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Wednesday, 13 March 2024

Yoko Ono Ausstellung in London

Yoko Ono in London

Von Fluxus über John Lennon bis in die Gegenwart

                                                         Foto: Promo



In riesigen Galleriekomplex der "Tate Modern" am Southbank-Ufer der Themse in London läuft gerade eine große Ausstellung zu Yoko Ono (noch bis zum 1. September 2024). Die japanische Künstlerin und Musikerin (Jahrgang 1933) war, bevor sie durch ihre Liaison mit John Lennon, den Beatles und danach mit der Plastic Ono Band ("Give peace a chance") weltbekannt wurde, eine junge Fluxus-Artistin in New York und mit vielen Künstler der Avantgarde bekannt und befreundet, darunter viele Musiker, die später zu Kultfiguren der Musikgeschichte wurden wie John Cage, experimenteller Komponist, LaMonte Young, Urvater der Minimal Music oder Ornette Coleman, Freejazz-Pionier.

Legendär sind heute Onos Fluxus-Performances, die sie Anfang der 1960er Jahre in ihrem Loft in Downtown-Manhattan veranstaltete und zu denen alle kam, die in der New Yorker Avantgarde-Szene Rang und Namen hatten. 

Yoko Ono mit dem Ornette Coleman Quartet (Fotos: C. Wagner)


Eine Vielzahl an Exponaten unterschiedlichster Medien (Papier, Skulptur, Film, Performance usw.) macht die Show zu einer hochinteressanten Angelegenheit, indem sie Einblicke in die vielfältigen Aspekte von Onos Schaffen gewährt und damit ganz nebenbei auch in das Wirken der Avantgarde der letzten 50 Jahre.


Über was sich die Presse anfangs mokierte, war z.B. die Wand am Ende der Ausstellung, wo Besucher auf kleinen Zettelchen Nachrichten, Sinnsprüche, Lebensweisheiten oder andere Äußerungen hinterlassen können, und die sich inzwischen zu einem beeindruckenden Werk minimalistischer Papierkunst ausgewachsen hat.


Anleitung Yoko Onos für eine Fluxus-Performance, Sommer 1961 (Foto: J. Revitt)



Friday, 29 September 2023

Buchbesprechung: On Minimalism

Buchbesprechung:

 

Über Minimalismus




cw. Wenn es in den Black Hills von South Dakota ein Mount Rushmore National Memorial der Minimal Music geben würde, wären dort anstatt der vier Köpfe der amerikanischen Präsidenten, wohl LaMonte Young, Terry Riley, Steve Reich und Philip Glass in den Fels gemeißelt. Diese vier legten in den 1960er Jahren das Fundament für eine musikalische Revolution, die, angeregt durch die monochromen Gemälde eines Robert Rauschenberg oder Ellsworth Kelly, mit Reduktion und Repetition arbeitete. Es wurde auf Melodien und Akkordprogression verzichtet und mit Drones, Pattern und Loops einen Kontrapunkt zur klassischen Musik westlicher Provinienz gesetzt. „Musik als gradueller Prozeß“, so hat Steve Reich das Wesensmerkmal der Minimal Music umschrieben, während andere von „Trance Music“ sprachen, zu der psychedelische Drogen in der Anfangsphase ihren Teil beitrugen.

 

Bei genauerer Inspektion läßt sich die Strömung nicht auf die vier Gründungsväter reduzieren, vielmehr handelt es sich um eine weitverzweigten Bewegung, die sich anfangs aus unterschiedlichen Quellen speiste. Neben der Musik des Mittelalters (etwa des Kanons) wirkten Einflüsse aus dem Osten (besonders Indien) sowie aus Afrika. Mit der Zeit entstand eine Vielfalt unterschiedlichster minimalistischer Individualstile, wie sie von Pauline Oliveros, John Adams, Julius Eastman, Michael Nyman, Rhys Chatham, Éliane Radigue oder Meredith Monk verkörpert wurden. Oft ging die Minimal Music mit anderen Musikstile originelle Verbindungen ein, ob mit New Age, Ambient Music oder Konzeptkunst, experimentellen oder elektronischen Klängen. Selbst die Rockmusik oder der modale Jazz atmeten gelegentlich den Geist des Minimalismus. 




In der Gegenwart hat der Stil im Post-Minimalismus eine Fortentwicklung erfahren, aber auch in anderen musikalischen Gattungen Spuren hinterlassen, selbst in der aktuellen Popmusik, wo die elektronische Clubmusik die minimalistische Grundidee noch radikalisiert hat. Kerry O’Brien und William Robin legen mit „On Minimalism – Documenting a Musical Movement“ eine 450 Seiten starke Publikation vor, die die Ambition hat, die Geschichte der minimalistischen Bewegung in ihrer ganzen Breite und Vielfalt darzustellen. Das Buch ist als Materialband angelegt. Jedes Kapitel beginnt mit einer kurzen, kompetenten Einleitung. Daran schließt sich der eigentliche Dokumentarteil an, der Interviews, Manifeste, Zeitungsartikel, Deklarationen, Programmhefttexte, Schallplattenbesprechungen oder Cover-Texte umfaßen kann. Sie erlauben dem Leser ein Eintauchen in die Debatten der Vergangenheit und fördern längst vergessene Kontroversen, Einschätzungen und kritische Einwände zu Tage. So entsteht aus der so vielfältigen wie reichhaltigen Textesammlung eine Geschichte der Minimal Music, die noch einmal deutlich macht, wie verschieden sie doch von der westlichen Kunstmusik ist. 

 

Kerry O’Brien / William Robin: On Minimalism – Documenting a Musical Movement. University of California Press; Oakland, California 2023. 450 Seiten. Euro 34,75

Thursday, 21 April 2022

SCHEIBENGERICHT: PETER CONRADIN ZUMTHOR – THINGS ARE GOING DOWN

SCHEIBENGERICHT 3

PETER CONRADIN ZUMTHOR –  THINGS ARE GOING DOWN

for piano player and piano tuner (Edition Wandelweiser Records EWR 2119)




Wertung: 4 von 5

 

cw. Was heute in der Welt der Musik als „Minimalismus“ bezeichnet wird, kommt in zweierlei Spielarten vor. Da ist zum einen die auf einem „Drone“ – einem lang angehaltenem Ton – basierende „Minimal Music“, als deren Urvater LaMonte Young und sein Theatre of Eternal Music gilt. Dem gegenüber steht ein Minimalismus, der auf einem kleinteiligen Motiv beruht, das fortwährend wiederholt wird und sich im Zuge der Repetition ganz allmählich und nahezu unmerklich verändert, wofür Steve Reichs „Piano Phase“ das klassische Beispiel ist.

 

Peter Conradin Zumthors Komposition „things are going down“ für Klavierspieler und Klavierstimmer, die jetzt in der Edition Wandelweiser Records als CD erschienen ist, fällt in die zweite Kategorie. Der Schweizer, der eigentlich Drummer und Perkussionist ist, agiert hier als Pianist. Als Grundmaterial des Stücks hat er ein mehrtöniges Tremolo als Ausgangspunkt gewählt, das mehr als 46 Minuten lang kontinuierlich angeschlagen wird, dabei wellenartig an- und abschwellt, währenddessen der Klavierstimmer René Waldhausen mit dem Stimmschlüssel die Stimmung sachte und fast unbemerkt immer tiefer und tiefer nach unten dreht: „things are going down“!

 

Das mächtige Schwirren und Flirren der Töne verdichtet sich zu irisierenden Klangnebeln, wobei spannende Oberton-Phänomene und Klangballungen entstehen, die am Ende in das metallische Scheppern der vollkommen erschlafften Klaviersaiten münden. Das Stück erweist sich als minitiös und mit großer Akuratesse, zäher Ausdauer und ungeheurer Präzision durchexerzierte Idee mit absolut verblüffendem Effekt!


Peter Conradin Zumthor & René Waldhausen: things are going down Nr. 1, Bern 2020 (Youtube)



Mehr Info:


Wednesday, 22 January 2014

FLASHBACKS - Konzertplakat TERRY RILEY

TERRY RILEY gilt neben LaMonte Young als einer der Erfinder der 'Minimal Music'. In seiner Anfangszeit als 'performing artist' trat Riley in Konzerten mit einer elektrischen Orgel auf, auf der er mittels Loops, sich wiederholender Melodiepartikel und einem Echogerät seinen kleinteiligen Minimalismus entwickelte, zu hören auf dem Album "A Rainbow in Curved Air', dem die britische Rockband Curved Air ihren Namen verdankte. Das Konzertplakat stammt vom März 1969.



Dazu meine Radio-Sendung über Terry Rileys Komposition 'In C' für SWR Kultur:

Monday, 10 June 2013

Interview: LEE RANALDO (Sonic Youth)


Ich folge nur den Spuren

Der New Yorker Gitarrist Lee Ranaldo (Sonic Youth) über experimentelle Musik, die Kunst des Songwriting, die Faszination von Poesie und Malerei und seinen Auftritt beim 30. Taktlos-Festival am 16. Juni in der Roten Fabrik in Zürich



Ein Interview von Christoph Wagner

Sie sind als Mitglied der Indie-Rockgruppe Sonic Youth bekannt. Jetzt treten sie beim Taktlos-Festival in Zürich auf - einem Festival für experimentelle Klänge. Welche Beziehungen haben sie zu dieser Szene?

Lee Ranaldo: Die meisten Leute kennen mich als Gitarristen von Sonic Youth, obwohl ich auch immer schon experimentelle Musik gemacht habe. Ich spiele kontinuierlich freie Improvisationen mit den verschiedensten Leuten, ob mit dem Schlagzeuger William Hooker oder dem Saxofonisten Mats Gustafsson. Im Jahr 2000 war ich bereits einmal beim Taktlos-Festival zu Gast, damals mit dem Dudelsackspieler David Watson und dem Schweizer Schlagzeuger und Elektroniker Günter Müller - ein hochexperimentelles Konzert! Dieser Stil ist mir also alles andere als fremd. David Watson ist ein Dudelsackspieler aus Neuseeland, der ebenfalls in New York lebt. Wir spielen bis heute zusammen. Letztes Jahr haben wir ein Album mit dem Titel “Glacial” veröffentlicht, bei dem noch der australische Drummer Tony Buck mitwirkte. Zum “Taktlos” werde ich aber dieses Mal mit meiner Rockgruppe anreisen.

Wie verlief ihre musikalische Entwicklung? Sind sie von der experimentellen Musik zum Rock gekommen?

Lee Ranaldo: Nein, es war genau umgekehrt. Ich fing in meiner Jugend mit Rock ‘n’ Roll an, spielte in unzähligen Pop- und Rockbands. Erst später entdeckte ich die experimentelle Musik., was ganz organisch verlief. Ich tauchte dann tiefer und tiefer in dieses Genre ein. Ich folgte zuerst nur den Spuren, die Rockmusiker hinterließen. Auf dem Cover von Sgt. Pepper, dem bahnbrechenden Album der Beatles, war Karlheinz Stockhausen zu sehen. “Wer ist dieser Typ?” dachte ich und folgte der Fährte. So entdeckte ich die avantgardistische Konzertmusik.


Als ich dann 1979 nach New York kam, war das wie eine Explosion. Überall wurde an Neuem gebastelt. John Cage war aktiv, ebenso die Minimalisten Philip Glass und Steve Reich. Es gab die Gitarrenorchester von Glenn Branca und Rhys Chatham und die “Drones” von LaMonte Young. Die Clique um John Zorn bastelte an neuen Konzepten. Selbst die Rockszene war damals in New York äußerst experimentell. Die No-Wave-Gruppen dekonstruierten den Rock ‘n’ Roll. Ich kam von der Kunsthochschule und hatte dort Kunstbewegungen wie Fluxus, Dada oder Surrealismus studiert, die sich die Dekonstruktion der Kunst zur Aufgabe gemacht hatten. Das passte mit diesen neuen Tendenzen wunderbar zusammen. Ich spielte in Glenn Brancas frühem Gitarrenorchester – aufregende Jahre!

Die Musikszene von Downtown Manhattan schien Ende der 70er Jahre ein einziges riesiges Experimentierlabor gewesen zu sein. Haben sie das so erlebt?

Lee Ranaldo: Sicherlich! New York war immer schon ein Zentrum kreativer Energie, und die Downtown-Szene von Manhattan befand sich damals in einer äußerst fruchtbaren Phase. Überall passierten die fantastischsten und verrücktesten Dinge. Musiker kombinierten die unterschiedlichsten Stile auf völlig neue Weise. Die Energie der Punk-Revolution war eine entscheidende Kraft. Es gab Clubs wie das CBGB und Max’s, auch kleinere Auftrittsorte und Lofts. Dort ging die Post ab.Man konnte Teenage Jesus & The Jerks hören, oder Suicide oder die Contortions.  Lydia Lunch spielte bei Teenage Jesus die E-Gitarre mit Messern und James Chance blies auf dem Saxofon wie Albert Ayler. Die Band brachte Punk und Freejazz zusammen. Eine andere interessante Gruppe war Suicide, die die Elektronik auf revolutionäre Weise nutzte. Es war eine hochinteressante Zeit – inspirierend! 

Sie haben letztes Jahr das Soloalbum “Between the Times and the Tides” veröffentlicht, das mit einem Aufkleber versehen ist: “The first rock album from Lee Ranaldo’s Sonic Youth»…

Lee Ranaldo: Ich weiß, das ist lustig. Auf der anderen Seite ist es nicht ganz falsch, weil ich bis dahin kein volles Soloalbum mit Rocksongs veröffentlicht hatte. Als vor ein paar Jahren Sonic Youth eine Pause einlegte, fing ich an, diese Lieder zu schreiben. Das Label brachte den Aufkleber an, damit die Leute nicht meinen sollten, es wäre eine weitere meiner experimentellen Veröffentlichungen. Es sollte klar sein: Hier handelt es sich um Songs und Rockmusik! Ich arbeite bereits an der nächsten Veröffentlichung, die diese Entwicklung fortführt. Sie wird neue Songs enthalten. Darum dreht sich momentan mein Interesse: Ich arbeite intensiv an neuen Lieder, singe viel und beschäftige mich generell mit dem Songformat. Das Album wurde im Kern von der gleichen Band eingespielt, die nach Zürich kommen wird. Alan Licht spielt Gitarre, Steve Shelley von Sonic Youth sitzt am Schlagzeug. Ich wollte für mich und meine Songs eine feste Band haben, nicht nur ein loser Verbund von Musikern.

Sie waren nie nur Rockmusiker, sondern haben u.a. auch Gedichte geschrieben. Hat das neue Interesse am Songwriting damit zu tun?

Lee Ranaldo: Vielleicht. Ich schreibe weiterhin Gedichte. Ende des Jahres wird ein Buch mit Poesie und Texten von mir erscheinen. Ein Interesse an Wörtern kann nicht schaden, wenn man Songtexte schreibt. Ich bin mir aber bewußt, dass Songtexte und Lyrik zwei unterschiedliche Disziplinen sind. Liedtexte funktionieren anders als Poesie. Gedichte werden für die Buchseite geschrieben, können still gelesen werden oder laut rezitiert, sind also vom Wesen her etwas anderes als Songs.

Ursprünglich kommen sie von der bildenden Kunst…

Lee Ranaldo: Das ist richtig! Musik und Poesie sind nur ein Teil meines kreativen Schaffens. Ich habe ursprünglich Malerei und Kunstdruck studiert. Im Moment findet gerade eine Ausstellung meiner Gemälde in Portugal statt. Die Bilderserie heißt “Highway Drawing” und ist auf dem Beifahrersitz unseres Tourbuses entstanden. Ich habe in der Vergangenheit auch viel mit Film gearbeitet. Mit meiner Frau Leah Singer absolviere ich Auftritte, die Musik, Film und Elemente von Performance Art verbinden. Filme und Zeichnungen mache ich beinahe schon länger als Musik. Ich begreife mich als Künstler, der mit verschiedenen Medien arbeitet. Im Bereich der Musik bin ich nur am bekanntesten, obwohl ich immer schon in mehreren Kunstsparten tätig war.

Das Taktlos-Festival findet in der Roten Fabrik in Zürich statt? Verbinden sie mit dem Ort bestimmte Erinnerungen?

Lee Ranaldo: Zur Roten Fabrik habe ich eine ganz spezielle Beziehung, die weit zurückreicht. Als wir Anfang der 80er Jahre mit Sonic Youth die ersten paar Male nach Europa kamen, hatten wir einen Touragenten aus Zürich. Deshalb nahmen unsere Tournee oft von hier ihren Ausgang. Die Rote Fabrik war einer der ersten Orte in Europa, wo Sonic Youth auftrat und mit dem wir mit der Zeit vertraut wurden. Heute ist es einer der wenigen Auftrittsorte aus dieser Zeit, die noch bestehen. Wir haben dort über die Jahre einige sehr coole Gigs gespielt und eine gewisse emotionale Beziehung zu dem Ort entwickelt. Er ist Teil unserer Geschichte.

Haben sie besondere Erwartungen an ihrem Auftritt beim “Taktlos”?

Lee Ranaldo: Wir sind gerade dabei ein neues Album fertig zu stellen und werden deshalb einige Songs der vorigen Platte und einige neue Songs präsentieren. Ich bin gerne in Zürich. Wenn ich Zeit habe, gehe ich ins Kunsthaus, wo ich schon öfters war. Wann immer ich kann, besuche ich Museen und Kunstgalerien, wenn ich auf Tour bin. Ich habe einen lange Liste von interessanten Orten, wo Kunst zu sehen ist, die ständig wächst. Die arbeite ich ab!

Lee Ranaldo: Between the Times and the Tides (Matador Records)

Lee Ranaldo & The Dust treten am Wochenende beim Taktlos-Festival in Zürich auf: 14. - 16. Juni / Infos: http://www.taktlos.com