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Saturday, 18 February 2023

Yoko Ono zum 90sten


Klang der Dunkelheit

Yoko Ono: von Fluxus über die Beatles und darüber hinaus 



cw. Yoko Ono bellt Urlaute heraus. Ihre Stimme überschlägt sich, Sie klingt so schrill, exaltiert und durchdringend wie der Gesang im japanischen Noh-Theater. Stöhnen, Heulen und Seufzen kommen dazu. Dissonante Akkorde und Rückkopplungen verdichten sich. Gitarrensaiten werden gedehnt und gezogen. Die amerikanische Vokalistin ist in ihrem Element und schöpft die ganze Bandbreite ihrer Stimmkunst aus.

Ihr Album “YokoKimThurston” hat Yoko Ono mit zwei “guten Freunden” eingespielt. Damit sind die Rock-Avantgardisten und Ex-Eheleute Kim Gordon und Thurston Moore von Sonic-Youth gemeint, der  alternativen Rockband, die seit den 80er Jahren stilprägend gewirkt hatte und sich vor zehn Jahren aufgelöst hat. Mit der Einspielung kehrt Ono zu ihren Anfängen zurück: den radikalen Experimenten in der Untergrund-Szene von Downtown Manhattan, als sie sich mit Schrei-Performances und Konzept-Kunst einen Namen machte. Yoko Ono ruft damit eine mehr als 60jährige Erinnerung wach, die Anfang der 60er Jahre unter dem Stichwort “Fluxus” begann.



September 1962. Im städtischen Museum in Wiesbaden findet unter der Überschrift “Fluxus - Internationales Festival Neuster Musik” ein großes Tohuwabohu statt. Das Ereignis bringt zum ersten Mal die extremsten Avantgardisten und Kunstrebellen aus der ganzen Welt zusammen. In 14 Konzerten werden alle Register der Anti-Kunst gezogen und die Vorstellungen konventioneller Ästhetik auf den Kopf gestellt. Es geht um Schock, Provokation und Skandal. Als Höhepunkt wird ein Klavier zertrümmert, was einen Reporter zu der Schlagzeile veranlasst: “Die Irren sind los!”

Frauen sind in der Fluxus-Szene eine verschwindende Minderheit. Yoko Ono liefert einen der wenigen weiblichen Beiträge zum Wiesbadener Festivalprogramm. Ein paar ihrer Werke werden aufgeführt, darunter “Ein Stück, um den Himmel zu sehen.” Ono, die später als Gattin des Beatle John Lennon zu Weltruhm gelangt, hatte sich mit radikalen Kunstaktiviäten für das Ereignis empfohlen. In ihrem New Yorker Loft-Studio hatte sie seit 1960 die “Chambers Street Concerts” veranstaltet, wo etwa die “Smoke Paintings” zu sehen waren, brennende Gemälde, die sich in Rauch auflösten.



“Ich spielte eine Reihe von Konzerten mit La Monte Young,” erinnert sich Ono. “John Cage überredete all diese tollen Leute, zu unseren Konzerten zu kommen: Peggy Guggenheim, Duchamp, Max Ernst.” Bei einer anderen Aktion namens “Painting To Be Stepped On” wurde eine Leinwand auf den Fußboden ausgebreitet, wobei sich durch die Schuhabdrücke der Besucher allmählich ein abstraktes Bild ergab. Und dazwischen immer wieder die “Cry Pieces” – Schrei-Stücke: “Mit solchen Geräuschen und Gefühlen wollte ich arbeiten: der Klang der Angst und der Dunkelheit,” kommentierte Ono ihre Aktionen.

1933 geboren, stammt Yoko Ono aus einer vermögenden Tokioer Bänkersfamilie. Mit dem Reichtum ging eine profunde musikalische Ausbildung einher. Ono erhielt privaten Musikunterricht, nahm Gesangstunden und übte  “German Lieder”. Als Onos Vater zum Leiter der Bank of Tokyo in New York befördert wird, kommt sie in den 50er Jahren in die USA, um an einer Eliteuniversität Philosophie und Komposition zu studieren. Einer ihrer Mitstudenten ist George Maciunas, der später zum Initiator und Namensgeber der Fluxus-Bewegung wird und Ono in seiner New Yorker Galerie ausstellt.

Die  Geschäfte mit avantgardistischer Kunst gehen schlecht. Gläubiger sind Maciunas auf den Versen. 1961 setzt er sich nach Deutschland ab, wo er für die US-Armee in Wiesbaden als Grafikdesigner arbeitet. Rasch knüpft er Kontakte zu Künstlern wie Joseph Beuys und Avantgarde-Komponisten wie Karlheinz Stockhausen. Maciunas sorgt wohl auch dafür, dass Onos Konzept-Stücke beim Fluxus-Event in Wiesbaden zur Aufführung kommen.

Neben Wiesbaden ist Wuppertal ein anderes Zentrum der neo-dadaistischen Bilderstürmerei. Hier finden in der Galerie Parnass Ausstellungen mit neuer Kunst und auch erste Fluxus-Happenings statt. “In einer Ausstellung präsentierte Nam June Paik seine präparierten Klaviere und ähnliche musikalischen Apparaturen, die vom Publikum bespielt werden konnten. Ich hing in der Galerie rum, wenn etwas geboten war, und half Paik,” erinnert sich der angehende Freejazz-Saxofonist und damalige Student an der Wuppertaler Werkkunstschule Peter Brötzmann. “Jede Tag oder jeden anderen Tag ging ich mit meinen Freunden Tomas Schmit und Manfred Montwe in die Galerie, um die zumeist sehr fragilen Instrument-Installationen, manche mit Plattenspielern, Tonbandgeräten oder Ferseh-Monitoren, wieder herzurichten, wenn sie in Mitleidenschaft gezogen worden waren.”

Brötzmann begleitete Paik zu einem 2-tägigen Fluxus-Event nach Amsterdam. “In einem alten Kino wurde ein Flux-Fest von der Galerie Amstel 47 veranstaltet. Ich war als Akteur dabei und an einigen von Paiks Stücken beteiligt,” erinnert sich der Saxofonist. “Yoko Ono habe ich erst einige Zeit später getroffen, ebenfalls in Holland bei einem Event, den Anita Schoonhoven organisiert hatte, deren Mann Jan Schoonhoven ein maßgeblicher Künstler der Zero-Gruppe war. Anita war vom neuen Jazz angetan. Sie organisierte Konzerte, und auf einem tanzte Yoko Ono herum. Ich habe nicht gedacht, dass es von großer Bedeutung war, was sie gemacht hat – eigentlich nur ein bisschen nackt und ein bisschen bemalt. Dennoch war sie neben Charlotte Moorman, Mary Bauermeister, die mit Stockhausen liiert war, und Alison Knowles eine der wenigen Frauen, die sich überhaupt in diesem Umfeld künstlerisch behaupteten.”

Die Künstlerin Mary Bauermeister organisierte zu der Zeit in Köln im kleinen ‘Theater am Dom’ frühe Fluxus-Aktionen, sei es mit eigenen Arbeiten oder Kompositionen von Stockhausen. “John Cage und David Tudor waren einmal da, ebenso Nam June Paik,” erzählt Brötzmann. “Das Dreieck Wuppertal, Köln und Düsseldorf war ein Zentrum solcher Aktivitäten. Joseph Beuys war in Düsseldorf, den ich damals mit Paik in seinem Studio besucht habe und der auch Interesse an Musik zeigte und ein paar Mal zu unseren Aktionen in Wuppertal kam. Grenzen zwischen bildender Kunst und Musik gab es damals nicht.”

1964 kam es zum Eklat. Als Stockhausens experimentelles Musktheaterstück “Originale” in New York von u.a. Mary Bauermeister, Allen Ginsberg und Nam June Paik aufgeführt wurde, protestierten die Fluxus-Mitglieder George Maciunas, Tony Conrad und Henry Flynt vor dem Konzerthaus gegen die Veranstaltung, wobei Flynt in einem Pamphlet Stockhausens Ablehnung von außereuropäischer und populärer Musik als “kulturellen Imperialismus” brandmarkte. Damit war der Split vollzogen. Politisch linksgerichtete Fluxus-Mitglieder attackierten ihre eher individualistischen und politisch indifferenten Kollegen, die wiederum die stramme politische Ausrichtung als “Agit Prop” ablehnten. Das Schisma ging als der “erste Tod” von Fluxus in die Annalen der Kunsthistorie ein. “Verräter, du hast Fluxus verlassen!” hieß es auf einer Postkarte, die Maciunas an Paik schickte.

1966 stellte Yoko Ono ihre Installationen in einer kleinen Galerie in London aus, wo sie John Lennon von den Beatles traf. Bald galt das Paar als unzertrennlich und sorgte mit spektakulären Aktionen wie dem Amsterdamer “Bed-In”-Happening gegen den Vietnam-Krieg für Schlagzeilen.  Beatles-Fans waren auf Yoko Ono nicht gut zu sprechen: Ihr wurde die Trennung der Fab Four angelastet. Mit Lennon nahm Ono einige radikale Schallplatten auf, die eine Verbindung zwischen Fluxus und Rock ‘n’ Roll anstrebten, was dem Beatle den Fluxus-Ritterschlag vom Flux-Erfinder George Maciunas höchstpersönlich einbrachte, aber auch viele Verrisse, Spott und Hohn.

Nach dem Mord an Lennon im Jahr 1980 führte Yoko Ono die musikalischen Aktivitäten fort, oft im Gespann mit ihrem Sohn Sean Lennon, wobei sie von Jazzfunk über experimentellen Rock bis zu Electronica und Remixes immer wieder musikalisches Neuland betrat, getrieben von einer scheinbar unerschöpflichen kreativen Neugier.

Die Fluxus-Ära bildet neben den Jahren mit Lennon das Kernstück einer Biographie, die der Journalist Nicola Bardola über Yoko Ono verfasst hat. Bienenfleißig hat er die ganze Ono- und Lennon-Literatur durchforstet, dabei viele Fakten zusammengetragen, die er nun flüssig referiert. Allerdings fehlt ihm neben der Sachkenntnis und dem Vokabular, auch das theoretische Handwerkszeug, um Yoko Ono im Kontext der Fluxus-Bewegung kunsthistorisch kompetent einzuordnen.

Weil Bardola mit Ono selbst kein Interview führen konnte, hat er alle Fakten aus der umfänglichen Sekundärliteratur und diversen Online-Quellen destilliert. Ebenso wenig hat der Autor alte Weggefährten konsultiert, wie etwa den Minimalisten La Monte Young, der immerhin einmal Onos Lover und Fluxus-Kompagnon war, oder den politischen Fluxus-Aktivisten Henry Flynt. Beide hätten sicherlich Erhellendes z.B über den Konflikt zwischen der politischen und apolitischen Fluxus-Fraktion beitragen können und Onos Haltung dazu.

                                                                                                             John Tchicai

Der Mangel an “First-Hand-Information” erweist sich auch bei der Behandlung des Albums “Unfinished Music No 2 – Life with the Lions” als Handicap. Wie Bardola schreibt, spielen auf der Live-Aufnahme “Cambridge 1969” mit Lennon und Ono “noch ein Saxofonist und ein Schlagzeuger.” Hätte er den Saxofonisten John Tchicai, immerhin ein maßgeblicher Neuerer im Jazz seit den 60er Jahren, befragt, wäre ihm wenig Schmeichelhaftes über seine Heldin zu Gehör gekommen: “Auf Tantiemen warteten wir vergeblich. Ich schrieb Briefe an Yoko Ono, um meinen Anteil zu reklamieren, bekam aber keine Antwort,” weiß Tchicai über die Multirmillionärin zu berichten. “Das ist Diebstahl und eine Schande, dass Leute so tief sinken, Musiker, die sowieso wenig verdienen, um ihre Ansprüche zu prellen.” In der Hagiographie von Bardola hätten solche Fakten das Heiligenbild nur gestört.


                                                                                                                                    Foto: Lester Cohen

Yoko Onos Album ist da von größerer Qualität, das auf ihrem eigenen Chimera-Label erschienen ist. Die Bandbreite der weitgehend improvisierten Titel reicht von entrückten Gesangsstücken mit verzerrten Gitarrensounds über Gedichtrezitationen in verteilten Rollen bis zur Nummer “Mirror Mirror”, die das Grimm’sche Märchen “Schneewittchen” variiert. Gegenüber den jüngeren Begleitmusikern fällt die Fluxus-Oma nicht ab – im Gegenteil: Selbstbewußt gibt sie die Richtung vor. Immer steht Onos Stimme im Vordergrund. Wie ganz zu Beginn ihrer Karriere lotet sie die Möglichkeiten ihres Gesangsorgans in allen Schattierungen aus. “Ich habe meine ganze Energie in dieses Album gesteckt, um die Welt damit aufzuwecken,” sagt die Künstlerin, die jetzt 90 Jahre alt geworden ist.

Buch:
Nicola Bardola: Yoko Ono. Eine Biographie. LangenMüller. 288 Seiten, 24 SW-Fotos. 

CD:
Yoko Ono / Kim Gordon / Thurston Moore: YokoKimThurston (Chimera Music)





Monday, 20 March 2017

Indie-Überflieger: Car Seat Headrest

Spiel der Gegensätze

Die amerikanischen Indie-Überflieger Car Seat Headrest machten in der Schorndorfer Manufaktur Station

Fotos: Manuel Wagner 

cw. Früher war alles anders: Da brauchte eine Rockband eine – am besten – große Schallplattenfirma, um sich im Popgeschäft durchzusetzen. Heute geht es auch ohne! Das Internet bietet jungen Musikern diverse Möglichkeiten, auch ohne die Musikindustrie den Durchbruch zu schaffen. Die amerikanische Indie-Band Car Seat Headrest hat es vorgemacht. Die Gruppe hatte etliche Alben auf der Netzplattform Bandcamp veröffentlicht und sich dadurch eine formidable Fangemeinde erspielt, bevor sie erst vor zwei Jahren beim New Yorker Matador Label unterschrieb, wo auch Künstler wie Yo La Tengo und Cat Power unter Vertrag sind, was ihrer Popularität nochmals einen beträchtlichen Schub verlieh.

Eigentlich verbirgt sich hinter Car Seat Headrest nur ein einziger Musiker: Will Barnes, der sich im Showgeschäft Will Toledo nennt, fungiert als Mastermind der Gruppe. Der Gitarrist, Songschreiber und Sänger – gerade mal 24 Jahre alt – hat eine schlagkräftige Formation um sich versammelt, die diszipliniert und mit Hochspannung seine Songs in Szene setzt. Toledo ist ein in sich gekehrter Künstler, der wohl am liebsten melancholische Lieder schreibt, in denen sich die Irrungen und Wirrungen der Gegenwart spiegeln. Sein zumeist ruhiger fragiler Gesang wird gelegentlich durchbrochen von urplötzlichen Soundgewittern, die ganz unverhofft nieder gehen. Dann öffnen sich dunkle Klangwolken und klirrende Gitarrenblitze und donnernde Rückkopplungen erfüllen die Luft. Doch nicht lange bricht sich solche geräuschhafte Kakophonie Bahn und – schwuppdiewubb – segelt der Song schon wieder in ruhigerem Fahrwasser.

Das Spiel mit Kontrasten entpuppt sich als die Stärke der Band, wobei die Gesamtdramaturgie ihres Auftirtts genau kalkuliert ist: Da steht nicht nur Ordnung gegen Chaos, sondern auch Lautstärke gegen Stille, Tempo gegen Langsamkeit und Selbstversunkenheit gegen Exzentrik, was den einstündigen Auftritt vor 400 Fans in der Schorndorfer Manufaktur zu einer kurzweiligen Angelegenheit macht. Manchmal denkt mal an Grunge-Rock, weil die Band ja auch aus der Grunge-Hauptstadt Seattle im amerikanischen Bundesstaat Washington kommt, dann wieder wird man an die Strokes, Franz Ferdinand oder Sonic Youth erinnert.

Nur vier Auftritte von Car Seat Headrest standen bei der ersten Deutschland-Tour auf dem Plan, wobei neben Berlin, Köln und München Schorndorf das Rennen machte: Damit ist dem Club Manufaktur abermals ein großer Fang gelungen. Es wird sich zeigen, ob die Band in den nächsten Jahren zu einem kapitalen Hecht im internationalen Popteich wird, das Zeug hätte sie dazu.

Die Konzertbesprechung erschien zuerst im Schwarzwälder Bote, große Tageszeitung im Südwesten

Sunday, 21 July 2013

THURSTON MOORE und der KLANG DER REVOLTE

Werner Hassler, Programmmacher der MANUFAKTUR in Schorndorf, hat folgende kleine Geschichte berichtet. Dazu muss man wissen: Chelsea Light Moving ist Thurston Moores neue Band, die am 2.Juli 2013 in der Manufaktur spielte. Thurston Moore ist bekannt als Gitarrist und Sänger von SONIC YOUTH, die sich letztes Jahr aufgelöst haben, nachdem sich das Ehepaar Thurston Moore und Kim Gordon (Bassistin von Sonic Youth) getrennt hatten.




"am 2.7. hat chelsea light moving bei uns gespielt, thurston moores neue band (nach der trennung von kim gordon und dem sonic youth split) - tags davor hab ich ihm eine mail geschickt, ob er am schorndorf-veranstaltungstag mit mir in die raf-ausstellung im haus der geschichte baden-württembergs in stuttgart gehen will, die ich schon gesehen hatte und sehr gut finde: er wollte / im museumsshop hat er sich nach der ausstellung vergraben und kam ganz glücklich mit dem buch KLANG DER REVOLTE in der hand (und dem raf-austellungsbuch) zurück!" Werner Hassler, Manufaktur Schorndorf

Monday, 10 June 2013

Interview: LEE RANALDO (Sonic Youth)


Ich folge nur den Spuren

Der New Yorker Gitarrist Lee Ranaldo (Sonic Youth) über experimentelle Musik, die Kunst des Songwriting, die Faszination von Poesie und Malerei und seinen Auftritt beim 30. Taktlos-Festival am 16. Juni in der Roten Fabrik in Zürich



Ein Interview von Christoph Wagner

Sie sind als Mitglied der Indie-Rockgruppe Sonic Youth bekannt. Jetzt treten sie beim Taktlos-Festival in Zürich auf - einem Festival für experimentelle Klänge. Welche Beziehungen haben sie zu dieser Szene?

Lee Ranaldo: Die meisten Leute kennen mich als Gitarristen von Sonic Youth, obwohl ich auch immer schon experimentelle Musik gemacht habe. Ich spiele kontinuierlich freie Improvisationen mit den verschiedensten Leuten, ob mit dem Schlagzeuger William Hooker oder dem Saxofonisten Mats Gustafsson. Im Jahr 2000 war ich bereits einmal beim Taktlos-Festival zu Gast, damals mit dem Dudelsackspieler David Watson und dem Schweizer Schlagzeuger und Elektroniker Günter Müller - ein hochexperimentelles Konzert! Dieser Stil ist mir also alles andere als fremd. David Watson ist ein Dudelsackspieler aus Neuseeland, der ebenfalls in New York lebt. Wir spielen bis heute zusammen. Letztes Jahr haben wir ein Album mit dem Titel “Glacial” veröffentlicht, bei dem noch der australische Drummer Tony Buck mitwirkte. Zum “Taktlos” werde ich aber dieses Mal mit meiner Rockgruppe anreisen.

Wie verlief ihre musikalische Entwicklung? Sind sie von der experimentellen Musik zum Rock gekommen?

Lee Ranaldo: Nein, es war genau umgekehrt. Ich fing in meiner Jugend mit Rock ‘n’ Roll an, spielte in unzähligen Pop- und Rockbands. Erst später entdeckte ich die experimentelle Musik., was ganz organisch verlief. Ich tauchte dann tiefer und tiefer in dieses Genre ein. Ich folgte zuerst nur den Spuren, die Rockmusiker hinterließen. Auf dem Cover von Sgt. Pepper, dem bahnbrechenden Album der Beatles, war Karlheinz Stockhausen zu sehen. “Wer ist dieser Typ?” dachte ich und folgte der Fährte. So entdeckte ich die avantgardistische Konzertmusik.


Als ich dann 1979 nach New York kam, war das wie eine Explosion. Überall wurde an Neuem gebastelt. John Cage war aktiv, ebenso die Minimalisten Philip Glass und Steve Reich. Es gab die Gitarrenorchester von Glenn Branca und Rhys Chatham und die “Drones” von LaMonte Young. Die Clique um John Zorn bastelte an neuen Konzepten. Selbst die Rockszene war damals in New York äußerst experimentell. Die No-Wave-Gruppen dekonstruierten den Rock ‘n’ Roll. Ich kam von der Kunsthochschule und hatte dort Kunstbewegungen wie Fluxus, Dada oder Surrealismus studiert, die sich die Dekonstruktion der Kunst zur Aufgabe gemacht hatten. Das passte mit diesen neuen Tendenzen wunderbar zusammen. Ich spielte in Glenn Brancas frühem Gitarrenorchester – aufregende Jahre!

Die Musikszene von Downtown Manhattan schien Ende der 70er Jahre ein einziges riesiges Experimentierlabor gewesen zu sein. Haben sie das so erlebt?

Lee Ranaldo: Sicherlich! New York war immer schon ein Zentrum kreativer Energie, und die Downtown-Szene von Manhattan befand sich damals in einer äußerst fruchtbaren Phase. Überall passierten die fantastischsten und verrücktesten Dinge. Musiker kombinierten die unterschiedlichsten Stile auf völlig neue Weise. Die Energie der Punk-Revolution war eine entscheidende Kraft. Es gab Clubs wie das CBGB und Max’s, auch kleinere Auftrittsorte und Lofts. Dort ging die Post ab.Man konnte Teenage Jesus & The Jerks hören, oder Suicide oder die Contortions.  Lydia Lunch spielte bei Teenage Jesus die E-Gitarre mit Messern und James Chance blies auf dem Saxofon wie Albert Ayler. Die Band brachte Punk und Freejazz zusammen. Eine andere interessante Gruppe war Suicide, die die Elektronik auf revolutionäre Weise nutzte. Es war eine hochinteressante Zeit – inspirierend! 

Sie haben letztes Jahr das Soloalbum “Between the Times and the Tides” veröffentlicht, das mit einem Aufkleber versehen ist: “The first rock album from Lee Ranaldo’s Sonic Youth»…

Lee Ranaldo: Ich weiß, das ist lustig. Auf der anderen Seite ist es nicht ganz falsch, weil ich bis dahin kein volles Soloalbum mit Rocksongs veröffentlicht hatte. Als vor ein paar Jahren Sonic Youth eine Pause einlegte, fing ich an, diese Lieder zu schreiben. Das Label brachte den Aufkleber an, damit die Leute nicht meinen sollten, es wäre eine weitere meiner experimentellen Veröffentlichungen. Es sollte klar sein: Hier handelt es sich um Songs und Rockmusik! Ich arbeite bereits an der nächsten Veröffentlichung, die diese Entwicklung fortführt. Sie wird neue Songs enthalten. Darum dreht sich momentan mein Interesse: Ich arbeite intensiv an neuen Lieder, singe viel und beschäftige mich generell mit dem Songformat. Das Album wurde im Kern von der gleichen Band eingespielt, die nach Zürich kommen wird. Alan Licht spielt Gitarre, Steve Shelley von Sonic Youth sitzt am Schlagzeug. Ich wollte für mich und meine Songs eine feste Band haben, nicht nur ein loser Verbund von Musikern.

Sie waren nie nur Rockmusiker, sondern haben u.a. auch Gedichte geschrieben. Hat das neue Interesse am Songwriting damit zu tun?

Lee Ranaldo: Vielleicht. Ich schreibe weiterhin Gedichte. Ende des Jahres wird ein Buch mit Poesie und Texten von mir erscheinen. Ein Interesse an Wörtern kann nicht schaden, wenn man Songtexte schreibt. Ich bin mir aber bewußt, dass Songtexte und Lyrik zwei unterschiedliche Disziplinen sind. Liedtexte funktionieren anders als Poesie. Gedichte werden für die Buchseite geschrieben, können still gelesen werden oder laut rezitiert, sind also vom Wesen her etwas anderes als Songs.

Ursprünglich kommen sie von der bildenden Kunst…

Lee Ranaldo: Das ist richtig! Musik und Poesie sind nur ein Teil meines kreativen Schaffens. Ich habe ursprünglich Malerei und Kunstdruck studiert. Im Moment findet gerade eine Ausstellung meiner Gemälde in Portugal statt. Die Bilderserie heißt “Highway Drawing” und ist auf dem Beifahrersitz unseres Tourbuses entstanden. Ich habe in der Vergangenheit auch viel mit Film gearbeitet. Mit meiner Frau Leah Singer absolviere ich Auftritte, die Musik, Film und Elemente von Performance Art verbinden. Filme und Zeichnungen mache ich beinahe schon länger als Musik. Ich begreife mich als Künstler, der mit verschiedenen Medien arbeitet. Im Bereich der Musik bin ich nur am bekanntesten, obwohl ich immer schon in mehreren Kunstsparten tätig war.

Das Taktlos-Festival findet in der Roten Fabrik in Zürich statt? Verbinden sie mit dem Ort bestimmte Erinnerungen?

Lee Ranaldo: Zur Roten Fabrik habe ich eine ganz spezielle Beziehung, die weit zurückreicht. Als wir Anfang der 80er Jahre mit Sonic Youth die ersten paar Male nach Europa kamen, hatten wir einen Touragenten aus Zürich. Deshalb nahmen unsere Tournee oft von hier ihren Ausgang. Die Rote Fabrik war einer der ersten Orte in Europa, wo Sonic Youth auftrat und mit dem wir mit der Zeit vertraut wurden. Heute ist es einer der wenigen Auftrittsorte aus dieser Zeit, die noch bestehen. Wir haben dort über die Jahre einige sehr coole Gigs gespielt und eine gewisse emotionale Beziehung zu dem Ort entwickelt. Er ist Teil unserer Geschichte.

Haben sie besondere Erwartungen an ihrem Auftritt beim “Taktlos”?

Lee Ranaldo: Wir sind gerade dabei ein neues Album fertig zu stellen und werden deshalb einige Songs der vorigen Platte und einige neue Songs präsentieren. Ich bin gerne in Zürich. Wenn ich Zeit habe, gehe ich ins Kunsthaus, wo ich schon öfters war. Wann immer ich kann, besuche ich Museen und Kunstgalerien, wenn ich auf Tour bin. Ich habe einen lange Liste von interessanten Orten, wo Kunst zu sehen ist, die ständig wächst. Die arbeite ich ab!

Lee Ranaldo: Between the Times and the Tides (Matador Records)

Lee Ranaldo & The Dust treten am Wochenende beim Taktlos-Festival in Zürich auf: 14. - 16. Juni / Infos: http://www.taktlos.com



Wednesday, 29 August 2012

Auf einen Kaffee mit JEFFREY LEWIS

Jeffrey Lewis und Sonnet Youth

Jeffrey Lewis was in town. Dienstagabend spielte er mit seiner Band The Junkyard im Trades-Club, dem Ort, wo regelmäßig Konzerte in Hebden Bridge stattfinden - von beträchtlichem Kaliber. Der Knüller wird der Gig von Patti Smith sein, die nächste Woche hier auftritt - der einzige Club-Auftritt auf ihrer aktuellen England-Tour (Das Konzert war in kürzester Zeit ausverkauft. Nicht-Mitglieder hatten sowieso keine Chance, an eine Karte zu kommen).

Mittwochmorgen haben wir uns auf einen Kaffee getroffen, bevor die Band nach Hull zum nächsten Gig weiterfuhr. Ich kenne Jeff schon einige Zeit. Im März in New York war er einer meiner Interviewpartner. Er kennt sich aus, ist sehr belesen, und was Rock- und Folkmusik anbelangt, sehr beschlagen, zudem interessiert er sich für allemöglichen Musikstile - also ein so unterhaltsamer wie interessanter Gesprächspartner. Ed Sanders neues Buch "Fug You" war ein Thema. Es beschreibt die gegenkulturelle Szene der Lower East Side von Manhattan um die Fugs und den Peace Eye Bookstore in den 60er Jahre en detail - ein wirklich großartiges Geschichtswerk. Jeffrey meinte, nach seinem Geschmack hätte es doppelt so dick sein können (und es hat 420 Seiten).


Jeffrey's Band präsentierte sich in fulminanter Form. Da er auch ein talentierter Comic-Zeichner ist, fügt er zwischen die Songs beim Auftritt ab und zu ein paar Soloperformances ein, wobei er ein riesiges Blatt nach dem anderen zeigt, alle in Comicform gezeichnet, und dazu gereimte Geschichten erzählt, was absolut brillant ist. Jeffrey ist ebenfalls ein Plattensammler und im Moment hinter Privatpressungen hochobskurer amerikanischer Bands aus den 70er Jahren her. Er arbeitet überdies an einem Projekt, jeden Song des kompletten Werks von Sonic Youth, in Sonetform nachzureimen. Titel: Sonnet Youth! Die ersten paar Alben hat er bereits durch. Sie sind vorerst in einer Auflage von 400 Stück in fotokopierter Form erschienen. Er ist auf der Suche nach einem properen Verlag.

Eine schöne Geschichte von Jeffrey:

http://www.guardian.co.uk/music/musicblog/2012/mar/01/jeffrey-lewis-nyc-poetry-reading?newsfeed=true

Aktuelles Album:
Jeffrey Lewis: A Turn in The Dream-Songs (Rough Trade)


     Jeffrey Lewis & The Junkyard kommen nach Deutschland:


Sun, 9 SEPT - Leipzig, Germany: Kaffee Schwarz
Mon, 10 SEPT - Wetzlar, Germany: Franzis
Tue, 11 SEPT - Duisburg, Germany: Cafe Steinbruch
Wed, 12 SEPT - Hamburg, Germany : Knust
Thu, 13 SEPT - Bremen, Germany: Spedition
Fri, 14 SEPT - Offenbach, Germany: Hafen 2
Sat, 15 SEPT - Dresden, Germany: Blaue Fabrik
Sun, 16th SEPT - Berlin, Germany : Festsaal Kreuzberg