: Han Bennink


Can’t teach an old dog new tricks - Han Bennink zum 80sten




In seiner 60jährigen Karriere hat Han Bennink mit vielen „Heavyweights“ des modernen Jazz gespielt, von Eric Dolphy bis Sonny Rollins. Im Umkreis von Peter Brötzmann avancierte der Holländer dann in den 1960er Jahren zu einem der einflußreichsten Drummer des europäischen Freejazz. Am 17. April 2022 ist Bennink 80 Jahre alt gworden – Gratulation!!!!

 

 

Christoph Wagner: Sie feierten am 17. April 2022 Ihren 80. Geburtstag. Haben Sie jemals ans Aufhören gedacht?

 

Han Bennink: Wegen die Pandemie ging mir das in letzter Zeit schon manchmal durch den Kopf, weil ich einfach in den letzten zwei Jahren viel weniger gespielt habe. Eigentlich wollte ich in Zukunft wieder mehr auftreten, nur nicht mehr so viel reisen. Ich hasse Reisen, Flugzeuge finde ich zum Kotzen. Fahrräder sind fantastisch. Oft muß man zwei Tage reisen, um 50 Minuten zu spielen – das ist doch krank, kostet wertvolle Lebenszeit, in der ich mich viel lieber meinen Kunstwerken widme. Ich war ja immer schon zweigleisig unterwegs, als Jazzmusiker und als bildender Künstler.




 

Hat das Alter Ihre Musik verändert?

 

HB: Ich hoffe nicht! Ich übe weiterhin viel, um nicht einzurosten. Wie lange, das hängt vom Fernsehprogramm ab. Ich bin ein Sportfan, was bedeutet, dass wenn ein Radrennen übertragen wird, am besten die Tour de France, ich Stunden lang vor der Mattscheibe sitze und das Geschehen verfolge, wobei ich nebenher mit den Drumsticks auf einem Kissen übe. Ich störe damit niemanden, mein trommeln ist kaum hörbar. Außerdem habe ich über die Jahre einen Rucksack spieltechnischer Tricks angesammelt, auf die ich jeder Zeit zurückgreifen kann. Der Rucksack wird allerdings von Jahr zu Jahr schwerer, weshalb man ab und zu etwas rauswerfen muß. Mit dem Alter wird die Vision der Musik, die man machen will, immer klarer und deutlicher. 

 

Üben Sie die bekannten Rudiments, die klassischen Schlagfiguren?

 

HB: Ganz genau! Immer dieselbe Scheiße: Paradiddle, Triolen, Mühle, Wirbel etc.


DUO: Han Bennink & Wilbert de Joode (youtube)

 

Der Schlagzeuger Jaki Liebezeit hat mir einmal erzählt, dass er mit zunehmendem Alter dazu überging, sein Schlagzeugspiel organisch aus seinem natürlichen Bewegungsablauf zu entwickeln. Macht das Sinn?

 

HB: Gute Idee. Dennoch sind mir die Tricks sehr wichtig, die ich szenisches Theater nennen: Es ist der visuelle Aspekt des Schlagzeugspiels! Brötzmann mochte das nicht und sagte immer: „Bennink mach‘ doch nicht so ein Theater!“ Ich finde es manchmal aber einfach notwendig, vom Schlagzeug aufzustehen und trommelnd herumzugehen, dabei auf dem Fußboden, auf einem Stuhl oder auf dem Bühnenrand zu trommeln. Man kann auch im Liegen Paradiddle spielen – das geht alles und bringt ein szenisches Element in die Musik, außerdem ganz andere Klangfarben. Die Freiheit nehme ich mir. Voraussetzung ist jedoch: Es muß passen, muß musikalisch Sinn machen. Als reine Effekthascherei ist es zu billig. Dabei kommen meine Einflüsse aus der Kunst zum Tragen: Happening, Performance-Art, Dada. Mein großes Vorbild ist Kurt Schwitters, in dessen Kunst Humor und Ironie eine wichtige Rolle spielen.




 

Sie haben vor einiger Zeit ihr Schlagzeug radikal reduziert und spielen heute nur noch auf einer Snaredrum. Hat diese Entwicklung mit dem Alter zu tun?

 

HB: Ich war es einfach leid, immer Tonnen von Schlagwerk herumzutragen. Damit rückte die kleine Trommel ins Zentrum der Aufmerksamkeit, wobei ich darauf aus war, aus immer weniger immer mehr herauszuholen. Wenn man sein Schlagzeugspiel verändern will, kehrt man am besten zu den „Basics“ zurück, und das ist die kleine Trommel! Ein paar Konzertbesucher meinten: „Der Typ ist so arm, dass er sein ganzes Schlagzeug verkaufen mußte.“ Pusteblume: Ich habe fürs Alter ausreichend vorgesorgt, was bedeutet, dass wenn ich eines Tages nicht mehr auftreten kann, ich trotzdem genug zum Leben habe.


Ich kann mich täuschen, aber Sie scheinen mit 80 Jahren noch gut in Schuß zu sein. Zahlt sich jetzt ihr „calvinistischer Lebensstil“ (Peter Brötzmann) aus?


HB: Dass man gesund bleibt, ist reines Glück. Allerdings ging es mir immer nur um die Musik, nicht um die eher unschönen Randerscheinungen, die Saufereien und Alkohol-Exzesse usw. Auch musste ich nach den Konzerten mein Riesenschlagzeug einpacken, es die Treppen vom Jazzkeller hochschleppen und dann verstauen. Danach ging ich ins Hotel. Ich bin nicht der Typ, der nächtelang in Kneipen rumhängt. Am nächsten Morgen blieb es dann üblicherweise an mir hängen, eine Gruppe besoffener Freejazzer zum nächsten Konzert quer durch Deutschland zu fahren. Am Schlimmsten traf es die Pianistin Irène Schweizer: Sie konnte mit diesen alkoholisierten Männerritualen gar nichts anfangen. Heute trinke ich natürlich auch gerne mal ein Gläschen Weißwein. Außerdem rauche ich Marihuana. Wine & Weed ist mein Steckenpferd. Ein anderes Hobby ist meine Sammlung ethnischer Kunst, vor allem japanische Holzschnitte, sowie historisches Spielzeug: kleine Modellautos, Märklin-Lokomotiven, solche Dinge. Damit verbringe ich momentan die Zeit, wenn ich nicht vor dem Fernseher sitze und trommle.


Das Interview erschien zuerst in der sehr empfehlenswerten Musikzeitschrift JAZZTHETIK 5/6 2022 (www.jazzthetik.de)


weiterlesen:


https://christophwagnermusic.blogspot.com/2018/08/zum-tod-von-aretha-franklin-1942-2018.html


https://christophwagnermusic.blogspot.com/2012/10/nonchalance-aki-takase-han-bennink.html



Thursday, 16 August 2018

Zum Tod von Aretha Franklin (1942 – 2018)

HAN BENNINK über seine erste Begegnung mit John Coltrane und ARETHA FRANKLIN

Der holländische Jazzschlagzeuger HAN BENNINK in einem Interview mit mir vor einigen Jahren:

Sie reisten dann 1960 zum ersten Mal in die USA?
 
Han Bennink: Wir waren ein Jazztrio und konnten auf einem Passagierdampfer spielen, der Auswanderer in die USA brachte. Es ging in Rotterdam los, dann fuhr man nach Southampton, von dort nach Galway, wo die Iren mit ihren Geigen an Bord kamen. Acht Tage bin ich in New York geblieben. Ich ging jeden Abend zu Konzerten. Im Jazzclub Village Gate hörte ich John Coltrane mit seinem Quartett, auch Aretha Franklin, am Klaiver mit nur einem Schlagzeuger, wahrscheinlich Bernard “Pretty” Purdie. Ich war ein junge hipper Bursche. Coltrane war die Nr. 1 für mich und Aretha die Nr 2. Danach war es umgekehrt!!! 

 

Friday, 19 October 2012

Hörempfehlung 7: AKI TAKASE & HAN BENNINK


NONCHALANCE

Han Bennink & Aki Takase


CW. Den Schlagzeuger Han Bennink hört man am besten auf Platte. ‘Live’ verwandelt sich der holländische Jazzveteran - er hat bereits Mitte der 60er Jahre mit Großen wie Eric Dolphy und Sonny Rollins gespielt - in einen überdrehten Zappelphilipp, der mit ungeheurer Komik und noch größerer Virtuosität auf allem trommelt, was ein Geräusch von sich gibt - vom Fußboden bis zum Bühnengeländer.
Schlecht für die Mitspieler, die bald niemand mehr beachtet. Han Bennink zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Das hätte auch Aki Takase passieren können, obwohl die japanische Pianistin, die seit Jahrzehnten in Berlin lebt, eine resolute Dame ist und sich nicht so schnell die Butter vom Brot nehmen läßt.
Im Studio treten solche Versuchungen erst gar nicht auf. Hier spielt Bennink mannschaftsdienlich, ganz auf seine Duopartnerin bezogen. Aki Takase hat die Kompositionen ausgesucht: ein paar von Thelonious Monk, eine von Eric Dolphy, einen Jazzstandard und den Rest von ihr. Mit lässiger Nonchalance schlägt sie die Tasten an, läßt kleine Melodien hervorperlen, die den Charme von frechen Tanznummern besitzen. Andere Stücke ähneln versonnenen Balladen. Als Kontrastmittel gibt es Freejazz-Detonationen in Cecil-Taylor-Manier oder sperrige Bebop-Nummern, deren kantige Melodien im spontanen Fantasiespiel erkundet werden.
Reaktionsschnell nimmt Bennink den Faden auf, begleitet in einfühsamer Weise. Nuancenreich folgt er jedem kleinen Stimmungsumschwung. Doch kann er auch anders: Dann läßt er es rumpsen - immer wohldosiert, nie überzogen. Weit öfters greift er dagegen zu den Besen, wischt den Swing mehr als er ihn schlägt, um kurze Zeit später in einen kecken Marschrhythmus einzubiegen. Wie die Trackliste verrät, haben alle sechszehn Stücke dieselbe Länge: 3:12 Minuten. Konzeptalbum? Pusteblume! Nur wieder einer von Benninks übermütigen Scherzen.

Aki Takase & Han Bennink: Two For Two (Intakt)