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Saturday, 18 February 2023

Yoko Ono zum 90sten


Klang der Dunkelheit

Yoko Ono: von Fluxus über die Beatles und darüber hinaus 



cw. Yoko Ono bellt Urlaute heraus. Ihre Stimme überschlägt sich, Sie klingt so schrill, exaltiert und durchdringend wie der Gesang im japanischen Noh-Theater. Stöhnen, Heulen und Seufzen kommen dazu. Dissonante Akkorde und Rückkopplungen verdichten sich. Gitarrensaiten werden gedehnt und gezogen. Die amerikanische Vokalistin ist in ihrem Element und schöpft die ganze Bandbreite ihrer Stimmkunst aus.

Ihr Album “YokoKimThurston” hat Yoko Ono mit zwei “guten Freunden” eingespielt. Damit sind die Rock-Avantgardisten und Ex-Eheleute Kim Gordon und Thurston Moore von Sonic-Youth gemeint, der  alternativen Rockband, die seit den 80er Jahren stilprägend gewirkt hatte und sich vor zehn Jahren aufgelöst hat. Mit der Einspielung kehrt Ono zu ihren Anfängen zurück: den radikalen Experimenten in der Untergrund-Szene von Downtown Manhattan, als sie sich mit Schrei-Performances und Konzept-Kunst einen Namen machte. Yoko Ono ruft damit eine mehr als 60jährige Erinnerung wach, die Anfang der 60er Jahre unter dem Stichwort “Fluxus” begann.



September 1962. Im städtischen Museum in Wiesbaden findet unter der Überschrift “Fluxus - Internationales Festival Neuster Musik” ein großes Tohuwabohu statt. Das Ereignis bringt zum ersten Mal die extremsten Avantgardisten und Kunstrebellen aus der ganzen Welt zusammen. In 14 Konzerten werden alle Register der Anti-Kunst gezogen und die Vorstellungen konventioneller Ästhetik auf den Kopf gestellt. Es geht um Schock, Provokation und Skandal. Als Höhepunkt wird ein Klavier zertrümmert, was einen Reporter zu der Schlagzeile veranlasst: “Die Irren sind los!”

Frauen sind in der Fluxus-Szene eine verschwindende Minderheit. Yoko Ono liefert einen der wenigen weiblichen Beiträge zum Wiesbadener Festivalprogramm. Ein paar ihrer Werke werden aufgeführt, darunter “Ein Stück, um den Himmel zu sehen.” Ono, die später als Gattin des Beatle John Lennon zu Weltruhm gelangt, hatte sich mit radikalen Kunstaktiviäten für das Ereignis empfohlen. In ihrem New Yorker Loft-Studio hatte sie seit 1960 die “Chambers Street Concerts” veranstaltet, wo etwa die “Smoke Paintings” zu sehen waren, brennende Gemälde, die sich in Rauch auflösten.



“Ich spielte eine Reihe von Konzerten mit La Monte Young,” erinnert sich Ono. “John Cage überredete all diese tollen Leute, zu unseren Konzerten zu kommen: Peggy Guggenheim, Duchamp, Max Ernst.” Bei einer anderen Aktion namens “Painting To Be Stepped On” wurde eine Leinwand auf den Fußboden ausgebreitet, wobei sich durch die Schuhabdrücke der Besucher allmählich ein abstraktes Bild ergab. Und dazwischen immer wieder die “Cry Pieces” – Schrei-Stücke: “Mit solchen Geräuschen und Gefühlen wollte ich arbeiten: der Klang der Angst und der Dunkelheit,” kommentierte Ono ihre Aktionen.

1933 geboren, stammt Yoko Ono aus einer vermögenden Tokioer Bänkersfamilie. Mit dem Reichtum ging eine profunde musikalische Ausbildung einher. Ono erhielt privaten Musikunterricht, nahm Gesangstunden und übte  “German Lieder”. Als Onos Vater zum Leiter der Bank of Tokyo in New York befördert wird, kommt sie in den 50er Jahren in die USA, um an einer Eliteuniversität Philosophie und Komposition zu studieren. Einer ihrer Mitstudenten ist George Maciunas, der später zum Initiator und Namensgeber der Fluxus-Bewegung wird und Ono in seiner New Yorker Galerie ausstellt.

Die  Geschäfte mit avantgardistischer Kunst gehen schlecht. Gläubiger sind Maciunas auf den Versen. 1961 setzt er sich nach Deutschland ab, wo er für die US-Armee in Wiesbaden als Grafikdesigner arbeitet. Rasch knüpft er Kontakte zu Künstlern wie Joseph Beuys und Avantgarde-Komponisten wie Karlheinz Stockhausen. Maciunas sorgt wohl auch dafür, dass Onos Konzept-Stücke beim Fluxus-Event in Wiesbaden zur Aufführung kommen.

Neben Wiesbaden ist Wuppertal ein anderes Zentrum der neo-dadaistischen Bilderstürmerei. Hier finden in der Galerie Parnass Ausstellungen mit neuer Kunst und auch erste Fluxus-Happenings statt. “In einer Ausstellung präsentierte Nam June Paik seine präparierten Klaviere und ähnliche musikalischen Apparaturen, die vom Publikum bespielt werden konnten. Ich hing in der Galerie rum, wenn etwas geboten war, und half Paik,” erinnert sich der angehende Freejazz-Saxofonist und damalige Student an der Wuppertaler Werkkunstschule Peter Brötzmann. “Jede Tag oder jeden anderen Tag ging ich mit meinen Freunden Tomas Schmit und Manfred Montwe in die Galerie, um die zumeist sehr fragilen Instrument-Installationen, manche mit Plattenspielern, Tonbandgeräten oder Ferseh-Monitoren, wieder herzurichten, wenn sie in Mitleidenschaft gezogen worden waren.”

Brötzmann begleitete Paik zu einem 2-tägigen Fluxus-Event nach Amsterdam. “In einem alten Kino wurde ein Flux-Fest von der Galerie Amstel 47 veranstaltet. Ich war als Akteur dabei und an einigen von Paiks Stücken beteiligt,” erinnert sich der Saxofonist. “Yoko Ono habe ich erst einige Zeit später getroffen, ebenfalls in Holland bei einem Event, den Anita Schoonhoven organisiert hatte, deren Mann Jan Schoonhoven ein maßgeblicher Künstler der Zero-Gruppe war. Anita war vom neuen Jazz angetan. Sie organisierte Konzerte, und auf einem tanzte Yoko Ono herum. Ich habe nicht gedacht, dass es von großer Bedeutung war, was sie gemacht hat – eigentlich nur ein bisschen nackt und ein bisschen bemalt. Dennoch war sie neben Charlotte Moorman, Mary Bauermeister, die mit Stockhausen liiert war, und Alison Knowles eine der wenigen Frauen, die sich überhaupt in diesem Umfeld künstlerisch behaupteten.”

Die Künstlerin Mary Bauermeister organisierte zu der Zeit in Köln im kleinen ‘Theater am Dom’ frühe Fluxus-Aktionen, sei es mit eigenen Arbeiten oder Kompositionen von Stockhausen. “John Cage und David Tudor waren einmal da, ebenso Nam June Paik,” erzählt Brötzmann. “Das Dreieck Wuppertal, Köln und Düsseldorf war ein Zentrum solcher Aktivitäten. Joseph Beuys war in Düsseldorf, den ich damals mit Paik in seinem Studio besucht habe und der auch Interesse an Musik zeigte und ein paar Mal zu unseren Aktionen in Wuppertal kam. Grenzen zwischen bildender Kunst und Musik gab es damals nicht.”

1964 kam es zum Eklat. Als Stockhausens experimentelles Musktheaterstück “Originale” in New York von u.a. Mary Bauermeister, Allen Ginsberg und Nam June Paik aufgeführt wurde, protestierten die Fluxus-Mitglieder George Maciunas, Tony Conrad und Henry Flynt vor dem Konzerthaus gegen die Veranstaltung, wobei Flynt in einem Pamphlet Stockhausens Ablehnung von außereuropäischer und populärer Musik als “kulturellen Imperialismus” brandmarkte. Damit war der Split vollzogen. Politisch linksgerichtete Fluxus-Mitglieder attackierten ihre eher individualistischen und politisch indifferenten Kollegen, die wiederum die stramme politische Ausrichtung als “Agit Prop” ablehnten. Das Schisma ging als der “erste Tod” von Fluxus in die Annalen der Kunsthistorie ein. “Verräter, du hast Fluxus verlassen!” hieß es auf einer Postkarte, die Maciunas an Paik schickte.

1966 stellte Yoko Ono ihre Installationen in einer kleinen Galerie in London aus, wo sie John Lennon von den Beatles traf. Bald galt das Paar als unzertrennlich und sorgte mit spektakulären Aktionen wie dem Amsterdamer “Bed-In”-Happening gegen den Vietnam-Krieg für Schlagzeilen.  Beatles-Fans waren auf Yoko Ono nicht gut zu sprechen: Ihr wurde die Trennung der Fab Four angelastet. Mit Lennon nahm Ono einige radikale Schallplatten auf, die eine Verbindung zwischen Fluxus und Rock ‘n’ Roll anstrebten, was dem Beatle den Fluxus-Ritterschlag vom Flux-Erfinder George Maciunas höchstpersönlich einbrachte, aber auch viele Verrisse, Spott und Hohn.

Nach dem Mord an Lennon im Jahr 1980 führte Yoko Ono die musikalischen Aktivitäten fort, oft im Gespann mit ihrem Sohn Sean Lennon, wobei sie von Jazzfunk über experimentellen Rock bis zu Electronica und Remixes immer wieder musikalisches Neuland betrat, getrieben von einer scheinbar unerschöpflichen kreativen Neugier.

Die Fluxus-Ära bildet neben den Jahren mit Lennon das Kernstück einer Biographie, die der Journalist Nicola Bardola über Yoko Ono verfasst hat. Bienenfleißig hat er die ganze Ono- und Lennon-Literatur durchforstet, dabei viele Fakten zusammengetragen, die er nun flüssig referiert. Allerdings fehlt ihm neben der Sachkenntnis und dem Vokabular, auch das theoretische Handwerkszeug, um Yoko Ono im Kontext der Fluxus-Bewegung kunsthistorisch kompetent einzuordnen.

Weil Bardola mit Ono selbst kein Interview führen konnte, hat er alle Fakten aus der umfänglichen Sekundärliteratur und diversen Online-Quellen destilliert. Ebenso wenig hat der Autor alte Weggefährten konsultiert, wie etwa den Minimalisten La Monte Young, der immerhin einmal Onos Lover und Fluxus-Kompagnon war, oder den politischen Fluxus-Aktivisten Henry Flynt. Beide hätten sicherlich Erhellendes z.B über den Konflikt zwischen der politischen und apolitischen Fluxus-Fraktion beitragen können und Onos Haltung dazu.

                                                                                                             John Tchicai

Der Mangel an “First-Hand-Information” erweist sich auch bei der Behandlung des Albums “Unfinished Music No 2 – Life with the Lions” als Handicap. Wie Bardola schreibt, spielen auf der Live-Aufnahme “Cambridge 1969” mit Lennon und Ono “noch ein Saxofonist und ein Schlagzeuger.” Hätte er den Saxofonisten John Tchicai, immerhin ein maßgeblicher Neuerer im Jazz seit den 60er Jahren, befragt, wäre ihm wenig Schmeichelhaftes über seine Heldin zu Gehör gekommen: “Auf Tantiemen warteten wir vergeblich. Ich schrieb Briefe an Yoko Ono, um meinen Anteil zu reklamieren, bekam aber keine Antwort,” weiß Tchicai über die Multirmillionärin zu berichten. “Das ist Diebstahl und eine Schande, dass Leute so tief sinken, Musiker, die sowieso wenig verdienen, um ihre Ansprüche zu prellen.” In der Hagiographie von Bardola hätten solche Fakten das Heiligenbild nur gestört.


                                                                                                                                    Foto: Lester Cohen

Yoko Onos Album ist da von größerer Qualität, das auf ihrem eigenen Chimera-Label erschienen ist. Die Bandbreite der weitgehend improvisierten Titel reicht von entrückten Gesangsstücken mit verzerrten Gitarrensounds über Gedichtrezitationen in verteilten Rollen bis zur Nummer “Mirror Mirror”, die das Grimm’sche Märchen “Schneewittchen” variiert. Gegenüber den jüngeren Begleitmusikern fällt die Fluxus-Oma nicht ab – im Gegenteil: Selbstbewußt gibt sie die Richtung vor. Immer steht Onos Stimme im Vordergrund. Wie ganz zu Beginn ihrer Karriere lotet sie die Möglichkeiten ihres Gesangsorgans in allen Schattierungen aus. “Ich habe meine ganze Energie in dieses Album gesteckt, um die Welt damit aufzuwecken,” sagt die Künstlerin, die jetzt 90 Jahre alt geworden ist.

Buch:
Nicola Bardola: Yoko Ono. Eine Biographie. LangenMüller. 288 Seiten, 24 SW-Fotos. 

CD:
Yoko Ono / Kim Gordon / Thurston Moore: YokoKimThurston (Chimera Music)





Saturday, 6 August 2022

Vinyl-Comeback: Second Hand Records Stuttgart

Wer glaubt, Platten sind out, ist von gestern

 

Vinyl-Schallplatten erleben momentan einen Boom. Einer der größten Plattenläden befindet sich in Stuttgart – Anziehungspunkt für „Vinyl Junkies“ aus der ganzen Welt 


Lord of the Vinyl: Rainer Rupp in seinem Laden (Foto: Christoph Wagner)

 


cw. Seit Jahren erlebt die Vinyl-Schallplatte ein Comeback. Als Mitte der 1980er Jahre die Compact Disc aufkam, schien das Ende der schwarzen Scheibe nur noch eine Frage der Zeit zu sein. 40 Jahre später ist die CD im Verschwinden begriffen und Vinylschallplatten so gefragt wie seit langem nicht mehr. Um die Nachfrage nach raren Aufnahmen zu befriedigen, entstanden Fachgeschäfte, die sich auf gebrauchte Vinylplatten spezialisierten. Einer der deutschlandweit größten Läden befindet sich in Stuttgart gleich gegenüber der Liederhalle: Second Hand Records ist ein wahres Paradies für Liebhaber und Sammler. „Vinyl Junkies“ aus ganz Deutschland und darüber hinaus pilgern nach Stuttgart, in der Hoffnung vielleicht eine sehnsüchtig gesuchte Single oder LP zu ergattern. Selbst für Plattenfans aus Japan ist bei einer Deutschlandreise der Besuch des Shops in Stuttgart ein Muß.

 

Sieben Beschäftigte betreiben die 300 mgroße Ladenfläche, die sich über zwei Stockwerke erstreckt, wobei sich darunter im Keller noch ein riesiges Lager befindet. Über 100.000 Scheiben stehen zum Verkauf, wobei viele im unteren Preissegment zwischen einem und fünf Euro angesiedelt sind, rare Sammlerstücke allerdings auch schon mal 1000 Euro und mehr kosten können. Die teuerste Schallplatte, die im Moment angeboten wird, ist ein makelloses Original von „Bryter Layter“ des englischen Folksängers Nick Drake, das für 800 Euro zu haben ist. „Nick Drake hat Anfang der 1970er Jahre nur wenige Schallplatten verkauft und wurde nach seinem frühen Tod zur Kultfigur, dessen Scheiben von Fans weltweit gesucht werden,“ erklärt Ladeninhaber Rainer Rupp den hohen Preis.


Second Hand Records, Stuttgart (Fotos:Markus Milcke)



Second Hand Records sind, was das Sortiment betrifft, breit aufgestellt: von Rock, Pop, Punk, Blues, Jazz und Swing über Folk, Country und Weltmusik bis zu Klassik, zeitgenössischer E-Musik und avantgardistischen Klängen ist jede Stilrichtung vertreten, wobei über 90% des Umsatzes im Laden erzielt wird, der Rest auf Verkaufsplattformen im Internet. „Uns ist es wichtig, dass die Fans in den Laden kommen, weil man hier   Entdeckungen machen kann,“ erklärt Rupp. „Nicht selten spielen wir eine Platte und ein Kunde kommt spontan an die Kasse und will sie erwerben, weil ihm die Musik so gut gefällt.“

 

1984 wurde Second Hand Records von Helmut Faber ins Leben gerufen, der sich von Anfang an auf gebrauchte Vinylplatten spezialisierte. Der heutige Geschäftsinhaber Rainer Rupp kaufte dort als Teenager seine ersten „Schallis“, um später selbst in den Betrieb einzusteigen, den er im Sommer 2013 übernahm. Zuerst residierte der Laden in der Stuttgarter Neckarstraße, dann am Charlottenplatz, um 2010 in die Leuschnerstraße umzuziehen, wo man direkt gegenüber der Liederhalle einen musikalisch doch recht passenden Standort gefunden hat.  




 

Da auch Musiker und Musikerinnen nicht selten Schallplattensammler sind, bekommt Second Hand Records öfters prominenten Besuch. Von Jarvis Cocker (Pulp) über Thurston Moore und Lee Ranaldo der New Yorker Grunge-Rocker Sonic Youth bis zum Hardrocker Glenn Danzig (von der Gruppe Danzig), Mary Timony von Helium oder den deutschen Rootsrockern AnnenMayKantereit reicht die Liste der Stars, die bereits im Laden waren und ihn mit einem dicken Stapel Scheiben unterm Arm wieder verließen. „Oft kommen Musiker vorbei, wenn sie hier im Großraum Stuttgart einen Auftritt haben,“ erzählt Rupp. „Neulich war die Band Giant Rooks im Laden, die bei jungen Leuten sehr angesagt ist. Sie haben Eintrittskarten für ihr Konzert im Laden versteckt und darüber in den sozialen Netzwerken gepostet, was einen Sturm junger Leute auf unseren Laden ausgelöst hat, die zwischen den Scheiben nach den Freikarten suchten.“ Selbst für die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth, einst Managerin der Politrockband Ton Steine Scherben, ist Second Hand Records ein Begriff. Bei ihrem offiziellen Besuch in Stuttgart ließ Roth es sich nicht nehmen, neben dem Linden-Museum und der Oper auch Rainer Rupps Geschäft zu besuchen, was sie richtiggehend zum Schwärmen brachte: „Ein wahnsinnig toller Laden mit Musik aus allen Regionen der Welt. Wer glaubt, Platten sind out, ist von gestern.“ 

 

Fortwährend muß für Nachschub gesorgt werden. Da fliegt dann der Chef schon Mal nach Großbritannien, um eine Sammlung von 3000 Scheiben zu begutachten, die dann ein paar Tage später mit dem Kleintransporter abgeholt wird. Regelmäßig fahren Mitarbeiter zwei Mal im Jahr nach Amerika, um auf der „Austin Record Convention“ in Texas amerikanische Schallplatten zu erwerben, die es in Deutschland dann nur bei Second Hand Records gibt. Wegen solcher Schätze kommen die Kunden von weit her in die Leuschnerstrasse, was Second Hand Records zu einer Stuttgarter Attraktion macht – oben auf mit Daimlermuseum, Staatsgalerie, Fernsehturm und Wilhelma. 




Sunday, 12 May 2019

Soloalbum von IRMIN SCHMIDT (Can)

Klang-Kalligraphie

cw. Can-Keyboarder Irmin Schmidt gibt Auskunft über sein aktuelles Piano-Album und die Geräusche, die entstehen, wenn man einen Rasierer über Klaviersaiten gleiten läßt

Sie haben gerade ein Album mit Klaviermusik veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Irmin Schmidt: Ich habe mit dem Produzenten und Aufnahmetechniker Gareth Jones, der mit Depeche Mode, Nick Cave und Einstürzenden Neubauten gearbeitet hat, 1991 das Album „Impossible Holidays“ gemacht. Da gibt es Klavier drauf. Von dem Moment an hat Jones immer gesagt, wir müssen einmal eine Klavierplatte machen. Das kam immer einmal wieder zur Sprache. Doch irgendwie fehlte mir die Vorstellung, was das hätte werden können. Deswegen kam es nicht zustande. Vor zwei Jahren trat ich gemeinsam mit Thurston Moore – dem einstigen Gitarristen von Sonic Youth – in Paris im Louvre bei einem Konzert auf, bei dem ich seit vielen Jahren wieder einmal Klavier spielte. Daraus entstand die Idee mit Gareth Jones eine Platte mit präpariertem Piano zu machen. Ich habe dann bei mir zuhause in Südfrankreich den einen meiner beider Flügel präpariert und Gareth Jones hat die Aufnahmen gemacht.

Wie sind die Aufnahmen entstanden?

IS: Ich habe nichts komponiert, nichts vorab entworfen. Wir wollten Umweltgeräusche einbeziehen, die wir in einem Schilfgebiet unweit meines Studios aufgenommen haben. Alle Stücke habe ich nur einmal gespielt – das wars! Sie sind alle durchweg aus dem Augenblick heraus erfunden. 

Frei improvisiert?

IS: Ich mag das Wort „Improvisation“ in diesem Zusammenhang nicht. Das sind spontane Kompositionen, was Stockhausen „intuitives Musizieren“ genannt hat. Man spielt also nicht einfach drauflos, sondern Stücke entstehen, indem man sich selber genau zuhört. Das ist wie japanische Kalligraphie, wo die Tuschezeichnungen ja auch im ersten Durchgang entstehen – aus der ersten Bewegung. Ein kühner Pinselstrich – das ist es! Daran wird dann nichts mehr verändert oder verbessert, und auch vorher macht man keine Skizzen oder Zeichnungen. Die Kalligraphie entsteht in diesem einzigen Moment. So habe ich auch das Klavieralbum eingespielt.

Wenn es keine Vorentwürfe oder Vorüberlegungen gab, haben Sie sich mental auf die Aufnahmen vorbereitet?

IS: 70 Jahre lang, seit ich Musik mache. Meine ganze Erfahrung floß in diese Aufnahmen ein, die dann – wusch! – in einem Moment realisiert wurden. Es gibt irgendwann einen Zeitpunkt, wo etwas reif ist. 

Die Musik ist sehr reduziert. Sie arbeiten viel mit Pausen, lassen die Akkorde ausklingen. Ist das eine Sache des Alters, dass man sich aufs Wesentliche konzentriert, alles Dekorative wegläßt?
                                                                                                                       Irmin Schmidt bei Can (Promo)
IS: Wir haben bei Can schon gelegentlich sehr reduktionistisch gearbeitet, natürlich auch manchmal sehr verdichtet und intensiv, doch es gab damals bereits diese äußerst ausgedünnten Passagen. Man fängt mit einem Ton oder Klang an und entwickelt daraus sehr vorsichtig etwas. Das ist immer ein Element unserer bzw. meiner Musik gewesen. Auf der aktuellen Pianoplatte habe ich das nur noch radikalisiert: Der Verzicht auf alles Überflüssige. Es ist also mehr ein Prinzip meiner generellen Musikauffassung als so etwas wie Altersreife.

Sie wählten dafür die Technik des präparierten Klaviers, die von John Cage entwickelt wurde …

IS: Ich habe ein Konzert mit Cage-Kompositionen von David Tudor Anfang der 1960er Jahre gehört und war von dem Ansatz fasziniert. Ich habe dann John Cage getroffen und mir das Prinzip des „prepared piano“ erklären lassen. Ich gab damals Klavierabende, wo ich neben Mozart auch die Avantgarde präsentiert habe – dabei kamen auch Cage-Stücke zur Aufführung. Aber eigentlich war ich damals Orchesterleiter, Dirigent.

Wie war die Publikumsreaktion auf solch radikalen Klänge?

IS: Sehr unterschiedlich. Ich erinnere mich an ein Konzert in Heidelberg, wo ich eine Cage-Komposition für präpariertes Klavier gespielt habe. Danach folgte ein Stück vor mir, bei dem ich meinen alten Remington-Rasierapparat über die Baßsaiten gleiten ließ, was ein ganz irres Geräusch ergab. Da kam ein älterer Herr schreiend auf die Bühne gestürmt und schlug mir den Klavierdeckel auf die Hände, so empört war er. „Wie können Sie nur?“ hat er gebrüllt und ist richtig tätlich geworden. Er musste von den Veranstaltern von der Bühne geholt werden. Das war natürlich die extremste Reaktion. Selbstverständlich gab es auch Zustimmung. Doch insgesamt war das Publikum recht gespalten.

Hören Sie daheim Klaviermusik?

IS: Eher beim Autofahren. Ich schalte das Autoradio an, und hier in Frankreich läuft da oft Klaviermusik von Bach bis Chopin – die ganze Klavierliteratur.

Wer sind ihre Lieblingskomponisten, was Klavierstücke anbelangt?

IS: Schumann, auch Brahms, die romantische Klavierliteratur. Dafür habe ich eine Vorliebe.

Wie sieht es mit zeitgenössischen Komponisten aus? 

IS: Natürlich Cage, aber auch Conlon Nancarrow mag ich sehr gerne. Doch sind seine Kompositionen für mechanisches Klavier entworfen, für das „Player Piano“, das mit Rollen betrieben wird. Das klingt absolut irre – fantastisch!

Irmin Schmidt: 5 Klavierstücke (Mute Records)

Sunday, 21 July 2013

THURSTON MOORE und der KLANG DER REVOLTE

Werner Hassler, Programmmacher der MANUFAKTUR in Schorndorf, hat folgende kleine Geschichte berichtet. Dazu muss man wissen: Chelsea Light Moving ist Thurston Moores neue Band, die am 2.Juli 2013 in der Manufaktur spielte. Thurston Moore ist bekannt als Gitarrist und Sänger von SONIC YOUTH, die sich letztes Jahr aufgelöst haben, nachdem sich das Ehepaar Thurston Moore und Kim Gordon (Bassistin von Sonic Youth) getrennt hatten.




"am 2.7. hat chelsea light moving bei uns gespielt, thurston moores neue band (nach der trennung von kim gordon und dem sonic youth split) - tags davor hab ich ihm eine mail geschickt, ob er am schorndorf-veranstaltungstag mit mir in die raf-ausstellung im haus der geschichte baden-württembergs in stuttgart gehen will, die ich schon gesehen hatte und sehr gut finde: er wollte / im museumsshop hat er sich nach der ausstellung vergraben und kam ganz glücklich mit dem buch KLANG DER REVOLTE in der hand (und dem raf-austellungsbuch) zurück!" Werner Hassler, Manufaktur Schorndorf

Friday, 16 November 2012

REVIEW 2012 #4: Jeffrey Lewis' HIGHLIGHTS



Jeffrey Lewis, singer-songwriter, New York City

My Highlights 2012:

                                                                                                                                  Photo: Manuel Wagner
 Albums: 

Stephen Malkmus & The Jicks, Mirror Traffic (Matador)
Thurston Moore, Demolished Thoughts (Matador)
Dave Tattersall, Little Martha (Wiaiwya)


Concerts: 

Mayo Thompson with Red Krayola (Whitney Museum, NYC)  
Rodriguez. solo acoustic set (Joe's Pub, NYC) 


Beyond Music (films, books, exhibitions etc.): 

Buildings Stories by Chris Ware, original art work (a Gallery near 60th St, Manhattan)
Paul Lovelace & Jessica Wolfson: Radio Unnameable (film)
Alex Gibney: 740 Park Avenue (film)
Marshall Curry: If a Tree Falls (film)

Jeffrey Lewis is a singer-songwriter from NCY, who also makes comics. He tours with his band Jeffrey Lewis & The Junkyard.


Latest album:
Jeffrey Lewis: A Turn in The Dream-Songs (Rough Trade)